Ellen G – Wenn Reggae zu Bildern wird

Chronixx – Cool as the Breeze, direct­ed by Meji Alabi (Öl auf Holz­plat­te)

Seit vie­len Jahren prä­gen die Arbeit­en von Ellen G die visuelle Sprache rund um Reggae‑, Dub- und Sound-Sys­tem-Kul­tur weltweit. Ihre Poster und Cov­er-Illus­tra­tio­nen tra­gen eine rohe, rhyth­mis­che Energie in sich – tief ver­wurzelt in Ses­sion Cul­ture, DIY-Ästhetik und der Tra­di­tion klas­sis­ch­er jamaikanis­ch­er Art­work. Im Gespräch mit Chris­t­ian Bautze-Boeke spricht Ellen G über ihre kün­st­lerischen Wurzeln, Reg­gae-Kul­tur, Wil­fred Limo­nious, das Span­nungs­feld zwis­chen analo­gem Handw­erk und dig­i­taler Ästhetik sowie die tiefe Verbindung von Sound und Bild. „There is much more to it than just a momen­tary enter­tain­ment, more to dive into, more to explore.“ Was daraus ent­stand, ist nicht bloß ein Kün­st­lerin­nen-Inter­view, son­dern eine weit­er­führende Reflex­ion über Kul­tur, Kreativ­ität und Authen­tiz­ität inner­halb von Reg­gae- und Sound-Sys­tem-Tra­di­tion.

Text: Chris­t­ian Bautze-Boeke /// Fotos: Ellen G


Ellen G /// Foto: Emmanuel Levy-Arie

Du bist in Russland aufgewachsen und später tief mit Reggae- und Sound-System-Kultur in Israel verbunden gewesen. Wenn du zurückblickst – was waren die frühesten visuellen Eindrücke oder Einflüsse, die deine künstlerische Sprache geprägt haben?

Yes I, ich wurde in Baku geboren und bin später mit meinen Eltern nach St. Peters­burg gezo­gen. Dort begann ich im Alter von neun Jahren eine Aus­bil­dung an ein­er Kun­stschule für Kinder und Jugendliche, wo ich klas­sis­che Mal­tech­niken lernte. Diese Fähigkeit­en haben mir später geholfen, den real­is­tis­chen Aspekt mein­er Arbeit­en zu entwick­eln. Mein Inter­esse an Kun­st begann allerd­ings schon viel früher. In mein­er frühen Kind­heit steck­ten bei­de Eltern ger­ade mit­ten in ihrem Architek­turstudi­um. Deshalb war ich ständig von Malerei und Zeich­nun­gen umgeben – und ich habe es geliebt, dabei zuzuschauen und selb­st mitzu­machen.

Mich begleit­eten unzäh­lige Kun­st­büch­er und jede Menge Lit­er­atur. Unter all diesen visuellen Ein­drück­en hat­ten zwei Büch­er den stärk­sten Ein­fluss auf meine kün­st­lerische Vorstel­lungskraft: ein Bild­band mit Gemälden von Hierony­mus Bosch und ein Buch mit Zeich­nun­gen von Her­luf Bid­strup – einem in der Sow­je­tu­nion hoch ange­se­henen Illus­tra­tor für poli­tis­che und gesellschaftliche Kom­mentare. Seine müh­elose und zugle­ich sehr men­schliche Darstel­lung unter­schiedlich­ster Charak­tere hat mich tief beein­druckt und begeis­tert. Diese bei­den Büch­er kon­nten mich stun­den­lang fes­seln – wahrschein­lich wegen ihrer reichen Erzählwel­ten und der detail­re­ichen Kom­po­si­tio­nen.

Ein weit­er­er Kün­stler, den ich aus dieser Zeit – also noch aus den Kinder­garten­jahren – in beson­der­er Erin­nerung habe, ist Kandin­sky. Ich weiß noch, wie ich ver­sucht habe, seine far­ben­re­ichen Kom­po­si­tio­nen nachzuah­men. Ich glaube, all diese Ein­flüsse haben auf die eine oder andere Weise meinen späteren Zeichen­stil geprägt. Und bis heute sehe ich ihre Arbeit­en als Inspi­ra­tionsquelle – sowohl in tech­nis­ch­er als auch in konzep­tioneller Hin­sicht.


