Echoes from the Machine – Warum KI-generierter Dub unser Verständnis von Kreativität und Musikkultur erschüttert

Warum empfind­en wir KI-gener­ierte Musik als prob­lema­tisch? Kann ich Musik schätzen und wertschätzen, wenn kein men­schlich­er Schöpfer dahin­ter­ste­ht? Ist die Abnei­gung gegen KI-gener­ierte Musik nichts weit­er als gekränk­ter men­schlich­er Stolz? Unser Autor René Wynands stellt sich diese und andere Fra­gen, nach­dem er unwissentlich ein Album rezen­siert hat, das wahrschein­lich von ein­er KI gener­iert wurde. Damit hat er eine grundle­gende Debat­te aus­gelöst.

Text: René Wynands


In der let­zten Heft-Aus­gabe der Rid­dim schrieb ich eine Review des aktuellen Haris-Pil­ton-Albums ”Think Dub­by”, das mir ganz gut gefiel. Eine von Tausenden Reviews, die ich in meinem Leben geschrieben habe. Und doch war sie es, die eine ziem­liche Kon­tro­verse im Dub­blog los­ge­treten hat, denn mir war nicht aufge­fall­en, dass Haris Pil­ton zur Pro­duk­tion sein­er Dubs offen­bar kün­stliche Intel­li­genz ver­wen­det hat­te. Zumin­d­est wurde dieser Vor­wurf erhoben – wenn auch nicht bewiesen. Ander­er­seits hat Haris auch nicht ein­deutig demen­tiert, sodass in der Tat davon auszuge­hen ist, dass KI im Spiel war.

Adver­tise­ment:
Das Album, das die Debat­te ent­fachte: ”Haris Pil­ton – Think Dub­by”

Zum Glück traf es bei dem Dis­put weniger mich und meine Review. Die war eigentlich nur der Anlass, um Haris Pil­ton schwere Vor­würfe zu machen. Er würde die Dub-Com­mu­ni­ty betrü­gen und unser heiliges Genre entehren.

Während sich in manchen Gen­res nie­mand wirk­lich darum zu scheren scheint, ob bei der Pro­duk­tion KI involviert ist, macht es zumin­d­est bei Dub offen­bar einen Riese­nun­ter­schied zwis­chen ”ehrlich­er” Musik und Musik­be­trug.

Ich muss zugeben, dass auch ich etwas schock­iert war und leise an mein­er Dub-Kom­pe­tenz gezweifelt habe. Wie kon­nte ich nicht hören, dass die Dubs KI-gener­iert waren? Wie kon­nte mir das ent­ge­hen? In der Tat schwankt die Qual­ität der Pil­ton-Pro­duk­tio­nen ziem­lich stark, und sein Oeu­vre erscheint zudem stilis­tisch dis­parat. Das hätte mich skep­tisch machen sollen. Zudem wirkt das Album ”Think Dub­by” selb­st nicht sehr geschlossen. Es gibt bril­lante Tracks, aber auch einige schlechtere, die aus dem Rah­men fall­en.

Erst im Nach­gang fragte ich mich, warum es eigentlich einen solchen Unter­schied macht, ob Dub KI-gener­iert ist oder ”handw­erk­lich” pro­duziert wurde. Mein Mot­to lautet eigentlich, ganz nach Hel­mut Kohl: ”Es zählt, was hin­ten raus kommt”. Dazu ste­he ich auch: Let­ztlich zählt das, was wirk­lich zu hören ist. Ein Werk ist gut oder schlecht, ganz egal, wie es zus­tande kam, welche Tech­nik einge­set­zt wurde, wer es erzeugt hat, ob viel oder wenig Geld, viel oder wenig Zeit, viel oder wenig Tal­ent investiert wurde. Infor­ma­tio­nen darüber mögen unsere Rezep­tion bee­in­flussen und uns dabei helfen, ein Werk bess­er zu ver­ste­hen. Aber an der Qual­ität der Musik ändert es nichts, denn der Schall, der an unsere Ohren dringt, bleibt gle­ich – ganz egal, was wir darüber wis­sen. Also müssen wir die Qual­ität eines Musik­stücks ohne all das Vor­wis­sen beurteilen kön­nen, nur auf Basis dessen, was wirk­lich da ist: die pure Musik. So gese­hen spielt es keine Rolle, ob echte Musik­er und Musik­erin­nen am Werk waren, ob dig­i­tal mit Log­ic Pro pro­duziert wurde, ob gesam­pelt wurde oder ob die Musik KI-gener­iert ist, oder?

