
Es ist ein ikonisches Bild, wie sie in goldenem Outfit – Ballon-Panty mit Rüschen, schulter- und bauchfreiem Top mit Puffärmeln, High-Heel-Overknees, schwerem Schmuck – und platinblonder Perücke zu Chaka Demus & Pliers‘ „Murder She Wrote“ den „Butterfly“ tanzt. Sie war die erste Dancehall Queen, galt in den 90ern mit ihren üppigen Kurven als Sex-Symbol, verschaffte Frauen ihren Platz in der Dancehall und prägte mit ihrem Style Künstlerinnen von Lady Saw bis Spice. Zusammen mit Beenie Man sorgte sie als erstes Dancehall-Couple für ständigen Gesprächsstoff. Ellen Köhlings und Pete Lilly haben die Stilikone über 30 Jahre nach ihrer Krönung getroffen.
Text: Ellen Köhlings & Pete Lilly /// Fotos: Roy Sweetland
Dieser Artikel wurde erstmals im März 2025 veröffentlicht (RIDDIM 02/2025).
Manchmal fügen sich die Dinge von selbst. Schon seit Jahren wollen wir Carlene Smith, die erste Dancehall Queen, interviewen, doch irgendwie haben sich unsere Wege nie gekreuzt und anderes schien immer drängender. Und jetzt sitzt sie beim Soft Launch von Beenie Mans Seafood Restaurant Simma am Nebentisch und lächelt uns freundlich an. Die Nummern sind schnell ausgetauscht und wenige Tage später sitzen wir im Wohnzimmer ihres Reihenhauses in einer Seitenstraße der Hope Road. Überraschend bürgerlich eingerichtet, trägt es mit allerhand Plüsch und Leopardenmuster durchaus ihre Dancehall-Handschrift. Von einem fast eine ganze Wand einnehmenden schillernden Ölportrait wie auch von Carlenes T‑Shirt schaut uns ihre 2023 verstorbene Schwester Pinky an.
Pinky spielte eine wichtige Rolle in deinem Leben.
Ja, sie hat mich in die Dancehall eingeführt. Da war ich schätzungsweise 13. Pinky war sieben Jahre älter als ich. Es ging ins House Of Leo, Sound System, riesige Mega-Boxen! Stone Love war der Sound der Stunde. Und hier komm‘ ich, zu allem bereit! Ich wollte gar nicht mehr weg, hatte mich sofort in diesen Ort verliebt. Als erstes fiel mir auf, dass alle machten, wonach ihnen gerade war. Ein Typ trommelte auf einen Kochtopf ein, ein anderer zündete einen riesigen Spliff an. Jemand ließ sein Motorrad mitten in der Dancehall aufheulen. Die Girls waren ganz in Rüschen und Tüll gehüllt. Eine Frau kreiste sinnlich ihre Hüften. Alle waren, wer sie in diesem Moment sein wollten. Ich liebte es! Pinky war damals mit Tiger zusammen und nahm mich auch zu sämtlichen Stage Shows mit: Roll Call, Sting… Überall wo Tiger auftrat. Der war zu der Zeit ein echter Dancehall-Superstar.
Es ging ins House of Leo, Sound System, riesige Mega-Boxen! Stone Love war der Sound der Stunde. Und hier komm‘ ich, zu allem bereit! Ich wollte gar nicht mehr weg, hatte mich sofort in diesen Ort verliebt. Alle waren, wer sie in diesem Moment sein wollten.
Du bist in Kingston aufgewachsen, oder?
