
Er beeinflusste die Sound System-Welt wie kein zweiter. Seine Dances glichen religiösen Messen, die selbst Ungläubige als spirituelle Erfahrung beschreiben. Als Rasta-beeinflusster Reggae Platz machen musste für sehr diesseitigen Dancehall, gab er den einsamen Rufer in der Wüste, der mit UK Steppers die Roots-Flamme am Brennen hielt. Jah Shaka ließ sich nicht von seinem Ego, sondern von der selbst auferlegten Mission leiten, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Er starb unerwartet am 12. April. Shaka-Follower und Tanzmuffel David Katz erinnert sich an einige seiner intensivsten Sessions.
Text: David Katz /// Fotos: David Corio
Dieser Artikel wurde erstmals im Juni 2023 veröffentlicht (RIDDIM 03/2023).
Während ich diese Zeilen schreibe, trauert die Reggae-Gemeinde noch immer um Jah Shaka, den überragenden Giganten der britischen Sound System-Szene, dessen Einfluss auf die weltweite Wahrnehmung des Genres kaum hoch genug eingeschätzt werden kann. In seiner über 55 Jahre dauernden Karriere veränderte Jah Shaka mit seinem unverwechselbaren und eigenwilligen Stil die Sound System-Landschaft im Alleingang. Trends und Moden ignorierend, konzentrierte er sich ausschließlich auf politisch relevanten und spirituell erhebenden Reggae. Die von ihm gespielte Musik und seine selbstproduzierten Platten dienten als Inspiration und Ermutigung für die Unterdrückten und Geknechteten. Bei den vielen Dances, die er in verschiedenen Londoner Underground-Venues veranstaltete, spielte er in Trance-ähnlichem Zustand auf einem archaischen Garrard-Plattenspieler, der angeblich aus den späten 1940er Jahren stammt. Dazu sang Jah Shaka upliftende Botschaften und Ermahnungen zur transzendenten Hingabe an Rastafari ins Mikrofon – alles in Delay und Reverb getaucht und um speziell angefertigte Effekte und live gespielte Percussion-Elemente ergänzt, was die dramatische Spannung noch erhöhte. Durch seinen meisterhaften Einsatz des Vorverstärkers zusammen mit einer tragbaren Syndrum und einer selbstgebauten Sirenenbox traf er bei seinen Sessions die Eingeweide genauso wie das Bewusstsein seiner Follower. Indem er die subsonischen Bassfrequenzen in regelmäßigen Abständen anhob, stimulierte er beim Publikum eine entrückende und umwälzende Erfahrung. Bei Jah Shaka-Dances ging es nie um reine Unterhaltung oder Effekthascherei. Seine Sessions sollten die Teilnehmer:innen upliften und inspirieren, ihnen helfen, sich von mentalen Fesseln zu befreien, ohne Beschränkungen zu tanzen und so letztlich eine bessere Welt zu erschaffen – individuell wie als Kollektiv.