Merk­würdig, dass es trotz­dem nicht so ist. KI-Musik vom Brighton Dub Club oder von Full Dub Rid­dims höre ich mir nicht gerne an. Da regt sich ein Wider­wille in mir – und offen­bar auch in vie­len anderen Dub-Fre­un­den. Woran liegt das?

Erklärungsversuch 1

Eine Erk­lärung kön­nte sein, dass KI-Dubs ein betrügerisch­er Rip-off men­schlich­er Musik­er und Musik­erin­nen sind, denn die KI wurde ja mit dem Mate­r­i­al men­schlich­er Musikschaf­fend­er trainiert – ohne dass diese dafür ent­lohnt wur­den. Dieses Argu­ment ist oft von Kreativ­en unter­schiedlich­er Diszi­plinen zu hören: Grafiker:innen, Illustrator:innen, Fotograf:innen, Texter:innen, Videograf:innen, Schriftsteller:innen und vie­len mehr. Diese haben viel Zeit und Mühe in das Erler­nen ihrer Fähigkeit­en investiert – und nun nimmt die KI ihnen die Jobs weg. Das gelingt der KI per­fider­weise nur deshalb, weil sie ihre Fähigkeit­en an den Werken der Kreativ­en ”trainiert” hat. Juris­tisch läuft das auf die Frage hin­aus, ob die KI-Her­steller zum Train­ing ihrer Mod­elle wider­rechtlich urhe­ber­rechtlich geschütztes Mate­r­i­al ver­wen­det haben. Das ist Gegen­stand aktueller juris­tis­ch­er Diskus­sio­nen, und wir wer­den wohl bald erfahren, ob Ope­nAI, Google, Anthrop­ic und die anderen eine Art ”GEMA” wer­den nachzahlen müssen.

Das generelle Prinzip des Ler­nens anhand der Werke ander­er ist jeden­falls nicht schändlich. Denn was macht die KI denn eigentlich anders als men­schliche Schüler:innen, die von den Werken großer Meis­ter ler­nen? Ist es nicht ganz nor­male Aus­bil­dung­sprax­is, dass an den Werken ander­er die eige­nen Fähigkeit­en trainiert wer­den? Wir trainieren prinzip­iell genau­so wie eine KI es tut, indem wir uns die Werke ander­er anschauen, sie analysieren und studieren. Abge­se­hen davon, dass wir dabei um Dimen­sio­nen effizien­ter ler­nen, ist es genau das­selbe, was die KI macht. Allerd­ings – das ist ein wesentlich­er Unter­schied – haben wir zuvor Geld für einen Muse­ums­be­such, ein Buch oder ein Spo­ti­fy-Abo aus­gegeben. Wir haben also – über Umwege – die Kreativ­en dafür bezahlt, dass wir ihre Werke studieren durften.

Dass wir uns der Werke ander­er bedi­enen, wird noch viel deut­lich­er beim Sam­pling, bei Col­la­gen oder ”Zitat­en”. Hier wird regel­recht kopiert – was aber gemein­hin akzep­tiert ist. Gut gewählte Sam­ples wer­den sog­ar anerken­nend gelobt, ein cleveres Zitat geschätzt, und Col­la­gen gel­ten als eigen­ständi­ge kün­st­lerische Werke. Warum also, ver­dammt noch mal, haben wir ein Prob­lem mit KI-gener­ierten Dubs?

Ist es nicht ganz nor­male Aus­bil­dung­sprax­is, dass an den Werken ander­er die eige­nen Fähigkeit­en trainiert wer­den? Wir trainieren prinzip­iell genau­so wie eine KI es tut, indem wir uns die Werke ander­er anschauen, sie analysieren und studieren. […] Allerd­ings – das ist ein wesentlich­er Unter­schied – haben wir zuvor Geld für einen Muse­ums­be­such, ein Buch oder ein Spo­ti­fy-Abo aus­gegeben. Wir haben also – über Umwege – die Kreativ­en dafür bezahlt, dass wir ihre Werke studieren durften.

