
Dieser Artikel wurde erstmals im September 2021 veröffentlicht (RIDDIM 04/2021).
Bei ”It‘s A Pity” denke ich an diese sehr lange Autofahrt. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, woher ich genau kam. Aber ich weiß, dass es durch halb Deutschland ging. Ich glaube, Likkle T (Phlatline Sound) war dabei und ich saß im Auto und schrieb an einem Text, weil ich einen Song auf dem ”Doctor’s Darling”-Riddim von Lanni, Pionear von Germaican Records, aufnehmen wollte.
Die Geschichte hinter ”It‘s A Pity” beruht weitgehend auf einer wahren Begebenheit. Sie ist lediglich ein wenig übertrieben, damit man die Leute nicht erkennt, über die ich spreche. Aber eigentlich ist es eine sehr gängige Story: Du hast dich gerade in einer Beziehung eingerichtet und dann triffst du jemanden und denkst, er oder sie würde gut zu dir passen. Und dann sagst du, wie schön wäre es doch, wenn wir beide noch zu haben wären.

Ich glaube nicht, dass wir das Recht haben, andere zu besitzen. Wenn mein Partner glaubt, jemand könne seine Lebenserfahrung bereichern, dann stehe ich ihm nicht im Weg. Das weiß er, und das gilt genauso für mich. Ich habe bisher niemanden getroffen, bei dem ich denke, er sei besser als der Mensch, mit dem ich zusammen bin. Das mag daran liegen, wie wir unser Leben leben. Unsere Vorstellung ist, lass uns dieses Leben solange gemeinsam genießen wie es eben geht. Gemeinsam macht alles viel mehr Spaß und wir sind uns nicht leid. Wir haben auch keine Angst davor, getrennt zu sein – vielleicht ist es das, was uns zusammenhält.
”It‘s A Pity” hat mir die Augen geöffnet wie promiskuitiv die Menschen eigentlich sind, einfach daran, wie sich alle in dem Song wiedergefunden haben. Ständig kamen Leute zu mir: ”Genau das erlebe ich gerade, ich bin mit dem Mann einer anderen Frau zusammen.” Oder: ”Ich war letztes Jahr in der gleichen Situation.” Ob Frauen oder Männer, beide scheinen das gut zu kennen.
Der Song hat mir wirklich gut getan. Für alle, die meine Musik bereits gut fanden, war das nochmal ein frischer Energieschub. Und wer mich noch nicht kannte oder nichts mit mir anfangen konnte, war plötzlich an Bord. Durch ”It‘s A Pity” ist die Familie enorm gewachsen.
Auch die Aufnahmen waren besonders. Die Produktion ist exzellent. Ich arbeite gerne mit Lanni. Es hatte etwas familiäres. Denn ich habe zuerst seine Frau kennengelernt. Ich fand es damals seltsam, eine jamaikanische Frau zu treffen, die Deutsch spricht. Wir kamen ins Gespräch und sie erzählte mir, dass ihr Mann Produzent ist. So kam der Link zustande, sehr organisch. Wir mochten uns auf Anhieb. Und dann ging auch noch der Song wie aus dem Nichts durch die Decke.
Lanni ist im Studio echt streng, bwoy! Eine Zeile musste ich immer wieder aufnehmen. Ich glaube, wir waren die ganze Nacht im Studio. Aber als ich dann das fertige Produkt hörte, dachte ich, dafür hätte ich auch eine weitere Nacht im Studio verbracht. Der Song war einfach fehlerfrei. Ich liebe ihn, er ist wunderschön, die Mühe hat sich wirklich gelohnt. Aber Lanni hat mich auch ganz schön rangenommen.
Wenn ich arbeite, dann geht es nicht um mich, es gibt nur die Produktion. Das Produkt ist der Star. Wenn der Produzent etwas auszusetzen hat, füge ich mich. Damit habe ich kein Problem, denn ich will den bestmöglichen Song machen. Das kann körperlich schlauchen, aber mental bin ich immer fit, weil ich nur den Song im Auge habe. Und bei ”It‘s A Pity” haben sich Lannis Anweisungen ja auch als richtig erwiesen. Alles was er anzumerken hatte, war berechtigt. Als ich den fertigen Song gehört habe, dachte ich, yo, Dude, du bist echt gut!
Ich weiß nicht mehr genau, wo ich den Song zum ersten Mal performt habe, aber ich weiß noch, die Leute haben sofort jede Zeile mitgesungen. Mir war anfangs nicht klar, wie populär der Song ist. Das schwante mir erst, als die Leute mich anflehten, bitte, bitte, du musst ”It‘s A Pity” spielen.
Der Song hat mir die Augen dafür geöffnet, wie sehr die Welt geschrumpft ist. Es ist egal, ob Deutschland, Jamaika, Japan. Heute ist das alles eine Musik. Ich mach mir keinen Kopf über Geographie, es geht nur um den besten Sound, das beste Produkt. Es geht um gute Musiker, die gute Musik machen, bei der du dich gut fühlst. Ich höre oft: ”Ich kann nicht glauben, dass ein Deutscher den Song produziert hat.” Aber Musik ist grenzenlos.
Leander ”Pionear” Topp ist am 17. Juni 2025 völlig überraschend verstorben. Einen Nachruf auf ihn kannst du hier lesen.
Rest in eternal peace, Lanni aka LanniTy aka Pionear!

