
Er war Toaster, Perkussionist und Schlagzeuger. Aber vor allem kannte man ihn als Toningenieur. Er galt als Schlüsselfigur bei der Entwicklung des Channel One-Sounds, der Jamaika in der Mitte der 1970er Jahre dominierte, blieb aber selbst meist im Hintergrund. Dass sein Tod im August letzten Jahres mit nur 65 Jahren nahezu unbemerkt blieb, passt fast tragisch zu seiner Geschichte. Wer mit ihm arbeitete, erinnert sich an einen äußerst engagierten Menschen mit intuitivem Gespür für Mixdowns und einen druckvollen Schlagzeugstil – sein trockener Humor sorgte zudem regelmäßig für eine entspannte Atmosphäre bei den Aufnahmesessions. David Katz erinnert an Barnabas.
Text: David Katz /// Fotos: Beth Lesser
Barnabas wurde 1960 als Stanley Bryan geboren, das jüngste von drei Kindern, und wuchs in der Sunlight Street auf – einer Seitenstraße zwischen Whitfield Town und Rose Town im Westen Kingstons. ”Ich wurde von meiner Mutter großgezogen, sie war eine unabhängige Frau”, erzählte Barnabas einmal. ”Sie hat genäht, Kleidung verkauft – solche Sachen.”

Seine Mutter brachte ihm Respekt und gutes Benehmen bei, Tugenden, die in einem Viertel überlebenswichtig sein konnten, in dem politische Gewalt zwischen Anhängern der beiden politischen Parteien seit den 1940ern immer wieder aufloderte. Mit einer alleinerziehenden Mutter aufzuwachsen, war nicht einfach, doch Stanley bewahrte sich eine positive Haltung und seinen frechen Humor: Sein Spitzname ”Barnabas” stammt von der Vampirfigur Barnabas Collins aus der TV-Serie ”Dark Shadows” – angeblich, weil er als Junge seine Zähne herausstreckte, um Mädchen zu beeindrucken.
Ein Zufall sollte alles verändern. 1973 war Barnabas gerade für seine Mutter unterwegs, als eine Nachbarin ihn bat, Joseph Hoo Kim zu holen, da die Jukebox in ihrer Bar ausgefallen war. Die Hoo Kims waren damals bekannte Geschäftsleute in der Gegend – sie betrieben eine Eisdiele, einen Rum-Shop und einen Spirituosenhandel an der Kreuzung Maxfield Avenue/Spanish Town Road. Kürzlich hatten sie zudem größere Räumlichkeiten in der 29 Maxfield Avenue erworben – nur wenige Häuser von Barnabas’ Zuhause entfernt. So stand der Junge plötzlich zum ersten Mal in einem Aufnahmestudio – während Boris Gardiner gerade ”Every N****r Is A Star” einspielte. Als Joseph ihn später losgeschickt hatte, um eine Limonade zu holen, gab Barnabas ihm das Wechselgeld korrekt zurück. Eine kleine Geste – und der Beginn einer langen Arbeitsbeziehung.
Als seine Mutter später ein Haus in der Raphael Street gegenüber des Studios kaufte, begann Barnabas, regelmäßig dort vorbeizuschauen: ”Ich bin auf dem Weg zur Whitfield Town School immer am Studio vorbeigegangen und bin dann einfach rein.”
Bald half er bei Jukebox-Auslieferungen aus, was ihn zunächst zum Channel One Sound System führte – und schließlich in den Vollzeitbetrieb des Studios. ”Ich war zuerst als Deejay auf dem Sound. Dann habe ich im Studio angefangen, das Engineering zu lernen, und später auch Schlagzeug, indem ich Sly Dunbar zugesehen habe.”
Damals war vieles spontaner, und wer zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, hatte gute Chancen. So entstand etwa seine erste Aufnahme ”Sister Fay” auf Roy Francis’ Produktion der Chantells – einfach, weil Barnabas gerade im Studio war und man ihn bat, ”mal etwas darauf zu machen”.
Noch entscheidender jedoch war seine Entwicklung am Mischpult, die er Josephs Bruder Ernest zu verdanken hatte. ”Ernest Hoo Kim war mein Lehrer. Er hat das Mischpult bearbeitet, bis ich gelernt habe, es genauso zu machen. Eine meiner ersten Arbeiten war mit Earth & Stone – ”In Time To Come”. Ernest hatte das Board schon ausbalanciert, ich musste nur die Instrumente fahren. So habe ich Stück für Stück gelernt.”
Barnabas spielte Perkussion auf Dillinger’s ”Bionic Dread,” Cornel Campbell’s ”Stalowatt,” Leroy Smart’s ”Ballistic Affair,” Mighty Diamonds’ ”Stand Up To Your Judgement” and Winston Jarrett’s ”Man of the Ghetto”. Nachdem er Sly beobachtet hatte, begann er Drums einzuspielen, unter anderem für Barbara Jones bei Alvin Ranglin. Einige Deejay-Stücke nahm er selbst auf, doch sein Fokus blieb Engineering und Drumming.