Erklärungsversuch 2

Vielle­icht ist es gekränk­te Eit­elkeit, weil sich nie­mand wirk­lich die Mühe gemacht hat, die Musik zu erschaf­fen, der ich meine Zeit widme, um sie aufmerk­sam zu hören? Kann ich Musik genießen, wenn es keinen Artist gibt, dem es um mich als Hören­den geht? Wenn da nie­mand ist, der mir gefall­en will, der sich um mein Vergnü­gen bemüht, der mir im besten Fall etwas mitzuteilen hat? Kurz: Kann ich Musik genießen und wertschätzen, wenn kein men­schlich­er Schöpfer dahin­ter­ste­ht?

Bei ein­er idyl­lis­chen Land­schaft ist das selt­samer­weise kein Prob­lem. Auch hin­ter ihr ste­ht kein men­schlich­er Schöpfer, und doch genießen und schätzen wir sie inbrün­stig. Das gilt auch für andere Naturschön­heit­en. Wie faszinierend ist der Anblick manch­er Pflanzen oder Tiere, die eben­falls nicht das Werk eines Kün­stlers oder ein­er Kün­st­lerin sind. Warum sollte das bei Musik, Malerei oder Film anders sein? Vielle­icht schafft es eine wirk­lich gute KI in Zukun­ft, nur noch gute Musik zu kom­ponieren. All killer, no filler! Was wäre dage­gen einzuwen­den?

Erklärungsversuch 3

Vielle­icht muss man etwas tiefer in der Psy­che des west­lichen Men­schen graben, um eine Erk­lärung für das Unbe­ha­gen zu find­en, das uns befällt, wenn wir KI-Musik oder KI-Kun­st vor uns haben. Also starten wir mal bei Sig­mund Freud. In sein­er Arbeit ”Eine Schwierigkeit der Psy­cho­analyse” aus dem Jahre 1917 beschreibt Freud die Wider­stände, die der von ihm entwick­el­ten Psy­cho­analyse sein­er Auf­fas­sung nach ent­ge­gen­ste­hen. Wie jede wis­senschaftliche Neuerung müsse auch sie sich gegen etabliertes Denken durch­set­zen – nicht zulet­zt deshalb, weil durch sie ”starke Gefüh­le der Men­schheit ver­let­zt wor­den sind”.

Freud nen­nt drei große Kränkun­gen des men­schlichen Narziss­mus: die kos­mol­o­gis­che Kränkung durch Kopernikus, der den Men­schen aus dem Mit­telpunkt des Weltalls ver­trieb; die biol­o­gis­che Kränkung durch Dar­win, der den Men­schen in die Rei­he der Tiere stellte; und schließlich die psy­chol­o­gis­che Kränkung durch Freud selb­st, der dem Ich erk­lärte, es sei ”nicht Herr im eige­nen Haus”.

Seit­dem sind weit­ere Kränkun­gen hinzugekom­men. Die Neu­ro­bi­olo­gie hat die alte Tren­nung von Kör­p­er und Geist zumin­d­est stark erschüt­tert. Das Ich, das wir so gerne als autonome Instanz begreifen, erscheint immer mehr als Funk­tion eines Kör­pers, der von Chemie, Biolo­gie, Trieben, Rou­ti­nen und unbe­wussten Prozessen bes­timmt wird.

Und nun kommt, ziem­lich aktuell, die näch­ste Zumu­tung hinzu: Auch Intel­li­genz und Kreativ­ität sind offen­bar nicht mehr exk­lu­siv men­schlich. Maschi­nen schreiben Texte, malen Bilder, kom­ponieren Musik, entwer­fen Designs, erzeu­gen Stim­men, imi­tieren Stile und lösen Prob­leme, für die wir bis vor Kurzem noch Begabung, Bil­dung, Erfahrung oder wenig­stens ein empfind­sames Innen­leben voraus­ge­set­zt hät­ten.

Das kränkt. Natür­lich kränkt das. Denn es nimmt uns eine weit­ere Bas­tion, auf der wir es uns lange bequem gemacht hat­ten. Wenn eine Mas­chine plöt­zlich ein Dub-Album erzeu­gen kann, das zumin­d­est auf den ersten Blick funk­tion­iert, dann stellt das nicht nur die Mas­chine zur Diskus­sion, son­dern auch unsere Vorstel­lung davon, was men­schliche Kreativ­ität eigentlich ist. Wer mag sich schon unbe­fan­gen an einem Werk erfreuen, das zugle­ich den Ver­dacht nahelegt, dass einige unser­er heilig­sten Unter­schiede zwis­chen Men­sch und Mas­chine vielle­icht weniger sta­bil sind, als wir dacht­en?

