
Vybz Kartel – God and Time
TJ Records/Vybz Kartel Muzik
Text: Davide Bortot
Okay, war das nun der längste, ausgeklügeltste Album-Rollout der Musikgeschichte oder eher ein sehr kurzer, fast schon schnöder, vor allem gemessen an der Bedeutung des Projekts? Seit seiner Heimkehr nach 13 Jahren Knast spricht Vybz Kartel davon, die ihm zugefallene Rolle als König der Dancehall mit entsprechend majestätischen Releases ausfüllen zu wollen. Irgendwie größer solle alles werden, internationaler, professioneller präsentiert. Tatsächlich machte er aber erstmal weiter wie gewohnt: Tune nach Tune nach Tune nach Tune. Manche davon waren brillant, der ganze Modus aber war mehr Dancehall-Tagesgeschäft mit Content-Creator-Powerboost als eine Inszenierung, die seinen Status als globale Ikone reflektiert. Ende Mai dann kündigte Kartel sehr plötzlich das „most personal and sonically expansive album“ seiner aktuellen Ära an. Eine Pressemitteilung, ganz klassisch, dazu ein Trailer-Reel mit den Feature-Gästen als Superhelden und ein Musikvideo zum Titeltrack „God and Time“. Album kommt dann in zwei Wochen, okay, ciaoiiii.
Dieser Moment ist nun gekommen. Das Album ist seit Freitag da, und es wurde – natürlich – reingegangen. Hier ein maximal subjektiver Erfahrungsbericht des ersten Wochenendes mit „God and Time“.
Freitag
Ungefähr 750.000 Songs werden jede Woche bei Spotify hochgeladen. Zwölf davon sind auf „God and Time“. (Zwei der insgesamt 14 Songs des Albums kannte man bereits vor Release: „Panic“ mit Shenseea und den oben erwähnten Titelsong.) Wo also anfangen bei so einer Masse an Musik? Klar, bei den Tunes mit Star-Features, wie es im Streaming-Alter zum kollektiven Impuls geworden ist.
Als erstes geht der Daumen unweigerlich auf „Hype Life“ mit Mavado. Den Newswert einer Combination der beiden Platzhirschen der späten Nuller- und frühen Zehnerjahre – einst bitter verfeindet, nun einträchtig Seite an Seite – hat im vergangenen Jahr ja schon DJ Khaled vorweggenommen. Auf dessen „You Remind Me“ waren allerdings auch Buju und Bounty. Auf „God and Time“ gibt es nun das sortenreine Gipfeltreffen, und wenn nach zehn Sekunden das „Gully“ des Gods reinkommt, stehen die Härchen am Oberarm tatsächlich senkrecht. Gaza meets Gully, endlich! Es folgt ein leicht angedrillter Badman-Tune, in dem die beiden den ewigen Hustle und ihre Errungenschaften darin zelebrieren. Mavado überrascht dabei mit einer gesungenen Hook in fast akzentfreiem Ami-Englisch: “There will never be another me nor another you, millionaires from the ghetto!“ Okay, geht ganz gut rein, wirkt aber auch ein bisschen steif, wie so oft, wenn zwei Über-Alphas, die sich eigentlich für den Allergeilsten halten, auf Friends machen, aber insgeheim natürlich trotzdem ein kleines Battle austragen.
Also ab zur Spice-Combination „Confessions“. Spice und Kartel kennen und lieben sich seit Ewigkeiten, das hier sollte also ein absolutes Heimspiel sein. Tatsächlich führt der Tune die bewährte Formel von Evergreens wie „Ramping Shop“ oder „Conjugal Visit“ fort, irgendwo zwischen Matratzenakrobatik, Augenzwinkern, TikTok-tauglicher Tanz-Inspiration und ganz allgemein bedingungslos guter Laune. Auch „Stay For The Night“ mit Wizkid aus Nigeria und „Casi Casi“ mit Farruko aus Puerto Rico tun ziemlich genau das, was sie sollen – allerdings auch kein bisschen mehr. Hat man halt alles schon ein paar Mal gehört. Bei „Casi Casi“ ist immerhin interessant, wie der Beat zum Ende von Kartels Part kurz in Reggae umschlägt und damit die jamaikanischen Wurzeln des weltweiten Siegeszugs von Reggaeton aufzeigt. Ansonsten habe ich die Songs schon wieder vergessen, als ich anschließend den mit Skillibeng anskippe. „Addi and Skilli, lyrical killa“ verlautbart Kartel zu Beginn von „Try Again“, und damit ist die Sache recht akkurat zusammengefasst: zwei Minuten Silben-Gemetzel, das genau diesem einen Zweck dient. Beeindruckend, aber irgendwie auch ein bisschen… pointless?
Okay, vielleicht doch erstmal die 749.988 weiteren Songs durchgucken. Oh, ein neuer Bayka mit DJ MAC! Geil, mehr Bouyon-Wahnsinn von Miimii KDS und DJ Skycee!! Und wie Major Lazer, Nelly Furtado und Davido was zum Mitklatschen für die FIFA-Ehrentribünen-Dullis um Gianni und Donald machen, das muss ich mir zumindest auch mal anhören.
Der Bayka ist übrigens richtig heftig. Heftiger irgendwie als die Kartel-Tunes. Hm.
