
Mortimer – From Within
Overstand / Easy Star
Text: Davide Bortot
Als müsste man es noch dazusagen: Dass Mortimers Musik von tief drinnen kommt, wissen wir spätestens seit ”Lightning”. Es ist eines der bewegendsten und in vielerlei Hinsicht tiefsten Liebeslieder überhaupt, und es sagt viel aus über Mortimer, dass er diesen Song, seinen definierenden Song, erst fünf Jahre nach dem offiziellen Debüt geschrieben hat. In search of lost time? Mortimer sucht gar nicht erst, sondern akzeptiert, dass der Spirit ihn finden muss: dass besondere Kunst bei ihm nur einem besonderen Moment entspringen kann.
Dieser Moment ist nun endlich gekommen. Weitere fünf Jahre nach ”Lightning” erscheint nämlich das dazugehörige Album – ”dazugehörig” insofern, als die Verletzlichkeit, die diesen Song so speziell macht, auch ”From Within” prägt. Das ist Mortimers großer Beitrag zur Evolution von Reggae: dass er diesem Genre mit seinen archaischen Ritualen und starren Vorstellung von Stärke eine neue Facette der Männlichkeit hinzugefügt hat. Dass er es, wie man heute vermutlich sagt, ein bisschen weniger toxisch gemacht hat.
Das Album beginnt mit zwei klassischen Conscious-Songs, ”In My Time” mit Damian Marley und ”Bruises” mit Kabaka Pyramid und Lila Iké. Es geht um Diskriminierung und falsche Narrative als Instrument des Machterhalts, um postkoloniale Traumata und strukturellen Rassismus als Nachwirkung der Sklaverei. Das sind typische Reggae-Themen, aber Mortimer behandelt sie auf seine sehr eigene Weise. Statt sich als allwissender Aufdecker oder hyper-potenter Rächer aufzuspielen, beschreibt er schonungslos ehrlich die Schmerzen und die Narben, die er selbst davongetragen hat. Auf ”Not A Day Goes By” schließlich behandelt er noch expliziter seine persönlichen Abgründe und mentalen Struggles.
Es ist aber nicht alles düster auf ”From Within”. Im Gegenteil: ”Slowly” ist ein Song für die Liebe seines Lebens und ein rührendes Bekenntnis zur Bekenntnis. Auf ”My Child” erklärt Mortimer seinen Kindern, dass alles gut werden kann: ”The pain is not the enemy, grow stronger from the hurt.” Und gegen Ende des Albums gibt es noch eine Reihe weiterer Songs, die die existenzielle Bedeutung persönlichen Wachstums zum Thema haben. Es ist diese Dialektik, die ”From Within” auszeichnet: Ja, da ist Dunkelheit, aber da ist auch Licht. Verzweiflung und Hoffnung. Fragilität und Halt. Wunden und Heilung.
Auch musikalisch verbindet das Album unterschiedliche Emotionen und Temperaturen. In enger Zusammenarbeit mit Mortimer selbst hat Produzent Winta James (für die nicht Eingeweihten: Damian Marley, Chronixx, Protoje, Jesse Royal, Samory I, you name ‘em) hier sein Meisterwerk geschaffen. Im Rahmen seiner Grundidee zeitgemäßer Soul Rebel Music zahlt jeder Riddim, jedes Arrangement, jeder Sound auf die individuelle Message des Songs und den Spannungsbogen des Albums ein. Wenn Mortimer auf ”Balcony Swing” seine Kindheit rekapituliert, klingt das wie ein Sonntagnachmittag auf einem imaginären Radiosender der 80er Jahre. Das Beziehungslied ”Rather Be” transportiert Jennifer Laras Lover‘s Rock-Klassiker ”I’m In Love” in die Jetztzeit. Der Blick nach vorne auf ”My Child” ist geleitet von einem strammen Steppers-Beat. Und zum Ende des Albums, wenn sich Verzweiflung mehr und mehr in Zuversicht auflöst, zaubert Winta sogar einen gut siebenminütigen Disco-Reggae-Jam aus dem Hut. Obendrauf gibt es drei Dub-Versionen von Tippy I Grade, der zur Zeit einfach nichts falsch machen kann.
Ein epochales Album von einem der wichtigsten Sänger unserer Zeit. Darunter geht es in diesem Fall nicht.