Wenn eine Mas­chine plöt­zlich ein Dub-Album erzeu­gen kann, das zumin­d­est auf den ersten Blick funk­tion­iert, dann stellt das nicht nur die Mas­chine zur Diskus­sion, son­dern auch unsere Vorstel­lung davon, was men­schliche Kreativ­ität eigentlich ist.

Aber diese Erk­lärung reicht nicht aus. Der Wider­stand gegen KI-Musik ist nicht bloß ver­let­zter Stolz. Er ist auch nicht ein­fach die belei­digte Reak­tion ein­er Spezies, die fest­stellen muss, dass sie Konkur­renz bekom­men hat. Viele Ein­wände gegen KI sind sehr viel hand­fester. Musiker:innen, Produzent:innen, Grafiker:innen, Autor:innen und andere Kreative fürcht­en nicht nur, dass Maschi­nen bess­er wer­den kön­nten als sie. Sie fürcht­en, dass Plat­tfor­men, Labels, Stream­ing­di­en­ste und Con­tent-Far­men KI nutzen, um men­schliche Arbeit zu entwerten, Hon­o­rare zu drück­en, Rechte zu umge­hen und Kul­tur in massen­haft ver­füg­baren, jed­erzeit aus­tauschbaren Stim­mungs­brei zu ver­wan­deln.

Das ist keine bloße narzis­stis­che Kränkung, son­dern eine reale Macht­frage. Wer besitzt die Train­ings­dat­en? Wer ver­di­ent an den Mod­ellen? Wer wird erset­zt, wer wird bezahlt, wer bleibt sicht­bar? Wer kann es sich leis­ten, men­schliche Kreativ­ität weit­er­hin als kost­bares Gut zu behan­deln, wenn syn­thetis­che Alter­na­tiv­en bil­liger, schneller und beliebig skalier­bar sind? In diesem Sinne ist das Unbe­ha­gen an KI-Musik auch ein Mis­strauen gegenüber den ökonomis­chen Struk­turen, in denen diese Musik entste­ht und ver­bre­it­et wird. Vielle­icht richtet sich unser Wider­wille also gar nicht nur gegen die Mas­chine selb­st, son­dern gegen die Welt, die sie her­vor­bringt und die sie aller Wahrschein­lichkeit nach noch effizien­ter, glat­ter und rück­sicht­slos­er machen wird.

Trotz­dem bleibt die psy­chol­o­gis­che Kränkung ein wichtiger Teil des Prob­lems. Denn selb­st wenn alle rechtlichen Fra­gen gek­lärt wären, selb­st wenn Musiker:innen fair vergütet wür­den, selb­st wenn trans­par­ent gekennze­ich­net wäre, welche Musik KI-gener­iert ist und welche nicht, bliebe ver­mut­lich ein Rest Unbe­ha­gen. Die Vorstel­lung, dass Kreativ­ität aus Wahrschein­lichkeit­en, Mustern und Kon­textfen­stern entste­hen kann, ohne Erfahrung, Ver­let­zlichkeit, Langeweile, Sehn­sucht oder Welt­beziehung, wider­spricht unserem eingeübten Kun­stver­ständ­nis. Wir wollen hin­ter einem Werk jeman­den ver­muten: ein Sub­jekt, eine Absicht, einen Kör­p­er, ein Leben. Die KI aber liefert wom­öglich ein Resul­tat, ohne diese Geschichte mitzuliefern. Und genau darin liegt ihre Zumu­tung.

Erklärungsversuch 4

Wom­it wir beim The­ma der Künstler:innen-Persönlichkeit wären.

