
Kartel ist der König? Okay, dann ist DJ MAC Majordomus – mindestens aber der Anführer der New School, wie seine Insta-Bio sagt. Seit gut zwei Jahren hängt der 25-jährige DJ und Producer aus Kingston bei gefühlt jedem modernen Dancehall-Hit mit drin. 2023: Der Durchbruch mit ”Drift” von Teejay. 2024: Der Soundtrack des Sommers mit dem ”Fiesta”-Riddim. 2025: Feuern aus allen Rohren mit einem weiteren Monster-Juggling (”Down”), Hits mit Shenseea, Skillibeng und diversen Newcomern – und seinem ersten eigenen Album ”Ups & Downs”. Wer ist der Typ, der offenbar beschlossen hat, nie wieder zu schlafen und stattdessen nur noch zu gewinnen?
Text: Davide Bortot
Dieser Artikel wurde erstmals im September 2025 veröffentlicht (RIDDIM 04/2025).
”Jedes Mal, wenn ich einen neuen Song aus Jamaika gut finde, taucht irgendwie dieser Name auf.” Mit diesen Worten, sagt DJ MAC, habe Shenseea bei ihrem Manager Romeich eine Session mit ihm bestellt. ”Mit dem muss ich auch ins Studio!” Ob das wirklich so war? Wer weiß das schon. Spielt auch keine Rolle. Sicher ist das Resultat dieser kolportierten Anekdote: Mit ”V.I.P” und dem Remix zu Ayetians ”Tip,” haben MAC und Shen Yeng in diesem Jahr schon zwei massive Hits gelandet. Very Important Pussy? Definitiv. Very Important Producer allerdings auch.
Die beiden genannten Songs – erschienen im April bzw. Juni – stehen nicht nur für gesicherten Alarm im Dance. Sie stehen auch exemplarisch für den Sound, mit dem sich DJ MAC innerhalb weniger Jahre von einer lokalen DJ-Größe zu einem der prägenden Architekten des globalen Sound of Now entwickelt hat. Der ”Tip”-Riddim (ursprünglich produziert übrigens von Nathaneal ”Nvtzz” Brown und im Remix aufgemotzt von DJ MAC) erinnert an Beats des frühen Timbaland, im Speziellen ”She’s a Bitch” von Missy Elliott. ”V.I.P” wiederum beginnt wie eine lupenreine Coverversion von ”Independent Women, Pt. 1” von Destiny’s Child und gibt auch sonst konsequent Y2K‑R&B. Klanglich schlagen beide Tunes eine Brücke zwischen der unschuldigen Verspieltheit der späten Neunziger und den hyper-komprimierten Trap-Dancehall-Züchtungen der Neuzeit. Hat hier jemand TikTok-Musik gesagt? Falls ich es gesagt habe: Es ist ausschließlich positiv gemeint.
Dass Dancehall im Sommer 2025 Erinnerungen an eine Zeit weckt, in denen die meisten Menschen auf dem Floor noch keine feste Nahrung zu sich nehmen konnten, geschweige denn eine Party besuchten, liegt zu einem hohen Grad an einem, dem das ganz genauso geht: Jason McDowell alias DJ MAC. Der ist Jahrgang 1999, frühsozialisiert mit Gaza Empire und anderen sinistren Dancehall-Entwürfen dieser Zeit, aber auch mit TRL auf MTV und amerikanischer Popmusik. Inspiriert von den Mixtapes damaliger Hype-DJs wie Chromatic, Coppershot oder ZJ Chrome, die seine große Schwester regelmäßig in den Haushalt bringt, beginnt der junge Jason, mit der Aufleg-Software VirtualDJ rumzuspielen. Seinen ersten öffentlichen Auftritt hat er mit 13, bei einer Grillparty seiner Schule – im National Stadium von Kingston. ”Ich war mega nervös. Aber da hat alles angefangen. Danach war ich eine Art offizieller DJ meiner Schule. So hat sich alles Schritt für Schritt weiterentwickelt.”

