
Keznamdi – Blxxd & Fyah
Keznamdi Music
Text: Volker Barsch
Nach ”Bloodline” (2020) nun also ”Blxxd & Fyah”. Eine treffende Erweiterung, denn im Vergleich zu seinem ersten Longplayer, auf dem er sich eher persönlichen Themen widmete, ist Keznamdis neues Album viel mehr von Sozialkritik und politischen Statements geprägt. More Fyah eben. Der Opener ”I Am” beginnt mit Akustik-Gitarre, Percussion, Geigen- und Flötentönen, bevor die wunderbare Stimme von Keznamdis Schwester Kelissa einsetzt, die sich ja ansonsten seit ein paar Jahren mit Chronixx weitgehend ins Private zurückgezogen hat. Keznamdi spannt dann gleich einen großen Bogen vom Wunder der Geburt über Adam und Eva, das Alte Ägypten und die Kreuzigung Jesu bis zu Haile Selassie. Kelissas wiederkehrender Gesang und die rhythmischen Strukturen sorgen für einen afrikanischen Vibe.
Dieser ist bei den Geschwistern McDonald nichts Abstraktes oder Aufgesetztes, sondern beruht darauf, dass sie einen Teil ihrer Jugend in Tansania und Äthiopien verbrachten. Der Opener endet mit O‑Tönen aus einer engagierten Rede der ehemaligen Botschafterin der Afrikanischen Union in den USA, Arikana Chihombori-Quao, in der sie die neokolonialistische Politik Frankreichs scharf kritisierte und von einem geheimen ”pact for the continuation of colonisation” zwischen Frankreich und 14 afrikanischen Staaten sprach. (Kurz darauf war sie übrigens ihren Job los.)
Um ”Colonial Bondage” geht es auch im zweiten Track, diesmal jedoch bezogen auf die gegenwärtige Situation Jamaikas und deren historische Bedingungen. Auf diesen ruhigen Roots-Track mit dubbig-jazziger Note folgt ”River Jordan”, in dem der Sänger die Geschichte der Sklaverei in Jamaika inklusive ausgebliebener Reparationszahlungen rekapituliert, begleitet von Nyahbinghi-Drums und einem Slave-Song-Backgroundchor. Angehängt ist ein im Skyline Level mitgeschnittenes Reasoning von Keznamdis Vater Errol ”Chakula” McDonald, in dem dieser die Rasta-Bewegung zu mehr Unity und zielgerichteter Organisation aufruft.
Im anschließenden ”Natty” kritisiert Keznamdi, dass einige Schulen in Jamaika immer noch keine Kinder mit Dreadlocks in ihren Klassenzimmern akzeptieren, und bezeichnet dies als Ausdruck von fortdauernder ”colonial rule”. Nach vier thematisch aufeinander aufbauenden Songs sorgt das Toots-Cover ”Pomps and Pride” für einen heiteren Break, ehe die schöne Ballade ”Identity Crisis” wieder kritischere Töne anschlägt: In der Riff-Raff-Produktion konfrontiert uns Keznamdi mit den destruktiven Auswirkungen der Social-Media-Welt: Bildschirmsucht, permanente Selbstdarstellung, Schönheits-OPs, Depressionen… Und er schreckt auch nicht davor zurück, uns mit dem schon vor drei Jahren als Single erschienenen ”Serious Times” an die Covid-Pandemie zu erinnern.
Für Entspannung sorgt dann der spektakuläre, von VAS und Major Seven produzierte Herb-Tune ”Bun Di Ganja”, in dem Keznamdi sehr gut mit ”Gully God” Mavado harmoniert. Als ”Ganja Farmer” darf auch Marlon Asher kurz seinen Senf dazugeben. Ein weiterer prominenter Feature-Artist erwartet uns mit Masicka in der Traphall-Nummer ”Forever Grateful”. Außerdem gibt es mit ”Somebody New” noch einen Love-Song und mit ”Pressure”, ”Bread & Butter” sowie ”Time” drei hervorragende Reality-Tunes auf Afrobeats- und Trap-Riddims. Von Stimme und Style her erinnert Keznamdi nach wie vor stark an Damian Marley, aber in puncto Reife, thematischer Bandbreite und textlicher Substanz hat er auf dem größtenteils selbstproduzierten ”Blxxd & Fyah” deutlich zugelegt.
