Island Music Conference – The Ownership of Reggae Music

Spice und IMC-Organisator:innen Shag­gy und Sharon Burke


Zum vierten Mal fand an vier Tagen Ende Feb­ru­ar in Kingston eine Kon­ferenz rund um das Geschäft mit Musik aus Jamai­ka statt. Zen­trales The­ma: Wem gehört Reg­gae? Rebec­ca Raum hat mit­geschrieben.

Text: Rebec­ca Raum


”Rahtid.”

Das war das erste Wort von Shag­gy, als ihn Judith Bod­ley, eine der Mitbegründer:innen der Island Music Con­fer­ence, auf die Bühne bat, um die vierte Auflage der Island Music Con­fer­ence (IMC) in Kingston zu eröff­nen. Der spon­tane Aus­ruf durch­brach sofort die förm­liche Atmo­sphäre dieses Moments. Anschließend begrüßte er die Anwe­senden und set­zte damit den Ton für die kom­menden Pan­els.

Im Zen­trum des diesjähri­gen The­mas stand die Frage nach Own­er­ship. Seit Jahrzehn­ten par­tizip­ieren Künstler:innen in der Karibik – beson­ders in Jamai­ka – nicht vom Wert ihrer Musik, obwohl sie  bis heute Sounds weltweit prägt. Shag­gys Vision ist es, ihnen das nötige Wis­sen zu ver­mit­teln, damit sie ihre Kar­ri­eren selb­st­bes­timmt in die Hand nehmen kön­nen.

Am ersten Mor­gen ist das Courtleigh Audi­to­ri­um bis auf den let­zten Platz gefüllt. Das Pub­likum ist bunt gemis­cht: Schü­lerin­nen und Stu­den­ten sitzen neben Produzent:innen, Songwriter:innen, auf­streben­den Künstler:innen, Medi­en­leuten und Branchen­vet­er­a­nen.
Im vierten Jahr ihres Beste­hens hat sich die Kon­ferenz bere­its als wichtiger Tre­ff­punkt der karibis­chen Musikin­dus­trie etabliert. Ursprünglich dauerte die IMC fünf Tage, in diesem Jahr sind es vier.

Nach Jamaikas Nation­al­hymne und ein­er Eröff­nungsrede der Kul­tur­min­is­terin Olivia ”Bab­sy” Grange begin­nt das erste Pan­el: ”Mas­ter­ing the Art of Influ­encer Entre­pre­neur­ship”. Schon der Titel macht deut­lich, dass es bei der Kon­ferenz um die geschäftliche Seite der Musik geht – und darum, den Teil­nehmenden konkrete Werkzeuge für ihre Kar­riere an die Hand zu geben.

Auf dem Podi­um ver­sam­melt sich eine leb­hafte Mis­chung viel­seit­iger Kreativ­er: Dance­hall-Star und Unternehmerin Spice, der Kün­stler, DJ und Schaus­piel­er Noah Powa, Pod­cast­er Jaii Frais sowie die britis­che Mod­er­a­torin und DJ Bec­ca Dud­ley sowie der Dance­hall-Sänger Wayne Mar­shall in der Rolle des Mod­er­a­tors.

Im Mit­telpunkt ste­ht eine Frage, die viele junge Künstler:innen umtreibt: Wie lässt sich Ein­fluss in etwas hand­festes ver­wan­deln, in etwas, das man tat­säch­lich besitzt? Wird Erfolg von Tal­ent bes­timmt, von Per­sön­lichkeit oder von uner­müdlich­er Behar­rlichkeit?

Die Mei­n­un­gen gehen auseinan­der. Tal­ent und Per­sön­lichkeit mögen für Aufmerk­samkeit sor­gen – doch Beständigkeit ist es, die den Algo­rith­mus (hof­fentlich) dauer­haft auf der eige­nen Seite zieht. Noch wichtiger, so beto­nen die Podi­ums­gäste, ist die Klarheit über das eigene Ziel: Baut man eine Com­mu­ni­ty auf, um Musik zu verkaufen? Oder schafft man eine Plat­tform, um andere Pro­duk­te oder größere unternehmerische Vorhaben zu pro­moten?

