
Zwei alte weiße Männer kommen beim Gespräch über das neue Album des einen von Hölzchen auf Stöckchen und reden über eine mit schwindendem Haaransatz wachsende Gelassenheit, das Wetter, Schoßhündchen, Familie, Mallorca, kulturelle Aneignung und ein Skandal um ein Brathähnchen.
Text: Pete Lilly /// Fotos: Christina Gotz
Er steht seit 33 Jahren auf der Bühne, veröffentlicht seit 27 Jahren Platten auf Major-Companies. Inzwischen sind es elf Studioalben, drei Live-Alben, darunter ein “MTV Unplugged”, sowie ein “Best of”. Er füllt Hallen und headlinet Festivals. Wenn in Deutschland von Reggae die Rede ist, fällt sein Name garantiert zuerst. Und dann lange keiner. Und auch im Ausland bekommt er höchste Anerkennung – ob in Südamerika, in Westafrika oder im Reggae-Mutterland Jamaika selbst, wo er seit “Intoxication”, seinem Beitrag auf dem “Drop Leaf”-Riddim von Don Corleon, und einer Live-DVD, die in den Nullerjahren auf dem Musiksender RETV auf Dauerrotation lief, zeitweise bekannt war wie ein bunter Hund. Als er anfing, war von cultural Appropriation noch keine Rede. Es gab nur cultural Appreciation, die er mit Liebe und Leidenschaft pflegt, seit er mit 18 zum ersten Mal die Ufer seiner Lieblingsinsel betrat. Wo er hinkam, war die Freude groß darüber, dass ein weißer Schlacks fast akzentfrei Patois sprach und die aktuellen Deejay-Styles über die angesagten Riddims kickte. Das war lange vor Social Media und YouTube. Es hatte noch etwas Romantisches, eine Musikart samt ihrer Kultur für sich zu entdecken und sich über Mixtapes und 45s zu erarbeiten.

Seitdem ist viel passiert. Gentleman ist zum deutschen Superstar geworden. Die Erwartungen von Plattenfirmen und der Öffentlichkeit stiegen. Zwischen Album-Veröffentlichungen und ausgiebigen Touren trat er in TV-Shows wie “Sing meinen Song” auf und saß in der Jury einer Casting-Show. Unter solchen Verpflichtungen leidet schon mal die Kreativität. Er überspielte es durch Kollaborationen mit deutschen Rappern und Pop-Stars, versuchte sich an der deutschen Sprache und entwickelte eine sichere, aber vorhersehbare Formel für seine Version von Modern Roots. Und die Öffentlichkeit wurde kritischer. Darf man das überhaupt als weißer Mitteleuropäer – Musik einer anderen Kultur spielen? Und damit Geld verdienen?
Gentleman hat den Ursprung seiner Musik nie verleugnet. Er hat immer wieder mit jamaikanischen Artists und Produzenten kollaboriert, hat sie als Gäste mit auf Tour genommen und sich vor Ort ständig auf den neuesten Stand gebracht. Trotzdem vergeht heute kaum ein Interview, in dem er sich nicht zum Thema kulturelle Aneignung äußern muss. Dabei will Gentleman eigentlich nur eins: Menschen zusammenbringen, Gräben zuschütten, Spaltung überwinden, Liebe verbreiten.
Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich Gentleman seit seinem zweiten Album “Journey To Jah” interviewt habe. Wir kommen aus der gleichen Stadt, kennen uns, haben Reggae und Dancehall fast zeitgleich entdeckt und sie in den gleichen Clubs gefeiert – er meist als MC oder Deejay auf der Bühne bzw. hinter den Decks, ich im Publikum bzw. auf der Tanzfläche. Wir mögen uns, verfolgen und schätzen gegenseitig unsere Arbeit. Umso erfreuter bin ich, dass er mit seinem neuen Album “Gratitude” wieder zu sich selbst gefunden hat. Es folgt ein nahezu ungekürztes Gespräch aus einem Video-Call vier Wochen vor Album-Release.
Wo erwische ich dich gerade? Das sieht aus nach einem Studio.
Das ist bei mir hier im Studio in Mallorca.
Okay, nice. Ist da auch so heiß?
Ja, ich glaube, nächste Woche wird es wieder 42 Grad oder so. Wir leben auf dem Berg und haben immer eine Breeze. Da kann man die Hitze ganz gut aushalten. Aber es ist schon krass. Aber in Köln ja auch.
Zur Zeit sind es hier 35, 36 Grad, soll aber auch wieder höher gehen.
Aber den Klimawandel gibt’s nicht, ne? Das ist alles Lüge. Hirngespinste!
(Lacht) “Gratitude”! Wie fühlt es sich an, wieder kurz vor einem Album-Release zu stehen? Auch im Vergleich zu deinen bisherigen Alben, von denen es ja schon ein paar gibt.
Tatsächlich anders bei den letzten Alben, weil… Irgendwie, also ich würde jetzt nicht sagen, dass ich in meine vorigen Alben kein Herzblut gesteckt hätte. Aber in “Gratitude” steckt eine Menge drin. Es ist das erste Album seit langem, was ich selbst gerne höre. Das ist immer ein gutes Zeichen. Also ich bin sehr, sehr happy mit dem Result und finde einfach jeden Song cool. Deswegen bin ich sehr freudig gestimmt.
Ich habe jetzt keine Erwartung im Sinne von Charts und sowas. Ich glaube, der Zug ist abgefahren. Aber das Wichtige ist ja, dass man ein Produkt abgibt, wo man das Gefühl hat, okay, ich habe alles gegeben und es ist gut, so wie es ist. Egal, was dann damit passiert. Deswegen bin relativ entspannt, aber natürlich auch so… positively nervous.
