Gentleman: Über Gelassenheit und Gratitude


    Zwei alte weiße Män­ner kom­men beim Gespräch über das neue Album des einen von Hölzchen auf Stöckchen und reden über eine mit schwinden­dem Haaransatz wach­sende Gelassen­heit, das Wet­ter, Schoßhünd­chen, Fam­i­lie, Mal­lor­ca, kul­turelle Aneig­nung und ein Skan­dal um ein Brathäh­nchen.

    Text: Pete Lil­ly /// Fotos: Christi­na Gotz


    Er ste­ht seit 33 Jahren auf der Bühne, veröf­fentlicht seit 27 Jahren Plat­ten auf Major-Com­pa­nies. Inzwis­chen sind es elf Stu­dioal­ben, drei Live-Alben, darunter ein “MTV Unplugged”, sowie ein “Best of”. Er füllt Hallen und head­linet Fes­ti­vals. Wenn in Deutsch­land von Reg­gae die Rede ist, fällt sein Name garantiert zuerst. Und dann lange kein­er. Und auch im Aus­land bekommt er höch­ste Anerken­nung – ob in Südameri­ka, in West­afri­ka oder im Reg­gae-Mut­ter­land Jamai­ka selb­st, wo er seit “Intox­i­ca­tion”, seinem Beitrag auf dem “Drop Leaf”-Riddim von Don Cor­leon, und ein­er Live-DVD, die in den Nuller­jahren auf dem Musik­sender RETV auf Dauer­ro­ta­tion lief, zeitweise bekan­nt war wie ein bunter Hund. Als er anf­ing, war von cul­tur­al Appro­pri­a­tion noch keine Rede. Es gab nur cul­tur­al Appre­ci­a­tion, die er mit Liebe und Lei­den­schaft pflegt, seit er mit 18 zum ersten Mal die Ufer sein­er Lieblingsin­sel betrat. Wo er hinkam, war die Freude groß darüber, dass ein weißer Schlacks fast akzent­frei Patois sprach und die aktuellen Dee­jay-Styles über die ange­sagten Rid­dims kick­te. Das war lange vor Social Media und YouTube. Es hat­te noch etwas Roman­tis­ches, eine Musikart samt ihrer Kul­tur für sich zu ent­deck­en und sich über Mix­tapes und 45s zu erar­beit­en.

    Seit­dem ist viel passiert. Gen­tle­man ist zum deutschen Super­star gewor­den. Die Erwartun­gen von Plat­ten­fir­men und der Öffentlichkeit stiegen. Zwis­chen Album-Veröf­fentlichun­gen und aus­giebi­gen Touren trat er in TV-Shows wie “Sing meinen Song” auf und saß in der Jury ein­er Cast­ing-Show. Unter solchen Verpflich­tun­gen lei­det schon mal die Kreativ­ität. Er über­spielte es durch Kol­lab­o­ra­tio­nen mit deutschen Rap­pern und Pop-Stars, ver­suchte sich an der deutschen Sprache und entwick­elte eine sichere, aber vorherse­hbare Formel für seine Ver­sion von Mod­ern Roots. Und die Öffentlichkeit wurde kri­tis­ch­er. Darf man das über­haupt als weißer Mit­teleu­ropäer – Musik ein­er anderen Kul­tur spie­len? Und damit Geld ver­di­enen?

    Gen­tle­man hat den Ursprung sein­er Musik nie ver­leugnet. Er hat immer wieder mit jamaikanis­chen Artists und Pro­duzen­ten kol­la­bori­ert, hat sie als Gäste mit auf Tour genom­men und sich vor Ort ständig auf den neuesten Stand gebracht. Trotz­dem verge­ht heute kaum ein Inter­view, in dem er sich nicht zum The­ma kul­turelle Aneig­nung äußern muss. Dabei will Gen­tle­man eigentlich nur eins: Men­schen zusam­men­brin­gen, Gräben zuschüt­ten, Spal­tung über­winden, Liebe ver­bre­it­en.

    Ich habe aufge­hört zu zählen, wie oft ich Gen­tle­man seit seinem zweit­en Album “Jour­ney To Jah” inter­viewt habe. Wir kom­men aus der gle­ichen Stadt, ken­nen uns, haben Reg­gae und Dance­hall fast zeit­gle­ich ent­deckt und sie in den gle­ichen Clubs gefeiert – er meist als MC oder Dee­jay auf der Bühne bzw. hin­ter den Decks, ich im Pub­likum bzw. auf der Tanzfläche. Wir mögen uns, ver­fol­gen und schätzen gegen­seit­ig unsere Arbeit. Umso erfreuter bin ich, dass er mit seinem neuen Album “Grat­i­tude” wieder zu sich selb­st gefun­den hat. Es fol­gt ein nahezu ungekürztes Gespräch aus einem Video-Call vier Wochen vor Album-Release.

    Wo erwis­che ich dich ger­ade? Das sieht aus nach einem Stu­dio.

    Das ist bei mir hier im Stu­dio in Mal­lor­ca.

    Okay, nice. Ist da auch so heiß?

    Ja, ich glaube, näch­ste Woche wird es wieder 42 Grad oder so. Wir leben auf dem Berg und haben immer eine Breeze. Da kann man die Hitze ganz gut aushal­ten. Aber es ist schon krass. Aber in Köln ja auch.

    Zur Zeit sind es hier 35, 36 Grad, soll aber auch wieder höher gehen.

    Aber den Kli­mawan­del gibt’s nicht, ne? Das ist alles Lüge. Hirnge­spin­ste!

    (Lacht) “Grat­i­tude”! Wie fühlt es sich an, wieder kurz vor einem Album-Release zu ste­hen? Auch im Ver­gle­ich zu deinen bish­eri­gen Alben, von denen es ja schon ein paar gibt.

    Tat­säch­lich anders bei den let­zten Alben, weil… Irgend­wie, also ich würde jet­zt nicht sagen, dass ich in meine vorigen Alben kein Herzblut gesteckt hätte. Aber in “Grat­i­tude” steckt eine Menge drin. Es ist das erste Album seit langem, was ich selb­st gerne höre. Das ist immer ein gutes Zeichen. Also ich bin sehr, sehr hap­py mit dem Result und finde ein­fach jeden Song cool. Deswe­gen bin ich sehr freudig ges­timmt.

