
Seit vielen Jahren prägen die Arbeiten von Ellen G die visuelle Sprache rund um Reggae‑, Dub- und Sound-System-Kultur weltweit. Ihre Poster und Cover-Illustrationen tragen eine rohe, rhythmische Energie in sich – tief verwurzelt in Session Culture, DIY-Ästhetik und der Tradition klassischer jamaikanischer Artwork. Im Gespräch mit Christian Bautze-Boeke spricht Ellen G über ihre künstlerischen Wurzeln, Reggae-Kultur, Wilfred Limonious, das Spannungsfeld zwischen analogem Handwerk und digitaler Ästhetik sowie die tiefe Verbindung von Sound und Bild. „There is much more to it than just a momentary entertainment, more to dive into, more to explore.“ Was daraus entstand, ist nicht bloß ein Künstlerinnen-Interview, sondern eine weiterführende Reflexion über Kultur, Kreativität und Authentizität innerhalb von Reggae- und Sound-System-Tradition.
Text: Christian Bautze-Boeke /// Fotos: Ellen G

Du bist in Russland aufgewachsen und später tief mit Reggae- und Sound-System-Kultur in Israel verbunden gewesen. Wenn du zurückblickst – was waren die frühesten visuellen Eindrücke oder Einflüsse, die deine künstlerische Sprache geprägt haben?
Yes I, ich wurde in Baku geboren und bin später mit meinen Eltern nach St. Petersburg gezogen. Dort begann ich im Alter von neun Jahren eine Ausbildung an einer Kunstschule für Kinder und Jugendliche, wo ich klassische Maltechniken lernte. Diese Fähigkeiten haben mir später geholfen, den realistischen Aspekt meiner Arbeiten zu entwickeln. Mein Interesse an Kunst begann allerdings schon viel früher. In meiner frühen Kindheit steckten beide Eltern gerade mitten in ihrem Architekturstudium. Deshalb war ich ständig von Malerei und Zeichnungen umgeben – und ich habe es geliebt, dabei zuzuschauen und selbst mitzumachen.
Mich begleiteten unzählige Kunstbücher und jede Menge Literatur. Unter all diesen visuellen Eindrücken hatten zwei Bücher den stärksten Einfluss auf meine künstlerische Vorstellungskraft: ein Bildband mit Gemälden von Hieronymus Bosch und ein Buch mit Zeichnungen von Herluf Bidstrup – einem in der Sowjetunion hoch angesehenen Illustrator für politische und gesellschaftliche Kommentare. Seine mühelose und zugleich sehr menschliche Darstellung unterschiedlichster Charaktere hat mich tief beeindruckt und begeistert. Diese beiden Bücher konnten mich stundenlang fesseln – wahrscheinlich wegen ihrer reichen Erzählwelten und der detailreichen Kompositionen.
Ein weiterer Künstler, den ich aus dieser Zeit – also noch aus den Kindergartenjahren – in besonderer Erinnerung habe, ist Kandinsky. Ich weiß noch, wie ich versucht habe, seine farbenreichen Kompositionen nachzuahmen. Ich glaube, all diese Einflüsse haben auf die eine oder andere Weise meinen späteren Zeichenstil geprägt. Und bis heute sehe ich ihre Arbeiten als Inspirationsquelle – sowohl in technischer als auch in konzeptioneller Hinsicht.
Sieh dir hier ein umfassendes Portfolio von Ellen G an.
Erinnerst du dich an den Moment, in dem Reggae oder Dancehall für dich aufgehört haben, einfach nur Musik zu sein, und stattdessen zu einem ganzen visuellen und emotionalen Universum geworden sind?
Mein Lebenspartner Ron, auch bekannt als Ranking Levy, war derjenige, der mir die endlose Welt der Reggae-Musik eröffnet hat. Bevor wir uns kennengelernt haben – also während meiner Teenagerjahre – habe ich einfach jede Art von Musik gehört, ohne mir groß Gedanken über unterschiedliche Genres zu machen. Gerade so viel, wie nötig war, um einen Tune später wiederzufinden. Ich habe einfach die Melodie, die Lyrics oder die Energie genossen und höchstens am Rande wahrgenommen, aus welcher musikalischen Schule oder Tradition ein Stück stammt.