Ich hab den Eindruck, und das passt zu dem, was du jetzt gesagt hast, dass du das Album ein bisschen gelassener angegangen bist als zuletzt. Ich würde das nicht mit den ersten Alben vergleichen. Wenn man das zum ersten Mal macht, geht man da sicher anders ran. Aber das war jetzt so der Eindruck, Gentleman klingt gelassener, mehr bei sich…
Bevor ich mit dem Album angefangen habe, gab es eine Phase, wo ich wirklich gedacht habe, es hat sich ausge-Gentlemant, irgendwann ist auch mal gut.
Ich werde immer Musik machen und werde auch hier und da immer mal einen Song droppen, aber dieses ganze Musikbusiness, diese 100.000 Songs, die jeden Tag auf Spotify erscheinen, das Social-Media-Gedöns – was man eben so braucht, um sichtbar zu sein… Ich habe das Gefühl, ich komme da nicht mehr mit.
es gab diesen Moment, wo ich zum ersten Mal gedacht habe, vielleicht ist jetzt der richtige Moment zu sagen, okay, ich trete zurück und mache vielleicht ein Label. Wir haben auch mal mit dem Gedanken gespielt, eine Cocktailbar aufzumachen oder ein kleines Guest House… Was gibt’s sonst noch außer Musik?
Ich will nicht verbittert klingen, aber es gab diesen Moment, wo ich zum ersten Mal gedacht habe, vielleicht ist jetzt der richtige Moment zu sagen, okay, ich trete zurück und mache vielleicht ein Label. Wir haben auch mal mit dem Gedanken gespielt, eine Cocktailbar aufzumachen oder ein kleines Guest House… Was gibt’s sonst noch außer Musik?
Die Gefahr der Wiederholung war ja schon immer da. Und als ich dann angefangen habe, wieder Musik zu machen, habe ich gemerkt, nee, das kickt alles nicht so richtig. Ich habe den Gedanken zugelassen, dass es irgendwann mal so an der Zeit ist, nicht mehr in verrauchten Backstage-Räumen abzuhängen.
In dem Moment, wo ich den Gedanken zugelassen habe, war auf einmal das Gefühl da, ich habe hier ein wunderschönes Studio, ich hab immer Bock Musik zu machen und ich mache jetzt einfach mal was, ohne den Hintergedanken, dass es veröffentlicht wird.
Und so sind eigentlich alle Songs entstanden. Immer mit diesem Gefühl von: Ich muss das keinem vorspielen. Und weg von dem: Wie kommt der Song bei wem wo an und was machst du jetzt hier falsch und so – sondern einfach so Musik machen, weißt du, wie es eigentlich auch angefangen hat, weil das ist ja das, was dich mit dir selbst in Einklang bringt.
Es geht um dieses Gänsehaut-Feeling, dass man hat, wenn man einen Song geschrieben und aufgenommen hat. Und nicht darum: Komm ich noch mit? Das war der Anfang von “Gratitude”, also Dankbarkeit auch im Sinne von: Ey krass, da ist immer noch ganz viel, was ich musikalisch ausdrücken will. Ohne im Hinterkopf zu haben, ob das Ding jetzt hoch chartet oder ob das anerkannt wird, sondern einfach so für mich.
Ich glaube, das ist das, was du meinst. Deswegen war diese Gelassenheit da, im Sinne von: There’s nothing to prove. Ich könnte mir niemals vorstellen, keine Songs mehr zu machen. Aber dieser ganze Zirkus und dieses Mithalten müssen und so, das ist irgendwann abgefallen. Ich hab mich da locker gemacht und gesagt, it is how it is, so.

In dem Presseinfo zu dem Album, das in der Ich-Perspektive geschrieben ist, wird einer Art Zäsur angedeutet, wo du deine Karriere hinterfragt hast. Was hat dazu geführt? Ist das einfach so eine Entnervtheit von gewissen Strukturen, in denen man steckt? Oder kommen da auch persönliche Sachen dazu? Ich kann mich erinnern, dass du irgendwann gesundheitliche Probleme hattest. Sowas bringt einen ja auch in die Lage, dass man innehält und Dinge hinterfragt.
Ich habe ja schon die Gefahr der Wiederholung angesprochen. Dass nach zwölf Alben und 30 Jahren im Music Business der Gedanke aufkommt: Okay, das kennt man jetzt schon.
Gesundheitlich war es bei mir so, dass ich mit Alborosie auf Südamerika-Tour gehen wollte und die ganze Zeit schon Rücken-Hustle hatte. Und dann irgendwann hat es so ein Level erreicht, wo ich morgens aufs Klo wollte und weggeknickt bin, weil ich meine Beine nicht mehr gespürt habe. Die Schmerzen waren so krass, dass ich weinen musste. Das war so Notarzt-Level. Es war klar: Ohne OP geht es nicht mehr. Eine Infektion hat gegen die unteren Wirbel gedrückt, der Nervenstrang war schon fast durch. Ich hätte querschnittsgelähmt sein können.
Nach der OP war der Schmerz weg. Das war auch so eine Gratitude, dass diese Sachen, die wir immer als selbstverständlich nehmen, eben nicht selbstverständlich sind. Wenn wir krank sind, haben wir nur einen Wunsch. Wenn wir gesund sind, haben wir tausend Wünsche. Aber das war nicht die Antwort auf deine Frage.