Ja, Kingston 6, Liguanea, das gilt als Uptown, was bedeutet, dass wir etwas mehr hatten als der Durchschnitt. Musik spielte erst mal keine besonders große Rolle in meinem Leben. Man kann sich das heute kaum vorstellen, aber Dancehall hatte in den 1980ern die normalen Haushalte in Jamaika noch nicht erreicht. Ich hörte damals Sachen wie Tom Jones. Prince war mein Idol. Ich mochte auch Michael Jackson, aber heiraten wollte ich nur Neil Diamond (lacht). Später, als Teenager, bin ich bei Schulfeten aufgetreten, habe zu Punk und Disco getanzt. Von Dancehall hatte ich noch nie gehört. Meine Schwester ist anders groß geworden. Sie ist bei unserer Mutter aufgewachsen, ich lebte mit meinen anderen Geschwistern bei meinem Stiefvater. Pinky hatte etwas Rebellisches an sich, war einfach unwiderstehlich, hardcore, dabei aber äußerst sweet und sehr aufgeschlossen.

Hatten deine Eltern kein Problem damit, dass du dich so jung in den Dancehalls rumtreibst?
Mein Stiefvater hatte nichts dagegen, so lange ich mit meiner großen Schwester unterwegs war. Er hatte früh verstanden, dass ich anders war. Ich habe neun Schwestern, nur eine davon ist jünger als ich. Sie sind alle sehr straight, eine hat sogar bei Miss Jamaica World teilgenommen. Ich war da anders, war aufmüpfiger, stand auf Disco und Punk Rock. Auch meine Mutter war im Herzen eine Rebellin. Mit 17 soll sie an einem Rodeo teilgenommen und sämtliche Männer geschlagen haben. Erst mit 14, 15 habe ich herausgefunden, dass sie bipolar und schizophren war und uns Mädchen deswegen bei unserem Stiefvater zurückgelassen hatte.
Es heißt, du sollst 1986 am Half Way Tree mit deinem Outfit für ein Verkehrschaos gesorgt haben. War das während deiner Punk Rock-Zeit?
Nein, ich habe mich immer als verführerisch, als sexy gesehen – als Frau, als Mädchen und sogar schon als Kind. Und viele haben mich darin bestätigt. Ich bin unter vielen gutaussehenden Frauen aufgewachsen, war aber immer die fülligere. Meine Schwestern waren eher schlank; sie haben mir ständig gesagt, wie schön und sexy ich sei. Darauf habe ich mir aber nichts eingebildet, ich wollte immer nur zeigen, dass in mir eine Rebellin steckt. Ich war also mit meinem Vater in Half Way Tree unterwegs, er musste dort zur Bank und ließ mich auf dem Rücksitz im Auto zurück. Ich trug ein Oberteil aus zwei Tube Tops. Irgendetwas brachte mich dazu, meine Jeans auszuziehen und ein Top zum Rock zu machen. So stieg ich in Bustier und extrem knappem Minirock aus dem Wagen. Das sorgte für riesiges Aufsehen, die Autos blieben mitten auf der Straße stehen, die Leute starrten mich an wie eine Außerirdische. Mir war einfach danach, ich hatte mir nichts dabei gedacht. Als ich sah, was ich angerichtet hatte, wurde ich nervös, verschwand wieder im Auto und zog mich an, als ob nichts geschehen wäre. Mein Vater hatte von all dem nichts mitbekommen, wunderte sich aber, als kurz darauf im Radio von einer leicht bekleideten Frau die Rede war, die am Half Way Tree für einen Massenauflauf gesorgt hatte (lacht).
Nur in Bustier und extrem knappem Minirock sorgte ich für riesiges Aufsehen, die Autos blieben mitten auf der Straße stehen, die Leute starrten mich an wie eine Außerirdische. Im Radio war von einer leicht bekleideten Frau die Rede, die am Half Way Tree für einen Massenauflauf gesorgt hatte.
Die Dancehall-Mode war wahrscheinlich noch nicht so anzüglich wie heute, dass der Aufschrei über dein knappes Outfit damals so groß war.
