
Protoje – The Art of Acceptance
In.Digg.Nation Collective/Ineffable Music
Text: Davide Bortot
Was soll man über Protoje noch sagen? Auf niemanden sonst ist in der Geschichte dieses Magazins so oft das Loblied erhoben worden. Niemand sonst hat die RIDDIM-Philosophie, diese Idee von Future Roots Music so geprägt. Und niemand sonst lebt so konkret die Bedeutung von Community und Gemeinschaftlichkeit, die uns bis heute trägt. Protoje macht keinen Reggae. Er ist Reggae.
Natürlich handelt auch sein siebtes Album ”The Art of Acceptance” von dieser einzigartigen, magischen, wichtigen Musik. Manchmal tut es das ganz explizit: in der Sound System-Hymne ”Big 45”, aber auch in ”Ting Loud” mit Masicka (das den ewigen ”Movie Star”-Riddim zitiert) oder in ”At We Feet”, bei dem Boom Sundays, Ricky Trooper und Feature-Partner Damian Marley ihre Blumen bekommen. Mehr noch jedoch wird Reggae insofern zelebriert, als das Album die Dialektik des Genres umarmt – das Militante und das Milde, die Schwere des Anlasses und die Leichtigkeit des Moments, den niemals endenden Kampf und die Bedeutung von Nachsicht, Vergebung, nun ja, Akzeptanz.
”‘The Art of Acceptance’ isn’t just about peace”, hat Protoje auf Instagram geschrieben. ”It’s about the raw, sometimes painful work of facing yourself fully, embracing the parts you might want to hide, and then radiating from that wholeness.” Dieser Prozess des Annehmens und Aus-sich-heraus-Strahlens beginnt – ganz ähnlich übrigens wie ”Scatter” auf dem Album seiner kleinen Schwester im Geiste, Lila Iké – damit, Badminds zu blocken. Proto lässt sie nicht zerspringen wie Lila, sondern hält ihnen den Spiegel hin. Er kann das, weil er sich traut, selbst reinzuschauen in dieses härteste Stück Glas der Welt. In den folgenden zwölf Songs beschäftigt er sich auf unterschiedliche Weise mit gelebter Selbsterkenntnis, mit Prinzipien des Alltags, Liebe als Lebenspraxis und Glaube als Schutzschild. All das kulminiert in ”Ten Times Around The Sun”, in dem Protoje eine neue Version seiner selbst manifestiert, ganz frei von inneren Zwängen und äußeren Erwartungen: ”I don’t want to be lost in my reality / Or be hostage to these dreams that you say you’ve got for me.”
Dazwischen stehen sowohl leichte Momente wie ein cheeky-flirty Duett mit Shenseea (”Goddess”) als auch heftige Songs wie ”1000 Lashes” mit Stephen Marley, die kollektive Rasta-Rebellion-Hymne ”Locust” (hier gerne mal auf die zusätzlichen Stimmen hören) oder die intersektionale Geschichtsstunde ”Reference”, die gleichzeitig ein Glaubensbekenntnis und eine Hommage an die Black Woman ist. In Protojes künstlerischer und spiritueller Praxis gehören diese Themen selbstverständlich zusammen, denn Selfcare, die weltgeschichtliche Ereignisse und gesellschaftliche Umstände einfach ausblendet (weil: wahlweise ”Babylon” oder ”bringt mir nix”), war immer schon fehlgeleitet. Sich selbst zu begreifen bedeutet auch, die Welt um einen herum zu sehen – und zwar für das, was sie sein kann.
Genau so klingt diese Musik. Die Drums der Ancestors und Foreparents treffen auf eine konstruktive Soundvision, die Protoje in den gut zehn Jahren seit ”Ancient Futures” entwickelt und nun gemeinsam mit Produzent Winta James ausgearbeitet hat. Einflüsse wie Hip-Hop oder R&B sind als solche in dieser Roots Music nicht mehr erkennbar – weil die Wurzeln ohnehin dieselben sind. Alles fließt, alles löst sich, alles ergibt neuen Sinn. So ist ”The Art of Acceptance” vor allem ein Vibe: meditativ, uplifting und voll von diesem Geist, der RIDDIM immer angetrieben hat und auch weiterhin tragen wird. Oje Ken Ollivierre, thank you for the spirit!
