
Costa Rica, die ”reiche Küste”, ist ein hispanophoner Staat zwischen den Weltmeeren. Neben der pazifischen Küste im Westen hat das mittelamerikanische Land auch einen über 200 Kilometer langen Strand auf der Atlantik-Seite. Kein Wunder also, dass neben dem Karibischen Meer auch eine gehörige Portion Kulturgut von den Antillen ins Land schwappte.
Text: Gardy Stein
Dieser Artikel wurde erstmals im Juni 2024 veröffentlicht (RIDDIM 03/2024).
Tatsächlich waren es jamaikanische Arbeitsmigranten, die ihre Musik, ihre Sprache und auch ihre Essgewohnheiten mitbrachten und so den Grundstein für eine große Reggae-Liebe in Costa Rica legten. Schon um 1880 kamen Tausende Jamaikaner zum Bau der Eisenbahn ins Land, ab 1960 dann verstärkt auch zur Beschäftigung in den Schiffswerften der Ostküste. Immer im Gepäck waren Platten, Kassetten und später auch CDs der aktuell in Jamaika angesagten Musik. Und so schallten Peter Tosh, Mighty Diamonds, The Gladiators, Bob Marley, Steel Pulse, Yellow Man oder Buju Banton aus den lokalen Lautsprechern – hundertfach kopiert gelangten die Tonträger dann auch in die Hauptstadt im Landesinneren.
”Reggae war vom ersten Tag an mein Begleiter, daher kommen meine Vibes!”, erinnert sich der Sänger Aborijah. Er wuchs in Puerto Viejo unweit der Hafenstadt Puerto Limón auf, wo die Musik aus alten Transistorradios plärrte und ältere Rastas wie Ras Opi (R.I.P.), Ras Mateo und Ras Kelly ihm Werk und Botschaft von Max Romeo und anderen Roots-Größen nahebrachten. Gefragt nach seinen eigenen Anfängen als Künstler erzählt er lachend: ”Ich habe immer und überall gesungen, barfuß am Strand, unter den Kokospalmen, zum Klang der Wellen. Wenn wir vom Surfen kamen, habe ich einfach angefangen, für meine Freunde zu improvisieren.” Da es damals noch keine nennenswerte musikalische Infrastruktur gab, dauerte es bis ins neue Jahrtausend bis zu seinen ersten Bühnenauftritten und Studioaufnahmen. Seine erste Single ”Caminar Fumando” erschien 2013 auf einem Dancehall-Riddim und fand über DJ Juan in dessen Radiosendung Verbreitung – Jahre später veröffentlichte House of Riddim den Track im neuen Gewand auf ihrem ”World Wide Riddim” sampler.



(Photo: Marcela Bertozzi)
Verantwortlich für die Etablierung der heimischen Szene waren vor allem Künstler wie Martin Scott, der Ragga und Calypso mischte (checkt sein 1988 erschienenes Album ”El Caliente”!), die von Gabriel ”Gabo” Dávila und Johnnyman gegründete Band Mekatelyu oder die seit den 90er Jahren aktive Trinity Roots Band. Deren Sänger Trinity verstarb im Jahr 2018, doch sein Wirken hat viele Landsleute nachhaltig beeinflusst. So zum Beispiel Jahricio, der ein paar Jahre für Trinity Roots gearbeitet und, wie er sagt, dabei viel gelernt hat. Seine musikalische Sozialisation ist spannend, denn zum Reggae fand er erst über Umwege: Zuhause legte die Mama hauptsächlich Rock auf (Led Zeppelin, Rolling Stones und Queen), und als Jugendlicher hörte er beim Skaten Punk und Ska. Ihn interessierten schon damals vor allem die melodischeren Titel, und so entdeckte er die Skatalites, jamaikanischen Rocksteady und damit auch den allgegenwärtigen Reggae neu. Er schnappte sich einen Bass, fing um die Jahrtausendwende an zu spielen und wurde zum gefragten Instrumentalist. Mit den Jahren verfeinerte er sein Können und ist nun seit fast zwei Dekaden auch als Sänger unterwegs, stand schon mit Größen wie Alborosie auf der Bühne und gehört zu den wenigen Reggae-Produzenten des Landes. ”Un Leo No Se Rinde” (Ein Löwe gibt nicht auf) ist einer seiner bekanntesten Hits, die im Text mitschwingende Motivation, das ”Upliftment”, ist ihm extrem wichtig und findet auch auf dem 2023 erschienenen Album ”El Rugido” seinen Ausdruck.