Die Frage war, was die Reflexion auslöst, die auf solche Probleme folgt, dass man sagt, ich mach mich jetzt frei von Erwartungen, von…
Ich glaub, das ist ein dynamischer Prozess. Das ist nichts, was man entscheidet, sondern das passiert einfach. Irgendwann merkst du, du kannst nicht die ganze Zeit gegen deine innere Stimme ankämpfen. Du merkst einfach: Die Luft ist raus.
Im Grunde war es Claye, der den prägenden Satz gesagt hat: Let’s have fun again! Lass uns einfach ins Studio gehen und Mucke machen – ohne Release-Date. Und dann sind super coole Sachen entstanden.
Mit dem Hintergedanken, dass man niemanden etwas vorspielen muss. In die Vocal Booth zu gehen und einen Song einzusingen, ohne das Gefühl zu haben: Kann ich das so sagen, wie kommt das bei wem, wo, wann, wie an? Das hat unglaublich geholfen. Dass es eben nichts zu beweisen gibt. Ich bin ja happy mit mir. Mit den letzten 30 Jahren.
Ich muss ja gar nicht mehr mithalten mit den ganzen Youths. Sondern einfach Musik machen, weil es sich gut anfühlt und weil es immer noch Sachen gibt, die ich musikalisch und lyrically manifestieren will. Verstehst du das?
Ja, voll. Bei den 17 Songs von “Gratitude” ist mir auch aufgefallen ist, dass das Songwriting echt nochmal gut gewachsen ist.
Ja, find ich auch.
Ich fand, dass es vorher so eine Art Gentleman-Formel gab, wo man sagt, okay, es ist ein typischer Gentleman-Song. Aber jetzt gibt es viele Songs, die sich von dieser Formel lösen und dadurch frischer klingen. Also ”Lion”, ”Unity”, “Nah Worry” auf dem “Hill And Gully”, “What If” mit Queen Omega oder der letzte Song, ”When The Sun Goes Down”.
Ach so, ja, ”When The Sun Goes Down” ist mein Lieblingssong, der liegt mir sehr am Herzen. Irgendwann war ich auf einmal voll auf Country! Das fing ja eigentlich mit Tracy Chapman in den 80ern an, dass Country lyrically und von den Melodien unfassbar viel zu geben hat…
Ich hatte gewisse Ideen und wusste genau, was ich sagen will, und bin mit Claye ins Studio. Und auf einmal haben wir so ein paar Akkorde auf der Gitarre gespielt, das war einfach so da. Den Song müssen wir eigentlich auch nochmal als Single raushauen.
Nee, aber der ganze Album-Prozess, auch das Schreiben in diesem kleinen Team, also mit Claye und Keeley (Keely Bennett)… Das Gefühl, Sachen einfach zuzulassen und mit niemandem mithalten zu müssen, zieht sich wie ein roter Faden durch. Auch eine gewisse Verletzbarkeit zuzulassen. Das hat es leichter gemacht. Das war vorher oft anders. Da wollte ich anderen oft gefallen.
Stichwort Vulnerability. Ich hatte das Gefühl, dass die neuen Songs ein bisschen persönlicher sind als bisher. Also Songs wie ”Same Struggle”, ”What If” vielleicht, auch ”When The Sun Goes Down”…
Es ist schön, wenn man da immer noch eine Entwicklung sehen kann. Aber wie gesagt, ich stehe hinter jedem Produkt, was ich gemacht habe, hinter jedem Song. Es gibt nichts, wofür ich mich schämen müsste.
Ich höre diese Songs, meine eigenen Songs unglaublich gerne und das war vorher nicht immer der Fall. Das war so die Messlatte, dass wir gesagt haben, jeder Song muss irgendwie eine Connection mit mir haben.
Aber es ist tatsächlich so mit diesem Album. Ich höre diese Songs, meine eigenen Songs unglaublich gerne und das war vorher nicht immer der Fall. Das war so die Messlatte, dass wir gesagt haben, jeder Song muss irgendwie eine Connection mit mir haben. Es gab 40 Demos und davon haben es 17 auf das Album geschafft. Es gab einen unglaublichen Input. Mit diesem Gefühl von Leichtigkeit, von ”einfach mal machen”. Es gibt noch so viel zu erzählen. Es gibt noch so viele Formen, in die man einen Song pressen kann. Das ist noch längst nicht vorbei. Das war der Vibe.
Es gab auch Alben, wo ich das Gefühl hatte: In drei Monaten ist Release Date und ich habe erst sechs Songs und ich muss jetzt was rauspressen. Und das war jetzt ganz anders, die Arbeitsweise war ultra entspannt. Das hat sich sehr gesund angefühlt.
Du hast schon ein paar Namen genannt, Claye, Keeley… Ich weiß, dass Don Corleon beteiligt war. Ein Song ist von Di Genius. Jopez (Jugglerz) war dabei. Wie war der Produktionsprozess? Lief das alles online, dass ihr euch Sachen hin- und hergeschickt habt, oder wart ihr zusammen im Studio?
Nee, nee, wir waren schon hier im Studio. Ich bin nicht so der Hin-und-herschicker. Mit Corleon war es so, dass er mir in einer Nacht über 20 Riddims geschickt hat, von denen ich 17 mega geil fand. Das war zu einem Zeitpunkt, als bei Claye privat etwas passiert ist und er raus musste. Da dachte ich, ich mache das Album mit Corleon.
