
Nach zwei Jahren Jamaika-Entzug und zehn Jahre ohne Reggae Month, fiebere ich auf den Abflug nach Montego Bay hin wie ewig nicht mehr. Auch wenn es heißt, dass die Vorfreude die schönste Freude sei, hat die Freude vor Ort die Vorfreude sogar noch übertroffen. Ellen Köhlings lässt euch teilnehmen an ihrem persönlichen Reggae Month.
Text & Fotos: Ellen Köhlings
Offiziell gibt es den Reggae Month in Jamaika seit 2008. Warum im Februar? Weil in dem Monat der Crown Prince und der King Geburtstag haben. Seitdem hat es viele Diskussionen gegeben. Braucht JA wirklich einen eigenen Monat für den Heartbeat? Schlägt er nicht eh ständig und überall?
Dann wurde immer wieder beklagt, dass es zu viele parallel stattfindende Events gibt. Sei’s drum. Ich zehre immer noch davon, endlich mal wieder im Reggae Month auf der Insel gewesen zu sein. Einziger Dämpfer: Zweieinhalb Wochen sind definitiv viel zu kurz für Jamaika.
An einem Samstag geht es direkt von Montego Bay mit dem Knutsford Express nach Kingston, wo ich spät in der Nacht ins Bett falle. Damit habe ich dem Jetlag ein Schnippchen geschlagen und kann den Sonntagabend im Kingston Dub Club auskosten.
Die Location zählt zu den schönsten der Insel – whole heap ah Vibes garantiert. Heute tritt Runkus ans Mic, dessen Talent mich immer wieder umhaut. Auch in dieser Nacht, die seinem vor einem Jahr verstorbenen Vater gewidmet ist: ”Ilebrating the Life and Works of Determine”. Runkus, der seinem Dad verblüffend ähnlich sieht, hat die Family im Schlepptau. Er performt Determines Hits und schiebt eigene Songs seines anstehenden Albums ”Supernova” ein – u.a. ”Life Over Death”, das seinem Vater gewidmet ist.

Artists wie sein Bro Royal Blu, Imeru Tafari und Karbon gehen ebenfalls ans Mic. Solch old schoolige Sound System-Atmosphäre kickt mich jedes Mal. Auch Hausherr Gabre Selassie ist bestens aufgelegt und legt – as usual – hervorragend auf. Wir versäumen keinen Sonntag im Kingston Dub Club in unserer so kurzen Zeit auf der Insel.
Manche mögen sich noch an Inner City Dub erinnern, ein Regular, das von 2014 bis 2018 in Denham Town stattfand. Am Montagabend gibt es die lang erwartete Neuauflage mit einem Nyahbinghi Soft Launch. To bless the place, wie es heißt. Ich kann mich noch gut an die Nächte an der Spanish Town Road erinnern, bei denen von Veterans wie Horace Andy bis zu jüngeren Acts wie Samory I so manche Artists aufgetreten sind. Damals musste noch improvisiert werden. Heute gibt es ein einladendes Venue.
Was der Tivoli Gardens-Native I‑Nation geschaffen hat, verdient großen Respekt. Neben der Schweißerei seines im letzten Jahr verstorbenen Vaters Finger Dread, dessen Konterfeit einen von den Wänden anschaut, hat er an gegenüber des Queen Theatres einen Container als Bücherei und Restaurant eingerichtet.
Drumherum ein offener Space und kleine Stände mit allerhand Herbs und Schmuck. Eine Treppe führt nach oben, wo eine Bar, eine weite Fläche für Publikum und eine Bühne untergebracht sind. Alles sehr liebevoll gestaltet und in den panafrikanischen- und Reggae-Farben gestrichen. Ein Lichtblick in einer sonst eher tristen Umgebung.