    Ich habe jet­zt keine Erwartung im Sinne von Charts und sowas. Ich glaube, der Zug ist abge­fahren. Aber das Wichtige ist ja, dass man ein Pro­dukt abgibt, wo man das Gefühl hat, okay, ich habe alles gegeben und es ist gut, so wie es ist. Egal, was dann damit passiert. Deswe­gen bin rel­a­tiv entspan­nt, aber natür­lich auch so… pos­i­tive­ly ner­vous.

    Ich hab den Ein­druck, und das passt zu dem, was du jet­zt gesagt hast, dass du das Album ein biss­chen gelassen­er ange­gan­gen bist als zulet­zt. Ich würde das nicht mit den ersten Alben ver­gle­ichen. Wenn man das zum ersten Mal macht, geht man da sich­er anders ran. Aber das war jet­zt so der Ein­druck, Gen­tle­man klingt gelassen­er, mehr bei sich…

    Bevor ich mit dem Album ange­fan­gen habe, gab es eine Phase, wo ich wirk­lich gedacht habe, es hat sich aus­ge-Gen­tle­mant, irgend­wann ist auch mal gut.

    Ich werde immer Musik machen und werde auch hier und da immer mal einen Song drop­pen, aber dieses ganze Musik­busi­ness, diese 100.000 Songs, die jeden Tag auf Spo­ti­fy erscheinen, das Social-Media-Gedöns – was man eben so braucht, um sicht­bar zu sein… Ich habe das Gefühl, ich komme da nicht mehr mit.

    es gab diesen Moment, wo ich zum ersten Mal gedacht habe, vielle­icht ist jet­zt der richtige Moment zu sagen, okay, ich trete zurück und mache vielle­icht ein Label. Wir haben auch mal mit dem Gedanken gespielt, eine Cock­tail­bar aufzu­machen oder ein kleines Guest House… Was gibt’s son­st noch außer Musik?

    Ich will nicht ver­bit­tert klin­gen, aber es gab diesen Moment, wo ich zum ersten Mal gedacht habe, vielle­icht ist jet­zt der richtige Moment zu sagen, okay, ich trete zurück und mache vielle­icht ein Label. Wir haben auch mal mit dem Gedanken gespielt, eine Cock­tail­bar aufzu­machen oder ein kleines Guest House… Was gibt’s son­st noch außer Musik?

    Die Gefahr der Wieder­hol­ung war ja schon immer da. Und als ich dann ange­fan­gen habe, wieder Musik zu machen, habe ich gemerkt, nee, das kickt alles nicht so richtig. Ich habe den Gedanken zuge­lassen, dass es irgend­wann mal so an der Zeit ist, nicht mehr in ver­raucht­en Back­stage-Räu­men abzuhän­gen.

    In dem Moment, wo ich den Gedanken zuge­lassen habe, war auf ein­mal das Gefühl da, ich habe hier ein wun­der­schönes Stu­dio, ich hab immer Bock Musik zu machen und ich mache jet­zt ein­fach mal was, ohne den Hin­tergedanken, dass es veröf­fentlicht wird.

    Und so sind eigentlich alle Songs ent­standen. Immer mit diesem Gefühl von: Ich muss das keinem vor­spie­len. Und weg von dem: Wie kommt der Song bei wem wo an und was machst du jet­zt hier falsch und so – son­dern ein­fach so Musik machen, weißt du, wie es eigentlich auch ange­fan­gen hat, weil das ist ja das, was dich mit dir selb­st in Ein­klang bringt.

    Es geht um dieses Gänse­haut-Feel­ing, dass man hat, wenn man einen Song geschrieben und aufgenom­men hat. Und nicht darum: Komm ich noch mit? Das war der Anfang von “Grat­i­tude”, also Dankbarkeit auch im Sinne von: Ey krass, da ist immer noch ganz viel, was ich musikalisch aus­drück­en will. Ohne im Hin­terkopf zu haben, ob das Ding jet­zt hoch chartet oder ob das anerkan­nt wird, son­dern ein­fach so für mich.

    Ich glaube, das ist das, was du meinst. Deswe­gen war diese Gelassen­heit da, im Sinne von: There’s noth­ing to prove. Ich kön­nte mir niemals vorstellen, keine Songs mehr zu machen. Aber dieser ganze Zirkus und dieses Mithal­ten müssen und so, das ist irgend­wann abge­fall­en. Ich hab mich da lock­er gemacht und gesagt, it is how it is, so.

    In dem Pres­se­in­fo zu dem Album, das in der Ich-Per­spek­tive geschrieben ist, wird ein­er Art Zäsur angedeutet, wo du deine Kar­riere hin­ter­fragt hast. Was hat dazu geführt? Ist das ein­fach so eine Ent­nervtheit von gewis­sen Struk­turen, in denen man steckt? Oder kom­men da auch per­sön­liche Sachen dazu? Ich kann mich erin­nern, dass du irgend­wann gesund­heitliche Prob­leme hat­test. Sowas bringt einen ja auch in die Lage, dass man innehält und Dinge hin­ter­fragt.

    Ich habe ja schon die Gefahr der Wieder­hol­ung ange­sprochen. Dass nach zwölf Alben und 30 Jahren im Music Busi­ness der Gedanke aufkommt: Okay, das ken­nt man jet­zt schon.
    Gesund­heitlich war es bei mir so, dass ich mit Alborosie auf Südameri­ka-Tour gehen wollte und die ganze Zeit schon Rück­en-Hus­tle hat­te. Und dann irgend­wann hat es so ein Lev­el erre­icht, wo ich mor­gens aufs Klo wollte und weggeknickt bin, weil ich meine Beine nicht mehr gespürt habe. Die Schmerzen waren so krass, dass ich weinen musste. Das war so Notarzt-Lev­el. Es war klar: Ohne OP geht es nicht mehr. Eine Infek­tion hat gegen die unteren Wirbel gedrückt, der Ner­ven­strang war schon fast durch. Ich hätte quer­schnitts­gelähmt sein kön­nen.

    Nach der OP war der Schmerz weg. Das war auch so eine Grat­i­tude, dass diese Sachen, die wir immer als selb­stver­ständlich nehmen, eben nicht selb­stver­ständlich sind. Wenn wir krank sind, haben wir nur einen Wun­sch. Wenn wir gesund sind, haben wir tausend Wün­sche. Aber das war nicht die Antwort auf deine Frage.