Ich würde nicht anzüglich, sondern sexy dazu sagen. Die Frauen hatten früher viel mehr an als heute – Rüschenröcke, Leinenkleider, lange Palazzo-Hosen… Dagegen war ich allergisch – arghhh! Wenn jemand einen Badeanzug oder Shorts trug, verursachte das schon Chaos. So jung wie ich war, ich war davon überzeugt, dass ich Sex auf ein anderes Level bringen konnte. Das verrieten mir die Reaktionen, wenn ich mit Pinky unterwegs war. Die Männer rannten hinter mir her, aber das machte mir nichts, ich hatte ein dickes Fell. Ich lächelte einfach und ließ sie stehen, denn ich wusste, wer ich war, hatte ein starkes Selbstbewusstsein. Damals war ich noch Jungfrau, hatte nie etwas mit einem Mann, darum ging es mir aber auch nicht. Ich habe das immer nur für mich gemacht. Ich glaube, das sind meine afrikanischen Vorfahren in mir. Schon als Kind hatte ich mir immer gewünscht, wir würden alle nackt rumlaufen. Aber ich war nie auf Sex aus oder darauf, mir einen Mann zu angeln. Nope, ich habe einfach gemacht, wonach mir war.
So jung wie ich war, ich war davon überzeugt, dass ich Sex auf ein anderes Level bringen konnte. Das verrieten mir die Reaktionen der Männer. Sie rannten hinter mir her, aber ich lächelte einfach und ließ sie stehen, denn ich wusste, wer ich war, hatte ein starkes Selbstbewusstsein.
Das klingt nach einer Art female Empowerment.
Genau, es war eine bewusste Entscheidung, Frauen auf diese Weise zu stärken. Ich begann, zu all den Dances zu gehen: Rae Town, Harbour View, Torrington Bridge… Mit Pinky an meiner Seite fühlte ich mich sicher, wusste, sie würde mich jederzeit verteidigen. Nicht, dass ich je verteidigt werden musste. In Jamaika sind Klassismus und Kolorismus stärker ausgeprägt als Rassismus. Mein Teint war damals extrem hell und ich hatte langes glattes Haar, was Jamaikaner „Pretty Hair“ nennen. Viele glaubten nicht mal, dass ich überhaupt Jamaikanerin bin. Ich kleidete mich anders, ich sprach anders… Wenn ich mich mit anderen Frauen im Dance unterhielt, erkannte ich, dass Männer für sie oft der einzige Weg aus der Inner City waren. Ich merkte, wenn ich mich sexy kleide, kann ich den Dance für mich einnehmen. Dazu brauchte ich nicht mal zu tanzen. Eigentlich war für Frauen kein Platz in der Dancehall vorgesehen. Das war ein sehr männlich geprägter Ort, der aus dem Ghetto, aus der Armut hervorgegangen ist – hardcore, rough… Dancehalls sind entstanden, weil sich die Menschen die Preise in den Nachtclubs nicht leisten konnten und sich ihre eigene Form der Unterhaltung schaffen mussten. Frauen hatten in der Dancehall keine Chance, wenn sie sich nicht wie Männer gaben. Wenn früher bei einer Stage Show 30 Männer und zwei Frauen aufgetreten sind, dann interessierte sich niemand für die Frauen, selbst wenn sie einen Hit-Song hatten. Doch mir wurde klar, dass kein Mann mit mir konkurrieren kann, wenn ich mich sexy gebe. Da ich weder singen noch deejayen konnte, fand ich meine Bestimmung darin, Tänzerinnen und Sexyness zum Trend zu erheben. Das gefiel auch den Männern: „The gyal bad!“ Erst danach konnten sich Künstlerinnen wie Lady Saw oder Patra in diesem Geschäft behaupten. Ich sage immer, ich verkaufe Sex, aber man kann ihn nicht kaufen. Man kann sich nach mir verzehren, mehr aber auch nicht.
Eigentlich war für Frauen kein Platz in der Dancehall vorgesehen. Das war ein sehr männlich geprägter Ort, der aus dem Ghetto, aus der Armut hervorgegangen ist – hardcore, rough… Doch mir wurde klar, dass kein Mann mit mir konkurrieren kann, wenn ich mich sexy gebe.
1992 hast du einen sogenannten Fashion Clash veranstaltet, der heute als Prototyp für die späteren Dancehall Queen Contests gilt.
