
Vom Soundknirps zum gefragten Dubplate-Broker und umtriebigen Produzenten von Evidence Music. Der kleine Löwe aus Genf muss heute keine Klinken mehr putzen, die Artists klopfen bei ihm an, weil sie wissen, dass seine Reichweite über die eigene Blase hinausgeht. Simon Arnold rollt die Geschichte von Little Lion Sound auf.
Text: Simon Arnold /// Fotos: Laure Blanc
”Sei dir stets deiner durch Algorithmen geschaffenen soziodigitalen Blasen bewusst.” Eine moderne Ergänzung des kantschen Aufklärungssatzes. Die Bubbleisierung der Welt schreitet voran. Umso bemerkenswerter erscheinen da Phänomene, die die Grenzen der digitalen Wahrnehmungsblasen sprengen. Letztes Jahr zum Beispiel: Freund:innen und Bekannte, die sonst nicht mal wissen, wo das ”a” in Reggae hingehört, schicken einem Links zu einem Dubplate auf YouTube und man fragt sich ”Was geht ab?!”.
Queen Omega geht ab. Mit ihrem ”No Love”-Dubplate geht sie in den ”sozialen” Medien viral, landet weltweit auf YouTube-Startseiten und knackt schnell Millionenmarken. Die clever kombinierte Melange aus dem ”The Next Episode”-Instrumental von Dr. Dre und Queen Omegas lyrischem Dauerfeuer funktioniert perfekt. Kein Wunder, dass da die Blasen platzen wie beim Sprung ins Schaumbad.
Nicolas Meury von Little Lion Sound – Kopf hinter dem Hype – ist sich der Räume bewusst, in denen er stattfindet: ”Das Online-Publikum ist ein komplett anderes als die typischen Sound-Heads. Das freut mich riesig! Die Videos finden Anklang bei Menschen, die sonst mit Reggae nichts am Hut haben. Wenn diese Aufmerksamkeit bei einigen dazu führt, dass sie sich mehr mit unseren Projekten und diesen Künstler:innen beschäftigen, bringt das Reggae insgesamt weiter.” Der Plan scheint aufzugehen. Ein Blick auf die Zahlen beweist es: knapp 4 Millionen Follower auf Instagram, über 1,3 Mio. Abonnenten auf YouTube, gefühlte Omnipräsenz auf den diversen ”For You”-Pages.
Hinter den Zahlen stecken Jahre voller Arbeit und Hingabe. Little Lion trägt seinen Namen nicht ohne Grund. Als Nicolas Meury mit acht Jahren zufällig bei seinem älteren Bruder ein Album von Bob Marley hört, ist es um ihn geschehen. Er fängt an, sich durch die damals (ca. 2000) noch zahlreichen Genfer Reggae-Läden zu wühlen und alles aufzusaugen, was sein Taschengeld hergibt. Als nach der Primarstufe ein erstes Berufspraktikum gefordert wird, ist die Anlaufstelle für den zwölfjährigen Nicolas klar: ”Reggae Fever war der Plattenladen, zu dem ich regelmäßig ging, weil er auf meinem Schulweg lag. Ich fragte nach einem Praktikum, sie sagten zu. Danach bin ich geblieben, hab nach Schulschluss dort weitergearbeitet. Als Lohn bekam ich 45s. Ich habe dort viel über Labels und Artists gelernt.”

Noch im gleichen Jahr fängt Nicolas an, die erarbeiteten Platten selbst aufzulegen und gründet seinen Sound. Als beim französischen Online-Radio ”Reggae Vibes” ein unbeliebter Slot frei wird, erkennt er die Chance und bewirbt sich, ohne sein Alter preiszugeben. ”Ich bekam den Slot am Samstagabend, wenn alle anderen DJs ihre Dances spielten und sich nicht dafür interessierten. Nach und nach wurde ich immer öfter zu Dances eingeladen, spielte Warm-Ups, Geburtstage, Schulpartys…” Als im College jede:r Schüler:in ein eigenes Kunstprojekt verwirklichen soll, gibt sich Nicolas nicht mit Kleinigkeiten zufrieden, sondern setzt sich die Idee in den Kopf, ein Sound System zu bauen. ”Ich meinte, ich bräuchte nur genug Geld, um die Kosten zu decken, den Rest krieg ich selbst hin.” Am Ende steht ein Deal: die Schule übernimmt die Materialkosten, dafür muss sich Meury bei drei Jahresabschlusspartys der Schule um den Sound kümmern. Ein No-Brainer. ”Durch die Schulpartys entstand eine richtige Bewegung an jungen Leuten, die Reggae hörten. In Genf gibt es eine ganze Generation, die sofort weiß, worum es geht, wenn von Little Lion Sound die Rede ist.”
