
Text: David Katz
Dieser Artikel wurde erstmals im Juni 2023 veröffentlicht (RIDDIM 03/2023).
Linton Kwesi Johnson hat in seiner langen und facettenreichen Karriere viele Denkanstöße gegeben. Als Dichter, der seine Verse im Patois seines Geburtsortes Jamaika formulierte, wurde er zu einer unverwechselbaren Stimme Englands, selbst wenn er die harschen Lebensbedingungen schwarzer Einwanderer ansprach. Auch als Recording-Artist schuf er sich eine ähnlich unverkennbare Nische, indem er eine neue Art Reggae spielte, die als Dub Poetry in die Geschichte einging. Dass seine Arbeit als Journalist und Kulturkritiker keinen Deut weniger bedeutend ist, zeigt sein neues Buch „Time Come“ (Picador Books).
Nach einer Einleitung von Paul Gilroy werden wir mit Artikeln, die LKJ für Zeitschriften wie NME, Melody Maker, Race & Class und Race Today geschrieben hat, kopfüber in Reggae-Territorium gestoßen. Die Texte sind auch Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung noch sehr aufschlussreich, wenn sie sich etwa auf die historischen Zusammenhänge von Jamaikas Klassenunterschieden, Colorism und politische Fehlentscheidungen als Vorausetzung für die Entstehung von Reggae beziehen. Er sinniert über die Zukunft der drei Wailers nach dem Weggang von Peter Tosh und Bunny Wailer, nimmt die Aneignung der Musik durch Virgin und Island Records auseinander, bietet eine witzige Analyse von Marleys verwirrender „Smile Jamaica“-Single, seziert dessen „Exodus“-Album und beleuchtet die Stärken und Schwächen von Prince Jazzbo, ehe er seinen langjährigen Partner Dennis Bovell in einem ausführlichen Profil auf den Punkt bringt. Linton ist genauso fasziniert von jamaikanischer Musik wie seine Leser:innen. Doch er ist dabei in der Lage, genauso den Finger in die Wunden ihrer Schwächen zu legen wie er ihre glorreichen Momente feiert. Seine Essays verraten genauso viel über den Überlebenskampf, der sowohl in Jamaika als auch in England so große Kunst hervorgebracht hat, wie über ihn selbst. Sehr zu empfehlen.
(314pp, Picador books 2023)