Dann ist Claye aber wieder zurückgekommen und wir haben zusammen hier im Studio Riddims gebaut, Songs geschrieben… Jopez war der, ich sag mal, Co-Producer, was Vocal Sounds und Arrangements angeht. Der hat eine unglaubliche Expertise.
Irgendwann hatten wir dieses Luxusproblem: Das ist alles geil, wir können aber nicht 30 Songs aufs Album packen. Es gab auf einmal diesen Flow, diesen Magic Moment, wo alles, was wir gemacht haben, cool war. Jopez hat den ”Unity”-Song gemacht, der Rest ist von Claye und Corleon produziert.
Am überraschendsten fand ich ”Nah Worry”, einfach weil der “Hill & Gully” so ein Hit-Riddim ist. Hast du den Riddim gehört und gesagt, den muss ich unbedingt fürs Album haben?
Nee, das war wie beim “WYFL”-Riddim. Ich dachte: Okay, ich hab gerade Vibes, ich kick da einfach mal was drauf. Das war eher spontan. Und dann wollte ich aber auch international wieder so ein bisschen angreifen. Auf dem “WYFL” ich habe einfach so 16 Bars gemacht, das hat schon so eine Welle ausgelöst, wo auf einmal Feedback kam, wie ich es schon lange nicht mehr gehabt habe. Und dann kam der “Hill & Gully” und ich hab den sofort gefühlt. Das Album war da eigentlich schon durch. Ich hab dann auch da mal so 16 Bars gekickt. Stephen hat mir dafür ein Like gegeben und eine DM geschrieben: Let’s do the whole song. Das lief alles sehr natürlich und ja, ich finde, es ist der krasseste Riddim seit langem.
Der ist auf jeden Fall fett. Obwohl ich war letztes Wochenende beim Reggae Jam und egal wer wo wann aufgelegt hat, es lief garantiert „Hill & Gully. Man wird des Riddims dann leicht überdrüssig, so wie damals beim “Divali”.
Oder früher “Punaany” und “Sleng Teng”. Aber das ist ja irgendwie auch die Culture. Hast du das Hühnchen beim Reggae Jam gesehen? Es hat schon wehgetan zu sehen, was das ausgelöst hat.
Nach der Eröffnungsparty in der Dancehall-Area des Festivals ging ein Video viral, in dem hinter zwei weißen Selectors eine vier Meter hohe Pappmaschee-Installation einer gesichtslosen Schwarzen Tänzerin im Kopfstand mit einem voluminösen Batty in knappem Jeans-Short zu sehen war. Mit den spindeldürren, zu kurz geratenen Beinen wirkt sie eher wie ein Brathähnchen – daher der Begriff Chickengate. An den Beinen hatte die Figur Strippen, mit denen man die Pobacken bewegen konnte. Vor der Bühne ein Schild mit der Aufschrift ”Women At Twerk”, was dem Ganzen den Anstrich eines lustigen Dancehall-Spaßes geben sollte.
In rasantem Tempo meldeten sich weltweit besonders Frauen zu Wort. Ihnen stieß die sexualisierte und auf Stereotype aus der Kolonialzeit reduzierte Darstellung einer Schwarzen Tänzerin von und für vornehmlich weiße Männer auf. Das inzwischen gelöschte Video wurde bis zum nächsten Morgen Hunderte Male kommentiert. Das Festival reagiert emit einem Entschuldigungsstatement und ließ die fragwürdige Bühnendekoration abbauen.
Ja, tut mir leid für Sheriff (Veranstalter des Reggae Jam), dass der so einen Shitstorm erleben musste. Aber ich muss auch sagen, das hätte man vermeiden können.
Ich hab das Video auf Insta gesehen, bevor sich die jamaikanischen Medien darauf gestürzt haben, und dachte so: Boah, das ist nicht cool. Ich glaube, der Gedanke dahinter war nicht böse, aber wie das Video rüberkam und so… Das war nicht geil. Und dann kamen am nächsten Tag die Reaktionen. Wenn das bei einem Dance in Kingston gewesen wäre, hätte das einen anderen Vibe gehabt.
Man muss als Weißer eben vorsichtig sein, wie man schwarze Menschen darstellt.
Was heißt vorsichtig? Ich glaube, es geht um Sense, Common Sense – entweder man hat ihn oder nicht. Die haben es ja dann runtergenommen. Aber was das ausgelöst hat, die Debatte, die danach kam… Krasse Spaltung. Das hat mich schon traurig gemacht. Dieses Image von Germany, one of the biggest Reggae Festivals… that’s the vibe. Das hat ja in dieser Social-Media-Zeit nochmal eine ganz andere Dynamik als früher.
Ja klar, dass das so explodiert, hätte ich auch nicht gedacht. Aber dass das nicht klar geht, das hat man sofort gespürt und das haben auch viele vor Ort gesagt. Bei Insta gabs dann aber auch Kommentare wie “Ist doch gar nicht so schlimm“, „Warum entschuldigen die sich dafür?“, „Warum nehmen die das runter?”. Aber das ist im Moment so ein bisschen der Vibe, hab ich das Gefühl, dass alles, was irgendwie als “woke” gilt – also nicht rassistisch zu sein, nicht sexistisch zu sein – für viele ein rotes Tuch ist. Diese Markus-Söder‑, diese AFD-Denkweise: „Ich lass mir da nicht reinreden. Die wollen mir was madig machen, was wegnehmen, woran ich mich gewöhnt hab, was für mich normal ist.” Statt sich einfach mal selbst zu hinterfragen.
Aber hey, ich würde eigentlich lieber über ”Gratitude” reden als über Chickengate.