Während ich diese Zeilen schreibe, trauert die Reggae-Gemeinde noch immer um Jah Shaka, den überragenden Giganten der britischen Sound System-Szene, dessen Einfluss auf die weltweite Wahrnehmung des Genres kaum hoch genug eingeschätzt werden kann. In seiner über 55 Jahre dauernden Karriere veränderte Jah Shaka mit seinem unverwechselbaren und eigenwilligen Stil die Sound System-Landschaft im Alleingang. Trends und Moden ignorierend, konzentrierte er sich ausschließlich auf politisch relevanten und spirituell erhebenden Reggae. Die von ihm gespielte Musik und seine selbstproduzierten Platten dienten als Inspiration und Ermutigung für die Unterdrückten und Geknechteten. Bei den vielen Dances, die er in verschiedenen Londoner Underground-Venues veranstaltete, spielte er in Trance-ähnlichem Zustand auf einem archaischen Garrard-Plattenspieler, der angeblich aus den späten 1940er Jahren stammt. Dazu sang Jah Shaka upliftende Botschaften und Ermahnungen zur transzendenten Hingabe an Rastafari ins Mikrofon – alles in Delay und Reverb getaucht und um speziell angefertigte Effekte und live gespielte Percussion-Elemente ergänzt, was die dramatische Spannung noch erhöhte. Durch seinen meisterhaften Einsatz des Vorverstärkers zusammen mit einer tragbaren Syndrum und einer selbstgebauten Sirenenbox traf er bei seinen Sessions die Eingeweide genauso wie das Bewusstsein seiner Follower. Indem er die subsonischen Bassfrequenzen in regelmäßigen Abständen anhob, stimulierte er beim Publikum eine entrückende und umwälzende Erfahrung. Bei Jah Shaka-Dances ging es nie um reine Unterhaltung oder Effekthascherei. Seine Sessions sollten die Teilnehmer:innen upliften und inspirieren, ihnen helfen, sich von mentalen Fesseln zu befreien, ohne Beschränkungen zu tanzen und so letztlich eine bessere Welt zu erschaffen – individuell wie als Kollektiv.
Aus der nach dem Zweiten Weltkrieg in Jamaika entstandenen Sound System-Kultur hat sich über die Jahre eine komplexe Kunstform entwickelt, bei der verschiedene Elemente zusammenwirken müssen, damit ein bestimmtes Set seine Wirkung entfalten kann: Exklusive Musik war schon immer der Schlüssel, um sich von der Konkurrenz abzuheben; versierte Mikrofon-Chanter gehören seit den frühen 1950er Jahren zum Bild; und obwohl schon die schiere Wattzahl wie ein Magnet wirken kann, besonders bei Open-Air-Events in Jamaika, müssen die riesigen Batterien an Verstärkern und Lautsprechertürmen auch mit viel Geschick gesteuert werden. Durch die Einwander:innen der ”Windrush-Generation”, die in den frühen 1950ern nach England kamen, erlebte die Sound-System-Kultur dort eine besondere Entwicklung, bei der der Vorverstärker eine entscheidende Rolle spielte. Dieses Gerät erlaubt es, Frequenzen nach Belieben anzuheben oder abzusenken und räumlich auf verschiedene Lautsprecher zu verteilen, wodurch sich Dub-Sound-Systems wie Jah Shaka deutlich von ihren jamaikanischen Pendants abhoben. Vor allem aber muss jedes Sound System eine eigene Identität haben, die es von der Konkurrenz abhebt. Und Jah Shaka war auf ungewöhnlich viele Arten unverwechselbar.

Obwohl mein erster Shaka-Tanz über 35 Jahre zurückliegt, erinnere ich mich daran, als wäre es gestern gewesen: Als ich den stockdunklen Raum unter einem Eisenbahnbogen im Süden Londons betrat, traf mich die Atmosphäre wie ein Hammer. Von Ganja-Rauch durchdrungen stand eine Masse verschwitzter Körper erwartungsvoll vor einer beeindruckenden Reihe handgefertigter Lautsprecher, als die ersten Töne von Yami Bolo’s ”Jah Made Them All” durch die Luft waberten, wobei Shaka mit seinen Manipulationen am Vorverstärker zunächst nur scheibchenweise Hochtöne auf unsere Köpfe richtete. Der riesige Saal war vor Erwartung wie elektrisiert, auch wenn noch nicht ganz klar war, wohin die Reise ging. Obwohl der Song sofort zu erkennen war, klang er ganz anders als die Platte, alles war neu abgemischt und im Hochtonbereich völlig verzerrt; Gitarre und Keyboards wirkten wie zackige Schläge, die mich zusammen mit Yamis unverwechselbarem Gesang mit voller Wucht erwischten. Das rhythmische Fundament war lediglich ein geisterhaftes Echo, das ich kaum registrierte. Dann, ohne Vorwarnung, machte der kleine Mann mit dem riesigen Tam auf dem Kopf eine Bewegung aus dem Handgelenk und überwältigte unsere Sinne, indem er die Orientierung aus den Angeln hob: Der Bass rüttelte nun unsere Körper durch und prügelte auf unsere Hüften ein. Als uns Bass,Schlagzeug und Shakas Syndrum-Begleitung die Eingeweide massierten und sämtliche Beine ausgelassen in Bewegung setzten, schrien die Besucher:innen vor Ekstase auf. Mit fest geschlossenen Augen und einem Mikrofon in der Hand, seinen Körper sanft im Rhythmus wiegend, begann Shaka, Jah zu preisen, scheinbar entrückt in eine andere Welt.
