Rider Shafique: ”Meine Erfahrung leitet meine Wahrheit”

    Gedanken über Wahrheit, Babylon und den Zustand der Welt

    Während viele Kün­stler Inter­views nutzen, um neue Veröf­fentlichun­gen oder kom­mende Pro­jek­te zu bewer­ben, nimmt Rid­er Shafique seit jeher eine andere Rolle ein. Als MC, Poet und con­scious Voice der Reggae‑, Dub‑, Bass­mu­sic- und Soundsys­tem-Kul­tur ist er bekan­nt dafür, sich mit grundle­gen­den Fra­gen zu Iden­tität, Geschichte, Macht und men­schlichem Ver­hal­ten auseinan­derzuset­zen.

    Im fol­gen­den Gespräch spricht Rid­er über eine Welt, die von Kriegen, gesellschaftlich­er Spal­tung und ein­er Flut an Infor­ma­tio­nen geprägt ist. Aus­ge­hend von seinen per­sön­lichen Erfahrun­gen statt von Ide­olo­gien teilt er seine Sicht auf Medi­en­nar­ra­tive, poli­tis­che Ver­ant­wor­tung, Baby­lon, Spir­i­tu­al­ität und die Her­aus­forderun­gen, die unsere Zeit sein­er Ansicht nach bes­tim­men.

    Text: Chris­t­ian Bautze-Boeke /// Fotos: Rid­er Shafique


    Wahrheit, Medien und Verantwortung

    Wir erleben derzeit mehrere Krisen gleichzeitig – von den Kriegen im Nahen Osten bis hin zu weltweit zunehmenden Spannungen. Wie gelingt es dir als Künstler mit einem bewussten Anspruch, all das zu verarbeiten, ohne überwältigt oder abgestumpft zu werden?

    Ich habe schon immer über diese Zeit gesprochen und wusste auch, dass wir die Ereignisse, die wir heute erleben, noch zu unseren Lebzeit­en sehen wür­den. Ich beschäftige mich inten­siv mit men­schlich­er Iden­tität, Kul­tur, Geschichte und Psy­cholo­gie. Lei­der ignori­eren die meis­ten Men­schen die Lehren der Ver­gan­gen­heit und lassen sich von aktuellen Nar­ra­tiv­en und gesellschaftlichen Kon­struk­ten leit­en. Deshalb ste­hen wir heute dort, wo wir ste­hen.

    Wir müssen ver­suchen, ein aus­ge­wo­genes Leben zu führen. Deshalb sollte der Kon­sum von sozialen Medi­en, Fil­men, Nachricht­en und Infor­ma­tio­nen genau­so bewusst erfol­gen wie unsere Ernährung. Nur so kön­nen wir ver­hin­dern, über­fordert, abges­tumpft oder falsch informiert zu wer­den. Ein­fach ist das allerd­ings nicht.

    In Zeiten wie diesen kann Schweigen schnell als Zustimmung gewertet werden. Haben Künstler deiner Meinung nach die Verantwortung, zu politischen Themen klar Stellung zu beziehen – oder liegt auch darin eine Stärke, bewusst zu entscheiden, wann man besser schweigt?

    Der Begriff ”Kün­stler” ist sehr weit gefasst. Viele Kün­stler schaf­fen Werke, um Men­schen poli­tis­che Zusam­men­hänge ver­ständlich zu machen, sich für die Men­schlichkeit einzuset­zen, den Stimm­losen eine Stimme zu geben und klar Posi­tion zu beziehen. Andere ver­fol­gen in erster Lin­ie ihren eige­nen Vorteil und sind bere­it, Men­schen in die Irre zu führen, wenn sie dadurch ihr Ziel erre­ichen. Kün­stler spiegeln die Gesellschaft wider. Ger­ade heute soll­ten wir genau darauf acht­en, wer schweigt, wer ablenkt und wer bewusst täuscht – und uns selb­st über­legen, wem wir unsere Aufmerk­samkeit schenken.

    Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Berichterstattung über Konflikte und Weltpolitik einseitig oder unvollständig ist. Wie findest du persönlich deinen Zugang zur Wahrheit – und welche Rolle spielt deine Kunst dabei, vorherrschende Narrative infrage zu stellen?

    Meine Erfahrung leit­et meine Wahrheit. Ich wurde von der Gesellschaft schon immer als ”anders” abgestem­pelt. Diese west­liche Welt hat mich mein ganzes Leben lang über meine Iden­tität und meine Geschichte bel­o­gen. Vieles davon musste ich erst wieder ver­ler­nen. Schon in jun­gen Jahren habe ich die Nar­ra­tive der Medi­en und ihre Indok­tri­na­tion durch­schaut. Ich folge den Fußstapfen jen­er großen kreativ­en Köpfe, die die Gesellschaft, ihre Insti­tu­tio­nen und ihre Sys­teme hin­ter­fragt und ihre Wahrheit in Gedicht­en, Liedern und anderen Kun­st­for­men zum Aus­druck gebracht haben.

    Spaltung, Identität und Gesellschaft

    In Europa und darüber hinaus beobachten wir einen zunehmenden Islamhass und eine wachsende gesellschaftliche Spaltung. Wo liegen aus deiner Sicht die tieferen Ursachen dieser Angst – und welchen Beitrag können Kultur und Musik leisten, um ihr entgegenzuwirken?