Das Motto war „Dancehall versus Uptown“. Alle sprachen allerdings nur von „Downtown versus Uptown“, da Dancehall ein Downtown-Ding war. Doch ich repräsentierte Dancehall, ohne aus Downtown zu kommen. Und trotzdem ist es meine Kultur. Wie immer wollte ich etwas für die Inner City Girls schaffen. Also ging ich zu dem Besitzer des Cactus Nightclub, Andrew Williams, den man unter seinem richtigen Namen Vivian Blake als Anführer der berüchtigten Shower Posse kannte. Das wusste ich aber damals nicht. Ich habe ihn als netten, zuvorkommenden Mann erlebt, der vielen Menschen geholfen hat. Jedenfalls habe ich in ihm zu keiner Zeit den Badman oder Don gesehen, der all die schrecklichen Dinge getan haben soll, die man heute über ihn liest. Anyway, er war begeistert von meiner Idee. Die Uptown-Gruppe bestand aus einigen Top-Models, darunter Miss Jamaica World, Erica Aquart. Die Dancehall-Gruppe bestand aus Pinky, mir und zwei weiteren Mädels, Lana und Sharon. An dem Abend, dem 12. April 1992, platzte der Cactus Club aus allen Nähten; sie ließen niemanden mehr rein. Wir mussten uns erst mal Mut antrinken, aber am Ende haben wir den Laden auseinandergenommen. Ich wurde Miss Jamaica World zugelost, die alle kannten und die von der ganzen Insel geliebt wurde. Doch gegen mich hatte sie keine Chance. Sie war die Beauty Queen, ich die Dancehall Queen. So wurde daraus ein Dancehall Queen Contest, von dem es noch acht weitere geben sollte, die ich alle gewonnen habe. Nach dem ersten Clash fingen alle Frauen in der Dancehall an, sich zu kleiden wie ich. Das verbreitete sich wie ein Lauffeuer, genau wie ich es geplant hatte. Mein Ruhm in der Dancehall ist nicht langsam gewachsen, ich bin mit einem Knall zum Star geworden. Es gab einfach niemanden wie mich. Noch bevor ich Dancehall Queen wurde, habe ich bereits eigene Tänze entwickelt wie den berühmten „Butterfly“. Das war noch vor Bogle, der erst nach mir gebusst ist.
Nachdem ich den ersten Dancehall Queen Contest gewonnen habe, fingen alle Frauen in der Dancehall an, sich zu kleiden wie ich. Das verbreitete sich wie ein Lauffeuer, genau wie ich es geplant hatte. Ich bin mit einem Knall zum Star geworden.
Stand bei dem Contest schon das Tanzen im Zentrum oder ging es in erster Linie um Fashion?
Es war das ganze Paket: Outfit, Tanzen, Look. Es ging darum, sich abzuheben. Mit Kopfstand und der ganzen Akrobatik späterer Wettbewerbe hatte das noch nichts zu tun. Es war auch in keiner Weise anrüchig. Wir wollten Dancehall in seiner Gänze präsentieren – das ganze Drum und Dran: die Moves, den Style, die Bildsprache, den Schmuck, die Makellosigkeit, die ich auf jeden Fall mitbrachte. Wie gesagt, es ging mir um die Frauen. Zunächst wurde ich für Videos wie „Murder She Wrote“ von Chaka Demus & Pliers engagiert. Doch als ich merkte, dass die anderen Tänzerinnen neben mir verblassen, habe ich mich zurückgenommen und ihnen das Feld überlassen. Ich will mich nicht selbst beweihräuchern, aber es gab damals keine, die aussah wie ich. Alle waren auf ihre Art schön, aber ich stach einfach heraus. Ich besorgte ihnen Visa, damit die Artists sie mit auf Tour nehmen konnten, statt mit Frauen aus Übersee zu arbeiten.

Woher kam dein Interesse für Fashion, dass du schon als Teenager eine Trendsetterin warst?