Sieh dir hier ein umfassendes Portfolio von Ellen G an.


Erinnerst du dich an den Moment, in dem Reggae oder Dancehall für dich aufgehört haben, einfach nur Musik zu sein, und stattdessen zu einem ganzen visuellen und emotionalen Universum geworden sind?

Mein Lebenspart­ner Ron, auch bekan­nt als Rank­ing Levy, war der­jenige, der mir die end­lose Welt der Reg­gae-Musik eröffnet hat. Bevor wir uns ken­nen­gel­ernt haben – also während mein­er Teenager­jahre – habe ich ein­fach jede Art von Musik gehört, ohne mir groß Gedanken über unter­schiedliche Gen­res zu machen. Ger­ade so viel, wie nötig war, um einen Tune später wiederzufind­en. Ich habe ein­fach die Melodie, die Lyrics oder die Energie genossen und höch­stens am Rande wahrgenom­men, aus welch­er musikalis­chen Schule oder Tra­di­tion ein Stück stammt.

A trib­ute to Kaiso! (Wasser­farbe auf Papi­er)

Damals war mir gar nicht bewusst, dass einige der Tunes, die ich beson­ders mochte, eigentlich aus der Ska- oder Raga­muf­fin-Tra­di­tion stam­men – das habe ich erst durch Ron gel­ernt. Er führte mich in die ver­schiede­nen Sub­gen­res der Reg­gae-Kul­tur ein und machte mich mit der ganz eige­nen Bild­sprache der Album­cov­er ver­traut. Ich glaube, genau da habe ich mich in Rock­steady und den Dee­jay-Style ver­liebt, denn aus all der riesi­gen musikalis­chen Vielfalt, die Ron mir gezeigt hat, waren das let­ztlich die Playlists, zu denen ich immer wieder gegrif­f­en habe.

Wie schon gesagt: Die Illus­tra­tio­nen auf den Album­cov­ern haben mich kom­plett umge­hauen – beson­ders die Arbeit­en von Limo­nious, Jamaal Pete und Tony McDer­mott, den absoluten Iko­nen der Reg­gae-Cov­erkun­st. Niemals hätte ich mir vorstellen kön­nen, eines Tages selb­st Teil dieses Handw­erks zu wer­den. Damals war ich ein­fach nur besessen davon, immer mehr dieser Visu­als zu ent­deck­en – ohne irgen­deinen tief­er­en Zweck, ein­fach aus pur­er Begeis­terung. Ich kaufte jede Plat­te, die ich find­en kon­nte und die von einem dieser Gigan­ten gestal­tet war, und war jedes Mal über­glück­lich festzustellen, dass die Musik genau­so episch war wie die Cov­er selb­st!

Zum Glück hat­te ich die Möglichkeit, während unser­er gemein­samen Reisen nach Jamai­ka einige Plat­ten direkt in den orig­i­nalen Läden und Stu­dios zu kaufen. Es fühlte sich an wie eine Pil­ger­reise zu einem heili­gen Tem­pel dieser reichen und geheimnisvollen Kul­tur – und dort den Heili­gen Gral zu sehen: die physis­chen, gedruck­ten Cov­er. Manch­mal kon­nten wir sie allerd­ings nur anschauen, denn manche LPs waren für uns schlicht zu teuer. Dann blieb mir nur, ein Foto vom Cov­er zu machen. Aus dieser Zeit haben wir sog­ar einige leere Cov­er, die uns die Laden- oder Stu­dioin­hab­er aus Fre­undlichkeit mit­gegeben haben, weil sie unsere Begeis­terung gese­hen haben.

Deine Poster wirken oft rhythmisch – fast wie visuelle Dub-Versionen voller Schichten, Spannung und Bewegung. Übersetzt du beim Arbeiten bewusst Klang in Bild?

