
Buju Banton – Too Too Bad
Gargamel Music/VP Records
Text: Davide Bortot
Die Geschichte dieses Albums beginnt, wie alles eben, mit einem Video im Internet. In dem Video steht ein gut gebauter Mann und redet übers Ficken. Er steht dabei an einem Pool. So weit, so normal. Was man vielleicht dazu sagen sollte: Der gut gebaute Mann ist klar über 50. Und was man vielleicht ebenfalls dazu sagen sollte: Dieser Mann ist nicht irgendein hängengebliebener Manosphere-Otto, der einen Monolog mit Alpha-Weisheiten in die Frontkamera sabbelt, sondern einer der wichtigsten Dancehall-Artists aller Zeiten in seinem Element: Buju Banton.
Das Video, von dem hier die Rede ist, ist eine Art Freestyle auf dem ”WYFL”-Riddim, jenem Brett von einem Beat also, das um die Jahreswende herum das Comeback der Groß-Jugglings offiziell gemacht hat. Nicht nur das Format, auch Bujus Performance erinnert dabei so sehr an vergangene Zeiten, dass man beinahe im Plattenladen nachfragen möchte, auf welcher ”Ragga Ragga Ragga” das so drauf ist. In Wahrheit ist der Song, ”X Rated”, natürlich auf keiner Compilation, sondern auf Bujus neuem Album ”Too Too Bad”– einem Album, so viel kann man spoilern, das diese Linie über die gesamte Länge von 13 Songs fortführt. Der alte Buju: mit frischer Energie, aber eben wie früher, wie in den frühen Neunzigern zu Zeiten von ”Stamina Daddy” oder ”Love Me Browning”, oder auch wie 2006, als Buju schon einmal zu seinen Hardcore-Wurzeln zurückkehrte. Nach ”Too Bad” jetzt eben ”Too Too Bad”: Ruff an tuff an X‑Rated auch mit 53.
Die Idee zu einem Throwback-Album hatte Buju lange vor ”WYFL”. Den Hype aber hat er gerne mit- und die Challenge angenommen. Gewonnen haben alle. Mit Buju und weiteren Legacy-Artists wie Anthony B und Wayne Wonder hat die Sache noch mal weitere Tragweite bekommen. Umgekehrt haben DJ MAC und das Internet Buju eine perfekte Brücke aus seiner ersten Prime ins Jetzt gebaut – die er nun maximal entschieden beschreitet. ”Too Too Bad” unternimmt gar nicht erst den Versuch, das Vintage-Feel irgendwie aufzubrechen oder an heutige Usancen anzupassen. Alles ist originalgetreu early Buju, vom Titel über das Cover-Artwork des berühmten Sign-Painters Rushane ”Bug” Drummond bis hin zu den Songs selbst.
Inhaltlich geht es auf ”Too Too Bad” um Sex. Ab und zu ist auch von Verliebtsein die Rede, und hie und da streut Buju eine anatomische Beobachtung ein. In allererster Linie aber verhandelt er, was sich mit diesen Körperteilen so anstellen lässt: Sex eben. Manche werden das latent belastend finden. Middle Aged Men, die über glänzende Muschis und Wagenladungen von Frauen als quasi-verfügbare Masse sprechen: Gibt auch mir gerne mal Gänsehaut der schlechten Art. Vielleicht ist diese Sichtweise aber auch nur mitteleuropäische Verklemmtheit und letztlich regressiv: Ist doch toll, wenn er das in dem Alter noch so hinkriegt. Zugutehalten muss man Buju zudem, dass er sich von Gen-Z-Slang und auch dem aktuellen Trend zu ultra-expliziten XXX-Lyrics fernhält. Positionen werden eher en passant erwähnt als detailliert beschrieben. Der Gargamel bleibt bei einem X und rüstigen Unc-Komplimenten aus der ”You look good and you smell right”-Kategorie. Letztlich ist das alles ohnehin Geschmackssache – und komplett egal, was irgendjemand denkt. Kritik und Zweifel haben Buju Banton im Laufe seiner inzwischen 35-jährigen Karriere stets eher bestätigt als zurückgehalten. Und auch hier zieht er durch, ohne Kompromisse.