Seit Tausenden von Jahren sind wir als Men­schen darauf geprägt, dass kul­turelle und kün­st­lerische Werke von begabten Indi­viduen stam­men. Gal­ten die Kün­stler früher als Handw­erk­er, so ent­stand im 18. Jahrhun­dert die Idee des Kün­st­ler­ge­nies. Dieses wird bis heute als orig­inelles, schöpferisches Indi­vidu­um ver­standen, das aus inner­er Kraft Neues her­vor­bringt. Ihren Höhep­unkt erre­icht diese Vorstel­lung in der Roman­tik um 1800: Der Kün­stler wird fast zu ein­er visionären, außergewöhn­lichen Fig­ur mit beson­derem Zugang zu Wahrheit, Natur oder dem Absoluten. Kun­st erschien als Aus­druck ein­er beson­deren inneren Kraft. Dieser ”Kün­stlermythos” beste­ht – abgeschwächt – bis heute fort und prägt unseren Blick auf Kun­st und Kul­tur. Auch wenn aus dem ein­samen Schöpfer­ge­nie zunehmend eine Fig­ur im Geflecht aus Gesellschaft, Markt, Tech­nik und Zusam­me­nar­beit wurde, so fällt es uns aktuell extrem schw­er, Kun­st als etwas zu ver­ste­hen, das wom­öglich ohne men­schlichen Schöpfer bzw. ohne men­schliche Schöpferin auskommt.

Hinzu kommt, dass Kun­st jahrhun­derte­lang vornehm­lich im Dien­ste der Reli­gion stand. Ihre Auf­gabe bestand darin, die Nar­ra­tive der Reli­gion zu mythisieren. Kun­st und Reli­gion sind also seit je her eng miteinan­der verknüpft. Als mit der Mod­erne diese Funk­tion zunehmend in den Hin­ter­grund trat, begann die Kun­st im Zuge ihrer ”Befreiung”, sich selb­st zu mythisieren, zu über­höhen und zu ver­her­rlichen. Die Kun­st wurde somit selb­st zu ein­er Reli­gion – und Kün­stler zu ihrem Priestern.

Wenn wir diese Vorstel­lung von Kun­st und Künstler:innen nun angesichts der KI über den Haufen wer­fen wollen, müssen wir gegen die seit Jahrhun­derten etablierte Prädis­po­si­tion ankämpfen, an höhere Ord­nun­gen, Autoritäten und Sinnsys­teme zu glauben und an charis­ma­tis­che Führer – seien es Klerik­er, Herrsch­er oder eben Kün­stler. Dieser Glaube hat uns all die Zeit Sinn, Schutz, Ord­nung, Zuge­hörigkeit und Ent­las­tung ermöglicht – und jet­zt sollen wir angesichts denk­ender Maschi­nen davon ablassen? Wie kön­nen wir das alles ein­fach so infrage stellen, weil wir plöt­zlich ler­nen, dass unter anderem Kun­st ohne die tra­di­tionellen Autoritäten der Kun­st, auskommt?

Erklärungsversuch 5

Hinzu kommt noch ein weit­er­er arg­er Ver­lust: der Ver­lust des Kunst­werkes.

Wir Vinyl­samm­ler tat­en uns schon extrem schw­er damit, von der physis­chen, hap­tis­chen Repräsen­ta­tion eines musikalis­chen Werkes abzu­lassen und stattdessen ein MP3-File im iTunes-Store zu kaufen – immer­hin hat­ten wir diese Datei dann noch auf unser­er Fest­plat­te liegen. Durch das Stream­ing ist uns auch dieser Besitz abhan­dengekom­men. Musik wurde zu einem imma­teriellen Gut. Aber immer­hin existiert ja noch das Werk in Form eines Albums oder zumin­d­est eines Musik­stück­es, als kle­in­ste Entität in unser­er Spo­ti­fy-Mediathek.

Aber stellen wir uns mal vor, wie es in vielle­icht fünf Jahren ausse­hen wird, wenn die Spo­ti­fy-KI keine Songs mehr vor­pro­duzieren muss, wie es aktuell noch der Fall ist, son­dern sie ”on the fly”, also in Echtzeit, gener­ieren kann. Wenn also der Spo­ti­fy-Stream, anders als jet­zt, nicht mehr zum Großteil aus vor­pro­duzierten KI-Stück­en beste­ht, son­dern aus einem Flow in Echtzeit gener­iert­er Musik, die exakt auf unseren Geschmack hin designt ist. Die Musik gäbe es dann tat­säch­lich nur im Moment ihrer Entste­hung. Damit wäre auch die virtuelle Musik­samm­lung ein­er Mediathek passé, und mit dem Artist hätte sich auch das Werk ver­flüchtigt.

Eine Dystopie?

Dann lasst uns diesen Artikel in die Book­marks spe­ich­ern und in fünf Jahren noch mal lesen. Ich bin selb­st ges­pan­nt, wie es dann um unsere Lieblingsmusik bestellt sein wird.