Es ging mir wie gesagt schon immer darum, sexy auszusehen. Marilyn Monroe war mein Vorbild, daher die blonden Haare und der sexy Twist. Meine Outfits habe ich meist selbst kreiert. Ich nahm mir ein paar Strumpfhosen und schnitt Löcher hinein. Fragt nicht, wie ich darauf kam. Jedenfalls wollten danach alle wissen, wo ich sie her habe. Ich habe mich nie mit dem zufrieden gegeben, was meine Eltern mir kauften, ich musste immer alles abändern. Ich wollte nie so aussehen wie alle anderen, wollte, dass man mir ansieht, dass ich anders bin, wollte, dass sich die Leute fragen, aus welchem Raumschiff ist die denn ausgestiegen? Beim Sunsplash 1993 trug ich eine Netzstrumpfhose. Ich hatte zwar noch etwas darunter, aber es sah aus, als könne man meinen nackten Po sehen, weshalb am nächsten Tag in der Zeitung von meinem „Peekaboo“-Moment die Rede war. Heute ist das nichts Ungewöhnliches, aber damals traute sich nicht mal Madonna, so aufzutreten. Keine Ahnung, wo diese Ideen herkamen. Ich wusste einfach, dass ich ein Statement machen musste. Und meist ist mir das gelungen.
Und die Dancehall war genau der richtige Ort dafür.
Sie bietet Menschen die Möglichkeit zu glänzen, die sonst nicht gesehen werden. Nirgends sonst können sie ihre kleinen Reichtümer, ihre Macht, ihre Stärken zur Schau stellen. Wenn man dort einige Leute sieht, wie sie sich kleiden und den besten Cognac trinken, denkt man, oh mein Gott, die müssen aber Geld haben. In der Dancehall werden sie für all das gefeiert wie nirgendwo sonst auf der Welt, sie werden zu Königen ihres Tribes. Wir leben heute anders, aber da kommt es her, von unseren Vorfahren, die in Afrika einst Anführer ihrer Volksgruppen waren. Wenn man das versteht, weiß man, warum ich bin wie ich bin.
Die Dancehall bietet Menschen die Möglichkeit zu glänzen, die sonst nicht gesehen werden. Dort werden sie zu Königen ihres Tribes. Da kommt es her, von unseren Vorfahren in Afrika. Wenn man das versteht, weiß man, warum ich bin wie ich bin.
Dancehall gilt als Working Class-Kultur, auf die viele herabschauen – damals mehr als heute. Wie hast du das als Uptown Girl erlebt?
Ich bekam das genauso zu spüren. Viele Leute, die meinen Vater kannten, hätten mich lieber bei Miss Jamaica World als Downtown in der Dancehall gesehen. Spätestens nach dem ersten Fashion Clash, als die Dancehall-Leute verstanden haben, wo ich herkam, bekam ich auch von ihnen einigen Gegenwind. Ich wurde regelrecht bekämpft von Leuten aus der Kultur, die ich selbst mitgeprägt hatte. Aber das scherte mich nicht, denn ich musste mit Dancehall nicht meinen Lebensunterhalt verdienen. Ich tat das aus Liebe, und wenn man etwas liebt, dann ist man bereit, dafür bis zum Ende zu kämpfen. Ich saß zwischen den Stühlen, und es war mir egal. Ab 1993 begann ich zu touren. Ich trat an den abwegigsten Orten auf, schwenkte die Jamaikafahne in Kuba, Italien, China, Japan und sogar Russland, repräsentierte stolz meine Kultur. Nur in Jamaika taten sie sich schwer mit den Veränderungen. Jamaikaner mögen es nicht, wenn sie über etwas keine Kontrolle haben. Man muss ihnen Zeit geben, sich an das Neue zu gewöhnen. Auch Uptown konnte mich nicht lange ignorieren, denn ich war das Ereignis schlechthin. Wenn es ein Wort dafür gibt, dann ist es nuff. Ich war nuff. Und ich hatte ein gutes Gespür für Marketing, für Strategie. Ich machte mich rar und tauchte nur noch bei Dances auf, wenn ich dafür bezahlt wurde. Das steigerte nur noch das Interesse an mir. So wurde ich zum Gesicht vieler Werbekampagnen, von Courts – der größten Möbelhaus-Kette der Insel –, Red Label Wine, der Telefongesellschaft Cable & Wireless und vor allem Slam Condoms, zu einer Zeit, als Aids gerade viele Opfer in Jamaika forderte. Die Männer kauften die Kondome, weil mein Gesicht darauf prangte. Das war die Absicht. Man kam nicht um mich herum, ich war auf den Billboards, im Fernsehen, in den Musikvideos… I was nuff!