Im Laufe des Abends bahnten sich eine Reihe unglaublicher Melodien ihren Weg vom Plattenteller in unser Bewusstsein: Es gab exklusive Dubplate-Mixe alter Favoriten wie ”Very Well” von den Wailing Souls, ”Mr Boss Man” von Cultural Roots, oder ”Beware” von Creole, sowie das dazugehörige Dub-Pendant ”Kunta Kinte” neben frischen Tunes von aufstrebenden britischen Künstlern zu hören. Ich erinnere mich, dass Songs, die damals die Reggae-Charts beherrschten – etwa Junior Delgados Dancehall-artiges ”Raggamuffin Year”, der Titeltrack eines damals aktuellen, von Augustus Pablo produzierten Albums – auf nie gehörte Art präsentiert wurden. Dank Jah Shakas meisterhafter Kontrolle über die Klangregler wurde der Sound über das gesamte Audiospektrum gestreckt, noch intensiviert durch den dramatischen Einsatz von Hall und Delay. Während Shaka seine Wunder am Vorverstärker vollbrachte, beeinflusste auch die Art, wie seine Lautsprechertürme konstruiert waren, die räumliche Wahrnehmung. Derlei klangliche Offenbarungen häuften sich in rascher Folge, und ich sah mich zum zweiten Mal in meinem Leben gezwungen zu tanzen – mein Körper rockte und skankte bis weit nach Sonnenaufgang mit denen der anderen Anwesenden. Neben überbordender Freude war das vorherrschende Gefühl, Zeuge von etwas Großem zu sein. Derart in den Kosmos von Jah Shaka eingeführt zu werden, machte aus mir einen seiner vielen treu ergebenen Follower.
BEI DEN VIELEN DANCES, DIE ER IN VERSCHIEDENEN LONDONER UNDERGROUND- VENUES VERANSTALTETE, SPIELTE ER IN TRANCE-ÄHNLICHEM ZUSTAND AUF EINEM ARCHAISCHEN GARRARD-PLATTENSPIELER, DER ANGEBLICH AUS DEN SPÄTEN 1940ER JAHREN STAMMT.