Danke! Das ist wirk­lich ein schönes Kom­pli­ment! Ich glaube, wenn man musik­be­zo­gene Szenen zeich­net, gibt es eigentlich gar keinen anderen Weg. Oft habe ich sog­ar das Gefühl, dass noch nicht genug Bewe­gung drin ist – beson­ders wenn ich tanzende Men­schen­men­gen zeichne. Denn Bewe­gung darzustellen und sie gle­ichzeit­ig real­is­tisch wirken zu lassen, ist gar nicht so ein­fach. Deshalb studiere ich unter­schiedliche Dance-Moves und Per­spek­tiv­en, damit das gelingt. Wenn ich also eine Dance-Szene zeichne, dann ist diese Absicht auf jeden Fall ganz bewusst da.

Front­cov­er-Illus­tra­tion ”King Jam­my’s Unites the Nations with Dub” LP
(Wasser­farbe auf Papi­er, VP Col­lec­tion)

Ins­ge­samt denke ich, dass das eine wesentliche Eigen­schaft von Illus­tra­tio­nen ist, die Musik gewid­met sind. Ob es nun ein Kün­stler­porträt ist – denn selb­st wenn ein Artist still­ste­ht, trägt er meist eine dynamis­che Energie in sich, die man nicht ignori­eren kann – oder eher eine atmo­sphärische Szene: Es muss Bewe­gung darin sein. Ich weiß nicht, ob ich das beim Arbeit­en ständig bewusst mit­denke, aber eher sind es die Far­ben und die The­men, die diese rhyth­mis­che Stim­mung trans­portieren.

Es gibt tat­säch­lich ein bes­timmtes Art­work, bei dem ich ganz bewusst ver­sucht habe, die Dub-Tra­di­tion visuell zu über­set­zen – ein Poster, das ich 2023 für ein Fes­ti­val in Toulouse gestal­tet habe. Die Idee war, den Leg­en­den des Dub-Gen­res Trib­ut zu zollen, wobei das ikonis­che Greensleeves-12″-Cover als wichtig­ste Ref­erenz diente. Da ich allerd­ings nur wenig Zeit hat­te, wollte ich nicht ein­fach eine Liste von Dub-Artists zeich­nen oder die Vor­lage direkt imi­tieren, son­dern vielmehr die musikalis­che Ästhetik des Gen­res selb­st ein­fan­gen. Deshalb arbeit­ete ich mit Wieder­hol­un­gen, um bes­timmte zen­trale Ele­mente der Illus­tra­tion her­vorzuheben – etwa Jah Shakas Hand, die die 45er hochhält, Sci­en­tists Hände am Mis­ch­pult oder King Tub­bys Fin­ger am Pre­amp-Regler. Auch die Reglerkap­pen auf Lee Per­rys Kon­sole habe ich vervielfacht, um diesen sphärisch-unwirk­lichen Effekt zu erzeu­gen, den Dub-Musik so oft her­vor­ruft.

Viele Reggae-Liebhaber erkennen in deinen Arbeiten den Geist von Wilfred Limonious – zugleich wirkt dein Stil aber psychedelischer und zeitgenössischer. Was fasziniert dich am meisten an seiner Bildsprache?

Nochmals danke! Mit einem mein­er absoluten Idole ver­glichen zu wer­den, ist wirk­lich unglaublich schme­ichel­haft! Natür­lich hat­te Limo­nious’ Kun­st – wie schon erwäh­nt – einen enor­men Ein­fluss auf meine Arbeit, lange bevor ich mir über­haupt vorstellen kon­nte, eines Tages selb­st Album­cov­er zu illus­tri­eren. Nicht nur seine Zeich­nun­gen, son­dern das gesamte visuelle Uni­ver­sum, das er erschaf­fen hat, hat mich vom ersten Moment an umge­hauen. Seine Farb­palet­ten, die wilden Fig­uren, die er sich aus­gedacht hat, und seine Inter­pre­ta­tio­nen der Artists, die er porträtierte – etwa Josey Wales oder Michael Palmer – das kann man ein­fach nicht sehen, ohne sofort Bewun­derung zu empfind­en und Fan zu wer­den.