Damals war mir gar nicht bewusst, dass einige der Tunes, die ich besonders mochte, eigentlich aus der Ska- oder Ragamuffin-Tradition stammen – das habe ich erst durch Ron gelernt. Er führte mich in die verschiedenen Subgenres der Reggae-Kultur ein und machte mich mit der ganz eigenen Bildsprache der Albumcover vertraut. Ich glaube, genau da habe ich mich in Rocksteady und den Deejay-Style verliebt, denn aus all der riesigen musikalischen Vielfalt, die Ron mir gezeigt hat, waren das letztlich die Playlists, zu denen ich immer wieder gegriffen habe.
Wie schon gesagt: Die Illustrationen auf den Albumcovern haben mich komplett umgehauen – besonders die Arbeiten von Limonious, Jamaal Pete und Tony McDermott, den absoluten Ikonen der Reggae-Coverkunst. Niemals hätte ich mir vorstellen können, eines Tages selbst Teil dieses Handwerks zu werden. Damals war ich einfach nur besessen davon, immer mehr dieser Visuals zu entdecken – ohne irgendeinen tieferen Zweck, einfach aus purer Begeisterung. Ich kaufte jede Platte, die ich finden konnte und die von einem dieser Giganten gestaltet war, und war jedes Mal überglücklich festzustellen, dass die Musik genauso episch war wie die Cover selbst!
Zum Glück hatte ich die Möglichkeit, während unserer gemeinsamen Reisen nach Jamaika einige Platten direkt in den originalen Läden und Studios zu kaufen. Es fühlte sich an wie eine Pilgerreise zu einem heiligen Tempel dieser reichen und geheimnisvollen Kultur – und dort den Heiligen Gral zu sehen: die physischen, gedruckten Cover. Manchmal konnten wir sie allerdings nur anschauen, denn manche LPs waren für uns schlicht zu teuer. Dann blieb mir nur, ein Foto vom Cover zu machen. Aus dieser Zeit haben wir sogar einige leere Cover, die uns die Laden- oder Studioinhaber aus Freundlichkeit mitgegeben haben, weil sie unsere Begeisterung gesehen haben.
Deine Poster wirken oft rhythmisch – fast wie visuelle Dub-Versionen voller Schichten, Spannung und Bewegung. Übersetzt du beim Arbeiten bewusst Klang in Bild?
Danke! Das ist wirklich ein schönes Kompliment! Ich glaube, wenn man musikbezogene Szenen zeichnet, gibt es eigentlich gar keinen anderen Weg. Oft habe ich sogar das Gefühl, dass noch nicht genug Bewegung drin ist – besonders wenn ich tanzende Menschenmengen zeichne. Denn Bewegung darzustellen und sie gleichzeitig realistisch wirken zu lassen, ist gar nicht so einfach. Deshalb studiere ich unterschiedliche Dance-Moves und Perspektiven, damit das gelingt. Wenn ich also eine Dance-Szene zeichne, dann ist diese Absicht auf jeden Fall ganz bewusst da.

(Wasserfarbe auf Papier, VP Collection)
Insgesamt denke ich, dass das eine wesentliche Eigenschaft von Illustrationen ist, die Musik gewidmet sind. Ob es nun ein Künstlerporträt ist – denn selbst wenn ein Artist stillsteht, trägt er meist eine dynamische Energie in sich, die man nicht ignorieren kann – oder eher eine atmosphärische Szene: Es muss Bewegung darin sein. Ich weiß nicht, ob ich das beim Arbeiten ständig bewusst mitdenke, aber eher sind es die Farben und die Themen, die diese rhythmische Stimmung transportieren.
