BELOW THE BASSLINE: What Kind of World

Text: Chris­t­ian Bosoni


From Studio One to the River – The Evolution of an Immortal Groove

Um zu ver­ste­hen, wie ein Rid­dim Unsterblichkeit erlan­gen kann, muss man lediglich den ersten Tak­ten von Mor­gan Her­itages Meis­ter­w­erk ”Down By The Riv­er” lauschen.

Der im Jahr 2000 veröf­fentlichte Tune fühlt sich an wie eine warme Umar­mung. Doch diese schwere, hyp­no­tis­che Bassline wurde nicht erst an der Schwelle zum neuen Jahrtausend geboren. Um ihren Ursprung zu find­en, müssen wir einige Jahrzehnte zurück­reisen und die Nadel auf eine ver­staubte Rock­steady-Vinyl aus dem Jahr 1968 set­zen.

Mitternachtssession in der Brentford Road

Wir schreiben das Jahr 1968. In den schwül­war­men Mauern von Clement ”Cox­sone” Dodds leg­endärem Stu­dio One nimmt ein junges Vokaltrio namens The Cables einen Song mit dem Titel ”What Kind of World” auf. Während das orig­i­nale Plat­ten­cov­er die wun­der­schö­nen Har­monien der Sänger preist, lässt es die Frage offen, wer da eigentlich an den Instru­menten stand.

Die Musik­er hin­ter diesem außergewöhn­lichen Rid­dim waren The Soul Ven­dors – ein leg­endäres, ständig wech­sel­ndes Kollek­tiv, das sich zu jen­er Zeit bere­its allmäh­lich in das ver­wan­delte, was die Welt schon bald unter dem Namen Sound Dimen­sion ken­nen sollte. Zu den Soul Ven­dors gehörten damals her­aus­ra­gende Tal­ente wie das musikalis­che Genie Jack­ie Mit­too an den Tas­ten, das junge Bass-Wun­derkind Leroy Sib­bles, die Gitar­ris­ten Eric Frater und Hux Brown sowie Schlagzeuger wie Fil Cal­len­der und Joe Isaacs. Zusam­men bilde­ten sie eine einzi­gar­tige, atmende Ein­heit, die ihren ganz eige­nen Groove hat­te.

Gemein­sam fan­den sie zu einem Groove und spiel­ten wie aus einem Guss. Sib­bles sorgte mit sein­er Bassline für den hyp­no­tis­chen Sog, während Mit­too den Gesang mit ele­gan­ten Key­board-Lin­ien umspielte. Gitarre und Schlagzeug hiel­ten alles fest zusam­men und ver­ankerten den Groove in ein­er tight­en, uner­schüt­ter­lichen Pock­et. Sie nah­men nicht ein­fach nur einen Begleit­track auf – sie schufen die Blau­pause für Gen­er­a­tio­nen von Artists.

In neuem Gewand: Roots und Dancehall

Ein großar­tiger Rid­dim ist wie ein geteiltes Erbe. Und diese spezielle Bassline behan­del­ten Pro­duzen­ten wie ein beson­ders kost­bares Fam­i­lienerb­stück. Als sich die Musik 1977 zunehmend der spir­ituellen Tiefe der Roots-Ära zuwandte, ver­langsamte Cox­sone Dodd das Ton­band des Rid­dims und gab Sug­ar Minott Raum, auf ”Change Your Ways” sein Herz auszuschüt­ten.

Zu Beginn der 1980er Jahre wich die analoge Sweet­ness der rauen Energie der Dance­hall-Explo­sion. Die leg­endäre Band Roots Radics belebte den Groove für Pro­duzent Hen­ry ”Jun­jo” Lawes wieder und ver­lieh ihm die nötige Härte, um die Zäune der Sound-Sys­tem-Lawns in Kingston beben zu lassen. Auf diesem schw­eren neuen Fun­da­ment tänzelte Bar­ring­ton Levy durch ”21 Girls Salute”, während Sis­ter Nan­cy mit ”A No Any Man Can Test Nan­cy” ein Aus­rufeze­ichen set­zte. Aus dem Rock­steady-Tune war ein straßen­er­probter Anthem gewor­den.

Rückkehr zum Ursprung

Als Pro­duzent Dean Fras­er den Groove im Jahr 2000 auf­frischte und ihn Mor­gan Her­itage für ”Down By The Riv­er” über­gab, schloss sich der Kreis. Sie san­gen nicht ein­fach nur einen neuen Song – sie kanal­isierten mehr als drei Jahrzehnte musikalis­ch­er Entwick­lung. Die Seele der Cables, die Con­scious­ness von Sug­ar Minott und das Gewicht der Dance­hall schwin­gen zeit­gle­ich in diesem einen Rid­dim mit.

Wenn wir unter die Bassline blick­en, ent­deck­en wir die Fin­ger­ab­drücke von Leroy Sib­bles und die Ghost-Notes von Jack­ie Mit­too. Die Sänger wech­seln, die Jahrzehnte verge­hen, doch die Foun­da­tion bleibt für immer uner­schüt­ter­lich. 



BELOW THE BASSLINE: Die Architek­ten der Foun­da­tion

Wenn wir einen Reg­gae-Klas­sik­er hören, denken wir meist zuerst an die Stimme. Wir erin­nern uns an die war­men Vocals, an bedeu­tungsvolle Lyrics und an die Ausstrahlung der Sän­gerin­nen und Sänger. Doch jed­er Reg­gae-Lieb­haber weiß: Die Stimme ist nur die Spitze des Eis­bergs. Darunter liegt der Rid­dim – jen­er magis­che Ort, an dem sich der hyp­no­tis­che Puls des Bass­es, das Chop­pen der Gitarre, der markante Rimshot des Schlagzeugs und der warme Skank der Key­boards zu etwas Größerem verbinden.
Hin­ter diesen zeit­losen Grooves ste­hen außergewöhn­liche Musik­erin­nen und Musik­er, deren Namen auf den Orig­i­nal-Plat­ten­cov­ern oft kaum Erwäh­nung fan­den. Zu häu­fig standen sie im Schat­ten von Vokalgrup­pen, Stars und Pro­duzen­ten – obwohl sie es waren, die das Fun­da­ment geschaf­fen haben.
Diese Kolumne wid­met sich genau diesen unbe­sun­genen Helden. Sie ist eine musikalis­che Spuren­suche in den Tiefen­schicht­en des Reg­gae. Gemein­sam reisen wir zurück in leg­endäre Auf­nahme-Ses­sions und his­torische Epochen, um her­auszufind­en, wer tat­säch­lich auf den Songs gespielt hat, die wir bis heute lieben.
Also: Sound auf­drehen. We’re div­ing below the bassline.

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