Jah Shaka lebte sehr zurückgezogen, er gab nur wenige persönliche Informationen über sich preis. Weder sein bürgerlicher Name noch sein genaues Geburtsdatum sind überliefert. Er verbrachte seine ersten Lebensjahre im ländlichen Clarendon im Süden Jamaikas, bevor seine Eltern ihn 1956 auf der Suche nach einer besseren Zukunft mit nach England nahmen. Er war ca. fünf Jahre alt, als sich die Familie im Südosten Londons niederließ. Als Teenager, er besuchte die Samuel Pepys Comprehensive School in Brockley, begann er in einer Band zu spielen und ließ sich bei dem lokalen Sound System Freddie Cloudburst anlernen, das hauptsächlich amerikanischen Soul spielte. Er fing als ”Boxboy” an, der bei Transport und Aufbau der Lautsprecher half. Später sorgte er dafür, dass Verstärker und Lautsprecher richtig funktionierten, ehe er schließlich zum Resident Selector aufstieg. Inspiriert von schwarzen Aktivisten wie dem jamaikanischen Helden der Selbstbestimmung, Marcus Garvey, und afroamerikanischen Freiheitskämpfer:innen wie Malcolm X und Angela Davis gründete er 1970 sein eigenes Sound System, das er nach dem Zulu-Krieger Jah Shaka benannte, der sich Ende des 19. Jahrhunderts lange gegen die Briten behaupten konnte. Bewaffnet mit exklusiven Dubplates der wichtigsten Produzenten Jamaikas und Großbritanniens und mit einer kraftvollen Präsenz am Mikrofon, begann Jah Shaka bald, den Sound-System-Underground aufzumischen. Er triumphierte bei vielen Soundclashes, auch gegen etabliertere Konkurrenten. Doch mit den Erfolgen kamen auch Spannungen mit der Polizei, die im April 1975 eine berüchtigte Razzia bei einem Dance in der Malpas Road in Brockley durchführte, Leute aus dem Publikum verprügelte und Shakas Ausrüstung im Wert von mehreren hundert Pfund beschädigte. Seine Basis im Südosten Londons galt damals als Brennpunkt sozialer und rassistischer Unruhen – Neonazis und andere weiße Faschisten setzten 1977 den Jugendclub Moonshot und 1978 das Albany Empire in Brand.
NEBEN ÜBERBORDENDER FREUDE WAR DAS VORHERRSCHENDE GEFÜHL, ZEUGE VON ETWAS GROSSEM ZU SEIN. DERART IN DEN KOSMOS VON JAH SHAKA EINGEFÜHRT ZU WERDEN, MACHTE AUS MIR EINEN SEINER VIELEN TREU ERGEBENEN FOLLOWER.
Vor diesem feindseligen Hintergrund steigerte Jah Shaka einfach seinen Einsatz als Selector. Nach festen Engagements im Phebes Nightclub in Hackney und später im Club Noreik in Tottenham wurde er bei den Black Echoes Reggae Awards 1980 und ‘81 zum besten Sound System Großbritanniens gekürt. Er pflegte enge Freundschaften mit wichtigen Reggae-Künstlern, darunter Landsleute aus Clarendon wie Freddie McGregor, Barrington Levy und Style Scott von den Roots Radics. Obwohl sein Publikum in diesen berauschenden frühen Jahren fast ausschließlich schwarz war, hatte Jah Shakas Klangzauberei in den späten 1970er Jahren enormen Einfluss auf die Post-Punk-Musik von Bands wie Public Image Limited und den Slits, die durch Don Letts von seinen Dances erfahren hatten. Ein breiteres Publikum wurde durch den Spielfilm ”Babylon” (1980) von Franco Rossos auf ihn aufmerksam, in dem er sich selbst spielte.
Als jamaikanischer Reggae einen tiefgreifenden Wandel erfuhr, Roots Reggae spätestens Mitte der 1980er von Dancehall als Now-Sound abgelöst und Musik mit Rastafari-Schwerpunkt passé war, wandten sich die meisten britischen Sounds dem neuen Stil zu. Doch Jah Shaka entschied sich, zum einsamen Rufer in der Wüste zu werden, der die Roots-Reggae-Flamme am Brennen hält. Als Slackness und Gun Talk die Inhalte von Dancehall bestimmten, war Shaka die Stimme der Vernunft, die nur Musik mit einer übergeordneten Botschaft von spiritueller oder sozialer Bedeutung spielte und eine Uptempo-Variante von Reggae vorantrieb,die als ”UK Steppers” bekannt