
Dieser Artikel wurde erstmals im Dezember 2020 veröffentlicht (RIDDIM 01/2021).
Pliers: Das Mädchen namens Maxine war meine Freundin. Wir waren frisch verliebt, gingen zusammen tanzen, ins Kino… Was junge Liebespaare so machen.
Chaka Demus: Dann ist etwas schlimmes passiert, weshalb du den Song schreiben musstest.
Pliers: Genau, sie ist schwanger geworden und sagte mir nach einigen Monaten, sie hätte das Kind verloren. Doch misstrauisch wie ich war, glaubte ich, sie hätte abgetrieben – ”Murder She Wrote”, versteht ihr? Heute würde ich das so nicht mehr sagen. Wir waren beide sehr jung, ich hätte nie für ein Baby aufkommen können. Das muss ihr klar gewesen sein. Mittlerweile weiß ich, dass jeder Mensch Rechte hat, egal ob schwarz oder weiß, arm oder reich, Mann oder Frau. Wenn sie also wusste, dass ich nicht in der Lage war, mich um ein Kind zu kümmern, und sich dann zu diesem Schritt entschloss, der bestimmt auch für sie nicht leicht war, dann hätte ich das respektieren müssen. Wer will schon ein Kind in die Welt setzen, um es dann leiden zu sehen, weil du es nicht ernähren und zur Schule schicken kannst? Hätte ich die Erfahrung, die ich heute habe, wäre der Song nie entstanden oder zumindest ganz anders geworden.
Chaka Demus: Als junger Artist liebte ich es, Pliers singen zu hören. Er hatte ”Murder She Wrote” bereits aufgenommen, bevor wir ein Duo wurden. Ich ging zu ihm: ”Mr. Pliers, Sie haben da einen wirklich schönen Song, den ich gerne mit Ihnen zusammen noch einmal aufnehmen würde. Die Rede ist von ‚Murder She Wrote‘, für den ich die passenden Lyrics über ein sehr schönes Mädchen aus meiner Nachbarschaft habe, das leider einen sehr schlechten Charakter hat.” Wir taten uns also zusammen, kombinierten seine Lyrics mit meinen, und sie passten perfekt zusammen. Wir gingen damit zu Sly (Dunbar), der uns den ”Bam Bam”-Riddim gab. Wir nahmen den Song in einem kleinen Raum im Sonic Sound Studio an der Retirement Road in Cross Roads auf. Das war nicht mal ein richtiges Studio, es war das Büro von Jason Lee, dem Sohn des Betreibers Neville Lee. Es gab nur ein Mikrofon. Ich sang ”Pretty face and bad character” und gab das Mic dann an Pliers weiter, damit er ”Murder she wrote” singen kann. Dann war ich wieder dran.
Pliers: Das war wie bei einem Sound System, wenn die Deejays und Sänger das Mikro kreisen lassen. Wir tanzten mit Kopfhörern auf dem Kopf umeinander herum, damit der eine dem anderen nicht im Weg steht. Wie in der Dancehall.
Chaka Demus: Raggamuffin Dancehall Style! Das war wirklich einmalig. Als der Tune im Kasten war, ging ich die Treppe runter und hörte, wie oben der Riddim von neuem ansetzte: ”Ahaa… Ahahaha…” Pliers legte direkt noch seine Coverversion von Toots‘ ”Bam Bam” nach. Keine halbe Stunde nach ”Murder She Wrote”.
Pliers: Außer uns waren noch der Produzent Rodguel ”Blackbeard” Sinclair, Jason Lee, Sly und der Gitarrist Lloyd ”Gitsy” Willis mit in dem kleinen Raum. Der Riddim besteht nämlich nur aus Schlagzeug und Gitarre. Kein Bass, kein Keyboard…
Chaka Demus: Sly war der erste, der sofort wusste, das wird ein Hit. Big things a gwaan for Chaka Demus & Pliers! Und er hatte recht, das war unser größter Hit, ob solo oder als Duo. Egal wo auf der Welt wir hinkommen, die Leute kennen und lieben den Song überall. Sie hören die typische Gitarre und schon fangen sie an zu singen: ”I know this little girl, her name is Maxine. Her beauty is like a bunch of rose. If I ever tell you ‘bout Maxine, you would a say I don‘t know what I know…”
Pliers: Und der Song hat kein Verfallsdatum. Er wird immer wieder gecovered und gesamplet. French Montana und Nicki Minaj haben die Melodie für ”French” benutzt, der kubanische Reggaeton-Artist Osmani Garcia hat ihn für ”El Taxi” mit Pitbull und Sensato verwendet. Und Omarion, Chris Martin und Jhene Aiko zitieren in ”Post To Be” mehrmals die Lyrics. Und als sie den Song 2001 im Soundtrack von ”Save The Last Dance” einsetzten, ging er plötzlich in den USA wieder richtig ab.
Chaka Demus: Und in Jamaika haben sich alle an unserer Formel – rougher Deejay und sweeter Sänger – bedient. Buju Banton und Beres Hammond, Shaggy und Rayvon, sogar Biggie Smalls und Puff Daddy. Mit ”Murder She Wrote” haben wir Anfang der 90er einiges angestoßen.

