
Dieser Artikel wurde erstmals im Dezember 2019 veröffentlicht (RIDDIM 01/2020).
Die Story von ”Truth & Rights” ist schnell erzählt. Ich liebte den Riddim schon immer, seit ich das Original von 1968, ”Take A Ride” von Al Campbell, gehört hatte. Schon damals dachte ich mir, dass ich den Riddim eines Tages voicen würde. Ich hatte auch schon in den 60ern mein Glück bei Studio One versucht. Fünf Jahre lang, um genau zu sein. Immer wieder latschte ich sonntags zum Vorsingen in die Brentford Road. Ich wollte unbedingt bei Studio One einen Fuß in die Tür bekommen. Aber jedesmal war die Schlange an wartenden Sängern so lang, dass ich nie dazu kam, Coxsone meine Songs vorzusingen. Entweder beendete er die Session, bevor ich an der Reihe war, oder ich ging gleich wieder meiner Wege, weil sofort klar war, dass es keinen Sinn machte zu warten.
Dabei wollte ich unbedingt mit Coxsone Dodd arbeiten, denn ich hielt ihn für etwas Besonderes. Es heißt immer, Studio One sei das Motown, Coxsone der Barry Gordy Jamaikas. Aber für mich war Studio One immer viel mehr. Ich hätte mich jedenfalls sehr schlecht gefühlt, wenn ich in meinem Leben nicht die Möglichkeit bekommen hätte, dort aufzunehmen. Ich wusste, wenn mir das gelingt, dann habe ich mir meinen größten Traum erfüllt, selbst wenn danach nichts mehr kommt, kann ich zufrieden mit meiner Karriere sein.
1969 wanderte ich dann nach Kanada aus, wo die Reggae-Szene allerdings sehr beschaulich war. Ich hatte das Gefühl, es gibt dort nicht genug für mich zu tun. Klar, ich hatte meine Band, I‑Shen People, mit der ich zwei Alben für GRT Records machte und zwei Sommer lang als Vorgruppe von Blood Sweat & Tears tourte. Aber ich hatte das Gefühl, das mehr für mich drin ist, weshalb ich 1979 nach Jamaika zurückkehrte. Ich wollte zurück in den Reggae-Mainstream. Das ging nur dort. Nun war es ein Leichtes, einen Fuß in die Tür von Studio One zu bekommen. Bevor ich nach Kanada ausgewandert war, hatte ich ja für Techniques das Album ”Come Back Darling” aufgenommen. Man kannte mich also in Jamaika. Deswegen brauchte ich mich diesmal bei Studio One nicht in eine Schlange zu stellen, brauchte nicht mal vorsingen. Ich trat die Tür ein und marschierte schnurstracks in den Aufnahmeraum, um das Album ”Truth & Rights” aufzunehmen, das laut Statistik das beste Album meiner Karriere ist. Mir selbst gefällt es auch heute noch sehr gut.

Ich ging also rein und arbeitete mich durch riesige Stapel alter Tapes. Ich hatte ein altes T‑Shirt dabei, wischte den Staub von den Schachteln und hörte mir lange immer wieder die alten Riddims an. Die Worte, die mir dazu einfielen, kamen von den Riddims, sie sagten mir, was ich singen soll. Ich brauchte nicht mal etwas aufzuschreiben. Ich hörte einen Riddim und sang, was mir durch den Kopf ging.
Jamaika befand sich damals am Rande eines Bürgerkriegs. Die regierende PNP mit Premierminister Michael Manley hatte den Sozialismus eingeführt, was der JLP um Edward Seaga genauso wenig gefiel wie den USA. Mit deren Hilfe bekämpfte er die Regierung und das Land war tief gespalten. Kingston war wie ein Schachbrett in Parteigarnisonen unterteilt, die Stellvertreterkriege führten, bei denen viele Menschen ums Leben kamen. Viele verließen das Land, entweder weil sie um ihr Leben fürchteten oder weil sie ihren Besitz vor den Sozialisten in Sicherheit bringen wollten. Ich wollte nicht direkt auf diese Situation eingehen, war aber natürlich davon geprägt. Ich glaube, daher rührt der Vers: ”Children say a little prayer, every night before you go to sleep, ‘cause tomorrow is promised to no one. When you think it‘s peace and safety, Lord, it could be sudden destruction.”
Ich werde auch oft nach der ersten Zeile gefragt: ”Render your heart and not your garments.” Es ist egal, wie sauber deine Kleidung ist, wenn dein Herz nicht rein ist, kannst du genauso gut nackt vor die Tür gehen. Und wenn du reinen Herzens bist, ist es ohnehin einerlei, was du am Leib trägst. Was zählt, sind die inneren Werte, nicht die äußeren. Rastafari!