Es gibt tatsächlich ein bestimmtes Artwork, bei dem ich ganz bewusst versucht habe, die Dub-Tradition visuell zu übersetzen – ein Poster, das ich 2023 für ein Festival in Toulouse gestaltet habe. Die Idee war, den Legenden des Dub-Genres Tribut zu zollen, wobei das ikonische Greensleeves-12″-Cover als wichtigste Referenz diente. Da ich allerdings nur wenig Zeit hatte, wollte ich nicht einfach eine Liste von Dub-Artists zeichnen oder die Vorlage direkt imitieren, sondern vielmehr die musikalische Ästhetik des Genres selbst einfangen. Deshalb arbeitete ich mit Wiederholungen, um bestimmte zentrale Elemente der Illustration hervorzuheben – etwa Jah Shakas Hand, die die 45er hochhält, Scientists Hände am Mischpult oder King Tubbys Finger am Preamp-Regler. Auch die Reglerkappen auf Lee Perrys Konsole habe ich vervielfacht, um diesen sphärisch-unwirklichen Effekt zu erzeugen, den Dub-Musik so oft hervorruft.
Viele Reggae-Liebhaber erkennen in deinen Arbeiten den Geist von Wilfred Limonious – zugleich wirkt dein Stil aber psychedelischer und zeitgenössischer. Was fasziniert dich am meisten an seiner Bildsprache?
Nochmals danke! Mit einem meiner absoluten Idole verglichen zu werden, ist wirklich unglaublich schmeichelhaft! Natürlich hatte Limonious’ Kunst – wie schon erwähnt – einen enormen Einfluss auf meine Arbeit, lange bevor ich mir überhaupt vorstellen konnte, eines Tages selbst Albumcover zu illustrieren. Nicht nur seine Zeichnungen, sondern das gesamte visuelle Universum, das er erschaffen hat, hat mich vom ersten Moment an umgehauen. Seine Farbpaletten, die wilden Figuren, die er sich ausgedacht hat, und seine Interpretationen der Artists, die er porträtierte – etwa Josey Wales oder Michael Palmer – das kann man einfach nicht sehen, ohne sofort Bewunderung zu empfinden und Fan zu werden.
Wenn man seine Illustrationen betrachtet, erwacht die ganze Atmosphäre jamaikanischer Kultur im Herzen. All ihre Nuancen und ihr Humor sind in seinen Arbeiten so präsent, als hätte er es geschafft, die reine Essenz dieses ganz besonderen Vibes zu destillieren – jenes Vibes, der jamaikanische Kultur von jeder anderen unterscheidet und sie zugleich für Kultur-Liebhaber überall auf der Welt verständlich und fühlbar macht, ganz egal, wo sie aufgewachsen sind. Ich liebe, wie ehrlich, roh und kompromisslos seine Bildsprache ist – und gleichzeitig so menschlich, empathisch und voller Feinheit. Es ist eine echte Ehre, als eine Art seiner Protegée angesehen zu werden.

Alte Dancehall-Artworks waren oft roh, witzig, chaotisch und voller Attitude. Was, glaubst du, ist zeitgenössischer Reggae-Artwork auf diesem Weg manchmal verloren gegangen?
Ich denke, dass in Reggae-Art – genauso wie in jedem anderen Bereich – diese Rohheit, von der du sprichst, leicht durch verschiedene technologische Werkzeuge verloren gehen kann. Ob es nun KI-generierte Bilder sind oder der Wunsch, mit technischer Perfektion zu beeindrucken – oft wird es dadurch schwieriger, den ursprünglichen Charakter zu bewahren. Gerade KI-Bilder, die auf bereits existierenden Visuals basieren, verlieren schnell an Originalität. Und manchmal führt auch der Drang, möglichst viel Arbeit in möglichst kurzer Zeit abzuliefern, dazu, dass die Automatisierung dahinter offensichtlich wird. Dann fehlt dieser Wiederholung der besondere Funke, den ein einzelnes, einzigartiges Bild besitzt.