    Die Frage war, was die Reflex­ion aus­löst, die auf solche Prob­leme fol­gt, dass man sagt, ich mach mich jet­zt frei von Erwartun­gen, von…

    Ich glaub, das ist ein dynamis­ch­er Prozess. Das ist nichts, was man entschei­det, son­dern das passiert ein­fach. Irgend­wann merkst du, du kannst nicht die ganze Zeit gegen deine innere Stimme ankämpfen. Du merkst ein­fach: Die Luft ist raus.

    Im Grunde war es Claye, der den prä­gen­den Satz gesagt hat: Let’s have fun again! Lass uns ein­fach ins Stu­dio gehen und Mucke machen – ohne Release-Date. Und dann sind super coole Sachen ent­standen.

    Mit dem Hin­tergedanken, dass man nie­man­den etwas vor­spie­len muss. In die Vocal Booth zu gehen und einen Song einzusin­gen, ohne das Gefühl zu haben: Kann ich das so sagen, wie kommt das bei wem, wo, wann, wie an? Das hat unglaublich geholfen. Dass es eben nichts zu beweisen gibt. Ich bin ja hap­py mit mir. Mit den let­zten 30 Jahren.

    Ich muss ja gar nicht mehr mithal­ten mit den ganzen Youths. Son­dern ein­fach Musik machen, weil es sich gut anfühlt und weil es immer noch Sachen gibt, die ich musikalisch und lyri­cal­ly man­i­festieren will. Ver­stehst du das?

    Ja, voll. Bei den 17 Songs von “Grat­i­tude” ist mir auch aufge­fall­en ist, dass das Song­writ­ing echt nochmal gut gewach­sen ist.

    Ja, find ich auch.

    Ich fand, dass es vorher so eine Art Gen­tle­man-Formel gab, wo man sagt, okay, es ist ein typ­is­ch­er Gen­tle­man-Song. Aber jet­zt gibt es viele Songs, die sich von dieser Formel lösen und dadurch frisch­er klin­gen. Also ”Lion”, ”Uni­ty”, “Nah Wor­ry” auf dem “Hill And Gul­ly”, “What If” mit Queen Omega oder der let­zte Song, ”When The Sun Goes Down”.

    Ach so, ja, ”When The Sun Goes Down” ist mein Lieblingssong, der liegt mir sehr am Herzen. Irgend­wann war ich auf ein­mal voll auf Coun­try! Das fing ja eigentlich mit Tra­cy Chap­man in den 80ern an, dass Coun­try lyri­cal­ly und von den Melo­di­en unfass­bar viel zu geben hat…

    Ich hat­te gewisse Ideen und wusste genau, was ich sagen will, und bin mit Claye ins Stu­dio. Und auf ein­mal haben wir so ein paar Akko­rde auf der Gitarre gespielt, das war ein­fach so da. Den Song müssen wir eigentlich auch nochmal als Sin­gle raushauen.

    Nee, aber der ganze Album-Prozess, auch das Schreiben in diesem kleinen Team, also mit Claye und Kee­ley (Keely Ben­nett)… Das Gefühl, Sachen ein­fach zuzu­lassen und mit nie­man­dem mithal­ten zu müssen, zieht sich wie ein rot­er Faden durch. Auch eine gewisse Ver­let­zbarkeit zuzu­lassen. Das hat es leichter gemacht. Das war vorher oft anders. Da wollte ich anderen oft gefall­en.

    Stich­wort Vul­ner­a­bil­i­ty. Ich hat­te das Gefühl, dass die neuen Songs ein biss­chen per­sön­lich­er sind als bish­er. Also Songs wie ”Same Strug­gle”, ”What If” vielle­icht, auch ”When The Sun Goes Down”…

    Es ist schön, wenn man da immer noch eine Entwick­lung sehen kann. Aber wie gesagt, ich ste­he hin­ter jedem Pro­dukt, was ich gemacht habe, hin­ter jedem Song. Es gibt nichts, wofür ich mich schä­men müsste.

    Ich höre diese Songs, meine eige­nen Songs unglaublich gerne und das war vorher nicht immer der Fall. Das war so die Mess­lat­te, dass wir gesagt haben, jed­er Song muss irgend­wie eine Con­nec­tion mit mir haben.

    Aber es ist tat­säch­lich so mit diesem Album. Ich höre diese Songs, meine eige­nen Songs unglaublich gerne und das war vorher nicht immer der Fall. Das war so die Mess­lat­te, dass wir gesagt haben, jed­er Song muss irgend­wie eine Con­nec­tion mit mir haben. Es gab 40 Demos und davon haben es 17 auf das Album geschafft. Es gab einen unglaublichen Input. Mit diesem Gefühl von Leichtigkeit, von ”ein­fach mal machen”. Es gibt noch so viel zu erzählen. Es gibt noch so viele For­men, in die man einen Song pressen kann. Das ist noch längst nicht vor­bei. Das war der Vibe.

    Es gab auch Alben, wo ich das Gefühl hat­te: In drei Monat­en ist Release Date und ich habe erst sechs Songs und ich muss jet­zt was raus­pressen. Und das war jet­zt ganz anders, die Arbeitsweise war ultra entspan­nt. Das hat sich sehr gesund ange­fühlt.

    Du hast schon ein paar Namen genan­nt, Claye, Kee­ley… Ich weiß, dass Don Cor­leon beteiligt war. Ein Song ist von Di Genius. Jopez (Jug­glerz) war dabei. Wie war der Pro­duk­tion­sprozess? Lief das alles online, dass ihr euch Sachen hin- und hergeschickt habt, oder wart ihr zusam­men im Stu­dio?

    Nee, nee, wir waren schon hier im Stu­dio. Ich bin nicht so der Hin-und-her­schick­er. Mit Cor­leon war es so, dass er mir in ein­er Nacht über 20 Rid­dims geschickt hat, von denen ich 17 mega geil fand. Das war zu einem Zeit­punkt, als bei Claye pri­vat etwas passiert ist und er raus musste. Da dachte ich, ich mache das Album mit Cor­leon.

