
Bad Bunny – DeBÍ TiRAR MáS FOToS
Rimas Entertainment
Text: Davide Bortot
Als aufrechter Mitteleuropäer muss man erstmal kurz schlucken. In nur einer Sequenz des Kurzfilms zu seinem neuen Album ”DeBÍ TiRAR MáS FOToS” spielt Bad Bunny so ziemlich alle Stereotypen durch, die einem in diesem Kontext einfallen. Der Protagonist des Films, ein alteingesessener Local, gespielt von dem legendären Filmemacher und Dichter Jacobo Morales, spaziert zu seinem Lieblingscafé und begegnet dabei wandelnden Klischees der Gentrifizierung (lies: Gringofizierung) Puerto Ricos. Das ist ein bisschen platt – und vermutlich nötig, wenn man Aufmerksamkeit lenken möchte auf die Prozesse von Ausbeutung und Verdrängung, die die Karibikinsel seit Jahrhunderten und aktuell wieder besonders beschäftigen. Dabei geht es nicht nur um die erste Kolonialisierung, sondern auch um moderne US-Wirtschaftspraktiken wie Einfuhrkontrollen und Lohndumping oder die kaum zu ertragenden Preisanstiege durch den Influx von All-Inclusive-Urlaubern und Wohlstandsmigranten. Sounds familiar als Reggae-Fan?
”Yo no canto reggae, pero si cultura!” rappt Bad Bunny auf dem letzten Song von ”DeBÍ TiRAR MáS FOToS”. Und damit ist alles gesagt darüber, warum man sich mit diesem Album auch dann beschäftigen sollte, wenn man typischerweise eher an der Musik von 1.000 Kilometer weiter westlich interessiert ist. ”DeBÍ TiRAR MáS FOToS” ist für Bad Bunny das, was ”The Jamaican Situation” für Protoje war – nur persönlicher, mit seinen 17 Songs naturgemäß reichhaltiger, und insgesamt auch freudvoller. Denn neben historischen Zusammenhängen und aktuellen Problemen geht es auf dem sechsten Album des überzeugten Borinqueños und unbestrittenen Weltstars auch um all die Dinge, die sein geliebtes Stück Heimaterde für immer magisch machen werden. Um seine Leute. Um das Licht. Um die Riddims. Um Liebe. Um Stolz. Um Tradition. Um die gesellschaftlichen, kulturellen und nicht zuletzt die persönlichen Brücken zwischen damals™️ und heute.
Ein Beispiel: Das Album beginnt mit einem Sample des Salsa-Schlagers ”Un Verano en Nueva York” von 1975, der exakt 50 Jahre später immer noch eine Hymne der Diaspora ist. Diesen Klassiker transferiert Bad Bunny ins Heute, mit einem massiven 4/4‑Beat, mehreren Beat- und Flow-Switches und Referenzen an Boricua-Legenden wie Willie Colón, Tito Trinidad oder Big Pun. Am Ende wiederum steht eine Spoken-Word-Passage, in der Bad Bunny die Lebensgeschichte seiner Eltern nacherzählt, bevor er schließlich Fast Raps über Salsa-Breaks feuert und seinen eigenen Songs ”P fkn R” im Stile einer traditionellen Parranda nachjammt, als hätte es zu diesem Zeitpunkt irgendjemand noch nicht mitbekommen: ”Yo soy de P fucking R!”
Und noch ein Beispiel, weil es so schön ist: In den ersten 40 Sekunden von ”BAILE INoLVIDABLE” hört man Synthies von Tainy, der viele der stilprägenden Songs von Bad Bunny produziert hat, unter anderem die Gigahits ”DÁKITI” und ”Yonaguni”. Auch hier erwartet man einen solchen epischen Post-Reggaeton-Banger. Tatsächlich wird daraus aber ein Salsa-Song mit jungen Musiker:innen aus der Escuela Libre de Música in San Juan – waschecht beinahe, falls die Geschichte dieser Ur-Musica Urbana das Wort nicht von vornherein ausschlösse. Dazu gibt es Reggaeton der ganz alten Schule (”EeO”), einen Hybrid aus The Weeknd-type Synth-Soul und Bachata mit Falsettgesang (”BOKeTE”) sowie pure Plena (”CAFé CON RON”), quasi die puertorikanische Version von mexikanischen Corridos, wie sie aktuell einen gewissen globalen Hype haben, Drake-Appropriierung and all.
Das Highlight aber ist das tieftraurige ”LO QUE LE PASÓ A HAWAii”. Hier greift Bad Bunny das Schicksal Hawaiis als Mahnmal auf und baut darum eine hemmungslose Liebeserklärung an seine Heimat – komplett mit einem Solo auf der Cuatro, einer typischen viersaitigen Gitarre der Region, und sogar einem kurzen Zitat der Nationalhymne. Von der persönlichen Position in der spezifischen politischen Frage der Zugehörigkeit Puerto Ricos zu den USA einmal abgesehen, fährt der Song von der ersten Sekunde an tief unter die Haut. ”Gib nicht die Fahne auf und vergiss nicht den Le-Lo-Lei, denn ich will nicht, dass mit dir passiert, was passiert ist mit Hawaii.” Ein besonderer Kniff ist, dass im abschließenden Refrain diese Lyrics mittendrin abbrechen, so als wollten sie sagen, dass die Hoffnung noch intakt und die Geschichte letztlich in der Hand von uns Menschen ist, überall und immer. Gänsehaut!
In Momenten wie diesen ist Bad Bunny nicht weniger als eine Art Biggie und Harry Belafonte in Personalunion. (Das andere große B, an das man hier denken könnte, spare ich mir.) Und davon gibt es auf ”DeBÍ TiRAR MáS FOToS” sehr viele.