wurde. Mit der Backing Band Fasimbas produzierte er ab 1980 selbst Musik mit aufstrebenden No-Names wie African Princess, Sister Audrey und dem ehemaligen Capital Letters-Frontmann Junior Brown sowie eigene Tunes wie ”Revelation 18” und ”Lion Youth.” Später arbeitete er auch mit ikonischen Sängern wie Bim Sherman, Johnny Clarke, den Twinkle Brothers, Max Romeo und Horace Andy, um nur einige zu nennen. Er veröffentlichte eine Reihe beeindruckender Dub-Alben, darunter gemeinsame Werke mit Aswad und Mad Professor, mit denen er sich Anfang der 1980er in Peckham ein Studio teilte. In dieser Zeit betrieb er auch einen als ”Culture Shop” bekannten Treffpunkt in New Cross, in dem er Platten und karibische Lebensmittel verkaufte und der als Anlaufstelle für die schwarze Jugend diente. Obwohl seine Plattenproduktionen keinen Erfolg im Mainstream hatten, waren sie bei seinem Stammpublikum durchweg beliebt. Wichtiger noch, die Einzigartigkeit seines Sound Systems inspirierte inzwischen namhafte Gefolgsleute wie die Iration Steppas in Leeds, Neil Perch von Zion Train, der in London begann und später nach Köln auswanderte, sowie die Disciples, zwei englische Brüder aus dem Südwesten Londons, die zu den ersten nicht-schwarzen Sound-Betreibern gehörten, die sich an Dub versuchten. Später bekannten sich auch das italienische Moa Anbessa Sound System, das französische OBF und zahllose andere Sounds im UK und in Europa zu Jah Shaka, ebenso wie etliche Sounds in Japan, Mexiko, Brasilien und anderswo.

In den 1990er Jahren vergrößerte Jah Shakas Residence im Rocket, das an den Campus der North London Polytechnic angrenzt, sein Publikum erheblich. Ich erinnere mich, dass plötzlich viel mehr Weiße zu den Sessions kamen, die Pax Nindi, der ehemalige Frontmann der Gruppe Harare Dread mit einer Diashow begleitete. Durch die Nähe zum College kamen nun viele Studierende, aber auch eine wachsende Zahl an jungen Europäer:innen pilgerten nun zu seinen Dances. Mit dem Rocket begann eine lange Wachstumsphase, die auch damit zu tun hatte, dass Shaka nun dauerhaft ein festes Venue hatte. Bis dahin hatte er seine Selection wie auch das Set Up des Sounds auf den jeweiligen Veranstaltungsort abgestimmt, was bedeutete, dass bei allem Rasta-Fokus keine Session der anderen glich. Das breitere Publikum führte nach und nach zu einem beispiellosen Tourneeplan, der Jah Shaka durch ganz Europa und weiter nach Afrika, Japan, Mexiko, Peru und in andere Gegenden führte.
ALS MUSIK MIT RASTAFARI-SCHWERPUNKT PASSÉ WAR UND SICH DIE MEISTEN BRITISCHEN SOUNDS DEM NEUEN DANCEHALL-STIL ZUWANDTEN, ENTSCHEID SICH JAH SHAKA, ZUM EINSAMEN RUFER IN DER WÜSTE ZU WERDEN, DER DIE ROOTS-REGGAE-FLAMME AM BRENNEN HÄLT.
Gleichzeitig weitete er seine Rolle als Aktivist und Förderer aus: Nachdem er 1984 und 1990 nach Afrika gereist war, gründete er 1992 in Accra, Ghana die Jah Shaka Foundation, um Schulen und Kliniken mit medizinischem Gerät, Büchern und anderen Materialien zu versorgen. Auch in Jamaika, Äthiopien und Kenia hielt er Wohltätigkeitsveranstaltungen ab, was andeutet, wie wenig Ego-geleitet er war und sich lieber für soziale Projekte engagierte als Ruhm und Ehre hinterherzujagen. Er blieb seinen Prinzipien treu, tat, was er für nötig hielt, statt wie viele andere nur darüber redeten. Shakas Selections sprachen stets von der Notwendigkeit menschlichen Zusammenhalts und verwiesen auf die Bedeutung afrikanischer Zivilisationen. Solche musikalischen Inhalte bildeten den Hintergrund für seine inbrünstigen Chants über die Kraft des Allmächtigen und die Notwendigkeit, das Richtige zu tun. Mit seinem sozialen Engagement zeigte er, dass er es ernst meinte, dass seine Verkündungen keine bloßen Parolen waren, sondern von Herzen kamen.