    Dann ist Claye aber wieder zurück­gekom­men und wir haben zusam­men hier im Stu­dio Rid­dims gebaut, Songs geschrieben… Jopez war der, ich sag mal, Co-Pro­duc­er, was Vocal Sounds und Arrange­ments ange­ht. Der hat eine unglaubliche Exper­tise.

    Irgend­wann hat­ten wir dieses Luxu­s­prob­lem: Das ist alles geil, wir kön­nen aber nicht 30 Songs aufs Album pack­en. Es gab auf ein­mal diesen Flow, diesen Mag­ic Moment, wo alles, was wir gemacht haben, cool war. Jopez hat den ”Unity”-Song gemacht, der Rest ist von Claye und Cor­leon pro­duziert.

    Am über­raschend­sten fand ich ”Nah Wor­ry”, ein­fach weil der “Hill & Gul­ly” so ein Hit-Rid­dim ist. Hast du den Rid­dim gehört und gesagt, den muss ich unbe­d­ingt fürs Album haben?

    Nee, das war wie beim “WYFL”-Riddim. Ich dachte: Okay, ich hab ger­ade Vibes, ich kick da ein­fach mal was drauf. Das war eher spon­tan. Und dann wollte ich aber auch inter­na­tion­al wieder so ein biss­chen angreifen. Auf dem “WYFL” ich habe ein­fach so 16 Bars gemacht, das hat schon so eine Welle aus­gelöst, wo auf ein­mal Feed­back kam, wie ich es schon lange nicht mehr gehabt habe. Und dann kam der “Hill & Gul­ly” und ich hab den sofort gefühlt. Das Album war da eigentlich schon durch. Ich hab dann auch da mal so 16 Bars gekickt. Stephen hat mir dafür ein Like gegeben und eine DM geschrieben: Let’s do the whole song. Das lief alles sehr natür­lich und ja, ich finde, es ist der krass­es­te Rid­dim seit langem.

    Der ist auf jeden Fall fett. Obwohl ich war let­ztes Woch­enende beim Reg­gae Jam und egal wer wo wann aufgelegt hat, es lief garantiert „Hill & Gul­ly. Man wird des Rid­dims dann leicht über­drüs­sig, so wie damals beim “Divali”.

    Oder früher “Punaany” und “Sleng Teng”. Aber das ist ja irgend­wie auch die Cul­ture. Hast du das Hüh­nchen beim Reg­gae Jam gese­hen? Es hat schon wehge­tan zu sehen, was das aus­gelöst hat.

    Nach der Eröff­nungspar­ty in der Dance­hall-Area des Fes­ti­vals ging ein Video viral, in dem hin­ter zwei weißen Selec­tors eine vier Meter hohe Papp­maschee-Instal­la­tion ein­er gesicht­slosen Schwarzen Tänz­erin im Kopf­s­tand mit einem volu­minösen Bat­ty in knappem Jeans-Short zu sehen war. Mit den spin­deldür­ren, zu kurz ger­ate­nen Beinen wirkt sie eher wie ein Brathäh­nchen – daher der Begriff Chick­en­gate. An den Beinen hat­te die Fig­ur Strip­pen, mit denen man die Poback­en bewe­gen kon­nte. Vor der Bühne ein Schild mit der Auf­schrift ”Women At Twerk”, was dem Ganzen den Anstrich eines lusti­gen Dance­hall-Spaßes geben sollte.

    In ras­an­tem Tem­po melde­ten sich weltweit beson­ders Frauen zu Wort. Ihnen stieß die sex­u­al­isierte und auf Stereo­type aus der Kolo­nialzeit reduzierte Darstel­lung ein­er Schwarzen Tänz­erin von und für vornehm­lich weiße Män­ner auf. Das inzwis­chen gelöschte Video wurde bis zum näch­sten Mor­gen Hun­derte Male kom­men­tiert. Das Fes­ti­val reagiert emit einem Entschuldigungsstate­ment und ließ die frag­würdi­ge Büh­nen­deko­ra­tion abbauen.

    Ja, tut mir leid für Sher­iff (Ver­anstal­ter des Reg­gae Jam), dass der so einen Shit­storm erleben musste. Aber ich muss auch sagen, das hätte man ver­mei­den kön­nen.

    Ich hab das Video auf Ins­ta gese­hen, bevor sich die jamaikanis­chen Medi­en darauf gestürzt haben, und dachte so: Boah, das ist nicht cool. Ich glaube, der Gedanke dahin­ter war nicht böse, aber wie das Video rüberkam und so… Das war nicht geil. Und dann kamen am näch­sten Tag die Reak­tio­nen. Wenn das bei einem Dance in Kingston gewe­sen wäre, hätte das einen anderen Vibe gehabt.

    Man muss als Weißer eben vor­sichtig sein, wie man schwarze Men­schen darstellt.

    Was heißt vor­sichtig? Ich glaube, es geht um Sense, Com­mon Sense – entwed­er man hat ihn oder nicht. Die haben es ja dann run­tergenom­men. Aber was das aus­gelöst hat, die Debat­te, die danach kam… Krasse Spal­tung. Das hat mich schon trau­rig gemacht. Dieses Image von Ger­many, one of the biggest Reg­gae Fes­ti­vals… that’s the vibe. Das hat ja in dieser Social-Media-Zeit nochmal eine ganz andere Dynamik als früher.

    Ja klar, dass das so explodiert, hätte ich auch nicht gedacht. Aber dass das nicht klar geht, das hat man sofort gespürt und das haben auch viele vor Ort gesagt. Bei Ins­ta gabs dann aber auch Kom­mentare wie “Ist doch gar nicht so schlimm“, „Warum entschuldigen die sich dafür?“, „Warum nehmen die das runter?”. Aber das ist im Moment so ein biss­chen der Vibe, hab ich das Gefühl, dass alles, was irgend­wie als “woke” gilt – also nicht ras­sis­tisch zu sein, nicht sex­is­tisch zu sein – für viele ein rotes Tuch ist. Diese Markus-Söder‑, diese AFD-Denkweise: „Ich lass mir da nicht reinre­den. Die wollen mir was madig machen, was weg­nehmen, woran ich mich gewöh­nt hab, was für mich nor­mal ist.” Statt sich ein­fach mal selb­st zu hin­ter­fra­gen.