(Ein kleiner Hund springt auf Gentlemans Schoß) Das ist der Bruno (lacht). Er ist ein Terrorist, man kann ihn aber eigentlich nur lieb haben. Der ist voll auf Tamika (Gentlemans Frau) fixiert und wartet die ganze Zeit, dass sie wiederkommt.
Ich hätte gedacht, das ist der Hund deiner Tochter.
Ja, das war das Druckmittel, um nach Mallorca zu ziehen. (Singt) “Ooooh it’s a lion!”
Genau, lass über “Lion” reden. Das Album fängt mit dem Song und der Zeile an, ”What is life without purpose?” Das knallt erstmal rein, dass man direkt denkt: Purpose, wo stehe ich eigentlich? Das macht direkt was mit einem.
Das war genau der Ansatz, dass die Leute das genauso sehen. Ich habe bei jedem Song darauf geachtet, dass die erste Line knallt. Bei der kurzen Aufmerksamkeitsspanne heute ist das ultra wichtig. Wenn du das auch so wahrnimmst, dann hat es wohl funktioniert.
Was ist die Purpose, was ist die Motivation, warum machen wir das, was wir tun? Das sind ganz essentielle Fragen, die bei ”Lion” zusammenkommen. Am Ende des Tages geht es bei dem Song um dieses Staunen, darum, dass da was ist, was viel größer ist als wir. Also lass uns ein bisschen locker machen, lass uns unserer eigenen Vergänglichkeit bewusst werden.
Ob du jetzt an Gott glaubst oder nicht, Fakt ist, dass wir irgendwann hier abhauen. Ich bin jetzt 52 und wenn ich 82 werden sollte, dann habe ich noch 30 Sommer. 80 Jahre sind ungefähr 4.000 Wochen. Der Gedanke ist erstmal schockierend, dass es übermorgen vorbei sein kann. Aber das führt dazu, dass du deine Zeit nicht mit Leuten verbringst, auf die du keinen Bock hast. Und keine Sachen machst, die du nicht machen willst.
Das ist die Essenz von ”Lion”: Ich bin ehrlich zu mir selbst und ich kann weiter staunen und ich muss nicht alles erklären und ich muss auch mit 52 nicht mehr alles verstehen müssen. Das tut auch gut.
Die Melekú-Kollab ”I’ll Be There” fand ich auch sehr interessant. Ich weiß ja, dass du ein großer Sizzla-Fan bist. Dass du dann mit dessen Sohn eine Combination machst… Melekú singt so schön wie Sizzla zu seinen besten Zeiten. Wie ist die Zusammenarbeit zustande gekommen? Hast du dir gedacht, auf den Song muss unbedingt Melekú mit drauf?
Ja, das war wirklich so. Der ”Finally”-Riddim ist ja auch auf dem Album – ”Watch Over Me”. Dadurch bin ich ja vor ein paar Jahren wieder mit Corleon in Kontakt gekommen – er hat eine Riddim Selection gemacht und wollte mich unbedingt dabei haben. Melekú war ebenfalls auf dem Riddim vertreten. Sein Tune ist mein Favorite darauf, der Typ ist so krass, Mann. Ich hab dann Corleon gefragt: Hey, lass doch eine Kollabo machen! Und Melekú war sofort am Start. Er hat unfassbare Melodien, und wie er switcht von seiner normalen Stimme zu so einer Kopfstimme… Ich hab ihm gesagt, ich würde den Song gern mit ihm machen und dann hat er innerhalb von vier Stunden was zurückgeschickt und es war mega. Allein sein Timbre, das er von seinem Vater geerbt hat – das ist krass, dass man das so raus hört.
Ich glaube, dass ich mit zunehmendem Alter immer mehr schnalle, gelassener zu werden. Entweder man wird gelassener oder man wird verbittert. Ganz wichtig dabei ist das Umfeld. Ich definiere mich ja nicht nur über Gentleman, weißt du? Das ist halt ein Feld in meinem Leben. Es gibt aber noch ganz viele andere Felder.
Über”Nah Worry” haben wir ja schon kurz gesprochen. Ich finde, in dem Song kommt auch diese Gelassenheit rüber. Das steckt auch im Titel, wie man mit dem Leben und den Challenges umgeht, die sich einem so stellen.
Ich glaube, dass ich mit zunehmendem Alter immer mehr schnalle, gelassener zu werden. Entweder man wird gelassener oder man wird verbittert. Ganz wichtig dabei ist das Umfeld. Ich definiere mich ja nicht nur über Gentleman, weißt du? Das ist halt ein Feld in meinem Leben. Es gibt aber noch ganz viele andere Felder. Also dieses Familienvater-Ding, da bin ich komplett raus aus dieser Musikblase. Das macht bestimmt 80 Prozent meines Lebens aus.
Deswegen ist es nicht so schlimm, wenn auf diesem einen Feld etwas mal nicht so passiert, wie man es sich vorgestellt hat. Da werde ich sicherlich gelassener. Natürlich gibt es immer wieder Momente, wo ich das Gefühl habe, ich schnall gar nix, ich war irgendwie vor zehn Jahren viel weiser. Aber Gelassenheit im Sinne von nichts mehr beweisen zu müssen und wirklich auf die innere Stimme zu hören, das hat sich durch das ganze Album gezogen . Ich finde es schön, dass du das auch so gesehen hast.
Interessant an “Nah Worry” ist auch, dass du der Einzige mit einem conscious Song auf der Selection bist. Alles anderen ist ja Slackness galore.