Das gilt auch für die Soundästhetik des Albums. Mit ”Too Too Bad” werden all jene reich beschenkt, die Bujus Frühphase als junger, ungestümer Dancehall Warrior in wohliger Erinnerung haben und es allgemein eher mit früher halten. Teilweise greifen die Tunes dabei explizit Klassiker der jamaikanischen Musikgeschichte auf. Der Opener ”We Nuh Play” zum Beispiel basiert auf dem ”Diseases”-Riddim, nur leicht frisch gemacht von Jermaine Reid, mit dem Buju schon auf dem ”Upside Down”-Album intensiv zusammengearbeitet hat. Die Single ”Butterflies” wiederum kommt auf dem ”Real Rock”; ein weiterer designierter Hit, ”Wild Woman” mit DJ Khaled, samplet Notchs ”Nuttin Nuh Go Suh” mitsamt dem ”Buy Out” von Tony Kelly. Sechziger, Achtziger, Nuller: Der Gargamel brettert in entschlossenen Zwei-Dekade-Schritten durch die Historie von Reggae und Dancehall. Auch die neuen Instrumentals erinnern an damals™️. ”FAFO” klingt sogar vom Mix her, als wäre er direkt von einem sechsfach überspielten Tony-Touch-Tape von 1998 gezogen. Fehlt nur noch, dass der Song mittendrin aufhört und man die Kassette wenden muss. Ansonsten: alles eins zu eins.
Zur gefühlsechten Zeitreise trägt bei, dass Bujus berüchtigte Boom-Voice voll und ganz intakt ist, vielleicht rauer und voluminöser als je zuvor. Wer ihn in seinen beiden ”Colors”-Videos spitten sieht und hört, kann sich kaum vorstellen, dass hier jemand seit dreieinhalb Jahrzehnten seinem Job nachgeht. Präziser, kraftvoller und mit mehr Leidenschaft geht kaum. Auch Big Tunes schreiben kann Buju nach wie vor wie wenige andere. ”House Call” oder ”Good Pum Pum” – einer von zwei Beiträgen von Suku Ward von Ward 21 übrigens – gehen direkt in die Playlist mit Buju-Klassikern. Auch ”Butterflies” oder das abschließende ”Power” mit Gramps Morgan sind schlicht groß, ganz ohne jeden Nostalgie-Bonus.
Der beste aktuelle Buju-Song ist leider nicht auf dem Album. ”Hello”, sein Duett mit dem R&B‑Sänger Masego, zeigt auf, wie ein modernes Dancehall-Album von Buju hätte klingen können: ein Killerbeat auf Dunk-Dunk-Basis trifft hier auf ein cleveres Y2K-Sample und einen stimmlichen Kontrast, wie er Buju immer schon gut zu Gesicht gestanden hat und wie er auf dem Album für meinen Geschmack ein bisschen zu selten vorkommt. Die Kehrseite der Konsequenz von ”Too Too Bad” ist eine gewisse Vorhersehbarkeit. Zaghafte Schritte der Öffnung sind allenfalls ”Satisfy Me” mit Ari Lennox oder auch die (wunderschöne) Ballade ”Be Good”, an der die international renommierten Songwriter Jeff Gitelman und Theron Thomas mitgeschrieben haben. Ansonsten regiert straight-up hardcore dancehall – den Buju authentisch auf den größten Bühnen der Entertainment-Welt repräsentiert, von Jimmy Fallon bis zum Times Square. Allein das muss man als Dancehall-Afficionado feiern, egal, wie man zu solchen Retro-Rewinds steht: Buju ist – und, das ist Wichtigste und Beeindruckendste an ”Too Too Bad”, bleibt – einer der ganz, ganz Großen dieser Culture.