”Fol­low­er zu sam­meln ist nicht das Ziel. Eigen­tum ist das Ziel”, sagt Spice und greift damit das zen­trale Motiv auf, das Shag­gy zuvor for­muliert hat­te. Wayne Mar­shall bringt es auf den Punkt: ”Ein­fluss kann Türen öff­nen – aber Unternehmer­tum baut ein Haus.”

Als Jaii Frais die Frage aufwirft, was einen Influ­encer eigentlich aus­macht, geht Spice noch einen Schritt weit­er: Sie bit­tet mehrere Influ­encer aus dem Pub­likum auf die Bühne und ver­wan­delt die Diskus­sion in einen spon­ta­nen Moment der Pub­likums­beteili­gung.

Solche Augen­blicke zeigen, dass sich die IMC sel­ten wie eine steife Busi­ness-Kon­ferenz anfühlt. Immer wieder ist der Saal von Lachen erfüllt.

Zwis­chen den Pan­els leg­en inter­na­tionale DJs – darunter Seani B aus Großbri­tan­nien und DJ Dr Doom aus den USA – Rid­dims auf, während Kün­stler wie Kemar High­con dazu live per­for­men.

Die gesamte Band­bre­ite der karibis­chen Musik­szene spielt eine Rolle. Selb­st die Tänzer:innen, die Dance­hall entschei­dend prä­gen und oft virale Tanztrends anstoßen, bekom­men ihren Moment im Ram­p­en­licht. Drift-Tänz­er Gab­bidon ver­sucht sog­ar, der erfahre­nen Enter­tain­ment-Man­agerin und IMC-Mit­grün­derin Sharon Burke einen Move beizubrin­gen.

Spice sticht nicht nur durch ihre Präsenz auf dem Podi­um her­vor, son­dern auch durch ihr Engage­ment für die Kon­ferenz selb­st. Sie sitzt jeden Tag im Pub­likum, hört zu, lernt und stellt Fra­gen.

Auf­fäl­lig ist die per­sön­liche Atmo­sphäre der Island Music Con­fer­ence. Die Besucher:innen kom­men den prä­gen­den Fig­uren der Musik- und Enter­tain­ment­branche ungewöhn­lich nahe. Ob durch die authen­tis­che Sprache auf der Bühne oder die Ein­blicke durch die erzählten Hin­ter­grundgeschicht­en – der Ton bleibt offen und direkt. Immer wieder gehen die Podi­ums­gäste über vor­bere­it­ete Talk­ing Points hin­aus und teilen per­sön­liche Erfahrun­gen, bericht­en von Erfol­gen eben­so wie von Fehlern und Ver­lus­ten.

Wenn etwa Stephen ”Di Genius” McGre­gor erzählt, wie er schon als Teenag­er Auf­nahme­ses­sions mit Mava­do machte, oder Lila Iké von ihren Ein­drück­en bei der Gram­my ‑Ver­lei­hung berichtet, öffnet sich für das Pub­likum ein sel­tener Blick hin­ter die Kulis­sen. Lila erin­nert sich daran, wie über­rascht manche Men­schen waren, wie sie sich als Reg­gae-Kün­st­lerin präsen­tiert – ein Hin­weis darauf, wie hart­näck­ig die Vorstel­lun­gen darüber sind, wie ein Reg­gae-Act heute auszuse­hen hat.

Eben­so wertvoll ist die Möglichkeit für das Pub­likum, direkt Fra­gen zu stellen – etwas, das auf großen inter­na­tionalen Branchenkon­feren­zen nicht immer selb­stver­ständlich ist.

Com­mu­ni­ty-Build­ing ste­ht auch im Zen­trum der Ver­anstal­tung. Net­zw­erken find­et nicht nur während der Pan­els statt, son­dern auch im Abend­pro­gramm. Das Chairman’s Din­ner, der Island Vibe Show­case für auf­strebende Künstler:innen und ein eigen­er Filmabend schaf­fen zusät­zliche Räume für Aus­tausch und Begeg­nung.