    Aber hey, ich würde eigentlich lieber über ”Grat­i­tude” reden als über Chick­en­gate.

    (Ein klein­er Hund springt auf Gen­tle­mans Schoß) Das ist der Bruno (lacht). Er ist ein Ter­ror­ist, man kann ihn aber eigentlich nur lieb haben. Der ist voll auf Tami­ka (Gen­tle­mans Frau) fix­iert und wartet die ganze Zeit, dass sie wiederkommt.

    Ich hätte gedacht, das ist der Hund dein­er Tochter.

    Ja, das war das Druck­mit­tel, um nach Mal­lor­ca zu ziehen. (Singt) “Ooooh it’s a lion!”

    Genau, lass über “Lion” reden. Das Album fängt mit dem Song und der Zeile an, ”What is life with­out pur­pose?” Das knallt erst­mal rein, dass man direkt denkt: Pur­pose, wo ste­he ich eigentlich? Das macht direkt was mit einem.

    Das war genau der Ansatz, dass die Leute das genau­so sehen. Ich habe bei jedem Song darauf geachtet, dass die erste Line knallt. Bei der kurzen Aufmerk­samkeitss­panne heute ist das ultra wichtig. Wenn du das auch so wahrn­immst, dann hat es wohl funk­tion­iert.

    Was ist die Pur­pose, was ist die Moti­va­tion, warum machen wir das, was wir tun? Das sind ganz essen­tielle Fra­gen, die bei ”Lion” zusam­menkom­men. Am Ende des Tages geht es bei dem Song um dieses Staunen, darum, dass da was ist, was viel größer ist als wir. Also lass uns ein biss­chen lock­er machen, lass uns unser­er eige­nen Vergänglichkeit bewusst wer­den.

    Ob du jet­zt an Gott glaub­st oder nicht, Fakt ist, dass wir irgend­wann hier abhauen. Ich bin jet­zt 52 und wenn ich 82 wer­den sollte, dann habe ich noch 30 Som­mer. 80 Jahre sind unge­fähr 4.000 Wochen. Der Gedanke ist erst­mal schock­ierend, dass es über­mor­gen vor­bei sein kann. Aber das führt dazu, dass du deine Zeit nicht mit Leuten ver­bringst, auf die du keinen Bock hast. Und keine Sachen machst, die du nicht machen willst.

    Das ist die Essenz von ”Lion”: Ich bin ehrlich zu mir selb­st und ich kann weit­er staunen und ich muss nicht alles erk­lären und ich muss auch mit 52 nicht mehr alles ver­ste­hen müssen. Das tut auch gut.

    Die Melekú-Kol­lab ”I’ll Be There” fand ich auch sehr inter­es­sant. Ich weiß ja, dass du ein großer Siz­zla-Fan bist. Dass du dann mit dessen Sohn eine Com­bi­na­tion machst… Melekú singt so schön wie Siz­zla zu seinen besten Zeit­en. Wie ist die Zusam­me­nar­beit zus­tande gekom­men? Hast du dir gedacht, auf den Song muss unbe­d­ingt Melekú mit drauf?

    Ja, das war wirk­lich so. Der ”Finally”-Riddim ist ja auch auf dem Album – ”Watch Over Me”. Dadurch bin ich ja vor ein paar Jahren wieder mit Cor­leon in Kon­takt gekom­men – er hat eine Rid­dim Selec­tion gemacht und wollte mich unbe­d­ingt dabei haben. Melekú war eben­falls auf dem Rid­dim vertreten. Sein Tune ist mein Favorite darauf, der Typ ist so krass, Mann. Ich hab dann Cor­leon gefragt: Hey, lass doch eine Kol­labo machen! Und Melekú war sofort am Start. Er hat unfass­bare Melo­di­en, und wie er switcht von sein­er nor­malen Stimme zu so ein­er Kopf­s­timme… Ich hab ihm gesagt, ich würde den Song gern mit ihm machen und dann hat er inner­halb von vier Stun­den was zurück­geschickt und es war mega. Allein sein Tim­bre, das er von seinem Vater geerbt hat – das ist krass, dass man das so raus hört.

    Ich glaube, dass ich mit zunehmen­dem Alter immer mehr schnalle, gelassen­er zu wer­den. Entwed­er man wird gelassen­er oder man wird ver­bit­tert. Ganz wichtig dabei ist das Umfeld. Ich definiere mich ja nicht nur über Gen­tle­man, weißt du? Das ist halt ein Feld in meinem Leben. Es gibt aber noch ganz viele andere Felder.

    Über”Nah Wor­ry” haben wir ja schon kurz gesprochen. Ich finde, in dem Song kommt auch diese Gelassen­heit rüber. Das steckt auch im Titel, wie man mit dem Leben und den Chal­lenges umge­ht, die sich einem so stellen.

    Ich glaube, dass ich mit zunehmen­dem Alter immer mehr schnalle, gelassen­er zu wer­den. Entwed­er man wird gelassen­er oder man wird ver­bit­tert. Ganz wichtig dabei ist das Umfeld. Ich definiere mich ja nicht nur über Gen­tle­man, weißt du? Das ist halt ein Feld in meinem Leben. Es gibt aber noch ganz viele andere Felder. Also dieses Fam­i­lien­vater-Ding, da bin ich kom­plett raus aus dieser Musik­blase. Das macht bes­timmt 80 Prozent meines Lebens aus.

    Deswe­gen ist es nicht so schlimm, wenn auf diesem einen Feld etwas mal nicht so passiert, wie man es sich vorgestellt hat. Da werde ich sicher­lich gelassen­er. Natür­lich gibt es immer wieder Momente, wo ich das Gefühl habe, ich schnall gar nix, ich war irgend­wie vor zehn Jahren viel weis­er. Aber Gelassen­heit im Sinne von nichts mehr beweisen zu müssen und wirk­lich auf die innere Stimme zu hören, das hat sich durch das ganze Album gezo­gen . Ich finde es schön, dass du das auch so gese­hen hast.

    Inter­es­sant an “Nah Wor­ry” ist auch, dass du der Einzige mit einem con­scious Song auf der Selec­tion bist. Alles anderen ist ja Slack­ness galore.