Ich glaube, ein ähnliches Phänomen findet auch in der Musikproduktion statt. Musiker haben heute so viele Tools und Bearbeitungsmöglichkeiten zur Verfügung, dass das Ergebnis manchmal fast zu perfekt wird – und dadurch ein wenig zu glatt. Ein gutes Beispiel ist der Unterschied in den Aufnahmetechniken: Früher musste eine ganze Band gemeinsam in einem kleinen Raum auf Band aufgenommen werden. Das begrenzte die Anzahl der Takes, und alle mussten perfekt zusammenspielen – oder besser gesagt: Die kleinen Unvollkommenheiten wurden von dem gemeinsamen Vibe überstrahlt, den die Musiker miteinander teilten. Heutige Technologien können das Endprodukt manchmal so beeinflussen, dass der Sound zwar nach allen Maßstäben perfekt ist, aber gleichzeitig ein Gefühl von Entfremdung hinterlässt. Andererseits sehe ich das nicht nur kritisch. Ich finde, heute gibt es eine enorme Zahl brillanter junger Künstler:innen. Und durch den inzwischen kaum vorstellbar einfachen Zugang zu künstlerischen Schätzen und Inspirationsquellen steckt darin auch ein riesiges Potenzial für völlig neue kreative Entwicklungen.

Deine Arbeiten wirken nie überpoliert oder geschniegelt, nie corporate. Welche Rolle spielen DIY-Energie und Imperfektion in deinem kreativen Prozess?
Danke nochmals. Tatsächlich hat einmal einer meiner Mentoren zu mir gesagt: Ein Artwork ist in den Augen der Künstlerin oder des Künstlers niemals wirklich fertig, weil man immer noch mehr Arbeit darin sieht. Jede fertige Arbeit ist letztlich ein Kompromiss. Selbst wenn es keinen echten Abgabetermin gibt, muss man irgendwann aufhören – im Wissen, dass man es vielleicht noch besser hätte machen können. Das ist ein Aspekt, den ich liebe – auch wenn es manchmal frustrierend sein kann, besonders wenn ich schnell arbeiten muss –, weil die Leidenschaft zu kreieren nie aufhört.
Der DIY-Aspekt ist für mich insofern wichtig, als ich den Prozess selbst wirklich genieße. Aber er ist nicht unbedingt etwas, das ich bewusst anstrebe. Wusstest du, dass Leonardo da Vinci drei Jahre lang an ”Das letzte Abendmahl” gearbeitet hat? Und ich bin sicher, irgendwann musste auch er einfach aufhören – sonst hätte er wahrscheinlich noch drei weitere Jahre daran gearbeitet. Ich will mich nicht mit ihm vergleichen, aber dieses Gefühl kann ich definitiv nachvollziehen.
Wie sieht dein eigentlicher Arbeitsprozess aus? Skizzierst du mit laut laufender Musik im Hintergrund – oder ist das Erschaffen visueller Kunst für dich eher ein ganz anderer mentaler Raum?
Ich höre sehr gern Musik beim Arbeiten, aber genauso gern auch Vorträge oder Hörbücher. Das hängt von meiner Stimmung an dem jeweiligen Tag ab und auch davon, welche Art von Arbeit ich gerade mache. Wenn ich skizziere, bevorzuge ich Musik, weil dieser Teil viel Planung und analytisches Denken verlangt – auch wenn der Prozess vergleichsweise kurz ist. Sind jedoch alle Elemente gesetzt und es geht an die Detailarbeit, dann höre ich oft einen Vortrag oder ein Hörbuch. Manchmal inspirieren mich die Ideen, die ich dabei höre, sogar dazu, noch ein zusätzliches Detail oder eine weitere Ebene in die Erzählung der Komposition einzubauen.

Du hast eng mit der Sound-System-Kultur und Reggae-Crews zusammen gearbeitet. Was macht visuelle Kunst so essenziell für eine Session, einen Dance oder die Identität eines Sound Systems?
Für mich sind alle Kunstformen miteinander verwoben. Reggae Music – in all ihren Ausprägungen – ist eine Kunstform, die, wie jede andere auch, sämtliche Aspekte umfasst, die menschlicher Geist und menschliches Herz wahrnehmen können. Reggae-Kultur ist ein sich ständig weiterentwickelndes Ökosystem, in dem der Puls des Beats all diesen verschiedenen Ausdrucksformen Leben einhaucht – seien es sprachliche Innovationen, visuelle Identitäten oder Formen ihrer Performance. All diese Elemente sind miteinander verwoben, beeinflussen sich gegenseitig und stehen zugleich im Austausch mit der größeren kulturellen Welt.