Wir können uns noch gut an die Courts-Billboards mit dir und Beenie Man erinnern.
Ich habe insgesamt vier Kampagnen für Courts gemacht. Als Beenies „Who Am I“ ein großer Hit war – „Sim Simma, who’s got the keys to my Bimma“ – verlosten sie BMWs. Ich hatte ihnen erzählt, dass ich Beenie date und sie meinen Boo dazu holen sollten.
Eine Dancehall Queen bei einer Werbung für Kondome einzusetzen, ist ein No-Brainer. Aber dich zum Gesicht eines Möbelhauses zu machen, hat uns damals sehr überrascht.
Ihr dürft nicht vergessen, dass Dancehall zu der Zeit nicht so allgegenwärtig war wie heute. Dancehall war aufs Nachtleben beschränkt. Und ich habe es mit der Sexyness in der Werbung nie übertrieben. Ich wirkte verführerisch, habe aber nie viel Haut gezeigt. Einmal trug ich ein Kleid, dann einen Zweiteiler und beim nächsten Mal einen Raumanzug. Ich habe der Marke nie geschadet, habe in meinem ganzen Leben noch keinen Tropfen Alkohol getrunken, keinen einzigen Spliff, keine einzige Zigarette geraucht. Ich bin high vom Leben, das Leben ist meine Droge. Das Unternehmen wollte einen Hauch von Internationalität, und das habe ich verkörpert. Ich war bei BET zu sehen, war die erste Dancehall-Frau, die mit Chaka Demus & Pliers im Apollo Theatre in New York aufgetreten ist. Die Leute bei Courts hatten erkannt, dass alles zu Gold wird, was ich anfasse.

Wie hast du Beenie Man kennengelernt?
Ihr müsst euch vorstellen: Ich bin ein Sexsymbol in Jamaika, jeder Mann träumt davon, mit mir zusammen zu sein. Ich ging damals mit einem älteren Mann aus Uptown aus, mit meinesgleichen, wie es damals hieß. Aber für mich fühlte sich das falsch an. Ich tat, was von mir erwartet wurde, wollte aber viel lieber im Zentrum des Geschehens sein. Ich kannte Beenie Man durch Pinky, er hatte schon länger ein Auge auf mich geworfen. Doch ich wollte mein Business nicht mit meinem Privatleben vermischen. Aber Beenie ließ nicht locker, er war charmant, gutaussehend und alles, was sich eine Frau sonst von einem Mann wünscht. Das war 1994, er war damals noch kein Megastar. Ich wusste, ich konnte seine Karriere nach vorne bringen, wenn er mich lässt. Er beherrschte das Ghetto, war wer in der Dancehall, aber jenseits davon kannten ihn nur wenige. Ich habe ihn in Uptown-Kreisen bekannt gemacht, genauso wie ich Uptown-Leuten Dancehall nahegebracht habe. Und Beenie Man hat umgekehrt dafür gesorgt, dass man mich im Ghetto respektiert. Er hat mich mit nach Waterhouse und in andere Ghettos genommen, wo ich jungen Frauen helfen konnte, ihren Selbstwert zu erkennen und zu verstehen, dass sie für ihren Lebensunterhalt keinen Mann brauchen, dass sie tanzen oder alles mögliche machen können, um für sich selbst zu sorgen. Mein Ex war im Gegensatz zu Beenie Man sehr wohlhabend, was ihn stark unter Druck gesetzt hat. Statt zu sehen, dass ich jeden haben kann, mich aber für ihn entschieden habe, glaubte Beenie, mir nicht zu genügen. Und der Druck wurde von außen noch verstärkt. Wir waren das erste Dancehall-Couple, was uns zu einer willkommenen Zielscheibe machte. Beenie hatte mehr darunter zu leiden als ich. Wir haben uns dreimal getrennt und kamen jedes Mal wieder zusammen. Am Ende habe ich ihn verlassen, um ihn zu schützen. Ich wollte, dass er er selbst sein kann – ohne von mir überstrahlt zu werden. Gleichzeitig wollte ich selbst nicht zurückstecken, weil er glaubte, mein Kleidungsstil würde seiner Karriere schaden. Schließlich wusste er, auf wen er sich eingelassen hatte. Aber er wurde ständig darauf angesprochen: „Warum lässt du deine Frau so rumlaufen?“ Es war nicht leicht für ihn.
