BELOW THE BASSLINE: Congo Ashanti

    Text: Chris­t­ian Bosoni


    Jenseits der Black Ark: Die transatlantische Odyssee von ”Congo Ashanti

    Wenn Reg­gae-His­torik­er über das Ver­mächt­nis von The Con­gos disku­tieren, wan­dern die Gedanken sofort ins Jahr 1977 und in die diesi­gen, rauchgeschwängerten Räume von Lee ”Scratch” Per­rys Black Ark. Das himm­lis­che Falsett von Cedric Myton und der erdende Tenor von Roy ”Ashan­ti” John­son auf ”Heart of the Con­gos” schufen ein Werk, das viele für einen absoluten Höhep­unkt des Roots Reg­gae hal­ten. Doch kurz nach­dem dieses Meis­ter­w­erk auf Vinyl gepresst wor­den war, nahm die Geschichte der leg­endären Vokalgruppe eine inter­na­tionale Wen­dung.

    Im Feb­ru­ar 1979, nach­dem sie die Zusam­me­nar­beit mit Per­ry been­det und Bari­ton Wat­ty Bur­nett voll­ständig in ihre Front­line inte­gri­ert hat­ten, macht­en sich The Con­gos daran, ihr wichtiges Fol­geal­bum ”Con­go Ashan­ti” aufzunehmen. Um dieses neue Kapi­tel ins Leben zu rufen, schlug Pro­duzentin Nadette Duget eine geografis­che und kul­turelle Brücke zwis­chen Kingston, Paris und Lon­don. Im Zen­trum dieser klan­glichen Verbindung stand ein enig­ma­tis­ch­er, auf Kor­si­ka geboren­er Bassist, der seinen Stil zuvor in der brodel­nden Lon­don­er Punk-Szene geschärft hat­te: Philippe Quili­chi­ni.

    Vom Londoner Punk zur Kingston Foundation

    Quili­chi­ni war das genaue Gegen­teil eines tra­di­tionellen Stu­diomusik­ers. Bevor er in den Orbit jamaikanis­ch­er Roots Music geri­et, hat­te der franzö­sisch-kor­sis­che Musik­er ein rast­los­es, avant­gardis­tis­ches Musik­er­leben geführt, spielte während der Punk-Explo­sion von 1977 in rohen Lon­don­er Bands und begleit­ete sog­ar die leg­endäre Nico aus dem Umfeld von Vel­vet Under­ground.

    Seinen Weg in die Welt des Reg­gae fand er über seine Part­ner­in, die Pro­duzentin Nadette Duget, die enge Verbindun­gen zu jamaikanis­chen Artists aufge­baut hat­te. Als sich ihr die Gele­gen­heit bot, das zweite Album von The Con­gos zu pro­duzieren, reiste Quili­chi­ni nicht ein­fach als Beobachter mit. Er stellte sich direkt in den Maschi­nen­raum und brachte eine ganz eigene Außen­seit­er-Energie in die tiefen Fre­quen­zen Kingstons.

    Das Dream Team in Harry J und Aquarius

    Für die Auf­nah­men, die zwis­chen Har­ry J Stu­dio und Aquar­ius Record­ing Co. in Kingston aufgeteilt wur­den, kam eine Beset­zung zusam­men, die sich wie eine Hall of Fame liest. Mit den leg­endären Engi­neers Syl­van Mor­ris und Mervyn Williams am Mis­ch­pult sowie Geof­frey Chung, der bei Dynam­ic Sounds den finalen Mix betreute, war auch das instru­men­tale Fun­da­ment mit Meis­tern ihrer Zun­ft beset­zt:

    • Drums & Per­cus­sion: Carl­ton ”San­ta” Davis und Sly Dun­bar – let­zter­er auf ”Hail The World Of Jah” – gemein­sam mit den Per­cus­sion-Meis­tern Scul­ly Simms, Uzi­ah ”Sticky” Thomp­son, Con­go und Jones. Auf dem Album­cov­er find­et sich zudem ein aus­drück­lich­er Gruß an Joseph Hill von Cul­ture.
    • Gitar­ren: Eine Dop­pelbe­set­zung aus Rhyth­mus- und Lead­g­i­tar­ren mit Ernest Ran­glin, Lennox Gor­don, Willie Lin­do und Earl ”Chin­na” Smith.
    • Keys & Horns: Kei­th Ster­ling und Harold But­ler weben Orgel- und Pian­otex­turen unter das schwebende Sax­o­fon von Tom­my McCook.

    Und doch wurde trotz der Anwe­sen­heit einiger der erfahren­sten Stu­diomusik­er Kingstons die gesamte Bas­sar­chitek­tur dieses weg­weisenden Albums Quili­chi­ni anver­traut.

    Eine Masterclass in französischem Low End

    Neben Größen wie San­ta Davis und Chin­na Smith in ein­er King­ston­er Auf­nah­mek­abine zu ste­hen, war ein mutiges Unter­fan­gen. Doch Quili­chi­ni liefert eine Mas­ter­class in Sachen Roots-Bass. Auf allen acht Tracks des Albums zeigt sein Spiel, dass er die gold­ene Regel jamaikanis­ch­er Foun­da­tion Music tief verin­ner­licht hat­te: Die Bassline ist nicht bloß rhyth­mis­ch­er Weg­weis­er, son­dern der spir­ituelle Anker des gesamten Songs.