Im Nationalstadium legt DJ MAC noch immer auf, etwa bei seiner jährlichen gemeinsamen Geburtstagsparty mit Jaii Frais vom ”Let’s Be Honest”-Podcast. Aufsteigen ist eben schwierig, wenn man ganz oben anfängt. Ansonsten trifft es ”weiterentwickeln” ziemlich gut. Mit dem Musikmachen beginnt DJ MAC während der Pandemie, also eher aus der Not heraus. Die grundlegenden Kniffe schaut er sich bei Attomatic ab, dem Inhouse-Producer von Squash, mit dem MAC zu der Zeit regelmäßig Dubplates cuttet. Sein erster Release war ein Tune des damals noch weitgehend unbekannten Skillibeng, ”Who”. Seitdem hat er unzählige Big Tunes mit den wichtigsten Dancehall-Figuren der Gegenwart aufgenommen, darunter Valiant, Chronic Law, Skeng, Jahshii, Bayka, Kraff Gad, Govana, Teejay und viele mehr. (Der Vollständigkeit halber: Mit letzterem gibt es Beef, mit allen anderen regelmäßig neue Musik.) Parallel breakt er wieder und wieder Newcomer*innen wie Armanii, Tielo Lanez oder Jquan. ”Das mit den jungen Artists ist mein Ding geworden”, sagt er selbst. ”War es immer schon. Da ist einfach eine echtere Verbindung. Meine größten Hits waren alle mit Leuten, die zu dem Zeitpunkt noch ziemlich unbekannt waren. That hits different, I’m not gonna lie.”
Der rote Faden bei all dem ist ein feierfreundlicher Uptempo-Sound, der Dancehall in den vergangenen 48 Monaten nach und nach transformiert und dem Genre eine ganz neue Energie induziert hat – und das, obwohl er sich seine Inspiration oft aus der Vergangenheit holt. Besonders offensichtlich war das 2024 bei ”Fiesta”, einem Juggling mit massiven Tunes wie ”HAAD” von Armanii oder ”Trouble” von Stefflon Don. Der Riddim ist eine leicht renovierte Version des ”Fiesta”-Riddims von 2001, der wiederum auf einem US‑R&B‑Song eines hier nicht genannten Arschlochs basiert. Die Herkunft also: fragwürdig. Die Selection: Lässt keine Fragen offen. ”Das war die Idee meines Go-To-Collaborators CrashDummy. Wir wollten einfach Musik zum Tanzen machen. That’s it.” Das Einfache sehen und einfach aussehen lassen: Das war immer schon eine besondere Kunst, gerade im Dancehall.

DJ MAC zieht bei solchen Eureka-Momenten nicht nur hinter den Kulissen Fäden und Fader. Er ist auch als öffentliche Person omnipräsent, so wie es unsere Zeit gebietet. Auf Instagram posiert er mit prominenten Friends und frisch gebügelten Outfits. Auf TikTok gibt er Einblicke in seine Arbeit und Ausblicke auf neue Musik. Und auf den DSPs pflegt er sein Profil als eigenständiger Artist mit aktuell über einer halben Million monatlichen Hörer*innen auf Spotify. Das sind mehr als die meisten Deejays, mit denen er arbeitet. Mit seinen Looks und seiner ruhigen, aber bestimmten Art kommt er dabei wie ein veritabler Star rüber. ”Mac is soo fucking fine ❤ very handsome”, urteilte eine Userin unter seinem letzten Interview bei ”Let’s Be Honest”. Dass man diese Art Gespräch über einen Dancehall-Producer führt? Ist alles andere als selbstverständlich..
Producer als Popstars haben im Dancehall keine große Tradition. Das ist erstaunlich, schließlich sind viele jamaikanische Produzenten vor allem der Reggae-Gründungszeit mit der Zeit zu Household-Names geworden: Prince Buster, Scratch Perry, King Tubby. Ihre Marken sind heute fast größer als ihre Songs. HipHop liefert ebenfalls seit vielen Jahren Vorbilder. Producer wie der vorhin bereits genannte Timbaland, sein Jugendfreund Pharrell oder Swizz Beatz haben sich gezielt Artist-Personas aufgebaut, mit erkennbaren Charaktereigenschaften, ja fast schon comichaften Zügen – und vor allem: eigenen Releases. Im Jetzt führen Metro Boomin, Hit-Boy oder DJ Khaled diese Tradition fort, letzterer sogar ohne dass er sich groß die Hände mit Beatsbasteln schmutzig machte. Er inszeniert sich lieber als kulturelle Integrationsfigur – und rührt seit Monaten mit einer kommenden Kartel-Mavado-Bounty-Buju-Combination die Eigenwerbetrommel. In Deutschland kennt man die Jugglerz, Kitschkrieg oder Silly Walks. Im jamaikanischen Dancehall dagegen sind die Producer trotz ihrer herausragenden Rolle in den musikalischen Revolutionen der vergangenen vier Jahrzehnte meist im Hintergrund geblieben. Das beste Beispiel ist Dave Kelly, einer der einflussreichsten, wenn nicht der einflussreichste Riddim-Schmied der Neunzigerjahre. Der weigert sich beharrlich, öffentlich zu sprechen – und wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, dann nur mit Maske und Stimmverzerrer. Allenfalls Di Genius hat zuletzt ein paar zaghafte Versuche der Profilierung unternommen, Rvssian sein Heil im Ausland gesucht und gefunden.