Beenie Man hatte schon länger ein Auge auf mich geworfen. Doch ich wollte mein Business nicht mit meinem Privatleben vermischen. Wir wurden das erste Dancehall-Couple, was uns zu einer willkommenen Zielscheibe machte. Beenie hatte mehr darunter zu leiden als ich.
Aber ihr scheint noch befreundet zu sein. Immerhin haben wir dich in seinem Restaurant getroffen.
Wir haben eine gemeinsame Tochter, Crystal Davis. Und irgendwie habe ich ihm immer den Rücken freigehalten, habe ihm das Gefühl gegeben, dass er bei mir einen sicheren Rückzugsort findet. In jeder anderen Beziehung muss er sich immer fragen, ob er um seiner selbst willen geliebt wird oder weil er Beenie Man ist. Bei mir ist das anders. Als ich ihn kennengelernt habe, hatte er nicht mal ein Auto. Wir waren lange beste Freunde, aber viele seiner späteren Frauen haben nicht verstanden, dass wir nichts mehr voneinander wollen. Deshalb begnügen wir uns heute damit, gemeinsam für unsere Tochter da zu sein.

Gegen Ende der 90er bist du immer mehr aus dem Rampenlicht verschwunden und es rückten andere Dancehall Queens nach, die einen größeren Fokus auf Tanz und Akrobatik legten. Was hast du in der Zeit gemacht?
Zunächst habe ich mich 1999 mit der Geburt meiner Tochter aufs Muttersein konzentriert. Aber ich habe Dancehall nie den Rücken gekehrt. 2003 habe ich zusammen mit Lisa Hanna (ehemalige Miss World, sitzt heute für die PNP im jamaikanischen Parlament) die Talkshow „Our Voices“ moderiert und so Dancehall ins Fernsehen gebracht. Eine Weile habe ich dann Radio gemacht, ehe ich mich mit Michael Dawson von Whirlwind Entertainment zusammengetan habe. Der war damals Betreiber des House of Dancehall, das er direkt gegenüber des legendären House of Leo eröffnet hatte. Michael ist wie ich ein echter Dancehall-Defender. Als House of Dancehall wegen COVID schließen musste, übernahm er den Mecca Nightclub, für den ich bis heute als Botschafterin agiere. Ich bin immer voller Ideen, und Michael hilft mir sie umzusetzen. Mir schwebt zum Beispiel schon seit Jahren ein Dancehall Road March vor, den ich aber immer wieder verschieben musste. Ende 2023 sah ich mich dann plötzlich gezwungen, ihn überhastet umzusetzen. 2018 erkrankte Pinky an Krebs und ich habe mich um sie gekümmert, bis ihr ganzer Körper davon befallen war und sie im Juli 2023 starb. Für mich brach da eine Welt zusammen, ich war am Boden zerstört. Michael hatte Verständnis dafür und meinte, wir verschieben den Road March noch mal um ein Jahr. Aber plötzlich war für Februar 2024, also im Reggae Month, eine Dancehall Week angekündigt, zu der auch ein Road March gehören sollte – der erste! Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich hatte die Idee dazu schon so lange. Nach mir hätten 100 andere Road Marches stattfinden können, aber ich wollte unbedingt die erste sein. Leider ist er wegen der kurzfristigen Planung und strenger Auflagen nicht so groß geworden wie er bei einer längeren Vorlaufzeit hätte werden können. Immerhin hatte ich die gesamte Dance-Szene hinter mir.