Man kann Sound-System-Kultur nicht von ihren Ursprüngen in den traditionellen Calypso-Gatherings trennen, bei denen jeder Sänger seinen eigenen Anspruch präsentierte und verteidigte – und dabei viel Aufmerksamkeit auf Erscheinungsbild, Bewegungen und lyrisches Können legte.
Genauso lässt sich die Begeisterung von Sound-System-Akteuren – DJs, Selectors, Sound Engineers oder dem Publikum – kaum vollständig verstehen, wenn man nicht mit der legendären Geschichte von ”Rockers” vertraut ist. Deshalb kann auch ein Künstler, wie in jeder anderen Kunstform, die Traditionen und Entwicklungen des Feldes, in dem er arbeitet, nicht ignorieren, wenn er zu einem überzeugenden Ergebnis gelangen möchte.
Und ich glaube, dasselbe gilt für die Menschen, die einen Dance besuchen. Wenn all diese Elemente tief in der Kultur verwurzelt sind und in ihren vielen Ebenen präsent bleiben, erleben Menschen sie intensiver. Selbst wenn dieses Gefühl nur intuitiv ist, spüren sie – so wie ich es empfunden habe, als ich dieser Welt zum ersten Mal begegnete –, dass viel mehr dahintersteckt als bloße Unterhaltung für den Moment: mehr, in das man eintauchen kann, mehr, das es zu entdecken gibt.

Reggae- und Sound-System-Kultur sind bis heute oft stark männlich geprägte Räume. Wie hast du dich als weibliche Künstlerin in dieser Welt bewegt und welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?
Als ich angefangen habe, auf Dances zu selecten, gab es in diesem Bereich noch weniger weibliche Vertreterinnen. Aber man darf die prägenden Künstlerinnen nicht vergessen, die bis heute eine enorme Strahlkraft innerhalb der Reggae- und Sound-System-Kultur besitzen – etwa Sister Nancy, Sister Carol, Lady Ann und viele andere. Deshalb würde ich nicht sagen, dass es besonders schwierig war, in ein damals männerdominiertes Feld einzusteigen, denn es gab weibliche Vorbilder, an denen man sich orientieren konnte.
Vielleicht liegt es auch daran, dass viele Frauen irgendwann Mütter werden und dadurch in allem, was mit nächtlichen Veranstaltungen und Venues zu tun hat, stärker eingeschränkt sind. Ich glaube, viele gesellschaftliche Bereiche werden aus diesem Grund eher von Männern dominiert – ausgenommen natürlich jene, die sich speziell mit Themen beschäftigen, die Frauen betreffen.
In Zeiten von Algorithmen und schnell konsumierbaren digitalen Inhalten wirken deine Arbeiten weiterhin stark mit physischer Kultur verbunden – mit Postern, Vinyl, gedruckten Grafiken und handgemachter Ästhetik. Warum ist dir diese haptische Seite nach wie vor so wichtig?
Ich könnte ein Artwork kaum genießen, wenn es keine Verbindung zu seinem kulturellen Umfeld hätte. Deshalb würde ich auch keine Arbeit schaffen wollen, die nur auf einer oberflächlichen Nachahmung der Stereotype eines Genres basiert. Mich bewegt vielmehr das Eintauchen in die Tiefe seiner Ursprünge und Traditionen – ganz gleich, ob ich an einem Albumcover, einem Poster, einem freien Artwork oder sogar an einem Essay arbeite.