Jeden­falls – ich glaube, das ist deut­lich gewor­den – bin ich nicht davon überzeugt, dass KI-Musik und ins­beson­dere KI-Dubs per se böse sein müssen. Es ist vielmehr unsere psy­chis­che Ver­fass­theit – narzis­stis­che Kränkung, Kun­st­glaube, Ver­lustäng­ste –, die uns im Weg ste­ht, die ver­meintlichen Qual­itäten von KI-Musik zu sehen und anzunehmen.

Ich muss sagen, dass es mir selb­st schw­er­fällt, dies zu schreiben.

Weit­er: Lasst uns ohne Vorurteile auf die aktuelle Musikpro­duk­tion und die der Zukun­ft blick­en. Lasst uns genau hin­hören und allein an dem, was in unsere Ohrmuscheln dringt, entschei­den, ob es sich um gute oder um schlechte Musik han­delt. ”None of us can stop the time”.

Oder

Versöhnungsversuch

Dabei liegt genau hier vielle­icht der eigentliche Wider­spruch.

Ein­er­seits bleibt der Schall der­selbe. Ein Bass­lauf wird nicht schlechter, nur weil ich nachträglich erfahre, dass ihn keine Bassistin und kein Bassist einge­spielt hat. Ein Echo ver­liert nicht mess­bar an Tiefe, weil es aus einem Algo­rith­mus stammt. Der Hall­raum schrumpft nicht physikalisch zusam­men, sobald ich weiß, dass ihn nie­mand mit den Hän­den am Mis­ch­pult geöffnet hat. Was an mein Ohr dringt, bleibt iden­tisch.

Und doch hören wir Musik offen­bar nie nur als reinen Schall. Wir hören sie immer auch als Spur ein­er Prax­is, ein­er Hal­tung, ein­er Szene, ein­er Geschichte.

Ger­ade bei Dub ist das schw­er auszublenden. Dub ist ja nicht bloß eine Klangäs­thetik aus Bass, Hall, Echo, Drop-outs und Delay-Schleifen. Dub ist Stu­dio­handw­erk, Sound-Sys­tem-Kul­tur, Impro­vi­sa­tion, Mate­ri­al­bear­beitung, soziale Herkun­ft, Kör­per­lichkeit und Raumge­fühl. Dub lebt davon, dass jemand ein meist vorhan­denes Mate­r­i­al anfasst, auseinan­dern­immt, neu zusam­menset­zt, in die Tiefe zieht, ver­schwinden lässt und wieder auf­tauchen lässt. Im besten Fall hört man nicht nur ein Ergeb­nis, son­dern einen Vor­gang: Hände am Mis­ch­pult, Entschei­dun­gen im Moment, Mut zur Lücke, Lust am Risiko, manch­mal auch die char­mante Unvol­lkom­men­heit ein­er Idee, die ger­ade deshalb lebendig wirkt.

Wenn KI-Dub dieses ganze Beziehungs­ge­flecht nur nach­bildet, ohne tat­säch­lich daran teilzunehmen, entste­ht wom­öglich ein Man­gel, den man nicht unbe­d­ingt im Fre­quen­zspek­trum nach­weisen kann. Vielle­icht klingt alles ”richtig”: der Bass warm, die Snare trock­en, das Delay schön ver­set­zt, die Melod­i­ca an der passenden Stelle. Und trotz­dem fehlt etwas. Nicht, weil die Mas­chine den falschen Sound gewählt hätte, son­dern weil der Sound keine Geschichte mehr mit­bringt – oder jeden­falls keine, an die ich glauben kann. Das Defiz­it liegt dann nicht im Klang selb­st, son­dern in der Bedeu­tung des Gehörten. Es ist kein akustis­ch­er, son­dern ein kul­tureller Ver­lust.

Ger­ade Dub war immer mehr als ein Sound. Er war eine Meth­ode, ein Ort, eine Hal­tung zur Welt. Und genau deshalb trifft uns KI-Dub vielle­icht empfind­lich­er als KI-Fahrstuhlmusik. Er imi­tiert nicht nur eine Ober­fläche, son­dern eine kul­turelle Prax­is, die für viele von uns mit sehr viel mehr aufge­laden ist als mit ein paar hüb­schen Echoef­fek­ten.