Wie denkst du über die vielen japanischen und europäischen Tänzerinnen, die nach deiner Hochzeit die jamaikanischen Dancehall Queen Contests bevölkert und zum Teil gewonnen haben? Siehst du das als kulturelle Aneignung oder als kulturelle Anerkennung?
Auf jeden Fall als kulturelle Anerkennung. Genau das war immer meine Absicht. Bei meinen Tourneen bin ich nicht nur als Carlene aufgetreten, sondern immer auch als Repräsentantin von Dancehall. Mir war es wichtig, Dancehall überall zu verbreiten. Ich war eher enttäuscht darüber, wie sich die Contests entwickelt haben. Mir ging es darum zu zeigen, dass unsere Kultur Klasse hat, dass sie geschmackvoll ist. Doch die späteren Dancehall Queen Contests ähnelten manchmal eher einem Stripclub. Ich hätte es auch besser gefunden, wenn Jamaikanerinnen und internationale Tänzerinnen getrennt gegeneinander antreten, statt dass eine Japanerin einen jamaikanischen Wettbewerb gewinnt. Aber ich liebe es zu sehen, wie sehr sich die Kultur verbreitet hat. Damit haben sich meine Arbeit, meine Hingabe, mein Schweiß und meine Tränen gelohnt. Ich bin sehr zufrieden. Es fühlt sich gut an, etwas gestartet zu haben, das über 30 Jahre später noch relevant ist.
Wie betrachtest du Dancehall heute im Vergleich zu den 90s?
Ich mag es nicht, Dinge zu vergleichen. Dinge entwickeln und verändern sich, Menschen wachsen. Mir gefällt sicher nicht alles, was heute passiert. Vor allem hasse ich es zu sehen, dass wir Gefahr laufen, uns selbst, unsere Kultur zu verlieren. Statt dem Rest der Welt zu folgen, sollten wir besser wieder selbst die Richtung vorgeben. Auch mag ich es nicht, wenn die Kultur verwässert wird, wenn andere sie mit Einflüssen von außen vermischen. Was wir damals geschaffen haben, war eindeutig jamaikanisch. Früher hat Dancehall HipHop beeinflusst. Heute greifen die jungen Leute Afrobeats und Trap auf. Ich verstehe nicht, warum wir es soweit kommen lassen haben, dass sich der Trend umdreht und wir uns heute von anderen beeinflussen lassen.
Was wir damals geschaffen haben, war eindeutig jamaikanisch. Früher hat Dancehall HipHop beeinflusst. Heute greifen die jungen Leute Afrobeats und Trap auf. Ich verstehe nicht, warum wir es soweit kommen lassen haben, dass wir uns heute von anderen beeinflussen lassen.
Hast du rückblickend das Gefühl, dass du den Respekt und die Anerkennung bekommen hast, die du verdienst?
Ich glaube ja, ich habe über die Jahre viele Auszeichnungen und Preise gewonnen, die aber alle noch in Kisten verstaut sind – ich bin erst vor kurzem hier eingezogen. Und mein Name steht in der Zeitkapsel mit den 100 wichtigsten Menschen des Landes, die 100 Jahre nach der Unabhängigkeit geöffnet werden soll. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir irgendwer etwas schuldig ist. Ich erwarte von niemandem Dank. Ich werde heute nach Griechenland, Polen oder Finnland eingeflogen, um dort Vorträge zu halten. Mein „Butterfly“ wird auch 33 Jahre später noch getanzt und in den Workshops gelehrt. Und ich werde immer die erste Dancehall Queen sein. Das kann mir niemand nehmen..