“Nah Worry” war von der ersten Strophe an Gänsehaut-Vibe. It’s the flow, der Riddim macht alles von alleine, ich musste einfach nur meinen Vibe dadrauf packen. Das war so ohne Gedanke, ohne zu überlegen: Oh Gott, wie kann ich das sagen? Das war einfach… im positiven Sinne sehr leicht.
Ich hab nichts gegen Slackness, aber ich hab selbst noch nie einen slacken Song gemacht. Und mir war es wichtig, auch jetzt nicht slack zu sein.
Ein anderer zentraler Song auf “Gratitude” ist die Queen-Omega-Combination “What If”. Ich habe zwar die Lyrics nicht vor mir, aber Zeilen wie “What if wrong is the right and mediocre is great” scheinen mir auf etwas Politisches im weitesten Sinne, auf die allgemeine Weltlage anzuspielen. Hab ich das richtig verstanden?
Bei ”What If” steht jede Zeile für sich. Es geht um die Vorstellungskraft, Dinge mal anders zu denken, die Perspektive zu ändern. Die Inspiration dazu kam von dem Film ”Club der Toten Dichter”, wo Robin Williams auf den Tisch steigt, um die Perspektive zu wechseln: Was ist, wenn wir die Dinge einfach mal anders sehen? Sowas wie der Spruch, der früher an jeder Hauswand stand: ”Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.”
Ein anderer Song, bei dem ich denke, da steckt richtig was drin, ist ”Same Struggle” mit Richie Campbell. Den fand ich sehr interessant, weil der auch deine eigene und Richies Lage als Artist beschreibt, wo ihr als Artists steht, dass ihr zwar den Struggle von den Anfängen hinter euch gelassen habt, es irgendwie schaffen zu wollen, ihr aber trotzdem noch eure Kämpfe zu kämpfen habt.
Ich glaube, wir kommen viel mehr zusammen, wenn wir uns bewusst machen, dass jeder sein Kreuz zu tragen hat und jeder seine eigene Geschichte hat.
Ich bin ein Middle Class Dude aus Deutschland, aber ich hab trotzdem meinen Struggle. Und jemand, der in Waterhouse aufgewachsen ist, der hat einen anderen Struggle. “The same struggle, but different streets.” Das verbindende Element ist die Challenge, die wir bestehen müssen.
Wir mögen komplett verschiedene Geschichten haben, komplett anders aufgewachsen sein und trotzdem kennt jeder das Gefühl von Struggle und von Zweifel, von lost sein. Am Ende des Tages geht es bei dem Song darum, dass das, was uns verbindet, stärker ist als das, was uns trennt.
Oft ist es ja so, man macht einen Song und überlegt erst nachher, was sagt der Song eigentlich? Das kommt ja nicht in der Entstehung, sondern erst später, auch wenn man zum Beispiel in Interviews danach gefragt wird. Das ist dann das erste Mal, wo man sich so richtig Gedanken darüber macht, um was geht’s eigentlich in dem Song?
We make it out of a vibe, so, weißt du? Wir hören einen Riddim und fangen an zu schreiben und fangen an zu bouncen und auf einmal entsteht etwas. Ohne dass wir uns darüber Gedanken machen, was wir eigentlich vermitteln wollen. Und trotzdem hat der Song natürlich eine Message.
Das Thema kulturelle Aneignung kommt mittlerweile in fast jedem Interview vor. Ich habe das Gefühl, irgendwann ist es sich auch mal ausgeaneignet.
Und dann gibt es immer Leute, die so einen Song ganz anders interpretieren und es hat trotzdem eine Wahrheit. ”Dem Gone”, ”Superior” – wie viele Leute haben die komplett anders interpretiert? Das mag nicht so gemeint gewesen sein, aber es macht trotzdem Sinn. Das ist ja das Schöne, Musik findet auf so vielen Ebenen statt.
Ja, wenn so ein Song ein Eigenleben in den Köpfen der Leute entwickelt. Was mir spontan noch dazu einfällt, weil ich von Richie Campbell auch weiß, dass er sich viele Gedanken über seine Rolle als europäischer Reggae-Artist macht – Stichwort kulturelle Aneignung. Also dass der Song vielleicht auch eine Erklärung sein könnte: Wir haben zwar einen anderen Background, aber wir haben, wie du gerade sagtest, eben auch unser Päckchen zu tragen. Ist das zu weit hergeholt?
Aber was ist jetzt genau die Frage?
Ob “Same Struggle” auch eine Auseinandersetzung mit dem leidigen Thema kulturelle Aneignung ist.
Ja, natürlich, solche Vorwürfe können einen komplett aus der Bahn werfen. Wie bei dem Reggae-Jam-Ding. Da sind zwei weiße Menschen, der Pete Lilly und die Ellen Köhlings, und die machen ein Reggae-Magazin und verdienen damit Geld.
Tun wir nicht (lacht).
Natürlich, das weiß ich ja. Aber in der Außenwahrnehmung ist RIDDIM das erfolgreichste Reggae-Magazin und es wird von zwei Weißen gemacht. Oder es gibt ein Festival, Summerjam, Reggae Jam, das wird von Weißen gemacht. Ich habe irgendwann aufgehört, mir darüber den Kopf zu zerbrechen.
Wenn nicht die Motivation aus Jamaika und aus Afrika und aus Mittelamerika und aus ganz vielen Orten der Welt wäre, wenn mir Leute nicht das Gefühl geben würden: Ey, wir feiern das, was du machst, wir lieben das und es gibt uns Kraft, dann hätte ich da echt Probleme mit.