    Der Islam ist die am schnell­sten wach­sende Reli­gion der Welt. Der West­en gilt über­wiegend als christlich geprägt. Aus mein­er Sicht wird Islam­feindlichkeit gezielt genutzt, um dieses Wach­s­tum zu brem­sen und die Vorherrschaft des Chris­ten­tums zu sich­ern. Musik und Kul­tur kön­nen den­jeni­gen, die bere­it sind, selb­st­ständig zu denken, helfen, den Hass und die Lügen zu durch­schauen. Mein Fokus liegt auf Men­schen, die wirk­lich ler­nen wollen. Ich bin nicht hier, um jeden einzel­nen zu belehren.

    Babylon im 21. Jahrhundert

    Die Vorstellung vom ”Babylon System” gehört seit jeher zur Reggae- und Soundsystem-Kultur. Was bedeutet ”Babylon” heute für dich?

    Baby­lon ist das Sys­tem – mit all seinen Ebe­nen und Net­zw­erken aus Kor­rup­tion, Desin­for­ma­tion und Zer­störung. Es ist alles, was sich gegen die Men­schheit, die Erde, eine natür­liche Lebensweise und die Ord­nung des Aller­höch­sten richtet. Baby­lon nimmt im Laufe der Geschichte immer neue Gestal­ten an, doch seine Mis­sion bleibt dieselbe.

    Persönlichkeiten wie Donald Trump haben den politischen Diskurs weltweit verändert. Hältst du das für eine vorübergehende Entwicklung oder für einen grundlegenden Wandel?

    Es zeigt den trau­ri­gen Zus­tand, in dem wir Men­schen uns befind­en. Ich konzen­triere mich lieber auf diejeni­gen, die sich aufrichtig eine bessere Zukun­ft für die Men­schheit wün­schen. Wir wer­den jeden einzel­nen Tag ganz offen­sichtlich bel­o­gen – und trotz­dem fol­gen wir weit­er­hin blind wie Schafe.

    Zusammenbruch oder Transformation?

    Siehst du den aktuellen Zustand der Welt eher als einen Zusammenbruch, eine Transformation oder etwas völlig anderes?

    Ich sehe den gegen­wär­ti­gen Zus­tand der Welt vor allem als eine Phase mas­siv­er Ver­wirrung. Wir erleben eine Art kollek­tiv­er psy­chis­ch­er Erkrankung, in der unsere Empörung selek­tiv ist und oft auf Fehlin­for­ma­tio­nen beruht. Ich glaube, wir erleben tat­säch­lich eine Form des Zusam­men­bruchs – und diejeni­gen, die dabei ihre Macht ver­lieren, tun alles, um an den let­zten Resten davon festzuhal­ten.

    Blick nach vorn

    Was gibt dir Hoffnung, wenn du auf die Welt von heute schaust?

    Eines mein­er Lieblingsz­i­tate über Kreativ­ität stammt von Dr. Mar­tin Luther King Jr.: ”Fast immer war es eine engagierte kreative Min­der­heit, die die Welt zum Besseren verän­dert hat.” Die Musik selb­st zeigt uns, dass viele der ein­flussre­ich­sten Gen­res aus Zeit­en des Lei­dens und großer Schwierigkeit­en ent­standen sind. Wir haben immer Wege gefun­den zu über­leben – und wir wer­den das auch weit­er­hin tun.

    Was kann die Welt heute von der Soundsystem-Kultur lernen?

    Sie bringt uns auf ein­er Ebene zusam­men. Gle­ichzeit­ig verk­lären wir oft Botschaften von Liebe und Frieden, ohne die Sys­teme zu hin­ter­fra­gen, die die Men­schheit weit­er­hin zurück­hal­ten. Men­schen um ein gemein­sames Ziel zu ver­sam­meln, ist nur der Anfang. Danach liegt noch sehr viel Arbeit vor uns.

    Wenn du an die nächste Generation denkst, die in dieser Zeit aufwächst – welche Werte werden aus deiner Sicht am wichtigsten sein?

    Der Ver­gan­gen­heit zuzuhören und aus ihr zu ler­nen. Sich stärk­er auf die Botschaft als auf das Medi­um zu konzen­tri­eren. Offen zu bleiben – und bere­it zu sein, auch ein­mal falsch zu liegen. Wir brauchen einan­der mehr, als uns bewusst ist.

    Abschließende Gedanken

    Statt ein­fache Antworten zu liefern, fordert Rid­er Shafique seine Zuhör­er dazu auf, die Nar­ra­tive, die sie kon­sum­ieren, die Sys­teme, an denen sie teil­haben, und die Werte, für die sie sich entschei­den, kri­tisch zu hin­ter­fra­gen. In ein­er Zeit, die von Lärm, ver­meintlichen Gewis­sheit­en und gesellschaftlich­er Spal­tung geprägt ist, ver­ste­ht sich seine Per­spek­tive let­ztlich als Ein­ladung, neugierig, kri­tisch und miteinan­der ver­bun­den zu bleiben.


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