REVIEW: Runkus – Supernova

Runkus – Supernova

Easy Star Records (Digital & Vinyl)

Text: Davide Bor­tot

Das erste Mal fiel mir Runk­us auf, als er 2015 über einen Ska-Rid­dim der Münch­n­er Moritz von Dorff und Ben­jamin Zech­er von One­ness Records ging. Dem Label fol­gte ich vor allem aus lokaler Ver­bun­den­heit, auch ”Move Yuh Feet” war musikalisch nicht meine Tasse Tee. Der Flow dieses Typen aber war geil: 80s irgend­wie, aber gle­ichzeit­ig eigen und fresh.

Fünf Jahre später, in einem dieser ver­maledeit­en Pan­demie-Streams, die sich damals wie das pralle Leben anfühlten, spiel­ten die Jug­glerz einen Song namens ”Mon­ey” auf dem Instru­men­tal von ”Brik Pan Brik”. Ich habe noch genau im Ohr, wie Shot­ta Paul das R im Artist-Namen rollt: Rrrrrrunk­us. Den Tune darunter erin­nere ich genau­so gut. Statt radikalem Indi­vid­u­al­is­mus schlug dieser Rrrrrrunk­us Gemeinsinn und Abun­dance als Über­lebensstrate­gie vor. Der Tune war offen­sichtlich als Antwort auf Skil­libeng und den Zeit­geist konzip­iert, aber nicht feind­selig oder besser­wis­serisch: ein­fach nur mit klar­er Hal­tung.

Weit­ere zwei Jahre später hat­te ich einen Lover’s‑Tune mit Ky-Mani Mar­ley im Release Radar. ”GOODLOVE” erin­nerte mich an die besten Mar­ley-Momente der ”Chant Down Babylon”-Ära. Das lag gewiss an Ky-Man­is Stimme, aber eben­so an Runk­us’ Gabe, Tra­di­tio­nen der jamaikanis­chen Musikhis­to­rie auf seinen Schul­tern zu tra­gen, als wögen sie nicht Ton­nen, son­dern qua­si nix: geschichts­be­wusst, ja, aber mit diesem Deut Respek­t­losigkeit, den es ein­fach braucht, wenn man die Sache voran­brin­gen will.

Dieser Runk­us: viel Tal­ent, sehr viele Kon­traste und noch mehr Geschicht­en.

Warum ich hier mit­telmäßig fes­sel­nde Anek­doten von anno dun­nemals aus­bre­ite? Weil sich all das – Tal­ent, Kon­traste, Geschicht­en – auch über Runk­us’ neues Album sagen lässt, das am Fre­itag erschienen ist. ”SUPERNOVA” ist sein viert­er LP-Release und fühlt sich gle­ichzeit­ig wie ein Debüt an, der erste kohärente Body of Work, der ein­deutig seine Vision trägt, und das, obwohl er, wie das ”OUT:SIDE”-Projekt mit Todd­la T von 2022 oder seine Arbeit am Album von Roy­al Blu mit dem Kollek­tiv G.wav aus dem ver­gan­genen Jahr, von Arbeit­steilung und Aus­tausch geprägt ist. Noch so ein typ­is­ch­er Runk­us-Gegen­satz – der nur über­haupt nicht wie ein­er klingt, eher so, als fügte sich hier alles durch eine tief­ere Ein­sicht in die Wirk­weisen unser­er Welt.

”SUPERNOVA” ist in Zusam­me­nar­beit mit dem Kün­stler Tavares Stra­chan ent­standen. Der ist bis­lang vor allem im Kon­text von Museen und akademis­chen Diskursen in Erschei­n­ung getreten. Zulet­zt stellte er in der Kun­sthalle Mannheim aus; Runk­us kam für die Auswahl und Per­for­mance von Musik dazu. Nun geht die gemein­same Reise weit­er. Die Mitar­beit Stra­chans an ”SUPERNOVA” ist dabei the­o­retis­ch­er wie spir­itueller Natur. Teil­weise liefer­ten seine Arbeit­en konkrete Vor­la­gen für Songs, darüber hin­aus fungierte Stra­chan als intellek­tueller Spar­ringspart­ner für Runk­us. ”Tavares is kind of a cre­ative guide to me”, erk­lärt er im RID­DIM-Inter­view. ”He push­es me.” Tat­säch­lich begin­nt und endet ”SUPERNOVA” sehr konkret mit Stra­chan, mit Auss­chnit­ten aus einem Artist-Talk, in dem unter anderem Gedanken zur Kraft von Kun­st geteilt wer­den, auch zur Gewalt, die ihr per Def­i­n­i­tion innewohnt. Eine kun­st­the­o­retis­che Kon­ver­sa­tion zwis­chen einem Konzep­tkün­stler und einem Kura­tor als Intro, und dann als ersten Song einen klas­sis­chen Retro-Dance­hall-Tune (einen irreführend klas­sis­chen Retro-Dance­hall-Tune übri­gens, so viel Spoil­er sollte klar gehen), der durch die Brille von Soundsys­tem-Cul­ture auf das Welt­geschehen blickt – das gibt eine ziem­lich gute Vorstel­lung davon, wie Runk­us auf Musik blickt und darauf, wie alles mit allem zusam­men­hängt.