    • • Auf dem Open­er Days Chas­ing Days rollt Quili­chi­nis Bassline mit einem schw­eren, hyp­no­tis­chen Bounce und schafft Raum für Chin­na Smiths Rhyth­mus­gi­tarre und die kom­plex­en Vokalhar­monien.
    • Auf Hail The World Of Jah verzah­nt er sich direkt mit Sly Dun­bars knack­i­gen Drum-Pat­terns und Ernest Ran­glins jazz­ig gefärbten Lead­g­i­tar­ren-Lin­ien.
    • • Bei Hym­nen der B‑Seite wie Youth Man und Thief Is In The Vine­yard ist sein Spiel luftig, res­o­nant und tief melodisch und bildet ein sta­biles Fun­da­ment für Cedric Mytons hoch auf­steigen­des Falsett.

    Der Conscious Spark: ”Education of Brainwashing

    Am Ende der A‑Seite platziert, sticht ”Edu­ca­tion of Brain­wash­ing” als ein­er der ein­dringlich­sten und schärf­sten Momente des gesamten Albums her­vor. Textlich liefert der Song eine direk­te, kom­pro­miss­lose Kri­tik an insti­tu­tioneller Indok­tri­na­tion und stellt der trügerischen Natur west­lich­er Bil­dung spir­ituelles Bewusst­sein und Selb­st­bes­tim­mung gegenüber.

    Musikalisch ist der Song eine Meis­terk­lasse in Sachen Span­nung und Raum. Quili­chi­nis Bassline trägt hier ein deut­lich med­i­ta­tives Gewicht: tief, unaufgeregt und per­fekt aus­bal­anciert gegenüber dem knap­pen Rimshot und dem steti­gen Puls der Rhyth­mussek­tion. Das Zusam­men­spiel zwis­chen den trock­e­nen, skelet­tar­ti­gen Gitar­ren-Chops und der Wärme des Bass­es schafft für das Vokaltrio die ide­ale akustis­che Lein­wand, um seine Botschaft zu trans­portieren. Der Track bringt die Essenz des Con­scious Roots der späten 70er auf den Punkt: heavy, reflek­tiert und vol­lkom­men kom­pro­miss­los.

    Tragis­cher­weise fand Quili­chi­nis musikalis­che Reise 1983 ein früh­es Ende. Doch seine zen­trale Arbeit an ”Con­go Ashan­ti” ste­ht bis heute als Mon­u­ment inter­na­tionaler Zusam­me­nar­beit und beweist, dass die Seele des Roots Reg­gae nie durch einen Pass definiert wurde, son­dern durch eine geteilte, tiefe Ehrfurcht vor dem Groove.

    Wenn wir bei ”Con­go Ashan­ti” below the bassline schauen, ent­deck­en wir den Groove eines echt­en musikalis­chen Nomaden. Philippe Quili­chi­ni schlug eine Brücke zwis­chen Punk, Avant­garde und Roots Reg­gae und schuf dabei einen zeit­losen Klas­sik­er, der bis heute von der kreativ­en Kraft kul­tureller Gren­züber­schre­itun­gen zeugt.


    BELOW THE BASSLINE: Die Architek­ten der Foun­da­tion

    Wenn wir einen Reg­gae-Klas­sik­er hören, denken wir meist zuerst an die Stimme. Wir erin­nern uns an die war­men Vocals, an bedeu­tungsvolle Lyrics und an die Ausstrahlung der Sän­gerin­nen und Sänger. Doch jed­er Reg­gae-Lieb­haber weiß: Die Stimme ist nur die Spitze des Eis­bergs. Darunter liegt der Rid­dim – jen­er magis­che Ort, an dem sich der hyp­no­tis­che Puls des Bass­es, das Chop­pen der Gitarre, der markante Rimshot des Schlagzeugs und der warme Skank der Key­boards zu etwas Größerem verbinden.
    Hin­ter diesen zeit­losen Grooves ste­hen außergewöhn­liche Musik­erin­nen und Musik­er, deren Namen auf den Orig­i­nal-Plat­ten­cov­ern oft kaum Erwäh­nung fan­den. Zu häu­fig standen sie im Schat­ten von Vokalgrup­pen, Stars und Pro­duzen­ten – obwohl sie es waren, die das Fun­da­ment geschaf­fen haben.
    Diese Kolumne wid­met sich genau diesen unbe­sun­genen Helden. Sie ist eine musikalis­che Spuren­suche in den Tiefen­schicht­en des Reg­gae. Gemein­sam reisen wir zurück in leg­endäre Auf­nahme-Ses­sions und his­torische Epochen, um her­auszufind­en, wer tat­säch­lich auf den Songs gespielt hat, die wir bis heute lieben.
    Also: Sound auf­drehen. We’re div­ing below the bassline.

    RIDDIM Newslettah

    Be the first to know when new things are hap­pen­ing on riddim.world!

    Choose your lan­guage:

    We don’t send spam, find out more in our Pri­va­cy State­ment.

    Schreibe einen Kommentar