”Ich habe vor allem die Deejays gemischt – Ranking Trevor, Dillinger, Trinity, Clint Eastwood – und viele Dubs gemacht: Delay, Reverb auf den Drums, solche Sachen. Ich hab Dubs für Phil Pratt gemacht, weil er mochte, wie ich arbeite, und auch für Al Campbell.”

Seine Dubs waren klar auf den Sound System-Betrieb ausgerichtet: viel Delay, die Drums deutlich nach vorne gemischt. Neben seiner Mitarbeit an den Revolutionaries-Alben ”Revival Dub” und ”Satta Dub” sowie dem ”Super Dub Disco”-Set für Bunny Lee mischte Barnabas auch den großartigen Dub zu Linval Thompsons ”Six Babylon”. ”The Cold Crusher”, produziert von Phil Pratt, erschien 1978 in kleiner Auflage in New York auf dem Express-Label; dieselben Tracks wurden später in Großbritannien von Burning Sounds als ”Star Wars Dub” herausgebracht – allerdings in anderer Reihenfolge und mit alternativen Mixen. Außerdem mischte Barnabas ”Top Ranking Dub” für den ehemaligen Süd-Londoner Sound System-Operator Charles Reid und war der Hauptmixer von ”King’s Dub”, das 1980 in Jamaika von Dudley ”JA Man” Swaby veröffentlicht wurde. Auf ”Three The Hard Way”, das 1981 bei Silver Camel in Großbritannien erschien, wird er als Engineer für vier Tracks geführt, und auf ”Zola” beziehungsweise ”Zola’s Universal Dub” ist er ebenfalls an einigen Tracks beteiligt.
Barnabas erinnerte sich später daran, dass King Tubby ihn nach dem Ausbau von Channel One auf 16 Spuren im Jahr 1979 unbedingt für sein Studio in Waterhouse gewinnen wollte – ein deutliches Zeichen, wie sehr sein Ruf als Dub-Mixer gewachsen war. ”King Tubby wollte mich zu sich holen, weil ihm gefiel, wie ich die Dubs mische”, erzählte Barnabas. ”Bunny Lee meinte zu ihm, er könne mich bestimmt überreden, aber ich hab beschlossen, Channel One nicht zu verlassen. Tubby’s Studio hatte ja nur vier Spuren, Channel One schon 16.”
Auch abseits der Dub-Szene hatte Barnabas am Mischpult einige herausragende Momente: etwa die 12inch-Version von ”Kingdom Rise Kingdom Fall” der Wailing Souls,” Barry Brown’s ”I’m Not So Lucky,” Michael Prophets zweites, selbstbetiteltes Album, ”Brutal Out Deh” der Itals und Eek-A-Mouse’s ”Wa Do Dem”. Dazu kamen frühe Arbeiten für Barrington Levy und Cocoa Tea sowie Augustus Pablo’s ”Earth Rightful Ruler.” Als sich Ernest Hoo Kim schließlich aus dem Musikgeschäft zurückzog, wurde Barnabas zur tragenden Säule bei Channel One. ”Nachdem Ernest aufgehört hat, habe ich den Großteil der Arbeit übernommen”, erinnerte er sich. ”Er hatte so viele andere Verpflichtungen und war mehr Techniker als Studiomann – er war ständig mit dem Reparieren von Maschinen beschäftigt. Also hat er die meisten Kunden an mich weiterempfohlen.”
Neben seiner Tätigkeit als Toningenieur übernahm Barnabas auch das Mastering bei Channel One. ”Die Mastering-Leute damals – die haben den EQ am Mischpult immer verändert, und das war oft nicht so gut. Also hat Joe-Joe mich gebeten, nach dem Rechten zu sehen und sicherzustellen, dass sie das Signal flach, also direkt vom Band, übernehmen. Das habe ich dann bei allen Channel One-Produktionen so gemacht – durchgehend.”
1980 wurde Barnabas Mitglied der Backingband der Gladiators und tourte drei Jahre lang mit ihnen vor allem durch Europa.
Mitte der 1980er tauchte er in Studios wie Aquarius und Dynamic Sounds auf, spielte Drums für Tenor Saw und andere frühe Dancehall-Künstler. Doch West Kingston wurde immer gefährlicher. Die geplante Verlegung von Channel One in ein sichereres Viertel kam nie zustande. 1988 ging Barnabas nach Los Angeles und arbeitete im I & I Sound Studios, später ging er nach New York zu Sir Tommy’s in Flatbush.
Nach einem Jahrzehnt in den USA kehrte er zurück nach Jamaika, spielte weiterhin Drums für Größen wie Sugar Minott, The Ethiopians oder Max Romeo – doch gesundheitliche Probleme schränkten ihn zunehmend ein.
Walk good, Stanley ”Barnabas” Bryan.