Das Thema kulturelle Aneignung kommt mittlerweile in fast jedem Interview vor. Ich habe das Gefühl, irgendwann ist es sich auch mal ausgeaneignet. Ich komm dann immer mit dem Beispiel ”Intoxication”, dass der Song in Jamaika ein mega Hit wurde, ohne dass jemand wusste, wer der Typ ist.

Verstehe mich nicht falsch, ich will dir keine kulturelle Aneignung vorwerfen. Dazu kenne ich dich lange genug und ich weiß, wie du die Kultur…
Nee, das meine ich auch nicht so, aber weil du gerade fragtest wegen Richie Campbell und dass das bei ihm was macht. Bei mir macht das auch immer wieder was. Jetzt gerade auch wieder bei der Geschichte mit dem Reggae Jam. Das hat mir echt wehgetan, weil es jetzt wieder so eine ultra Spaltung gibt beim Thema Black and White.
Ich lass das aber tatsächlich nicht so an mich ran. Also ich merke, wenn ich einen Song fühle und wenn ich auf die Bühne gehe und ich das wirklich so meine, dann ist alles gut. Alles andere liegt nicht in meiner Hand. Solche Debatten kommen und gehen, weißt du?
Aber am Ende des Tages glaube ich, entweder du meinst, was du tust, oder nicht. Entweder du machst es mit Liebe und Leidenschaft oder du hast ein ulterior Motive dahinter, dass du damit Geld verdienen und irgendwen ausbeuten willst.
Ich glaub, bei Richie war das vorher noch nicht so. Ich bin da ja schon ein paar Mal durchgegangen. Er war ja für die Doku auch hier bei mir in Mallorca und wir haben offen darüber geredet. Bei ihm war es das erste Mal, dass er im Zuge der Social-Media-Dynamik so richtig damit konfrontiert wurde. Komischerweise immer von Leuten, die nicht so am Puls der Zeit sind oder die nicht in Jamaika sind. In Jamaika hat er ultra viel Liebe bekommen und in seinem Heimatland, in Portugal, kam auf einmal dieser Vorwurf. Das ist ja das Paradoxe, aus welcher Ecke das eigentlich kommt. Und da sind wir wieder bei Appreciation oder Appropriation. Aber so ein Huhn ist da nicht sehr hilfreich. Dieses Huhn, Mann!
Um mal wieder auf “Gratitude” zurückzukommen: Gibt es Songs, die dir besonders am Herzen liegen?
Du willst wissen, welches Kind ist mein Lieblingskind ist? Das ist ganz schwierig zu beantworten. Ich sag jetzt mal allgemein, das Album liegt mir sehr am Herzen. Und jeder Song… Ich hab jeden Song wirklich so gemeint. Wie heißt der letzte Song, nochmal die Ballade?
”When The Sun Goes Down”.
Haben wir darüber schon gesprochen oder war das im Interview davor?
Nee, wir haben kurz darüber gesprochen.
Achso, ja, der liegt mir sehr am Herzen. Aber auch ”Friends” mit Collie Buddz. Das wird wahrscheinlich die nächste Single-Auskopplung. Das habe ich jetzt auch in meinem engeren Kreis mitgekriegt, dass man auf einmal einen Weg einschlägt, der nicht der Weg von deinem Bredren ist.
Es ist eine bittere Erkenntnis: Wir hatten eine Vergangenheit zusammen, aber heißt das auch, dass wir eine Zukunft haben, wenn in der Gegenwart alles nur darauf beruht, dass wir in der Vergangenheit etwas Gemeinsames hatten. Also ”Friends” mit Collie Buddz, wenn du mich so fragst.
Aber ich habe zu jedem Song eine Verbindung. Ich kann jeden Song komplett unterstreichen und performen – wirklich jeden Song.
Du hast vorhin von den verschiedenen Aspekten gesprochen, die dich definieren. Wie bekommst du die verschiedenen Aspekte in Einklang miteinander? Also deine Rolle als Familienvater mit der des Künstlers? Als Backgroundsängerin ist deine Frau Tamika natürlich immer ganz nah dran an deinem Künstlerdasein.
Wir haben ja das Glück, also Tamika, Charlie und ich, dass wir, wenn wir auf Tour gehen, ich mein Zuhause immer mit dabei habe. Die anderen in der Band haben auch alle Kinder, von denen sie während der Tour getrennt sind. Es ist ein absolutes Geschenk, das Zuhause mit dabei zu haben. Ähm… Wie war die Frage?
Wie du Familie und Künstlersein zusammenbringst…
Jetzt während der Festivalzeit packen wir donnerstags unsere Sachen, freitags fahren wir irgendwo hin, samstags, sonntags Konzert und dann sind wir montags, dienstags wieder hier. Von Dienstag bis Donnerstag geht es nicht um Gentleman, sondern so, ne? Wir haben hier einen Rhythmus…
Mein Freundeskreis, also mein soziales Umfeld besteht nur zu ein oder zwei Prozent aus Leuten aus dem Music-Business. Es ist ganz gesund, dass man nicht nur in diesem Ding steckt und ständig Vergleiche zieht. Es geht eher darum: Wie sind die Tomaten gewachsen? Wo holen wir das Fleisch für den Barbecue-Abend? Ganz einfache Sachen.
Ich bin ein krasser Familienmensch. Das ist der Ort, wo ich mich am wohlsten fühle. Wenn ich mit meinen Kids, mit meiner Frau zusammen bin oder wenn meine Eltern kommen oder meine Geschwister hier sind – da hat Gentleman nichts zu suchen. Da wird mal kurz gefragt, wie war die letzte Tour, und das war’s dann.