Wenn man seine Illus­tra­tio­nen betra­chtet, erwacht die ganze Atmo­sphäre jamaikanis­ch­er Kul­tur im Herzen. All ihre Nuan­cen und ihr Humor sind in seinen Arbeit­en so präsent, als hätte er es geschafft, die reine Essenz dieses ganz beson­deren Vibes zu des­til­lieren – jenes Vibes, der jamaikanis­che Kul­tur von jed­er anderen unter­schei­det und sie zugle­ich für Kul­tur-Lieb­haber über­all auf der Welt ver­ständlich und fühlbar macht, ganz egal, wo sie aufgewach­sen sind. Ich liebe, wie ehrlich, roh und kom­pro­miss­los seine Bild­sprache ist – und gle­ichzeit­ig so men­schlich, empathisch und voller Fein­heit. Es ist eine echte Ehre, als eine Art sein­er Pro­tegée ange­se­hen zu wer­den.

A trib­ute to Black Scor­pio Posse – nach einem Foto von Guil Ras Bun­shtein (Öl auf Lein­wand, VP Pat Chin Col­lec­tion)

Alte Dancehall-Artworks waren oft roh, witzig, chaotisch und voller Attitude. Was, glaubst du, ist zeitgenössischer Reggae-Artwork auf diesem Weg manchmal verloren gegangen?

Ich denke, dass in Reg­gae-Art – genau­so wie in jedem anderen Bere­ich – diese Rohheit, von der du sprichst, leicht durch ver­schiedene tech­nol­o­gis­che Werkzeuge ver­loren gehen kann. Ob es nun KI-gener­ierte Bilder sind oder der Wun­sch, mit tech­nis­ch­er Per­fek­tion zu beein­druck­en – oft wird es dadurch schwieriger, den ursprünglichen Charak­ter zu bewahren. Ger­ade KI-Bilder, die auf bere­its existieren­den Visu­als basieren, ver­lieren schnell an Orig­i­nal­ität. Und manch­mal führt auch der Drang, möglichst viel Arbeit in möglichst kurz­er Zeit abzuliefern, dazu, dass die Automa­tisierung dahin­ter offen­sichtlich wird. Dann fehlt dieser Wieder­hol­ung der beson­dere Funke, den ein einzelnes, einzi­gar­tiges Bild besitzt.

Ich glaube, ein ähn­lich­es Phänomen find­et auch in der Musikpro­duk­tion statt. Musik­er haben heute so viele Tools und Bear­beitungsmöglichkeit­en zur Ver­fü­gung, dass das Ergeb­nis manch­mal fast zu per­fekt wird – und dadurch ein wenig zu glatt. Ein gutes Beispiel ist der Unter­schied in den Auf­nah­me­tech­niken: Früher musste eine ganze Band gemein­sam in einem kleinen Raum auf Band aufgenom­men wer­den. Das begren­zte die Anzahl der Takes, und alle mussten per­fekt zusam­men­spie­len – oder bess­er gesagt: Die kleinen Unvol­lkom­men­heit­en wur­den von dem gemein­samen Vibe über­strahlt, den die Musik­er miteinan­der teil­ten. Heutige Tech­nolo­gien kön­nen das End­pro­dukt manch­mal so bee­in­flussen, dass der Sound zwar nach allen Maßstäben per­fekt ist, aber gle­ichzeit­ig ein Gefühl von Ent­frem­dung hin­ter­lässt. Ander­er­seits sehe ich das nicht nur kri­tisch. Ich finde, heute gibt es eine enorme Zahl bril­lanter junger Künstler:innen. Und durch den inzwis­chen kaum vorstell­bar ein­fachen Zugang zu kün­st­lerischen Schätzen und Inspi­ra­tionsquellen steckt darin auch ein riesiges Poten­zial für völ­lig neue kreative Entwick­lun­gen.

Tenor Saw trib­ute – nach Fotos von Beth Less­er

Deine Arbeiten wirken nie überpoliert oder geschniegelt, nie corporate. Welche Rolle spielen DIY-Energie und Imperfektion in deinem kreativen Prozess?

Danke nochmals. Tat­säch­lich hat ein­mal ein­er mein­er Men­toren zu mir gesagt: Ein Art­work ist in den Augen der Kün­st­lerin oder des Kün­stlers niemals wirk­lich fer­tig, weil man immer noch mehr Arbeit darin sieht. Jede fer­tige Arbeit ist let­ztlich ein Kom­pro­miss. Selb­st wenn es keinen echt­en Abga­beter­min gibt, muss man irgend­wann aufhören – im Wis­sen, dass man es vielle­icht noch bess­er hätte machen kön­nen. Das ist ein Aspekt, den ich liebe – auch wenn es manch­mal frus­tri­erend sein kann, beson­ders wenn ich schnell arbeit­en muss –, weil die Lei­den­schaft zu kreieren nie aufhört.

