Text: Ellen Köhlings /// Fotos: Stephan Haas
Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft das Reggae Jam im RIDDIM Leserpoll die erste Stelle besetzt hat. Etliche Male. Die Beliebtheit des Festivals wird von vielen zuerst mit einem ganz besonderen Vibe begründet, mit einem Zusammentreffen einer Community, die nicht nur die gleiche Musik hört, sondern auch gleiche Werte teilt und sich dadurch verbunden fühlt.
Reggae Jam, das ist auch Bernd ”Sheriff” Lagemann. Der Kopf des Festivals. Der hat mit viel Liebe und Leidenschaft aus einem kleinen Event etwas Großes geschaffen. Das drückt sich nicht immer zwingend in Zahlen aus. Doch in diesem Jahr haben etliche mehr ihren Weg nach Bersenbrück gefunden als zuletzt.
Ach ja, die beschauliche Samtgemeinde an der Hase. Viele ihrer Bewohner:innen mischen sich unters Reggae-Volk und gehen auf im Vibe. Menschen aller Couleur kommen beim RJ zusammen – viele mit afrikanischem Background. Ihre Stände säumen teils den Weg vom Heidekrug, unserer Unterkunft, zum Festivalgelände. Entlang der Hase.
Diese Aspekte – Vibes, Sheriff, Bersenbrück – überwiegen beim Reggae Jam. Aber auch das Lineup bietet natürlich immer viele besondere Bonbons. In diesem Jahr triumphiert vor allem Singy Singy aka Tarrus Riley mit dem Übersaxofonisten Dean Fraser und der Blak Soil Band. Und direkt davor: Alborosie mit seinem Shengen Clan. Beide Acts stellen noch einmal die Bedeutung der Players of Instruments heraus. Vorher lässt King Kong die 80s Dancehall-Ära aufleben. Das sind meine Freitag-Highlights.
Am Samstag ist es vor allem die expressive Italee, die durch ihre Präsenz locker die ganz großen Bühnen einnehmen kann. Die jamaikanische Boygroup T.O.K. wieder gemeinsam auf einer Bühne zu sehen, ist Memory Lane pur. Damit landet Sheriff einen Coup, auf den viele im Vorfeld hingefiebert haben. Persönlich gefreut habe ich mich auf den Producer und ewigen Manager von T.O.K., Richard ”Shams” Browne, Part des berühmten Browne-Clans. Durch seinen Schwager, unseren Kingstoner Taxi Driver Pablo (R.I.P.), waren wir einmal durch Zufall an dessen Esstisch zum Dinner gelandet.
Am Sonntag groove ich mich bei leisem Regen zu den lauten und beeindruckenden Players of Instruments von Dubarise ein, sauge den Roots Reggae von den Mystic Revealers auf und feiere vor allem den von der umtriebigen Samora organisierten Female Showcase mit Ammoye, Yeza und Zoe Mazah. Der Dominanz von Queen Omega kann sich später niemand entziehen. Bei Frauen an den Decks ist noch Luft nach oben.
Gehört habe ich wesentlich mehr Acts, aber eher von weitem und nur mit einem Ohr, warten an der RIDDIM Corner doch andere Aufgaben auf mich: erklären, warum es die Printausgabe nicht mehr gibt, den Leuten riddim.world vorstellen und zwischendurch Meet & Greets mit Artists aus dem Lineup organisieren und abhalten. Auch am Stand herrscht ein spürbar nicer Vibe.
Der herrscht besonders auch im Roots Camp, das mittlerweile nicht mehr nur vom Roots Plague Soundsystem aus Münster organisiert wird, sondern von fünf weiteren Sounds aus der Region: Kunterbunt, Rise Up Hi-Fi, Zion Garden, Simple Skank, Teutopian plus circa 150 Volunteers. Gemeinsam kreieren sie aus natürlichen Materialien ein magisches Refugium, ein Sound-Utopia. Zu Gast hier Black Omolo und again Dubarise. Neben rein veganem Food und dem legendären Schoko-Chai gibt es ein buntes Workshop-Programm und ein Miniatur Sound System, an dem sich die Kids, also die nachfolgende Generation, schon mal ausprobieren darf.
Während auf dem Festival alles eitel Sonnenschein zu sein scheint, tobt im Netz längst ein Shitstorm. Denn am Donnerstagabend sorgt die Eröffnungsparty in der Dancehall für einen gewaltigen Aufschrei vor allem in der Black Community.
Als Backdrop hinter den Selectors eine vier Meter hohe Installation einer gesichtslosen Schwarzen Tänzerin aus Pappmaschee im Kopfstand, mit einem voluminösen Batty in knappem Jeans-Short. Mit den spindeldürren, zu kurz geratenen Beinen wirkt sie eher wie ein Brathähnchen. An den Beinen zwei Strippen, mit denen man die Pobacken bewegen kann. Vor der Bühne ein Schild mit der Aufschrift ”Women At Twerk”, was dem Ganzen den Anstrich eines lustigen Dancehall-Spaßes geben soll.
Doch die Dancehall-Deko geht in einem Insta-Video viral, in dem zwei weiße Selectors für ein predominantly weißes Publikum ausgerechnet Konshens’ und Charly Blacks ”Gyal Time Again” mit der Zeile ”Mi fuck yuh inna dancehall, fuck yuh inna reggae” spielen. In rasantem Tempo melden sich weltweit besonders Frauen zu Wort. Ihnen stößt die sexualisierte und auf Stereotype aus der Kolonialzeit reduzierte Darstellung einer Schwarzen Tänzerin von und für vornehmlich weiße Männer auf. Das inzwischen gelöschte Video wird bis zum nächsten Morgen etliche Male kommentiert. Das Festival reagiert mit einem Entschuldigungsstatement und lässt die fragwürdige Bühnendekoration abbauen.
Am nächsten Morgen schlägt RIDDIM-Mitarbeiterin Naomie Marie-Rose vor, unser Special zum Thema Rassismus auf riddim.world zu veröffentlichen, das 2020 im Zuge der Black Lives Matter-Bewegung in der RIDDIM-Printausgabe erschienen war. Da wir die aktuelle Debatte nicht den Kommentarspalten in den so genannten Sozialen Medien überlassen wollen, stellen wir drei Artikel online, die das Spannungsverhältnis zwischen weißen Hörer:innen und Schwarzer Musik beleuchten. Rassismus hat viele Gesichter, denen wir nur durch offene Kommunikation begegnen können.
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Reggae und Rassismus: Loving The Alien
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Aber das war doch nicht böse gemeint! – Kulturelle Aneignung und Rassismus in Europas Dancehall-Szene
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REGGAE JAM 2026: Vibes, Bonbons, ein Sound-Utopia und ein veritabler Shitstorm
Dem Anfangs beschworenen Vibe auf dem Festival tut die Diskussion keinen Abbruch. Immerhin wurde eine Auseinandersetzung in Gang gesetzt, die hoffentlich weitergeführt wird. Die Nachfrage nach Tickets fürs nächste Jahr ist jedenfalls groß wie eh und je. Und wer weiß, was die Debatte noch alles in Gang setzt – vielleicht generell mehr und gerne auch viele Black Ladys an den Decks.
Eindrücke von unserem Fotografen Stephan Haas:



























































