    “Nah Wor­ry” war von der ersten Stro­phe an Gänse­haut-Vibe. It’s the flow, der Rid­dim macht alles von alleine, ich musste ein­fach nur meinen Vibe dadrauf pack­en. Das war so ohne Gedanke, ohne zu über­legen: Oh Gott, wie kann ich das sagen? Das war ein­fach… im pos­i­tiv­en Sinne sehr leicht.

    Ich hab nichts gegen Slack­ness, aber ich hab selb­st noch nie einen slack­en Song gemacht. Und mir war es wichtig, auch jet­zt nicht slack zu sein.

    Ein ander­er zen­traler Song auf “Grat­i­tude” ist die Queen-Omega-Com­bi­na­tion “What If”. Ich habe zwar die Lyrics nicht vor mir, aber Zeilen wie “What if wrong is the right and mediocre is great” scheinen mir auf etwas Poli­tis­ches im weitesten Sinne, auf die all­ge­meine Welt­lage anzus­pie­len. Hab ich das richtig ver­standen?

    Bei ”What If” ste­ht jede Zeile für sich. Es geht um die Vorstel­lungskraft, Dinge mal anders zu denken, die Per­spek­tive zu ändern. Die Inspi­ra­tion dazu kam von dem Film ”Club der Toten Dichter”, wo Robin Williams auf den Tisch steigt, um die Per­spek­tive zu wech­seln: Was ist, wenn wir die Dinge ein­fach mal anders sehen? Sowas wie der Spruch, der früher an jed­er Hauswand stand: ”Stell dir vor, es ist Krieg und kein­er geht hin.”

    Ein ander­er Song, bei dem ich denke, da steckt richtig was drin, ist ”Same Strug­gle” mit Richie Camp­bell. Den fand ich sehr inter­es­sant, weil der auch deine eigene und Richies Lage als Artist beschreibt, wo ihr als Artists ste­ht, dass ihr zwar den Strug­gle von den Anfän­gen hin­ter euch gelassen habt, es irgend­wie schaf­fen zu wollen, ihr aber trotz­dem noch eure Kämpfe zu kämpfen habt.

    Ich glaube, wir kom­men viel mehr zusam­men, wenn wir uns bewusst machen, dass jed­er sein Kreuz zu tra­gen hat und jed­er seine eigene Geschichte hat.

    Ich bin ein Mid­dle Class Dude aus Deutsch­land, aber ich hab trotz­dem meinen Strug­gle. Und jemand, der in Water­house aufgewach­sen ist, der hat einen anderen Strug­gle. “The same strug­gle, but dif­fer­ent streets.” Das verbindende Ele­ment ist die Chal­lenge, die wir beste­hen müssen.

    Wir mögen kom­plett ver­schiedene Geschicht­en haben, kom­plett anders aufgewach­sen sein und trotz­dem ken­nt jed­er das Gefühl von Strug­gle und von Zweifel, von lost sein. Am Ende des Tages geht es bei dem Song darum, dass das, was uns verbindet, stärk­er ist als das, was uns tren­nt.

    Oft ist es ja so, man macht einen Song und über­legt erst nach­her, was sagt der Song eigentlich? Das kommt ja nicht in der Entste­hung, son­dern erst später, auch wenn man zum Beispiel in Inter­views danach gefragt wird. Das ist dann das erste Mal, wo man sich so richtig Gedanken darüber macht, um was geht’s eigentlich in dem Song?

    We make it out of a vibe, so, weißt du? Wir hören einen Rid­dim und fan­gen an zu schreiben und fan­gen an zu boun­cen und auf ein­mal entste­ht etwas. Ohne dass wir uns darüber Gedanken machen, was wir eigentlich ver­mit­teln wollen. Und trotz­dem hat der Song natür­lich eine Mes­sage.

    Das The­ma kul­turelle Aneig­nung kommt mit­tler­weile in fast jedem Inter­view vor. Ich habe das Gefühl, irgend­wann ist es sich auch mal aus­geaneignet.

    Und dann gibt es immer Leute, die so einen Song ganz anders inter­pretieren und es hat trotz­dem eine Wahrheit. ”Dem Gone”, ”Supe­ri­or” – wie viele Leute haben die kom­plett anders inter­pretiert? Das mag nicht so gemeint gewe­sen sein, aber es macht trotz­dem Sinn. Das ist ja das Schöne, Musik find­et auf so vie­len Ebe­nen statt.

    Ja, wenn so ein Song ein Eigen­leben in den Köpfen der Leute entwick­elt. Was mir spon­tan noch dazu ein­fällt, weil ich von Richie Camp­bell auch weiß, dass er sich viele Gedanken über seine Rolle als europäis­ch­er Reg­gae-Artist macht – Stich­wort kul­turelle Aneig­nung. Also dass der Song vielle­icht auch eine Erk­lärung sein kön­nte: Wir haben zwar einen anderen Back­ground, aber wir haben, wie du ger­ade sagtest, eben auch unser Päckchen zu tra­gen. Ist das zu weit herge­holt?

    Aber was ist jet­zt genau die Frage?

    Ob “Same Strug­gle” auch eine Auseinan­der­set­zung mit dem lei­di­gen The­ma kul­turelle Aneig­nung ist.

    Ja, natür­lich, solche Vor­würfe kön­nen einen kom­plett aus der Bahn wer­fen. Wie bei dem Reg­gae-Jam-Ding. Da sind zwei weiße Men­schen, der Pete Lil­ly und die Ellen Köh­lings, und die machen ein Reg­gae-Mag­a­zin und ver­di­enen damit Geld.

    Tun wir nicht (lacht).

    Natür­lich, das weiß ich ja. Aber in der Außen­wahrnehmung ist RIDDIM das erfol­gre­ich­ste Reg­gae-Mag­a­zin und es wird von zwei Weißen gemacht. Oder es gibt ein Fes­ti­val, Sum­mer­jam, Reg­gae Jam, das wird von Weißen gemacht. Ich habe irgend­wann aufge­hört, mir darüber den Kopf zu zer­brechen.

    Wenn nicht die Moti­va­tion aus Jamai­ka und aus Afri­ka und aus Mit­te­lameri­ka und aus ganz vie­len Orten der Welt wäre, wenn mir Leute nicht das Gefühl geben wür­den: Ey, wir feiern das, was du machst, wir lieben das und es gibt uns Kraft, dann hätte ich da echt Prob­leme mit.