Der DIY-Aspekt ist für mich insofern wichtig, als ich den Prozess selb­st wirk­lich genieße. Aber er ist nicht unbe­d­ingt etwas, das ich bewusst anstrebe. Wusstest du, dass Leonar­do da Vin­ci drei Jahre lang an ”Das let­zte Abendmahl” gear­beit­et hat? Und ich bin sich­er, irgend­wann musste auch er ein­fach aufhören – son­st hätte er wahrschein­lich noch drei weit­ere Jahre daran gear­beit­et. Ich will mich nicht mit ihm ver­gle­ichen, aber dieses Gefühl kann ich defin­i­tiv nachvol­lziehen.

Wie sieht dein eigentlicher Arbeitsprozess aus? Skizzierst du mit laut laufender Musik im Hintergrund – oder ist das Erschaffen visueller Kunst für dich eher ein ganz anderer mentaler Raum?

Ich höre sehr gern Musik beim Arbeit­en, aber genau­so gern auch Vorträge oder Hör­büch­er. Das hängt von mein­er Stim­mung an dem jew­eili­gen Tag ab und auch davon, welche Art von Arbeit ich ger­ade mache. Wenn ich skizziere, bevorzuge ich Musik, weil dieser Teil viel Pla­nung und ana­lytis­ches Denken ver­langt – auch wenn der Prozess ver­gle­ich­sweise kurz ist. Sind jedoch alle Ele­mente geset­zt und es geht an die Detailar­beit, dann höre ich oft einen Vor­trag oder ein Hör­buch. Manch­mal inspiri­eren mich die Ideen, die ich dabei höre, sog­ar dazu, noch ein zusät­zlich­es Detail oder eine weit­ere Ebene in die Erzäh­lung der Kom­po­si­tion einzubauen.

Poster für Fox and Firkin, Lon­don (Tinte auf Papi­er)

Du hast eng mit der Sound-System-Kultur und Reggae-Crews zusammen gearbeitet. Was macht visuelle Kunst so essenziell für eine Session, einen Dance oder die Identität eines Sound Systems?

Für mich sind alle Kun­st­for­men miteinan­der ver­woben. Reg­gae Music – in all ihren Aus­prä­gun­gen – ist eine Kun­st­form, die, wie jede andere auch, sämtliche Aspek­te umfasst, die men­schlich­er Geist und men­schlich­es Herz wahrnehmen kön­nen. Reg­gae-Kul­tur ist ein sich ständig weit­er­en­twick­el­ndes Ökosys­tem, in dem der Puls des Beats all diesen ver­schiede­nen Aus­drucks­for­men Leben ein­haucht – seien es sprach­liche Inno­va­tio­nen, visuelle Iden­titäten oder For­men ihrer Per­for­mance. All diese Ele­mente sind miteinan­der ver­woben, bee­in­flussen sich gegen­seit­ig und ste­hen zugle­ich im Aus­tausch mit der größeren kul­turellen Welt.

Man kann Sound-Sys­tem-Kul­tur nicht von ihren Ursprün­gen in den tra­di­tionellen Calyp­so-Gath­er­ings tren­nen, bei denen jed­er Sänger seinen eige­nen Anspruch präsen­tierte und vertei­digte – und dabei viel Aufmerk­samkeit auf Erschei­n­ungs­bild, Bewe­gun­gen und lyrisches Kön­nen legte.

Genau­so lässt sich die Begeis­terung von Sound-Sys­tem-Akteuren – DJs, Selec­tors, Sound Engi­neers oder dem Pub­likum – kaum voll­ständig ver­ste­hen, wenn man nicht mit der leg­endären Geschichte von ”Rock­ers” ver­traut ist. Deshalb kann auch ein Kün­stler, wie in jed­er anderen Kun­st­form, die Tra­di­tio­nen und Entwick­lun­gen des Feldes, in dem er arbeit­et, nicht ignori­eren, wenn er zu einem überzeu­gen­den Ergeb­nis gelan­gen möchte.