Reggae-Enthusiast, Sammler, DJ, Sound System Owner, gerade die Schule fertig. Und jetzt? Klar, ab nach Jamaika. Aber da machen ihm Mama und Papa Meury erstmal einen Strich durch die Rechnung – zu gefährlich. Der Kompromiss: Auslandsjahr in New York. Dort kommt Nicolas mit der jamaikanischen Community und Wayne Smith in Kontakt. Der Little Lion beginnt, sich sein Geld mit Dubplate-Sessions für europäische Sounds zu verdienen. Zurück in Europa folgen Europa-Tourneen mit Artists wie Al Campbell, Ranking Joe und Wayne Smith.
Von Beginn an wird Little Lion von den etwas älteren Mr. Nico und Inspekta Derrick aka 808 Delavega von Derrick Sound unterstützt, mit denen er 2013 schließlich das Label Evidence Music gründet. In dem anfangs rudimentären, aber bereits als europäischen Hotspot bekannten Dubplate-Studio in Genf trauen sie sich nun auch an eigene Produktionen. Erste Gehversuche unternehmen sie mit dem Debütalbum des Elektro-Pop-Duos Lipka. Nationale Bekanntheit erlangt Evidence mit dem 2017 veröffentlichten Debütalbum ”Ego” der Schweizer Rapperin Danitsa, mit der sie 2018 und 2022 den Swiss Music Award verliehen bekommen. ”Anfangs war es stilistisch sehr eklektisch”, erklärt Nicolas. ”Wir mussten das Label-Business erstmal kennenlernen und uns einfinden. Mittlerweile fokussieren wir uns fast ausschließlich auf Reggae. Wir haben gemerkt, dass es Reggae an Infrastruktur fehlt, die Produzent:innen und Artists wirklich fördert. Das Wissen, das wir im Mainstream gesammelt haben, können wir nun in unserer Arbeit mit Reggae-Artists anwenden und so versuchen, das Ganze auf ein neues Level zu bringen. Bisher klappt das ganz gut.”
Kann man so sagen. Der Katalog des Labels ist mittlerweile beachtlich, das Genfer Studio nicht mehr ”nur” für letale Dubplates bekannt, sondern hat sich auch mit amtlichen Produktionen einen Namen gemacht. Auf die Frage, welche Erfahrungen am meisten nachhallen, muss Nicolas nicht lange überlegen: ”Einmal kam Sizzla mit seiner kompletten Entourage. Im Studio wartenden Vertreter der jamaikanischen und trinidadischen Botschaft sowie unzählige Soundboys auf ihre Dubs. Er kam rein, ließ alle links liegen, segnete das Studio und sagte, er wolle zuerst einen Song für mich, für Evidence, aufnehmen. Solche Begegnungen klingen nach.” Prädikat: Sizzla-approved.

Neben der Studioarbeit bleibt das Dubplate-Business ein großer Teil dessen, was Little Lion Sound macht. Vor Jahren hat Nicolas angefangen, die Sessions nicht nur mit dem Mikro, sondern auch mit der Kamera mitzuschneiden, ”ursprünglich als Beweis für die anderen Sounds, dass ich eine echte, direkte Connection zu den Artists habe. Als sich aus den Videos online eine eigene Plattform entwickelte, nutzte ich diese irgendwann auch, um auf die Arbeit mit kleineren, lokalen Artists zu verweisen.” Die Video-Dubplates avancierten vom Exklusivitätskunstwerk zu Promowerkzeugen für eigene Produktionen, als auch für junge, upcoming Artists. Heute ist Nicolas nicht mehr darauf angewiesen, bei Artists vorzusprechen und um Kollaborationen zu bitten – die Angebote stapeln sich und enge Partnerschaften mit Artists wie Brother Culture, Ranking Joe, Queen Omega, Eesah oder Micah Shemaiah sind gefestigt. Das Studio in Genf hat sich als feste Station auf den Europatourneen der Künstler:innen etabliert, ein Dubplate für Little Lion ist immer drin.
Einigen Soundboys stieß die vermeintliche Umwidmung ihrer Lieblingskunstform zum inklusiven Szene-Einstiegsangebot sauer auf: ”Als wir mit dem Veröffentlichen der Dubplate-Videos anfingen, bekamen wir enormen Gegenwind. Es hieß, Dubplates müssten exklusiv sein, die dürfe man nur im Dance hören. Aber am Ende geht’s für mich beim Musikmachen darum, möglichst viele Menschen zu erreichen. Die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt, genauso wie die Tools, die uns zur Verfügung stehen, um die Musik und die Message zu pushen. Wenn wir Wege finden, ein breiteres Publikum anzusprechen – dann lasst sie uns nutzen!”