Auch die Bil­dung geht über die Bühne hin­aus. Tägliche Song­writ­ing-Work­shops geben jun­gen Produzent:innen, Sänger:innen und Songwriter:innen die Möglichkeit, prak­tisch zu arbeit­en, Kon­tak­te zu knüpfen, gemein­sam Musik zu entwick­eln und neues Mate­r­i­al zu schaf­fen.

Die Kon­ferenz ver­fol­gt den Anspruch, ein ganzheitlich­es Bild der Musik- und Unter­hal­tungsin­dus­trie zu ver­mit­teln und ihre unter­schiedlichen Bere­iche miteinan­der zu verbinden. Die Pan­els reichen von kreativ­en Prozessen und Per­for­mance über kün­stliche Intel­li­genz, Brand­ing, Man­age­ment, Medi­en und Mar­ket­ing bis hin zu Pub­lish­ing, Stream­ing-Ein­nah­men und Book­ing-Strate­gien.

Über konkrete Prax­is­tipps hin­aus wer­fen die Diskus­sio­nen auch größere Fra­gen auf, mit denen die Branche noch ringt: etwa wie karibis­che Gen­res repräsen­tiert wer­den, wie sie eigene Kat­e­gorien bei Insti­tu­tio­nen wie den Gram­my Awards bekom­men kön­nten oder wie neue Tech­nolo­gien wie KI Musikpro­duk­tion und Urhe­ber­rechte verän­dern wer­den. Viele dieser Debat­ten benen­nen Her­aus­forderun­gen, für die es noch keine ein­deuti­gen Antworten gibt.

Auch Gespräche über men­tale Gesund­heit tauchen immer wieder auf – ein Zeichen für das wach­sende Bewusst­sein für die Belas­tun­gen, denen Künstler:innen und Branchenakteur:innen aus­ge­set­zt sind.

Die Gästeliste spiegelt diese the­ma­tis­che Band­bre­ite wider: mit Per­sön­lichkeit­en wie der Soca-Leg­ende Ali­son Hinds, Dance­hall-Artist Rajah­Wild, HipHop-Pio­nierin San­dra ”Pepa” Den­ton, Mul­ti-Platin-Pro­duzent Major Sev­en, Man­ag­er Rome­ich und Branchen­vet­er­an Tuma Basa.

Mitunter kann die Fülle an Infor­ma­tio­nen und der Fach­jar­gon der Spezial­is­ten über­wälti­gend sein – beson­ders für junge Künstler:innen, die sich auf der Busi­ness-Seite der Musik noch ori­en­tieren. Doch jede und jed­er kann man Ende wertvolle Erken­nt­nisse mit nach­hause nehmen.

IMC-Organisator:innen Judith Bod­ley & Shag­gy

Ein großer Teil der Dynamik geht auf das Team hin­ter der Kon­ferenz zurück. Die Mit­be­grün­der Shag­gy, Sharon Burke und Judith Bod­ley entwick­eln das For­mat Jahr für Jahr weit­er.

Anerken­nung gebührt dem gesamten IMC-Team, das hin­ter den Kulis­sen uner­müdlich arbeit­et. Zwar ger­at­en Zeit­pläne gele­gentlich etwas ins Rutschen, doch die Organ­i­sa­tion verbessert sich kon­tinuier­lich. Selb­st wenn kurzfristig Gäste absagen, gelingt es dem Team, hochkarätige und infor­ma­tive Pan­els aufrechtzuer­hal­ten – manch­mal übern­immt Mit­be­grün­derin Judith Bod­ley kurz­er­hand selb­st die Mod­er­a­tion und bringt mit ihrer Energie und Branchenken­nt­nis zusät­zliche Dynamik in die Gespräche.

Vier Jahre nach ihrer Grün­dung befind­et sich die Island Music Con­fer­ence noch immer im Wan­del. Doch ihre Mis­sion ist klar: die Verbindun­gen inner­halb der karibis­chen Musikin­dus­trie weltweit zu stärken, Künstler:innen die Werkzeuge an die Hand zu geben, um Besitzansprüche auf ihre Werke gel­tend zu machen – und Fach­leute zusam­men­zubrin­gen, um eine nach­haltigere Zukun­ft für karibis­che Musik zu gestal­ten.


Riddim Newslettah

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