Und ich glaube, das­selbe gilt für die Men­schen, die einen Dance besuchen. Wenn all diese Ele­mente tief in der Kul­tur ver­wurzelt sind und in ihren vie­len Ebe­nen präsent bleiben, erleben Men­schen sie inten­siv­er. Selb­st wenn dieses Gefühl nur intu­itiv ist, spüren sie – so wie ich es emp­fun­den habe, als ich dieser Welt zum ersten Mal begeg­nete –, dass viel mehr dahin­ter­steckt als bloße Unter­hal­tung für den Moment: mehr, in das man ein­tauchen kann, mehr, das es zu ent­deck­en gibt.

Foto: Iris Katz

Reggae- und Sound-System-Kultur sind bis heute oft stark männlich geprägte Räume. Wie hast du dich als weibliche Künstlerin in dieser Welt bewegt und welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?

Als ich ange­fan­gen habe, auf Dances zu selecten, gab es in diesem Bere­ich noch weniger weib­liche Vertreterin­nen. Aber man darf die prä­gen­den Kün­st­lerin­nen nicht vergessen, die bis heute eine enorme Strahlkraft inner­halb der Reg­gae- und Sound-Sys­tem-Kul­tur besitzen – etwa Sis­ter Nan­cy, Sis­ter Car­ol, Lady Ann und viele andere. Deshalb würde ich nicht sagen, dass es beson­ders schwierig war, in ein damals män­ner­do­miniertes Feld einzusteigen, denn es gab weib­liche Vor­bilder, an denen man sich ori­en­tieren kon­nte.

Vielle­icht liegt es auch daran, dass viele Frauen irgend­wann Müt­ter wer­den und dadurch in allem, was mit nächtlichen Ver­anstal­tun­gen und Venues zu tun hat, stärk­er eingeschränkt sind. Ich glaube, viele gesellschaftliche Bere­iche wer­den aus diesem Grund eher von Män­nern dominiert – ausgenom­men natür­lich jene, die sich speziell mit The­men beschäfti­gen, die Frauen betr­e­f­fen.

In Zeiten von Algorithmen und schnell konsumierbaren digitalen Inhalten wirken deine Arbeiten weiterhin stark mit physischer Kultur verbunden – mit Postern, Vinyl, gedruckten Grafiken und handgemachter Ästhetik. Warum ist dir diese haptische Seite nach wie vor so wichtig?

Ich kön­nte ein Art­work kaum genießen, wenn es keine Verbindung zu seinem kul­turellen Umfeld hätte. Deshalb würde ich auch keine Arbeit schaf­fen wollen, die nur auf ein­er ober­fläch­lichen Nachah­mung der Stereo­type eines Gen­res basiert. Mich bewegt vielmehr das Ein­tauchen in die Tiefe sein­er Ursprünge und Tra­di­tio­nen – ganz gle­ich, ob ich an einem Album­cov­er, einem Poster, einem freien Art­work oder sog­ar an einem Essay arbeite.

Was die physis­che Verbindung zum Art­work ange­ht, ist sie für mich vor allem deshalb wichtig, weil sie mir mehr Frei­heit beim Arbeit­en gibt und weniger tech­nis­che Hür­den mit sich bringt. Wenn ich zum Beispiel mit Aquarell, Öl oder Acryl arbeite, ver­bringe ich meine Zeit lieber damit, das physis­che Medi­um zu beherrschen, statt dig­i­tale Pin­sel durchzupro­bieren, auf der Suche nach dem einen Tool, das den ‚echt­en‘ Aquarell‑, Öl- oder Acryl-Effekt simuliert. Außer­dem mag ich es nicht beson­ders, den ganzen Tag auf LED-Licht zu star­ren – deshalb ziehe ich Papi­er oder Lein­wand vor.

Die einzige dig­i­tale Aus­drucks­form, die mich wirk­lich fasziniert, ist Ani­ma­tion, weil die ver­füg­baren Werkzeuge sie zugänglich­er machen. Wenn sich die Gele­gen­heit ergibt, damit zu exper­i­men­tieren, bin ich sofort dabei. Alles, was hinge­gen mit tech­nis­ch­er Bild­bear­beitung und dem Druck-Set­up zu tun hat, gehört eher zu meinen ungeliebten Auf­gaben – auch wenn es natür­lich schön ist, die fer­tige Arbeit am Ende zu sehen.