Von einem ähnlichen Einstieg berichtet Hugo Villalobos von der Band Mentados. Mit gerade mal 16, 17 Jahren fingen er und seine Kumpels 1998 an zu proben – Punk, Hardcore und Ska waren an der Tagesordnung. Die stilistische Richtung änderte sich jedoch bald durch Einflüsse, die über MTV und Live-Konzerte transportiert wurden: ”Damals kamen viele lateinamerikanische Bands nach Costa Rica, aus Kolumbien, Argentinien, Mexiko… Sie machten Reggae, aber nicht wie der aus Jamaika oder Afrika. Sie mischten Reggae mit lateinamerikanischen Rhythmen. Das gefiel uns und hat uns sehr beeinflusst, sowas wollten wir auch machen.” Gesagt, getan. Was als Experiment mit Second-Hand-Gitarren, einem schrottigen Mikro und kaputten Verstärkern begann, ist über die Jahre auf eine zehnköpfige Gruppe angewachsen, die heute zu den bekanntesten Ska-Reggae-Fusion-Vertretern des Landes zählt.
Für klassischen Roots Reggae steht die ebenfalls sehr erfolgreiche Band Un Rojo, benannt nach dem roten 1.000-Colón-Schein, der nicht ganz zwei Euro wert ist. Deren Sänger, Esteban Chavarría Segura aka Jaguar, und der ursprünglich aus Kolumbien stammende Bassist Luis Carlos Cordoba Ubaldo trafen sich um die Jahrtausendwende an der Karibikküste in Puerto Viejo und begeisterten schnell andere Musiker für ihren Traum, eine Band zu gründen. 2009 stießen dann die Sängerinnen Kumary Sawyers und Mary zu ihnen, und zusammen sind sie heute auf allen großen Festivals in Costa Rica unterwegs: Auf dem eher Mainstream orientierten Picnic Festival waren sie letztes Jahr, auch beim Finca Fest haben sie schon gespielt, und im April waren sie zusammen mit lokalen Reggae-Größen wie Earthstrong, Bet Shalom, Ojo De Buey, Moonlight Dub und dem Dancehall-Urgestein Toledo beim Puro Roots Festival.
Und wo wir beim Name-Dropping sind: Auch Baby Rasta, Talawa Reggae Band, Ras Manuel, Mike Jospeh und Huba Watson werden auf die Frage nach heimischen Reggae-Künstlern oft genannt, während DJ Juan, DJ Luiz Dubs, DJ Acon und The Aces Sound System (2009 gegründet von Txino, Steady 7, Walter Solano, Freddy Rueda und Docta Rythm Selecta hat dieser Sound sogar eigene Stacks) als wichtige Multiplikatoren Erwähnung finden. Letztere sind u.a. verantwortlich für die überall stattfindenden Partys, ob in kleinen Bars in Puerto Viejo und San Pedro oder in den größeren Clubs wie House of Reggae und La Concha de la Lora in San José. Der genannte ”Docta”, Moderator der TV- und Radiosendung ”Di Docta Show”, hat letztes Jahr sogar beim Rototom über die Szene in seiner Heimat berichtet. Eine weitere Reggae-lastige TV-Show heißt ”Terre Latino”, und auch die unabhängige Radiostation der Universität unterstützt lokale Talente mit reichlich Sendezeit.
Die Beliebtheit der verschiedenen Reggae-Genres scheint ähnlich wie in Deutschland von alt nach jung zu verlaufen, wie Jahricio erwähnt: ”Es gibt eigentlich zwei Märkte, einmal den Roots Reggae und dann die urbane Musik wie Dancehall, Afrobeats, Reggaeton oder Dembow. Partymusik halt! Ich würde sagen, dass viele junge Leute eher zu letzteren tendieren. Aber Reggae wird immer da sein, die anstehenden Konzerte von Protoje, Steel Pulse, Anthony B und Buju sind sicher wieder ausverkauft!”
Inzwischen ist die Szene gut vernetzt, es gibt Aufnahmestudios, Produzenten und Manager. Einer von ihnen, Donovan Camacho (House Of Artists), hat den Kontakt zu Mentados und Un Rojo hergestellt. Sängerin Kumary Sawyers (Un Rojo) hat mit Aborijah auf dessen 2023 erschienenem Debütalbum ”Soy Del Caribe” zusammengearbeitet, und das Interview mit Jahricio kam nur zustande, weil er an dem Abend, an dem ich mit Aborijah verabredet war, zu Besuch kam. Kumary bringt diesen Vibe so auf den Punkt: ”Unsere Geschichte ist mythisch, sphärisch. Wir leben in einem Land voller Begegnungen, die Menschen verschiedener Kulturen treffen hier aufeinander. Es ist der Schmelztiegel von Genres, der uns einzigartig macht. Reggae ist gekommen, um zu bleiben!” Aborijah ergänzt: ”Reggae aus Costa Rica ist sehr organisch, einzigartig. Die meisten meiner Kollegen mischen Englisch und jamaikanisches Patois mit Spanisch. Wir haben unglaublich talentierte Künstler hier, wir brauchen nur ein wenig globale Aufmerksamkeit.”