Und dann kann ich aber auch wieder so in dieses Ding eintauchen und mach das auch gerne und mit Leidenschaft. Aber wenn ich nur in diesem Ding drin wäre und nur vergleichen würde, dann, glaube ich, würde ich nicht klarkommen. Ich glaub, daran zerbrechen auch viele Artists.
Ja, das kann ich mir vorstellen. Noch eine eher persönliche Frage: Als ich dich das letzte Mal zu “Mad Word” interviewt habe, hattest du dir gerade erst eine Base in Mallorca geschaffen. Inzwischen seid ihr fünf Jahre dort.
Vor fünf Jahren gab es diese Ahrtalflut.
Genau, ich erinnere mich, dass euch die Bude abgesoffen ist und…
Genau, ihr wart ja auch mal bei uns in Köln. Die ganze untere Etage stand komplett unter Wasser. Aber die Versicherung hat zum Glück gegriffen. Die haben gesagt, es dauert anderthalb bis zwei Jahre, bis das Haus wieder bewohnbar ist. Die hätten uns ein Hotelzimmer bezahlt, aber ich dachte, zwei Jahre in einem Hotelzimmer, da werde ich depri. Wir mieten uns jetzt lieber irgendwo ein Haus.
Dann haben wir Freunde hier in Mallorca besucht und auf einmal war es so, warte mal, ich kann von hier zu den Konzerten fliegen. Hier hab ich immer jeden Abend einen Sonnenuntergang, einen Sternenhimmel, wir fahren mit dem Boot raus und schnorcheln und ich bringe einen Fisch mit…
Ich lieb den Chlodwigplatz noch immer, aber eben nicht jeden Tag. Deswegen dann: Okay, wir machen das jetzt. Wir bauen uns hier was auf.
Früher konnte ich nicht aufs Klo gehen ohne Walkman, weißt du? Und mittlerweile brauch ich ganz viel Stille. Also ich bin nicht der Typ, der nach Hause kommt und den Sound anmacht. Ich höre Musik im Auto.
Wir haben damals uns in Hawaii verliebt und wollten sogar dahinziehen. Wir waren mal drei Monate da und haben gedacht, okay, irgendwann hat es sich ausgedeutscht und wir wollen woanders hin. Wir wollen dahin, wo es ein Meer gibt, wo es Berge gibt und wo es Natur gibt.
Aber dann wurde natürlich schnell klar, bei zwölf Stunden Zeitunterschied bin ich komplett raus. Von Mallorca nach Deutschland zu fliegen ist wie mit dem Zug von Köln nach Dortmund zu fahren.
Was ich eigentlich fragen wollte, wie ist das jetzt für euch auf Mallorca? Ihr seid da jetzt gesettelt, deine Tochter geht dort zur Schule. Kannst du beschreiben, wie das Leben dort für euch ist?
Es ist sehr ruhig, sehr landwirtschaftlich. Wir haben Pferde und Hühner und zwei Hunde und zwei Katzen. Wir sind wirklich in der Natur. Wir leben in einem Wald auf einem Berg und gucken aufs Meer.
Und trotzdem bin ich immer noch in Köln. Das eine schließt das andere nicht aus. Was immer anstrengender wird, ist das Reisen, gerade in den Sommerferien, wenn du mit den Ballermännern im Flugzeug sitzt. Das ist schon hart. Aber das Schöne ist halt, genau wie bei Jamaika auch mit Negril, dass sich das auf eine Meile reduziert. Also Mallorca ist eigentlich null Ballermann. Es ist eine sehr friedliche, ruhige Insel.
Klar, es gibt Probleme mit Massentourismus. Es gibt Probleme mit Wasser. Ich bin froh, dass es hier noch keine Waldbrände gibt und der Klimawandel noch nicht so spürbar ist wie anderswo. Es ist peaceful hier.

Mit 25 wäre Mallorca nichts für mich gewesen. Aber mit 52 ist es der perfekte Ort. Ich glaub, das bringt’s auf den Punkt.
Letzte Frage: Welche Rolle spielt Musik in deinem Leben, wenn du nicht im Studio bist, aufnimmst, auftrittst, Promo machst, also in deinem Privatleben? Beschäftigst du dich dann noch viel mit Musik?
Früher konnte ich nicht aufs Klo gehen ohne Walkman, weißt du? Und mittlerweile brauch ich ganz viel Stille. Also ich bin nicht der Typ, der nach Hause kommt und den Sound anmacht. Ich höre Musik im Auto. Da pumpe ich auch richtig. Dann höre ich Mixtapes aus Jamaika, weil ich das immer wieder inspirierend finde.
Also Pete, ohne Scheiß, wir sind letztens irgendwann von der Bühne gekommen und waren im Tourbus und der Stahl (Florian Münzer), unser Gitarrist, hat seine Boombox rausgeholt und ein Mixtape abgespielt. Und ich so: Boah Diggi, mach mal bitte aus. Also ich merke schon, ich brauch mehr Ruhe.
Aber zum größten Teil sind es nach wie vor Dennis Brown, Bob Marley, Garnett Silk, Jacob Miller, Tracy Chapman, Sade, alter Motown-Sound und sowas. Bei den 100.000 Releases und den ganzen Artists, die auf einmal gehypet werden, da komm ich nicht mehr mit. Muss ich aber auch nicht.
Ich glaub, das Schönste am Älterwerden ist, dass man eben nicht mehr alles verstehen muss. Aber nee, also ich hab echt gern Ruhe.




