
Text: Mel Cooke
Dieser Artikel wurde erstmals im September 2024 veröffentlicht (RIDDIM 04/2024).
Dreadlocks sind für jamaikanische Artists und Musiker, was für US-Leichtathleten die Angeberei vor einem Wettkampf ist. Das mag nicht auf alle zutreffen, weder in der einen, noch in der anderen Gruppe, doch es gibt in beiden genügend, damit daraus ein überzeugendes Stereotyp wird.
Die Zahl an Artists von den Wailers und den Marleys bis zu Morgan Heritage, Buju Banton, Burning Spear, Big Youth, Tarrus Riley, Sizzla, Capleton, Mutabaruka, Protoje, Jah9, Spragga Benz und so vielen mehr, die eine vollständige Liste unmöglich machen, spricht für sich. Dazu kommen die Logos von Rebel Salute, Reggae Sumfest oder dem seit Jahren ruhenden Reggae Sunsplash mit ihren Zeichnungen von Dreadlocks schüttelnden Rastas. Wer zum ersten Mal nach Jamaika kommt, dürfte jedenfalls einigermaßen überrascht sein zu sehen, dass nicht alle hier Dreads tragen.
In der BBC-Doku „Reggae: The Story Of Jamaican Music“ bezeichnet Jimmy Cliff Reggae als das Öl Jamaikas. Auch wenn Cliff Zeit seines Lebens Baldhead war, sind Dreadlocks analog zu seinem Statement so zentral für das Image von Reggae, dass man meinen könnte, sie würden in Jamaika so hoch bewertet wie eine Komponente zur Ölförderung in einem der glücklichen Länder, die über den wertvollen Rohstoff verfügen.
Doch die Analogie funktioniert nicht. 2024, also 62 Jahre, nachdem Jamaika die Unabhängigkeit von England erlangt hat, musste ein Berufungsgericht die Entscheidung einer Grundschule kippen, die einem Mädchen wegen ihrer Dreadlocks den Zutritt verweigert hatte. Im Juli entschied das Gericht, dass die Grundrechte des Mädchens verletzt wurden, als die Kensington Primary School in St. Catherine von ihr verlangte, sich die Haare schneiden zu lassen, bevor sie die Schule betreten dürfe.
Wie bei rechtlichen Verfahren üblich, brauchen solche Entscheidungen Zeit. Die Schule ging erstmals 2018 gegen ihre potentielle Schülerin vor – da war die fünf Jahre alt. Das Oberste Gericht in Jamaika bestätigte die Entscheidung 2020 noch einmal. Als Begründung führte die Schule an, Dreadlocks seien unhygienisch und würden Läuse und „Junjo“ anziehen – einen wirklich ekelhaft aussehenden, übel riechenden Schimmelpilz, der nichts mit dem 1999 ermordeten Produzenten und Sound System-Betreiber Henry „Junjo“ Lawes zu tun hat. Bereits 1977 forderte Sänger George Nooks unter seinem Deejay-Namen Prince Mohammed in dem Tune „Forty Leg“: ”Stop spread propaganda pon di dread, cause di dread no have no forty leg inna him head.“ Das war schon damals eine Reaktion auf die ständig wiederholte, aber deswegen noch lange nicht richtige Behauptung,
Rastas hätten Ungeziefer in ihren Haaren.
„Forty Leg“, „Junjo“, „Läuse“… Es sind die gleichen Vorurteile von Unreinlichkeit wie vor fast 50 Jahren, mit denen Dreadlocksträger heute noch zu kämpfen haben.
Während Rastafari und Dreadlocks heute nahezu gleichbedeutend sind mit Reggae, muss, wer von
außerhalb auf Jamaika schaut, verstehen, dass das Schulsystem und Rastafari von vollkommen unterschiedlichen Standpunkten aus operieren – in einer extrem nach Klassen getrennten Gesellschaft, in der Christen das Sagen haben. Da kann Bushman noch so entschlossen fordern: „Grow your natty, mek it come dung!“ Morgan Heritage können beschwichtigen, „You don‘t haffi dread to be Rasta“, Bob Marley kann ermutigen, „Grow your deadlocks, don’t be afraid of the wolf pack“, soviel sie wollen. Teile des
Schulsystems sagen nein zu Dreadlocks.
Das Problem geht auf die staatliche Unterdrückung von Rastafari seit den Anfängen der Bewegung in den 1930er Jahren zurück. Sie gipfelte im Coral Gardens Massaker am Karfreitag 1963, als Premierminister Alexander Bustamente nach einer Auseinandersetzung einiger Rastas mit der Polizei die Losung ausgab: „Nehmt alle Rastas fest, tot oder lebendig.“ 1966 wurde der hauptsächlich von Rastas bewohnte Slum Back-O-Wall in West Kingston niedergewalzt, um Platz zu schaffen für Tivoli Gardens. Einige Jahre später begann der Aufstieg von Reggae und damit der von Dreadlocks als Modestatement.
Die Politik der Unterdrückung ist deswegen noch längst nicht ausgestorben. Die jetzige Entscheidung des Berufungsgerichts ist ein Sieg, auf den die Klägerin sechs Jahre warten musste und der viel Geld gekostet hat. Und es wird nicht der letzte Fall sein, in dem es um einen Kopf voller Haare und die Ablehnung eines Status Quos geht, für den sie stehen.