    Das The­ma kul­turelle Aneig­nung kommt mit­tler­weile in fast jedem Inter­view vor. Ich habe das Gefühl, irgend­wann ist es sich auch mal aus­geaneignet. Ich komm dann immer mit dem Beispiel ”Intox­i­ca­tion”, dass der Song in Jamai­ka ein mega Hit wurde, ohne dass jemand wusste, wer der Typ ist.

    Ver­ste­he mich nicht falsch, ich will dir keine kul­turelle Aneig­nung vor­w­er­fen. Dazu kenne ich dich lange genug und ich weiß, wie du die Kul­tur…

    Nee, das meine ich auch nicht so, aber weil du ger­ade fragtest wegen Richie Camp­bell und dass das bei ihm was macht. Bei mir macht das auch immer wieder was. Jet­zt ger­ade auch wieder bei der Geschichte mit dem Reg­gae Jam. Das hat mir echt wehge­tan, weil es jet­zt wieder so eine ultra Spal­tung gibt beim The­ma Black and White.

    Ich lass das aber tat­säch­lich nicht so an mich ran. Also ich merke, wenn ich einen Song füh­le und wenn ich auf die Bühne gehe und ich das wirk­lich so meine, dann ist alles gut. Alles andere liegt nicht in mein­er Hand. Solche Debat­ten kom­men und gehen, weißt du?

    Aber am Ende des Tages glaube ich, entwed­er du meinst, was du tust, oder nicht. Entwed­er du machst es mit Liebe und Lei­den­schaft oder du hast ein ulte­ri­or Motive dahin­ter, dass du damit Geld ver­di­enen und irgendwen aus­beuten willst.

    Ich glaub, bei Richie war das vorher noch nicht so. Ich bin da ja schon ein paar Mal durchge­gan­gen. Er war ja für die Doku auch hier bei mir in Mal­lor­ca und wir haben offen darüber gere­det. Bei ihm war es das erste Mal, dass er im Zuge der Social-Media-Dynamik so richtig damit kon­fron­tiert wurde. Komis­cher­weise immer von Leuten, die nicht so am Puls der Zeit sind oder die nicht in Jamai­ka sind. In Jamai­ka hat er ultra viel Liebe bekom­men und in seinem Heimat­land, in Por­tu­gal, kam auf ein­mal dieser Vor­wurf. Das ist ja das Para­doxe, aus welch­er Ecke das eigentlich kommt. Und da sind wir wieder bei Appre­ci­a­tion oder Appro­pri­a­tion. Aber so ein Huhn ist da nicht sehr hil­fre­ich. Dieses Huhn, Mann!

    Um mal wieder auf “Grat­i­tude” zurück­zukom­men: Gibt es Songs, die dir beson­ders am Herzen liegen?

    Du willst wis­sen, welch­es Kind ist mein Lieblingskind ist? Das ist ganz schwierig zu beant­worten. Ich sag jet­zt mal all­ge­mein, das Album liegt mir sehr am Herzen. Und jed­er Song… Ich hab jeden Song wirk­lich so gemeint. Wie heißt der let­zte Song, nochmal die Bal­lade?

    ”When The Sun Goes Down”.

    Haben wir darüber schon gesprochen oder war das im Inter­view davor?

    Nee, wir haben kurz darüber gesprochen.

    Achso, ja, der liegt mir sehr am Herzen. Aber auch ”Friends” mit Col­lie Bud­dz. Das wird wahrschein­lich die näch­ste Sin­gle-Auskop­plung. Das habe ich jet­zt auch in meinem engeren Kreis mit­gekriegt, dass man auf ein­mal einen Weg ein­schlägt, der nicht der Weg von deinem Bre­dren ist.

    Es ist eine bit­tere Erken­nt­nis: Wir hat­ten eine Ver­gan­gen­heit zusam­men, aber heißt das auch, dass wir eine Zukun­ft haben, wenn in der Gegen­wart alles nur darauf beruht, dass wir in der Ver­gan­gen­heit etwas Gemein­sames hat­ten. Also ”Friends” mit Col­lie Bud­dz, wenn du mich so fragst.

    Aber ich habe zu jedem Song eine Verbindung. Ich kann jeden Song kom­plett unter­stre­ichen und per­for­men – wirk­lich jeden Song.

    Du hast vorhin von den ver­schiede­nen Aspek­ten gesprochen, die dich definieren. Wie bekommst du die ver­schiede­nen Aspek­te in Ein­klang miteinan­der? Also deine Rolle als Fam­i­lien­vater mit der des Kün­stlers? Als Back­ground­sän­gerin ist deine Frau Tami­ka natür­lich immer ganz nah dran an deinem Kün­stler­da­sein.

    Wir haben ja das Glück, also Tami­ka, Char­lie und ich, dass wir, wenn wir auf Tour gehen, ich mein Zuhause immer mit dabei habe. Die anderen in der Band haben auch alle Kinder, von denen sie während der Tour getren­nt sind. Es ist ein absolutes Geschenk, das Zuhause mit dabei zu haben. Ähm… Wie war die Frage?

    Wie du Fam­i­lie und Kün­stler­sein zusam­men­bringst…

    Jet­zt während der Fes­ti­valzeit pack­en wir don­ner­stags unsere Sachen, fre­itags fahren wir irgend­wo hin, sam­stags, son­ntags Konz­ert und dann sind wir mon­tags, dien­stags wieder hier. Von Dien­stag bis Don­ner­stag geht es nicht um Gen­tle­man, son­dern so, ne? Wir haben hier einen Rhyth­mus…

    Mein Fre­un­deskreis, also mein soziales Umfeld beste­ht nur zu ein oder zwei Prozent aus Leuten aus dem Music-Busi­ness. Es ist ganz gesund, dass man nicht nur in diesem Ding steckt und ständig Ver­gle­iche zieht. Es geht eher darum: Wie sind die Tomat­en gewach­sen? Wo holen wir das Fleisch für den Bar­be­cue-Abend? Ganz ein­fache Sachen.

    Ich bin ein krass­er Fam­i­lien­men­sch. Das ist der Ort, wo ich mich am wohlsten füh­le. Wenn ich mit meinen Kids, mit mein­er Frau zusam­men bin oder wenn meine Eltern kom­men oder meine Geschwis­ter hier sind – da hat Gen­tle­man nichts zu suchen. Da wird mal kurz gefragt, wie war die let­zte Tour, und das war’s dann.

