
Vybz Kartel – Heart & Soul
Vybz Kartel Music / Greedy Lion
Text: Davide Bortot
Es gehört zur Folklore und zur leicht perversen Faszination der Grammys, dass man sie einerseits kein Stück ernst nehmen kann, sie andererseits aber ernst genommen werden wie keine andere Institution der Musikwelt. Für die Reggae-Kategorie gilt das ganz besonders. Nominated for a Grammy Award – in einem Genre, dem der Kampf um Anerkennung stets auf eine sehr profunde Weise eingeschrieben war, haben diese Worte extra viel Gewicht. Dabei wird typischerweise ausgezeichnet, wen man halt so kennt. In den letzten zehn Jahren war das vier mal was mit Marley und einmal was mit Sting. Das ist eine natürliche Folge des Vergabeprozesses. Über 10.000 Stimmberechtigte dürfen in bis zu zehn Kategorien ihr Kreuz machen. Allein als bestes Reggae-Album standen in diesem Jahr 73 Einreichungen zur Wahl. So viel Musik kann niemand hören. So ist der Preis letztlich ein Bekanntheitspreis.
Das belegt auch die Nominierung von ”Heart & Soul” von Vybz Kartel – was dann allerdings wieder maximal bemerkenswert ist für einen 50-jährigen Gangsta-Deejay, der zudem die designierte Blütezeit seiner Karriere hinter Gittern verbracht hat. Seine zweite Grammy-Nominierung in Folge hat sich Kartel im Wortsinne verdient. Sie ist das Ergebnis von 35 Jahren harter Arbeit, immer mehr auch für die Culture.
Davon abgesehen belegt ”Heart & Soul” vor allem, dass ein Konzept noch kein Album macht, ein gutes schon gar nicht. Die elf Songs drehen sich um Facetten von Liebe, Sex und Zärtlichkeit. Die meisten von ihnen klingen dabei ähnlich generisch wie der Titel. Mag sein, dass dem Turtel-Paulus Kartel dieses Album am Herzen lag. Die Seele höre ich trotzdem kaum.
Beispielhaft sind der Opener ”They’re Outta Love We Aren’t” (für Sidem und mit Sidem im Video) und der Closer ”Only Gets Better” (auch für Sidem, aber mit jemand anderem im Video). Sie bilden eine Art romantische Klammer des Albums, was in der Theorie cute ist, in der Praxis aber nur Island Pop nach Vorschrift – wobei die Vorschrift vor ungefähr zehn Jahren erlassen wurde. Auch der Dance-Song ”Bad Bad Bad” mit Ishawna schlittert mit beachtlichem Unc-Faktor auf dem schmalen Grat zwischen Oldschool-Referenz und Polonaise im Partykeller deiner Eltern.
Gleichzeitig ist Kartel natürlich immer noch Kartel, also jederzeit für einen Moment der Genialität gut. Hooks, die er in den Sessions mit Producer/Engineer Redboom Supamix ganz offensichtlich einfach hinfreestylet hat (”11:45”, ”Ghetto Girl Chosen”), bekommen andere in sechs Wochen Writers Camp mit acht Co-Autor*innen nicht hin. Und seine Gabe, bezirzende Melodien mit Hardcore-Haltung zu verbinden und dabei eine Brücke zu schlagen zwischen der Historie des Genres und den Anforderungen der modernen Konsumrealität, ist ohnehin unerreicht. ”I Know” zum Beispiel hatte letzten Herbst mächtig TikTok-Hype und bleibt 2026 ein Highlight. Auch der Titeltrack ”Heart and Soul” ist Material für den Kartel-Kanon: nichts, was man nicht schon mal gehört hätte, aber perfekt exekutiert.
Interessant ist auch der Song ”You Walked Away”, in dem Kartel auf seine zerbrochene Beziehung zu Tanesha Johnson blickt: quasi eine Reprise auf sein letztes großes Liebesalbum ”To Tanesha” von 2019. Anstatt schmutzige Wäsche zu waschen oder mit großer Geste zu reuen, lässt Kartel in Echtzeit die Gedanken fließen, die einem in solchen Situationen nun mal durch den Kopf gehen. Du hast Scheiße gebaut, ich habe Scheiße gebaut, jetzt haben wir die Scheiße, verdammte Scheiße.
Ob das eine Grammy-Nominierung wert ist? Das entscheiden halt die Grammys. (Gewonnen hat übrigens Keznamdi.) Das große Meisterwerk, der nächste Schritt zum globalen Popstar, von dem mir Kartel in unserem Gespräch nach seiner Freilassung im Sommer 2024 erzählte, ist ”Heart & Soul” gewiss nicht. Kartel bleibt im Dancehall-Modus – Session, Release, Repeat. Er kann nicht anders, auch das zeigt ”Heart & Soul”: In einem Alter, in dem sich andere mit Rücken plagen, Cialis bestellen und nebenbei ihren Katalog ausschlachten, ist der Vollblutkünstler Vybz Kartel auch auf Album #4 in 16 Monaten top motiviert und voll bei der Sache. Mit, nun ja, Herz und Seele.