Nun geht DJ MAC ein Level weiter, als eine Art jamaikanischer Young Metro – fast so, als wolle er den toxischen Dynamiken und der latent destruktiven Selbstwahrnehmung des jamaikanischen Musikbetriebs eine neue, selbstbewusste Herangehensweise gegenüberstellen. MAC hat ganz bewusst einen Signature-Sound mit hohem Wiedererkennungswert entwickelt und sich eine kleine Firmenstruktur für Releases und andere geschäftliche Unternehmungen aufgebaut. Er hat ein eingespieltes Team im Studio, einen absurd hohen Output und vor allem einen klaren Plan. Im Zoom-Interview (das uns anlässlich seines ersten eigenen Albums ”Ups & Downs” offensiv angeboten wird – in Zeiten von All Social Everything wahrlich nicht mehr die Regel) spricht er etwas zurückhaltend, aber gleichzeitig klar und kontrolliert. Bei seinem Personal Branding habe er sich an DJ Khaled und Rvssian orientiert. Die Business-Seite sei ihm wichtig, vor allem, dass alle beteiligten Produzenten und Artists fair bezahlt würden. Er arbeite schon noch hands-on im Studio, habe aber immer weniger Zeit, weswegen die meisten Beats von befreundeten Producern wie CrashDummy oder Raheem-WiddiBook angefangen würden, während er dann für Feedback, zusätzliche Ideen oder das richtige Arrangement dazu komme. Das DJen mache er nur noch des Spaßes wegen, aber nach wie vor gerne. Und logo, internationale Kollabos seien der natürliche nächste Schritt, aber er wolle auch die Basis nicht verändern.
Die Gegenwart für DJ MAC ist sein erstes Album ”Ups & Downs”. Wer eine Sammlung alter und neuer Fetenfeger mit dazugehörigem Promischaulaufen erwartet hat, wird enttäuscht – oder positiv überrascht, je nach Präferenz. ”Ups & Downs” bleibt weitgehend in der Familie und klingt insgesamt deutlich besinnlicher als der Großteil des MAC-Katalogs. Ein Gassenhauer wie der ”Fiesta”-Riddim ist nicht dabei. Stattdessen gibt es Songs wie ”Vancleef”, ein Liebeslied mit Valiant, Kranium und Nigy Boy, dessen Vibe eher an die melancholischen Hip-Hop-Reggae-Momente von Stephen und Damian Marley erinnert als an die Peaktime bei Uptown Mondays. MAC selbst gibt zu verstehen, dass ihn bei diesem Projekt die Erwartungen der Fans und auch die Vorlieben der Artists nicht groß interessiert hätten. ”Dieses Projekt”, sagt er, ”dreht sich um mich, um meine Journey.” Zum ersten Mal habe er als Producer die Möglichkeit gehabt, sich durch die Musik auszudrücken, nicht nur durch den Mix oder das Arrangement einzelner Songs, sondern durch die komplette Dramaturgie. Die führt von melancholisch und kontemplativ (”Ups & Downs”) über ein überraschendes Admiral Bailey-Sample (”Siance”) zu vorsichtig hittig (”So Bad”), bevor ”Uptown” mit Chronic Law und Valiant noch einmal die volle Ladung Y2K-Jiggy-Bounce gönnt, irgendwo zwischen Neo-Neptunes und Nelly in neu. Es endet: mit Lover’s Reggae und Christopher Martin. ”Ich wollte mich in dieser Musik ausdrücken. Klar, der Uptempo-Kram, die Dance-Songs, das ist meine Brand. Aber ich will mich genauso als meine Brand etablieren, dass die Leute ständig etwas Neues von mir erwarten können.” Das klingt weitsichtig. Das Now, das DJ MAC prägt, könnte so noch eine ganze Weile andauern.
„Ups & Downs“ ist digital bei Out Deh Records/DJ MAC Music erschienen.