Front­cov­er-Illus­tra­tion ”Tuff Scout – Inna Lon­don Dub” LP
(Tinte auf Papi­er, Tuff Scout Col­lec­tion)
Front­cov­er-Illus­tra­tion ”Mina Rose – Lon­don Burn­ing” LP
(Wasser­farbe auf Papi­er)

Wo siehst du Reggae- und Sound-System-Artwork in den kommenden Jahren? Gibt es etwas, womit sich jüngere Künstler:innen deiner Meinung nach wieder stärker connecten sollten?

ch gebe dir eine hegelsche – oder vielle­icht freudi­an­is­che – Antwort, weil ich denke, dass sie am besten zu dein­er Frage passt. Jede Form wirk­lich­er Entwick­lung trägt ihren eige­nen Ursprung bere­its in sich, auch wenn dieser physisch längst nicht mehr präsent ist. Entwick­lung ist ein sich ent­fal­tendes Poten­zial, das zur Ver­wirk­lichung gelangt – was bedeutet, dass es gewis­ser­maßen immer schon vorhan­den war, als ein Geist oder eine Kraft, die auf ihre Real­isierung hin­wirkt. Jede Entwick­lung und jedes Ereig­nis ist somit auch Aus­druck eines unbe­wussten Antriebs, der seit Anbe­ginn unter der Ober­fläche wirkt.

Wenn man bedenkt, dass Reg­gae eine Form kul­turellen Aus­drucks ist, die stark von gesellschaftlichem Kom­men­tar lebt, dann wird sie fortwährend vom Geist der Men­schheit als Ganzes geprägt – und wirkt zugle­ich wieder auf diesen zurück. Diese zugrunde liegende Strö­mung definiert die Kul­tur.

Meine Hoff­nung ist, dass sich die men­schlicheren Seit­en unseres Wesens durch­set­zen und dass dieses Genre die Deter­miniertheit aggres­siv­er und destruk­tiv­er Instink­te über­winden kann – oder zumin­d­est jene Klis­chees tran­szendiert, durch die sich solche Impulse immer wieder Aus­druck ver­schaf­fen. Wenn das gelingt, glaube ich, dass wir eine pro­duk­tive und bedeu­tungsvolle Weit­er­en­twick­lung von Reg­gae- und Sound-Sys­tem-Art­work erleben wer­den.

Unter all den Postern, Cover-Artworks und Projekten, die du bisher geschaffen hast – gibt es ein Werk, das dir besonders am Herzen liegt? Und wenn ja: warum?

Das ist wirk­lich schw­er zu sagen. Manche mein­er früheren Arbeit­en mag ich sehr, andere aus jün­ger­er Zeit genau­so – aber ein ein­deutiges Lieblingswerk zu benen­nen, fällt mir schw­er. Es gibt allerd­ings ein Art­work, an dem ich beson­ders viel Freude hat­te: das Back­cov­er zu ”My Cup Run­neth Over” von RAS Records. Aus­gangspunkt war Doc­tor Dreads Idee, das ikonis­che Bonus­bild aus dem Innen­cov­er von den Rolling Stones’ ”Beg­gars Ban­quet” mit der leg­endären Orig­i­nal-Wail­ers-Crew nachzustellen – ergänzt um U Roy, der auf dem Album über die berühmten Wail­ers-Rid­dims toast­et.

Es hat mir großen Spaß gemacht, diese Szene neu zu inter­pretieren und gle­ichzeit­ig den Stil des von der Renais­sance bee­in­flussten Orig­i­nal­fo­tos aufzu­greifen. Da das ursprüngliche Bild recht dunkel ist, erken­nt man viele Objek­te im Raum kaum – und genau das machte es so span­nend, gemein­sam mit Dr. Dread darüber nachzu­denken, welche Hom­ma­gen an die Reg­gae-Kul­tur an die Stelle der Ele­mente aus dem Orig­i­nal treten kön­nten.

The Wail­ers feat. U‑Roy – My Cup Run­neth Over, Back­cov­er-Sleeve für RAS Records

Sieh dir hier ein umfassendes Portfolio von Ellen G an.


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