Das macht die Sache kom­pliziert­er, als mir lieb ist. Denn wenn ich sage: ”Es zählt nur, was hin­ten raus kommt”, dann reduziere ich Musik auf ihr hör­bares Resul­tat. Das ist als Gegen­mit­tel gegen Vorurteile sin­nvoll. Aber vielle­icht ist es zugle­ich zu wenig. Vielle­icht beste­ht ein musikalis­ches Werk eben nicht nur aus Schwingun­gen in der Luft, son­dern auch aus den Beziehun­gen, die sich in ihm verdicht­en: zwis­chen Musiker:innen, Tech­nik, Tra­di­tion, Szene, Pub­likum, Geschichte und Gegen­wart. Ger­ade Dub war immer mehr als ein Sound. Er war eine Meth­ode, ein Ort, eine Hal­tung zur Welt. Und genau deshalb trifft uns KI-Dub vielle­icht empfind­lich­er als KI-Fahrstuhlmusik. Er imi­tiert nicht nur eine Ober­fläche, son­dern eine kul­turelle Prax­is, die für viele von uns mit sehr viel mehr aufge­laden ist als mit ein paar hüb­schen Echoef­fek­ten.

Ihr seht mich also von Wider­sprüchen zer­ris­sen.

Lasst uns gerne einen Diskurs über diese Fra­gen führen. In jedem Fall aber gilt: Wir wer­den sehen, was kommt. Ich bin überzeugt davon, dass Reg­gae und Dub so starke musikalis­che Ideen sind, dass sie auch unter verän­derten Pro­duk­tions­be­din­gun­gen Bestand und Kraft haben wer­den. Aber das geschieht nicht von allein. Wenn Dub mehr bleiben soll als eine hüb­sch hal­lende Stilober­fläche, dann müssen wir weit­er darüber stre­it­en, was ihn wirk­lich aus­macht.

Vielle­icht zählt am Ende tat­säch­lich, ”was hin­ten raus kommt”. Aber was da her­auskommt, ist nie nur Schall. Es ist auch Geschichte, Hal­tung, Herkun­ft, Prax­is, Ver­sprechen, Täuschung, Sehn­sucht und manch­mal eine Kränkung, die wir erst ver­ste­hen müssen, bevor wir sie über­winden kön­nen.

Übri­gens ist vor kurzem ”Haris Pil­ton: Think Dub­by, Vol. 2” erschienen. Mir gefällt’s.


RIDDIM Newslettah

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. lemmi

    Test !

