
Lila Iké – Treasure Self Love
Wurl Iké Records / In.Digg.Nation Collective / Ineffable
Text: Davide Bortot
Um direkt den großen Elefanten aus dem Raum zu schieben: Was lange währt, ist in diesem Fall tatsächlich gut geworden. ”Treasure Self Love” ist das Debüt, das sich Lila-Ultras (wie ich) seit einer kleinen Ewigkeit gewünscht haben, spätestens aber seit den ersten Songs und dem Hashtag #AlbumSeason im vergangenen Sommer. Ein Konzeptalbum full of Vibes: perfekt in seiner ganzen Unvollkommenheit und Verletzlichkeit, überraschend klein und überwältigend groß zugleich.
”Treasure Self Love” handelt von der Liebe, aber es beginnt mit einer Konfrontation. ”May all my enemies scatter before me / Many try but fail if they come in my way”. Das sind Lilas erste Zeilen auf der Platte, und man sieht regelrecht, wie sie all den Sessel-Chauvis und Kommi-Rambos, den Doppelmoralaposteln und kleingeistigen Besserwissern so lange tief in die Augen blickt, bis sie vor ihr zerbersten, sich in Luft auflösen, den Weg frei machen für alles, was da kommt. Puff! Als müsste Lila erst ihren größten Kampf ausfechten – den gegen die Hater und dieses riesige Monster, zu dem sie in ihrem Kopf manchmal mutieren – um den Blick auf das Wesentliche richten zu können. Und das Wesentliche ist für sie in jeder Lage und Frage des Lebens: Love.
Der Begriff ist dabei in einem eher weiten Sinn zu verstehen. Klar, es gibt klassische Lovesongs wie ”Romantic” mit Masicka, das in seiner Unbeschwertheit an einfachere Zeiten in the Dance erinnert, ohne jegliche Worries. Auch die beiden Singles mit den US-Stargästen H.E.R. und Joey Bada$$ beleuchten eindeutig eine Liebesbeziehung. ”He Loves Us Both” ist ein erwachsener Take zum beliebten R&B‑Topos der geteilten Zuneigung, eine Art post-wokes ”The Boy Is Mine”. In ”Fry Plaintain” wiederum dient Essen als Metapher für Sinnlichkeit (oder noch einfacher: Sex).
Andere Songs sind universeller zu verstehen. In ”Too Late To Lie” zum Beispiel geht es nur vordergründig um einem manipulativen Fuckboy, eher allgemein um die irreparablen Folgen von Vertrauensmissbrauch in Beziehungen aller Art. Der offensichtliche Hit für die kommende Festivalsaison, ”All Over The Wurl” mit Protoje, deutet das Leitmotiv nochmal anders: Er zelebriert die Art von Liebe, die nur von Musik ausgehen kann, ob in Pariiiiis oder Ghana oder Bersenbrück. Der Refrain stammt im Original von Barrington Levy auf dem Track ”Top of the World” der kanadischen Rapband Rascalz aus den späten Neunzigern, das Instrumental steht in der Tradition von Lover’s‑Dancehall-Riddims aus jener Zeit wie ”Movie Star” oder ”Lalabella”. Auch darin steht der Tune stellvertretend für das Album. Wer Lila Iké und ihren engsten musikalischen Vertrauten Protoje kennt, weiß, wie gut die beiden die Historie kennen und wie wichtig es ihnen ist, Traditionen auf ihre Weise fortzuführen. ”Treasure Self Love” ist daher voll von Verweisen und Zitaten: hier ein Sample von Peter Tosh, dort ein Shoutout von Patra, hier eine Verneigung vor Garnett Silk, dort eine Referenz an Beres Hammond. Es mag Zufall sein, aber in genau dieser Ahnenlinie ist Lila zu verorten. Peter Tosh, Garnett Silk, Beres Hammond: eine große Reggae-Sängerin, die nicht nur verlässlich Big Tunes abliefert und den Style ihrer Generation prägt, sondern Menschen in ihrem Innersten berührt, auf eine Weise, die sich schwer erklären, aber umso besser spüren lässt.
Das wird noch einmal deutlich, wenn Lila gegen Ende des Albums sehr explizit ihre Struggles mit mentaler Gesundheit thematisiert. ”Serious” reflektiert in selbst für ihre Verhältnisse schonungsloser Weise das Gefühl, ganz tief im Tunnel zu stecken; ”Brighter Days” ist die Gewissheit, dass an dessen Ende Licht ist, solange man sich an seiner Liebe (und seinen Liebsten) festhält. Der letzte Song ”Lovely Way” wiederum ist wie eine Konklusio des Albums, verdichtet all seine Komplexität und Tiefe in maximal simple und darin maximal anrührende Worte: ”I feel for love in a lovely way”. Ganz ehrlich: Wer tut das nicht? Reggae-Albums des Jahrzehnts bislang, please do at me.