Samstag
Okay, heute ist Zeit. Also nochmal richtig ran da und durchhören von vorne bis hinten – so viel ist man Kartel schon schuldig, nach all den Jahren.
Tatsächlich entfalten die Songs im Kontext des Albums direkt eine andere Wirkung. Was davor eher uninspiriert und grenzwertig glatt klang, ergibt nun Sinn als Teil eines großen Ganzen. „God and Time“ ist ganz offensichtlich angelegt als Kulmination beispielloser Jahre: das ultimative Album zum ultimativen Run. Diese Platte hat Vybz Kartel für sich gemacht, ja. Aber vor allem hat er sie für die Culture gemacht, aus dem anrührend aufrichtigen Wunsch heraus, sie möge auf der ganzen Welt so gut dastehen wie irgendwie möglich.
Die Produktion von TJ – umgesetzt mit langjährigen Weggefährten wie Trouble Mekka oder Redboom Supamix, aber auch mit Raph Vivet und Zack Fostaty von Gold Up Records aus Montreal, die an insgesamt sechs Songs gearbeitet haben – ist entsprechend ein Showcase moderner afro-karibischer Musikkultur. Von Autotune-Gospel und glitschigem Bedroom-Pop über Anklänge an Shatta, Afrobeats und Reggaeton bis hin zu gutem, alten Dancehall zeigt Kartel hier seine berüchtigte Vielseitigkeit. Skips gibt es ebenso wenig wie Ausreißer nach oben, geschweige denn nach links oder rechts. Das ist Teil des Konzepts. Kartel und TJ wollten ganz klar Musik für alle machen: Musik, die sich Mühe gibt, auch Mühe, niemanden vor den Kopf zu stoßen. Normalerweise kommt dabei Musik heraus, die auch niemanden erreicht. Aber Kartel ist eben Kartel – komplett egal wird man von ihm nie bekommen.
Eingerahmt ist „God and Time“ von den zwei großen persönlichen Songs des Albums. Beide behandeln – aus unterschiedlichen Perspektiven – Kartels Reise der letzten zwei Jahre: von Saulus zu Paulus, vom kranken Mann mit lebenslänglicher Haftstrafe, der gegen alle Widrigkeiten um seinen Platz in einem gnadenlos schnelllebigen Geschäft kämpft, zum globalen Sympathie- und Hoffnungsträger mit Millionen-Gagen und generell dem besten Leben, das er je gelebt hat. „God and Time“ framet diese Reise als Triumph von Beharrlichkeit und Resilienz: „They never wan’ mi great long time / but mi say ‘God and time’ long time”. Das abschließende „Watch Over Me“ wiederum erzählt die Geschichte als Motivationsstück für uns alle, als Erinnerung, dass eine bessere Welt möglich ist, von einem, der es wissen muss. Dazwischen geht es vor allem um die weltlichen Freuden, die Gottes Walten im irdischen Alltag greifbar machen. Um Martinis und Bäder in Schaumwein. Um Schlafzimmer, in denen nicht geschlafen wird. Um G‑Klassen, die vorfahren, und G‑Punkte, die eine Spezialbehandlung bekommen, so wie Sidem das komplette Prinzessinnen-Paket bekommt, als wäre Kartel ein Flaschengeist. Auch geht es darum, warum Kartel das alles verdient hat: weil er nämlich der King ist, und das unbestritten. „Mi stand alone like I’m Stone Love“ – da gibt es tatsächlich nix zu diskutieren. „God and Time“ ist gewissermaßen die Statue zum Status. Ein neues Album eines unverändert aktiven Artists. Aber eben auch ein Vermächtnis für alle jene, die irgendwann von ihren Eltern von 2026 als der guten alten Zeit erzählt bekommen werden. Was daran bitte soll man nicht mögen?
Sonntag
Sonntagmorgen, die Sonne blitzt durchs Fenster, die ersten Gedanken des Tages regen sich. Da war doch was. Was war da nochmal? So elegant „God and Time“ gestern durchgeflutscht ist, so wenig ist dabei hängengeblieben. In Erinnerung ist mir vor allem ein Tune, der sich zwischen all den Star-Kollabos, den designierten Hits „für die Ladies“ und programmatischen Bangern wie „Dancehall Ting“ eher unspektakulär ausnimmt. „Round and Round“ ist auf den ersten Blick Hardcore-Handelsware. Aber die Kombination aus dem Neo-Dunk Dunk von TJ Records-Engineer Mark Collinder und Kartels catchy Lausbuben-Lines funktioniert einfach perfekt. Auch die Tunes mit Wizkid und Skilli wachsen mit jedem Hören. In ihnen steckt die geballte Erfahrung von mehr als drei Jahrzehnten und weit über tausend Songs. Viele von ihnen haben mich mein halbes Leben lang begleitet – und werden für immer bleiben. Dass mich aktuell eher andere Musik interessiert als die auf „God and Time“, spielt auch aus diesem Grund eine stark untergeordnete Rolle. Die Botschaft hier ist eine andere. Mehr als alles andere ist Kartels Geschichte eine Erinnerung an die Kraft der Dancehall. Alleine deswegen ist „God and Time“ ein großes, ein wichtiges Album.