  2. lemmi

    Bei Musik geht es soweit ich weiß in erster Lin­ie um men­schliche Gefüh­le. Eine Mas­chine und auch eine Rechen­mas­chine ( also eine KI ) hat keine Gefüh­le und schon gar keine men­schlichen Gefüh­le. Der Aus­tausch von Men­schlichen Gefühlen funk­tion­iert also zwangsläu­fig am Besten zwis­chen den Men­schen und nicht zwis­chen Men­sch und Mas­chine. Mag sein, dass auch andere Kun­sto­b­jek­te wie Bilder oder Skulp­turen von KI gener­iert wer­den kön­nen. Aber sowohl in der Musik als auch in allen anderen Kün­sten betra­chtet man mein­er Mei­n­ung nach die ganze KI — Diskus­sion zu sehr aus der Sicht der Kon­sumenten. Man ver­gisst dabei — für mein Gefühl — das Kun­st zu erschaf­fen und ich denke dabei ganz beson­ders an das Musizieren einen riesi­gen Spaß macht. Ich ver­ste­he schon über­haupt nicht, wie man ein analoges Mis­ch­pult, bei der Pro­duk­tion von Dub­Musik mit ”Maus­geschiebe” zu erset­zen ver­sucht. Das kommt mir vor, als ob ich mit nem Tis­chten­niss­chläger ver­suchen würde, richtiges Ten­nis zu spie­len. Wie kann man dabei sowas wie Spaß empfind­en ??? Klar, man kann den Ball damit auch tre­f­fen aber das hat keinen wirk­lich guten Wirkungs­grad, wenn ich mich nicht irre. Ein analoges Mis­ch­pult ist in Spon­tan­ität und Flex­ibibität bei der Pro­duk­tion von Dub nicht zu top­pen. Es mag auch ganz nette dig­i­tale Ergeb­nisse geben aber gegen ein analoges Mis­ch­pult ist jedes Maus­geschiebe und rumgek­limpere auf Com­put­er­tas­ten nur ein ganz bil­liger Ersatz. Und mir ist völ­lig schleier­haft, wie sowas Spaß machen kann. Wenn ich jet­zt als Pro­duzent mein­er KI sage, sie soll mal einen Dub ”zusamm­nen­schus­tern”, tue ich ja eigentlich gar nichts mehr. Jeden­falls bin ich in kein­ster Form kün­st­lerisch tätig. Einem richti­gen Musik­er wird es nicht reichen, wenn er z.B. sein­er KI — Gitarre sagt, sie soll mal nen Off­Beat spie­len. Drums zu pro­gram­mieren kon­nte ich auch noch nie nachvol­lziehen. Es gibt bes­timmt auch noch andere Gründe, warum die Bass­Drum auch mal Kick­drum genan­nt wird. Aber wer schon mal an so einem Drum­set gesessen hat, weiß genau, welchen KICK es einem ver­schafft, wenn man das Teil richtig trifft. Das gle­iche gilt für alle anderen Drumele­mente sowie für jedes Instru­ment. Musik machen tut guu­u­u­u­u­u­ut !!! Den Kon­sumenten ist das natür­lich größ­ten­teils egal. Denn ”The cus­tomer is always pride”. Mir gefall­en auch KI — Dubs. Weil sie sich rein for­mal rci­htig anfühlen und auch einen gewis­sen Groove ver­mit­teln kön­nen. Aber !!! Da ist etwas Merk­würdi­ges ! Das erken­nt man nicht sofort. Ich frage mich sehr oft, wenn mich Dubs nicht so richtig flashen, woran das eigentlich liegt. Als ich von KI noch gar nix wusste habe ich mich oft gefragt, warum es so viele schlaffe Rid­dims gibt, die an mir abtropfen wie Dreck anna Lotus­blume. Mein Faz­it dazu war, dass es zu viele Musik­er gibt, die zwar Reg­gae spie­len aber eben zu wenig Reg­gae­musik­er.
    Ki-Rid­dims fühlen sich so ähn­lich an. Teil­weise sog­ar bess­er, weil sie sich eben von den Ori­g­analen trainieren lassen und die Magie von den BassLines anscheinend noch bess­er gener­ieren kön­nen, als Musik­er, die das sozusagen, ohne wirk­lich berufen zu sein, handw­erk­lich umzuset­zen ver­suchen.
    Lassen wir mal diejeni­gen außen vor, die nicht an eine men­schliche Seele glauben. Wenn Musik richtig trifft, fühlen wir uns doch alle irgend­wie beseelt.
    Daran gibt es schon mal keinen Zweifel. Ich gehe jeden­falls ganz fest davon aus, dass ich keine Seele habe, son­dern eine Seele bin. Mein Kör­p­er ist ok aber is eigentlich nur meine Behausung. Mein Tem­pel ! Und wenn ich eine Seele bin oder wenig­stens eine habe, dann haben alle anderen Men­schen auch eine Seele. Ob gewisse staat­sober­häupter auch eine Seele haben wage ich zu bezweifeln. Eine Men­schliche Seele kann es aber auf gar keinen Fall sein.
    Und eine KI kann eben­falls keine Men­schliche Seele haben. Wahrschein­lich erscheinen sehr viele KI-Dubs und Rid­dims genau deshalb so ”blut­leer” oder eben auch see­len­los. Das kann man ( ich ) nicht immer auf Anhieb erken­nen. Ich fand Putin mal sym­pa­thisch ( ja ich gebs zu ). Inzwis­chen habe ich aber lei­der fest­stellen müssen, dass in ihm eine völig kranke Seele wohnt oder er zu denen gehört, die ich immer so gern als Orks beze­ichne. Auch die kön­nen vielle­icht unsere Kör­p­er ”gener­ieren” bzw. repro­duzieren aber ihre Seele wird niemals Men­schlich sein kön­nen. Von mir aus nen­nt es ”geschwurbele”, was ich hier schreibe. Ich habe nicht den Anspruch mich beliebt zu machen. Ich schreibe gern meine Gedanken auf und teile sie gern mit. Das ist alles. Auch wenn es nie­mand nachvol­lziehen kann. Meine Gedanken sind Bal­sam für meine Seele.
    ”Reg­gae got Soul !” .….…. KI got 0 and 1 / On and Off .….…… noth­ing more to say .….….….….….….. lem­mi

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