
Chronixx – Exile
Forever Living Originals
Text: Davide Bortot
Hat er nun das ”Voodoo” des Reggae gemacht oder einen Ordner mit halbgaren Demos abgeladen? Schon witzig, dass Chronixx die Welt so spaltet. Ausgerechnet Chronixx! Der Mann, der mit gerade mal 20 alle mitriss. Der neue Bob Marley, der Retter von Reggae und allem anderen auf Gottes weiter Flur. Aber so ist das eben mit den Erwartungen und der Kunst – zumal, wenn jemand diese beiden Dinge so radikal zu trennen pflegt wie Jamar Mc-Naughton Jr. aus Spanish Town.
Chronixx hat nach über acht Jahren ein neues Album veröffentlicht. Nachdem er sich mit Beginn der Pandemie weitgehend ins Familiäre zurückgezogen hatte, linkte er in England mit Inflo, dem Mann hinter der multidisziplinären Vision SAULT, und arbeitete abseits der Öffentlichkeit an neuer Musik. Obwohl er also Jamaika verlassen und Inspiration in einem neuen Umfeld gefunden hat, ist ”Exile” ein Roots-Album im besten Sinne geworden: organisch und warm, introspektiv und spirituell, auf seine eigene, leise Weise rebellisch und ultimativ versöhnlich zugleich. Wer bereit ist, sich dem zu öffnen, ist schon mit dem ersten Basslauf im Sog, ähnlich wie bei ”Natural Mystic” und ”Exodus”. Damit reicht es dann aber mit den Vergleichen. Denn mehr als alles andere steht diese Musik für sich.
Chronixx hat Reggae und die Idee eines Revivals nie als museales Projekt verstanden, viel mehr als Möglichkeit, einen Zugang zu seinen Wurzeln, Lebensumständen und Emotionen zu finden und diese Energie direkt von innen nach außen zu leiten. Für alle, die es etwas weniger esoterisch mögen: Ja, ”Exile” klingt eher nach den Siebzigern und der originalen Roots-Ära als nach 2025 und aktuellen Reggae-Trap‑R&B‑Hybriden. Und, ja, es finden sich in den 17 Songs immer wieder Referenzen an vergangene Tage, am offensichtlichsten auf dem lover’s‑rockigen ”Sweet Argument” und auf ”Market”, wo Chronixx im 80s-Style das Treiben auf einem Marktplatz als gesellschaftlichen Brennpunkt beschreibt und Elders wie Nicodemus, Burro Banton oder Supercat seinen Respekt ausspricht. Vor allem aber ist Chronixx auf ”Exile” ganz bei sich, seine Stimme so firm, dass es keine Star-Features oder Hooks zum Mitmachen braucht, sein Platz im Leben so klar, dass ihm genügt, in einen Dialog mit sich selbst zu treten – über die Dinge, auf die es immer wieder hinausläuft: inneren und äußeren Widerstand, Vertrauen in Gott und die Familie, die Vielschichtigkeit und vor allem die überragende Kraft der Liebe.
Meine persönlichen Lieblingsmomente entstehen immer dann, wenn Chronixx und Inflo ihren reduzierten Roots-Sound mit anderen Stilen anreichern, etwa Funk und Disco auf ”Survivor”, Gospel auf ”Resilient”, Jazz auf ”Family First” oder Classic Soul auf ”Pain In Your Heart”. Vor allem aber ist ”Exile” ein in sich geschlossener Body of Work, in dem Vergangenheit und Gegenwart, Demut und künstlerische Ambition, Selbstliebe und soziales Bewusstsein auf ganz und gar natürliche Weise zusammenkommen.
Hätte man den Mittelteil etwas straffen können? Klar, man hätte so einiges. Hat Chronixx schon ausgefuchstere Lyrics geschrieben? Musik ist kein Sport, egal was man auf einem Gebiet schon geleistet hat. Hätte er seine exponierte Stellung nutzen können, um sich explizit zu den großen Themen unserer Zeit zu äußern? Wem sollte er etwas schuldig sein? Und ist die heilende Kraft, die von ”Exile” ausgeht, nicht ohnehin mächtiger als jedes Statement?
Am Ende bleiben nur Meinungen – und das Angebot, das Chronixx mit diesem Album macht. Es ist seine Welt, und dass wir für 78 Minuten darin leben dürfen, ist ein großes, wundervolles Geschenk.