Was die physische Verbindung zum Artwork angeht, ist sie für mich vor allem deshalb wichtig, weil sie mir mehr Freiheit beim Arbeiten gibt und weniger technische Hürden mit sich bringt. Wenn ich zum Beispiel mit Aquarell, Öl oder Acryl arbeite, verbringe ich meine Zeit lieber damit, das physische Medium zu beherrschen, statt digitale Pinsel durchzuprobieren, auf der Suche nach dem einen Tool, das den ‚echten‘ Aquarell‑, Öl- oder Acryl-Effekt simuliert. Außerdem mag ich es nicht besonders, den ganzen Tag auf LED-Licht zu starren – deshalb ziehe ich Papier oder Leinwand vor.
Die einzige digitale Ausdrucksform, die mich wirklich fasziniert, ist Animation, weil die verfügbaren Werkzeuge sie zugänglicher machen. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, damit zu experimentieren, bin ich sofort dabei. Alles, was hingegen mit technischer Bildbearbeitung und dem Druck-Setup zu tun hat, gehört eher zu meinen ungeliebten Aufgaben – auch wenn es natürlich schön ist, die fertige Arbeit am Ende zu sehen.

(Tinte auf Papier, Tuff Scout Collection)

(Wasserfarbe auf Papier)
Wo siehst du Reggae- und Sound-System-Artwork in den kommenden Jahren? Gibt es etwas, womit sich jüngere Künstler:innen deiner Meinung nach wieder stärker connecten sollten?
ch gebe dir eine hegelsche – oder vielleicht freudianische – Antwort, weil ich denke, dass sie am besten zu deiner Frage passt. Jede Form wirklicher Entwicklung trägt ihren eigenen Ursprung bereits in sich, auch wenn dieser physisch längst nicht mehr präsent ist. Entwicklung ist ein sich entfaltendes Potenzial, das zur Verwirklichung gelangt – was bedeutet, dass es gewissermaßen immer schon vorhanden war, als ein Geist oder eine Kraft, die auf ihre Realisierung hinwirkt. Jede Entwicklung und jedes Ereignis ist somit auch Ausdruck eines unbewussten Antriebs, der seit Anbeginn unter der Oberfläche wirkt.
Wenn man bedenkt, dass Reggae eine Form kulturellen Ausdrucks ist, die stark von gesellschaftlichem Kommentar lebt, dann wird sie fortwährend vom Geist der Menschheit als Ganzes geprägt – und wirkt zugleich wieder auf diesen zurück. Diese zugrunde liegende Strömung definiert die Kultur.
Meine Hoffnung ist, dass sich die menschlicheren Seiten unseres Wesens durchsetzen und dass dieses Genre die Determiniertheit aggressiver und destruktiver Instinkte überwinden kann – oder zumindest jene Klischees transzendiert, durch die sich solche Impulse immer wieder Ausdruck verschaffen. Wenn das gelingt, glaube ich, dass wir eine produktive und bedeutungsvolle Weiterentwicklung von Reggae- und Sound-System-Artwork erleben werden.
Unter all den Postern, Cover-Artworks und Projekten, die du bisher geschaffen hast – gibt es ein Werk, das dir besonders am Herzen liegt? Und wenn ja: warum?
Das ist wirklich schwer zu sagen. Manche meiner früheren Arbeiten mag ich sehr, andere aus jüngerer Zeit genauso – aber ein eindeutiges Lieblingswerk zu benennen, fällt mir schwer. Es gibt allerdings ein Artwork, an dem ich besonders viel Freude hatte: das Backcover zu ”My Cup Runneth Over” von RAS Records. Ausgangspunkt war Doctor Dreads Idee, das ikonische Bonusbild aus dem Innencover von den Rolling Stones’ ”Beggars Banquet” mit der legendären Original-Wailers-Crew nachzustellen – ergänzt um U Roy, der auf dem Album über die berühmten Wailers-Riddims toastet.
Es hat mir großen Spaß gemacht, diese Szene neu zu interpretieren und gleichzeitig den Stil des von der Renaissance beeinflussten Originalfotos aufzugreifen. Da das ursprüngliche Bild recht dunkel ist, erkennt man viele Objekte im Raum kaum – und genau das machte es so spannend, gemeinsam mit Dr. Dread darüber nachzudenken, welche Hommagen an die Reggae-Kultur an die Stelle der Elemente aus dem Original treten könnten.