Ein paar Beispiele für seinen Ansatz der Inter­con­nec­tiv­i­ty. Nach dem erwäh­n­ten szenis­chen Ein­stieg mit dem Titel­track wird das Album einger­ahmt von den Songs ”SHEEP” und ”THE BOY WHO CRIED WOLF”. Die bei­den Tunes span­nen einen Bogen von Äsop zu Peter Tosh, von ein­er stark poet­is­chen Rede der Wail­ers-Leg­ende hin zu eher hand­festen Ein­las­sun­gen zu Resistenz gegen die postkolo­nialen Instru­mente der Unter­drück­ung. Der Song ”THE BOY WHO CRIED WOLF” selb­st verbindet auf gut acht Minuten zwei Beats und zieht dabei eine Lin­ie von tra­di­tioneller Per­cus­sion aus Südafri­ka über ”Jesus Walks”-type Neo-Gospel bis hin zu glob­al­isiertem Dance­hall im aktuellen ange­sagten Y2K-Revival-Style – weil eben auch in der Musikgeschichte alles ver­bun­den ist, wenn man die (Schwarzen) Roots ver­schieden­er Pop-Epochen anerken­nt. ”LAST NIGHT”? Die Geschichte ein­er Liebelei aus der Dance­hall, klingt aber nach Dis­co-Funk und R&B und zitiert den Dance-Klas­sik­er ”Last Night A DJ Saved My Life”. ”EGO DEATH”? Ein nicht enden wol­len­der Rap im Stream-of-Con­scious­ness-Style, in dem zahlre­iche Eckpfeil­er der jamaikanis­chen Musikgeschichte vorkom­men (unter anderem Runk­us’ Vater, der 2025 an Krebs ver­stor­bene Sänger Deter­mine) und auf cle­vere Weise bekan­nte Meta­phern rund um Knar­ren und Killen geflippt wer­den. ”LIFE OVER DEATH”? Zitiert G‑Unit und New Jack Swing und sam­plet sich ein­mal durch die Welt. ”PLEASE DON’T COME TO MARS”? Ein Lehrstück über kün­st­lerische und finanzielle Selb­st­bes­tim­mung, fernab von jedem Manos­phere-Quatsch. ”3310”? Ein Song über das leg­endäre Nokia-Handy. Aber auch: eine Dem­bow-Hom­mage, ein Plä­doy­er für den sozialen und ökonomis­chen Wert der Dance­hall und ein Blick auf das Many der jamaikanis­chen Gesellschaft durch den Blick des einen One, das eine Zeit­lang tat­säch­lich alle einte.

Klingt nach viel?

Ist es auch.

Manch­mal gehen Runk­us in diesem Wirbel­sturm der Ideen, Gedanken und Ref­eren­zen für mein Dafürhal­ten ein wenig die Pferde durch. Wenn er etwa Israel und Palästi­na vorschlägt, ihren Kon­flikt per Sound­clash zu regeln, oder Don­ald Trump als ganz gewöhn­lichen Stelzbock nor­mal­isiert (”And me know seh Don­ald Trump him love punany bad”), ist mir das schlicht zu albern und ein biss­chen nah an der ewig beque­men Vorstel­lung, fun­da­men­tale Her­aus­forderun­gen unser­er Zeit ließen sich am besten ein­fach ”weg­bassen”, weil die da oben eh alle gle­ich sind. Auch wenn Runk­us und sein Co-Pro­duzent auf ”Every Ghet­to Youth is A Star” kuban­is­che Bläs­er und Rock-Riffs bemühen, um die fra­g­los ehren­werte Mes­sage heimz­u­fahren, bin ich ten­den­ziell raus. Aber was zählt meine per­sön­liche Mini-Mei­n­ung angesichts der Wucht dieses Albums? Ist nicht viel wichtiger, dass besagter Co-Pro­duzent Runk­us’ Brud­er Zaire-Zidane ist und die bei­den gut ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters erst­mals in dieser Form gemein­sam in Erschei­n­ung treten? Zählt nicht vor allem, was Sean Paul – der einzige Fea­ture-Gast der Plat­te – auf ”SURE AS THE SUN” fes­thält, dass man näm­lich einzelne Botschafter töten könne, niemals aber die Botschaft selb­st? Und gilt nicht ohne­hin, was Tavares Stra­chan ganz am Ende des Albums sagt? ”To be frus­trat­ed by an artist is a good thing. Irri­ta­tion is help­ful.” Die Fra­gen, sie beant­worten sich von selb­st.

Noch eine weit­ere Aus­sage aus diesem Out­ro bleibt hän­gen. ”There is a cer­tain big­ness of imag­i­na­tion that is scal­able for all of us – if we just allow our­selves to find it.” Es spricht dort der Kura­tor und Inter­view­er Paul Hold­en­gräber, und er meint damit Tavares Stra­chan. Seine Worte kön­nten aber auch die Erken­nt­nis aus dem Hören dieses erstaunlichen Albums sein: Wenn wir uns erlauben, groß zu denken, zu glauben, zu fühlen, ist vieles möglich.


Riddim Newslettah

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