
McAnuff Family And The Ligerians – Africa My Destiny
SoulNurse Records
Text: Volker Barsch
Vergiss Rom, alle Wege führen nach Frankreich! So könnte das Motto der McAnuff Family lauten. Vater Winston, schon seit den 70ern im Reggae-Business aktiv, erlebte in den Nuller Jahren dank der Unterstützung französischer Akteure wie dem Makasound Label oder dem Multiinstrumentalisten Fixi eine veritable Wiedergeburt. Zusammen mit seinem Sohn Kush, auch bekannt als Bandleader von Uprising Roots, tauchte er zuletzt regelmäßig auf Veröffentlichungen und Live-Events des Inna-di-Yard-Projekts auf, das vom Makasound-Nachfolger Chapter Two koordiniert wird.
Tochter Nadia wiederum wuchs bei ihrer Mutter auf, zunächst im Bobo-Camp in Bull Bay, dann in den USA, wo sie jahrelang im Musik-Projekt Agape aktiv war, bevor sie nach Jamaika zurückkehrte und einige vielversprechende Singles aufnahm, u.a. die überragende Rasta-Hymne ”Ithiopia”, ihr erstes gemeinsames Duett mit Vater Winston.
So richtig durchstarten konnte sie aber erst mit den Ligerians aus dem französischen Tours, die zunächst eine EP mit ihr produzierten und dann mit dem 2024 erschienenen ”Shelter From the Storm” sogar ein komplettes Album. Während der Aufnahmesessions kam auch Winston spontan in den Soul Nurse Studios vorbei, woraus mit ”Colors” die zweite Combi-Single von Vater und Tochter resultierte.
Was lag näher, als Kush ins Boot zu holen und gemeinsam als McAnuff Family auf Tour zu gehen?! Zwischen den Auftritten gab es zum Glück auch genug Studiozeit, sodass nun ein 10-Track-starkes Album der Family vorliegt, produziert und gemixt von Ligerians-Mastermind Gabriel Bouillon und gemastert von Tippy I.
Eröffnet wird das Album mit ”Be Careful”, im Original von Matthew McAnuff, der 2012 in einem Streit um eine Handvoll Ganja erstochen wurde. Viele kennen das unter die Haut gehende Lied mit dem quasi prophetischen Text bereits als Titelstück von Matthews posthum erschienenem Debüt-Album, in der Inna-di-Yard-Nyahbinghi-Version mit Winston, Var und Derajah oder als emotionalen Höhepunkt bei den Live-Shows der Family.
Während sich die McAnuffs im Opener noch alle Strophen gleichmäßig aufteilen und den Refrain dreistimmig singen, übernimmt in den übrigen Tunes nur jeweils eine/r von ihnen den Leadgesang. In patriarchaler Tradition sichert sich das Familienoberhaupt mit fünf Liedern den Löwenanteil. Es sei ihm gegönnt, denn auch mit knapp 70 Jahren ist Winston immer noch eine Urgewalt am Mikrofon.
Besonders spektakulär ist der Titelsong, in dem er, begleitet von afrikanischen Trommelrhythmen und highlifeartigen Gitarrenparts, eine afrikanisierte Version von Claude McKays Gedicht ”If We Must Die” vorträgt. Ebenso emotional ist das entschleunigte ”Lock Up”, in dem er einen eigenen Gefängnisaufenthalt wegen Ganjabesitzes rekapituliert.
Während ”Bad Times Don’t Last” etwas zu monoton geraten ist, findet Winston in ”Story Comes to Bump” zu seiner Form zurück. Auf einem dynamischen, von der starken Schlagzeug-Bass-Section getragenen Riddim rät er dazu, sich angesichts der aktuellen Krisen schon mal mental auf den großen Crash vorzubereiten bzw. Resilienz zu entwickeln.
Im letzten Tune des Albums covert Winston schließlich Freddie McKays ”Our Rendezvous”, wobei die coolen Call-and Response-Parts der Tasteninstrumente noch besser zur Geltung kommen als im Original.
Für die beiden Kinder bleiben jeweils nur zwei eigene Tunes übrig, in denen sie aber ebenfalls souverän abliefern. In ”See I Face” spielt Nadia auf die vielen Vorurteile an, die sie als Frau sowohl in der Rasta-Bewegung als auch im Musikbusiness überwinden musste. In der genauso meditativ und inbrünstig vorgetragenen Nyahbinghi-Hymne ”Glory of Dada” zollt sie Prince Emmanuel Tribut, dem legendären Gründer der Bobo-Community, in der sie aufwuchs.
Kush seinerseits präsentiert die empowernden Songs ”The Greatest Thing” und ”Troubles Away” in der für ihn charakteristischen lakonisch-repetitiven Art und Weise, wie wir sie von seinen beiden Alben mit Uprising Roots und seinen Inna-di-Yard-Beiträgen kennen.
Insgesamt ist ”Africa My Destiny” ein sehr ergiebiges, harmonisches und von den Ligerians handwerklich perfekt arrangiertes Familientreffen, das einfach Spaß macht.
”Africa My Destiny” was released digitally in May and will be out on vinyl on September 18.