    Und dann kann ich aber auch wieder so in dieses Ding ein­tauchen und mach das auch gerne und mit Lei­den­schaft. Aber wenn ich nur in diesem Ding drin wäre und nur ver­gle­ichen würde, dann, glaube ich, würde ich nicht klarkom­men. Ich glaub, daran zer­brechen auch viele Artists.

    Ja, das kann ich mir vorstellen. Noch eine eher per­sön­liche Frage: Als ich dich das let­zte Mal zu “Mad Word” inter­viewt habe, hat­test du dir ger­ade erst eine Base in Mal­lor­ca geschaf­fen. Inzwis­chen seid ihr fünf Jahre dort.

    Vor fünf Jahren gab es diese Ahrtalflut.

    Genau, ich erin­nere mich, dass euch die Bude abge­sof­fen ist und…

    Genau, ihr wart ja auch mal bei uns in Köln. Die ganze untere Etage stand kom­plett unter Wass­er. Aber die Ver­sicherung hat zum Glück gegrif­f­en. Die haben gesagt, es dauert anderthalb bis zwei Jahre, bis das Haus wieder bewohn­bar ist. Die hät­ten uns ein Hotelz­im­mer bezahlt, aber ich dachte, zwei Jahre in einem Hotelz­im­mer, da werde ich depri. Wir mieten uns jet­zt lieber irgend­wo ein Haus.

    Dann haben wir Fre­unde hier in Mal­lor­ca besucht und auf ein­mal war es so, warte mal, ich kann von hier zu den Konz­erten fliegen. Hier hab ich immer jeden Abend einen Son­nenun­ter­gang, einen Ster­nen­him­mel, wir fahren mit dem Boot raus und schnorcheln und ich bringe einen Fisch mit…

    Ich lieb den Chlod­wig­platz noch immer, aber eben nicht jeden Tag. Deswe­gen dann: Okay, wir machen das jet­zt. Wir bauen uns hier was auf.

    Früher kon­nte ich nicht aufs Klo gehen ohne Walk­man, weißt du? Und mit­tler­weile brauch ich ganz viel Stille. Also ich bin nicht der Typ, der nach Hause kommt und den Sound anmacht. Ich höre Musik im Auto.

    Wir haben damals uns in Hawaii ver­liebt und woll­ten sog­ar dahinziehen. Wir waren mal drei Monate da und haben gedacht, okay, irgend­wann hat es sich aus­gedeutscht und wir wollen woan­ders hin. Wir wollen dahin, wo es ein Meer gibt, wo es Berge gibt und wo es Natur gibt.

    Aber dann wurde natür­lich schnell klar, bei zwölf Stun­den Zeitun­ter­schied bin ich kom­plett raus. Von Mal­lor­ca nach Deutsch­land zu fliegen ist wie mit dem Zug von Köln nach Dort­mund zu fahren.

    Was ich eigentlich fra­gen wollte, wie ist das jet­zt für euch auf Mal­lor­ca? Ihr seid da jet­zt geset­telt, deine Tochter geht dort zur Schule. Kannst du beschreiben, wie das Leben dort für euch ist?

    Es ist sehr ruhig, sehr land­wirtschaftlich. Wir haben Pferde und Hüh­n­er und zwei Hunde und zwei Katzen. Wir sind wirk­lich in der Natur. Wir leben in einem Wald auf einem Berg und guck­en aufs Meer.

    Und trotz­dem bin ich immer noch in Köln. Das eine schließt das andere nicht aus. Was immer anstren­gen­der wird, ist das Reisen, ger­ade in den Som­mer­fe­rien, wenn du mit den Baller­män­nern im Flugzeug sitzt. Das ist schon hart. Aber das Schöne ist halt, genau wie bei Jamai­ka auch mit Negril, dass sich das auf eine Meile reduziert. Also Mal­lor­ca ist eigentlich null Baller­mann. Es ist eine sehr friedliche, ruhige Insel.

    Klar, es gibt Prob­leme mit Massen­touris­mus. Es gibt Prob­leme mit Wass­er. Ich bin froh, dass es hier noch keine Wald­brände gibt und der Kli­mawan­del noch nicht so spür­bar ist wie ander­swo. Es ist peace­ful hier.

    Mit 25 wäre Mal­lor­ca nichts für mich gewe­sen. Aber mit 52 ist es der per­fek­te Ort. Ich glaub, das bringt’s auf den Punkt.

    Let­zte Frage: Welche Rolle spielt Musik in deinem Leben, wenn du nicht im Stu­dio bist, aufn­immst, auftrittst, Pro­mo machst, also in deinem Pri­vatleben? Beschäftigst du dich dann noch viel mit Musik?

    Früher kon­nte ich nicht aufs Klo gehen ohne Walk­man, weißt du? Und mit­tler­weile brauch ich ganz viel Stille. Also ich bin nicht der Typ, der nach Hause kommt und den Sound anmacht. Ich höre Musik im Auto. Da pumpe ich auch richtig. Dann höre ich Mix­tapes aus Jamai­ka, weil ich das immer wieder inspiri­erend finde.

    Also Pete, ohne Scheiß, wir sind let­ztens irgend­wann von der Bühne gekom­men und waren im Tour­bus und der Stahl (Flo­ri­an Münz­er), unser Gitar­rist, hat seine Boom­box raus­ge­holt und ein Mix­tape abge­spielt. Und ich so: Boah Dig­gi, mach mal bitte aus. Also ich merke schon, ich brauch mehr Ruhe.

    Aber zum größten Teil sind es nach wie vor Den­nis Brown, Bob Mar­ley, Gar­nett Silk, Jacob Miller, Tra­cy Chap­man, Sade, alter Motown-Sound und sowas. Bei den 100.000 Releas­es und den ganzen Artists, die auf ein­mal gehy­pet wer­den, da komm ich nicht mehr mit. Muss ich aber auch nicht.

    Ich glaub, das Schön­ste am Älter­w­er­den ist, dass man eben nicht mehr alles ver­ste­hen muss. Aber nee, also ich hab echt gern Ruhe.


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