IM TROPICAL ISLES CLUB IM OSTEN LONDONS SPIELTE SHAKA REGELMÄSSIG BIS 10 UHR MORGENS. DIE SESSIONS DORT DAUERTEN MINDESTENS 14 STUNDEN, OHNE DASS SHAKA JE EINE EINZIGE PAUSE EINLEGTE. DER MANN VERFOLGTE NUN MAL EINE MISSION.
Mit wachsendem Ruhm erlangte er zunehmend Festival-Headliner-Status. Sein Publikum wurde immer größer, ob im UK oder im Ausland. Und seine Veranstaltungen und Sessions blieben außergewöhnlich. Ich erinnere mich an einen Auftritt beim Rototom Sunsplash 2007 in Osoppo im Nordosten Italiens, als er ein Set mit völlig unbekannter Musikspielte, das sich über die ganze Nacht erstreckte und bis weit nach Sonnenaufgang dauerte. Gemeinsam mit den RIDDIM-Redakteuren Ellen Köhlings und Pete Lilly stand ich die ganze Zeit gebannt da, während Shaka uns mit seinen musikalischen Geheimnissen überschüttete.
Daneben kümmerte er sich auch um die Karriere seines Sohnes, der unter dem Namen Young Warrior bekannt wurde, nachdem er 2011 sein eigenes Sound System gegründet hatte. Eine weitere Session, die ich nie vergessen werde, war die von Vater und Sohn beim WOMAD-Festival 2016 auf Fuerteventura, die wieder mit spirituell erhebenden Klängen gefüllt war, von denen mir viele unbekannt waren – präsentiert, wie nur Shaka es konnte. Zu den weiteren Höhepunkten, die mir in bester Erinnerung geblieben sind, gehört der Dub School Sound Clash, den Shaka 1991 gegen Fatman auf dessen Hometurf im Londoner Norden bestritt. Obwohl Fatman U Brown und andere Toaster dabei hatte und Shaka wie immer ganz allein an seinem Set stand – egal welches Dub Fatman zog, Shaka hatte zu jeder Zeit eine bessere Antwort parat, was ihn zum unangefochtenen Sieger machte. Einer Nacht mit außergewöhnlicher Energie durfte ich auch im inzwischen geschlossenen Tropical Isles Club im Osten Londons beiwohnen, wo Shaka regelmäßig bis 10 Uhr morgens spielte. Die Sessions dort dauerten mindestens 14 Stunden, ohne dass Shaka je eine einzige Pause einlegte. Der Mann verfolgte nun mal eine Mission.

Tatsächlich glich eine Jah Shaka-Session einer religiösen Erfahrung, das räumen selbst Menschen ein, die von sich sagen, nicht religiös zu sein. Und obwohl sein Stammpublikum in den ersten Jahrzehnten seiner Karriere fast ausschließlich schwarz war, schloss er niemanden aus – auf seinen Flyern hieß es in der Regel: ”How good and pleasant it is to see all nations come and hear Jah music.”
Jah Shaka war der Patriarch einer großen Familie, zu der heute mehrere Kinder, viele Enkel und noch mehr Urenkel gehören. Die Nine Night, die ihm zu Ehren am 21. April in der Great Hall des Goldsmiths College in London stattfand, war ein wunderschöner Liebesbeweis, an dem über 1.000 Menschen teilnahmen und etliche aufgrund von Sicherheitsbedenken abgewiesen werden mussten. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Welt je wieder jemanden wie Jah Shaka hervorbringen wird, doch sorgen seine Musikaufnahmen und Sound-System-Aktivitäten dafür, dass sein Erbe weiterlebt. Hoch lebe Jah Shaka, der mächtige Zulu-Krieger, einer der größten Sound-System-Champions aller Zeiten!