I‑Nation Books & Necessities zieht nach wie vor mit ausgewählten Büchern, die zu einem guten Teil nur bei ihm zu erwerben sind, von Event zu Event. Nun gibt es zusätzlich einen festen Spot und ein Regular, das den Youths in den Inner Cities Zugang zu Black Literature und eine Roots-Alternative bzw. Add On zu den Dancehall-Veranstaltungen bietet. Es soll nicht unser einziger Montag dort bleiben. In den nächsten beiden Wochen treten u.a. Karbon, Medisun und Yaadcore auf. I‑Nation hat immer schon junge Acts gefördert.
Zu einem gut besuchten Regular hat sich Tuesday Service gemausert. Jeden Dienstagabend kommen in einem Hinterhof, dem Compound auf der Lancelot Avenue Musikenthusiasten zusammen. Wo früher nur geprobt wurde, kann die Öffentlichkeit nun teilnehmen. Eröffnet wird der Service mit einem eigenen Set der Hausband Dub Squad, das gerne aus Coverversionen von Foundation Tunes und Dancehall-Klassikern besteht. Im Anschluss treten Artists aus dem Publikum ans Mic.
Sein zweijährige Jubiläum feiert Tuesday Service im Ranny Williams Center, das wegen des Reggae Month gut gefüllt ist. Nach dem Dub Squad-Segment performen erst eine Reihe unbekannte Artists, bevor Joby Jay, Rik Jam, Jah Lil, Imeru Tafari, Chris Malachi oder Agent Sasco auf die Bühne gehen. Leider ist die Zeit zu knapp für Namen wie Valiant oder Damian Marley, die man Backstage erspähen kann. Letztlich überzeugen mich die Vibes der kleineren Venue mehr.
Das Dubwise Cafe hinter dem Kaya Herb House an der Lady Musgrave Road ist immer einen Besuch wert. Eine Art Food Court, der zum Chillen, Musik hören oder Platten und Merch kaufen einlädt.
Dort ist Dutty Bookman nahezu täglich anzutreffen, einer der intellektuellen Köpfe des Reggae Revival. Er betreibt eine Bar und mit Satta Samstagabend ein gut besuchtes Roots-Regular, bei dem auch Artists zum Mic greifen. Zwischendurch legt er selbst auf oder lässt z.B. Uncle Ronnie vom 8 Mile Sound an die Turntables.
Dubwise Cafe präsentiert sich offen und schafft mit dem von der Kulturaktivistin Carleene Samuels ins Leben gerufenen Soundcheck eine Brücke zu Dancehall. Der 21-jährige Ayetian liefert, gebackt von der Dub Squad Band, eine zwar kurze, dafür aber intensive High-Energie-Performance mit Punk-Attitude.
An jedem ersten und dritten Donnerstag im Monat findet in der Bar und Autowaschanlage Bamboo Splash am Barbican Square das holistische, conscious Gathering I‑Frequency statt, kuratiert von einer weiteren Kulturaktivistin, Kareece Lawrence. Das Event schließt Wellness, Essen, Literatur, Spiritualität, Brainfood, Kunst etc. mit ein – und natürlich Musik.
An diesem Abend spricht Dr. Kadamawe Knife, ebenfalls eine zentrale Figur für die Reggae Revival-Bewegung, u.a. über Rasta und Ganja. Junge, noch unbekannte Acts bekommen danach die Gelegenheit, sich einem breiten Publikum vorzustellen, bevor Rik Jam & Friends – darunter Dalwayne, Eesah und Yeza – übernehmen. Als Selector kann Rory Stonelove gewonnen werden, der gemeinsam mit Pete und mir einen Legend Award für ”Outstanding Service in Roots Reggae Music & Community” verliehen bekommt, was uns überrascht, aber auch gerührt hat.
Die Idee von I‑Frequency sei es, einen Soft Spot in der Stadt zu schaffen, an dem authentische jamaikanische Kultur auf innovative Weise erlebbar wird und ein Publikum aus allen gesellschaftlichen Schichten zusammenkommt. Genauso habe ich es im Reggae Month erlebt. Zur Zeit gibt es eine kleine Pause, bevor das Event spätestens vor dem Sommer zurückkommt.
Reggae blickt auf eine lange Geschichte zurück, das schließt mit ein, dass seine Akteure älter sind und uns irgendwann verlassen. So wie der beliebte Third Worl-Gitarrist und Cellist Stephen ”Cat” Coore, dessen Musical Tribute im Ranny Williams Centre bei vollem Haus begangen wird.
Was mit einem Drumset an die Ahnen und Vertretern der Alpha School Of Music beginnt, wird mit Acts wie Wayne Marshall, Maxi Priest, Gramps Morgan, Tarrus Riley und den Skatalites fortgeführt. Bevor die Kulturministerin Olivia ”Babsy” Grange den ”Jamaica Music Icon Award” für Cat Coore seiner Witwe Lisa Coore übergibt.
Danach treten The New Third World auf, um ihr altes Mitglied zu ehren, aber auch hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken u.a. mit Cats Sohn Shiah. Kumar Fyah, der in letzter Zeit häufig mit Third World tourt, trägt den Raging Fyah-Klassiker ”Judgement Day” vor – in einem Tiger-Pullover als Homage an Cat, der auch Johnny Tiger genannt wurde. Danach rückt noch Damian Marley an und performte die von ihm produzierte Third World-Collab ”You’re Not The Only One”. Zum Schluss gesellt sich Bruder Stephen dazu. Cat ist eh den ganzen Abend zugegen – spirituell und auf großer Leinwand mit vielen Erinnerungen an wunderbare Tage.
Von der Vergangenheit in die Zukunft mit Blick auf die Geschichte. Dafür geht es ins Skyline Levels der umtriebigen McDonald-Familie, wo Kamila ein veganes Restaurant betreibt, sich ein Studio wie Proberaum befindet und auch Konzerte oder besondere Events ihren Space haben. Letzteres gilt für die zweite Auflage von Riddim Runway, kuratiert von der jüngsten McDonald-Tochter Kadiya. Ein ambitioniertes, freshes Konzept, bei dem Fashion, Culture und Performances ineinandergreifen.

Im Zentrum drei ikonische Riddims: ”Rootsman” (Winta James), ”Joyride” (Dave Kelly), ”Diwali” (Lenky Marsden). Das Besondere: Universal, der Bruder von Chronixx, baut die Instrumentals live vor Publikum, gesanglich begleitet von Iba Mahr, Modenschauen, Inline-Skatern und Skateboardern sowie einem Feuerschlucker vor untergehender Sonne und Wunderkerzen, die im Publikum verteilt werden (Diwali ist ein mehrtägiges hinduistisches Lichterfest).
Alles sehr dynamisch. Alles baut auf allem auf und fließt ineinander. Die zweite Riddim Runway Edition endet in einer Freestyle Session mit Runkus als MC und jungen Acts wie Kxng Izem, Medisun, Dahvid Slur, Haile Celestial, Imeru Tafari und seine jüngere Schwester Tanzie.
Natürlich gab es noch zahlreiche weitere Veranstaltungen, die ich auch gerne mitgenommen hätte. Next time!
Next time!























wow — sehr gelungen — die Shorts und Fotos .. als wäre man selbst dabei 🙂
Greetings — uwe