REGGAE GEEL 2026: Good Things Come To Those Who Wait

Text, Fotos & Videos: Ellen Köh­lings


Eigentlich unglaublich, dass unsere Reg­gae Geel-Pre­miere erst 2026 stat­tfind­en kon­nte. Zum einen hielt uns der Druck­ter­min der RID­DIM-Print­aus­gabe davon ab, zum anderen das oft par­al­lel stat­tfind­ende Reg­gae Jam, das seit vie­len Jahren im RIDDIM Leser­poll die Pole-Posi­tion beset­zt. Doch wie heißt es so schön: Good things come to those who wait!

So machen wir uns am Don­ner­stag auf ins bel­gis­che Geel zur Mut­ter aller europäis­chen Reg­gae Fes­ti­vals. Die erste Auflage fand 1978 statt – vor unglaublichen 48 Jahren!!! Und ähn­lich wie die Roto­tom-Geschichte begann sie als über­schaubare Open-Air-Reg­gae-Par­ty organ­isiert von eini­gen Fre­un­den.

Nach­dem wir uns kurz geset­tled haben, geht es vom Geel­er Bahn­hof mit einem kosten­losen Shut­tle­bus direkt zum Fes­ti­val­gelände. Der fährt das Woch­enende durch – wir mussten nicht ein­mal länger als zehn Minuten warten. Nachts steigt man entwed­er aufs Fahrrad, für die es einen eige­nen Park­platz am Fes­ti­val-Gelände gibt, nimmt ein Taxi oder plant einen län­geren Spazier­gang ein.

Am Camp­inggelände vor­bei geht’s links über bre­ite Holz­planken aufs Gelände, darüber eine Art Per­go­la deko­ri­ert mit bun­ten Stof­fen. Kurz dahin­ter das imposant kom­pak­te Serendip­i­ty Sound Sys­tem, eine autarke, mobile Anlage, die unab­hängig von externem Strom an jedem beliebi­gen Ort auf­schla­gen kann.

Links geht es über einen Basar in die Food Area, die ein bre­it­eres Veg­gie- und Veg­an-Ange­bot ver­tra­gen kön­nte – obwohl Pommes gehen immer und die gibt’s in Bel­gien gefühlt an jed­er Ecke. Dazwis­chen und dahin­ter tut sich ein weites Are­al auf, rechts davon der magis­che Dub For­est und mit Yag­ga Yag­ga sowie Side Dish zwei kleinere Büh­nen. Erst­mals vor der Haupt­bühne, der Gold­en Stage, die großflächige Bounce Dance­hall mit Tarpzelt als Dach. Während der Umbau­pausen auf der Main­stage übern­immt dort aus­gewählte Selec­tors. Über­all verteilt auf dem Gelände Sitzgele­gen­heit­en – und alles im Grü­nen.

Das Fes­ti­val erin­nert ans Roto­tom – nicht nur was die His­to­rie bet­rifft. Auch die unter­schiedlichen Sound-Oasen und die pub­likums­fre­undliche Gestal­tung weisen Par­allen auf. Durch seinen DIY- und im pos­i­tiv­en Sinne Make-Shift-Style hat das Reg­gae Geel einen ganz eige­nen Charme. Es wirkt echt und sym­pa­thisch in ein­er nach Per­fek­tion streben­den Welt. Auf­fäl­lig zudem, dass viele ältere Men­schen das Fes­ti­val besuchen. Jün­gere sind vor allem im Dub For­est und der Dance­hall zu find­en.

Don­ner­stagabend lassen wir es ruhig ange­hen, wir tunen uns ein, schauen mal hier, mal dort vor­bei. Bei Antho­ny B machen wir länger Halt. Ich weiß nicht, wie oft ich ihn schon live erlebt und wie viele Plat­ten von ihm ich zu Beginn sein­er Kar­riere unge­hört gekauft habe. Mit­tler­weile ist er 50 (!) und so ener­getisch wie am ersten Tag. Wahnsinn! Danach zieht es uns immer wieder in den wie für Dub geschaf­fe­nen For­est.

Am Fre­itag ist es vor allem die Band Abakush, die einen mit ihrem aufrichti­gen, unaufgeregten Roots Reg­gae einzunehmen weiß. Die Stim­men der drei Front­frauen haben nichts an Kraft und Schön­heit einge­büßt. Bei dem 1981 in Brix­ton gegrün­de­ten Kollek­tiv aus Gle­ich­gesin­nten bilden Frauen von Anfang an den Schw­er­punkt, wobei auch Män­ner immer schon Teil der Beset­zung sind.

Queen Omega ist in diesem Som­mer viel unter­wegs. In Geel sehe ich sie zum drit­ten Mal. Ihre stimm­liche wie per­for­ma­tive Präsenz erin­nert an große Gospel-Sän­gerin­nen wie Mahalia Jack­son und Shirley Cae­sar.

Vor und nach Bee­nie Man heizt War­rior Sound in der Bounce Dance­hall gekon­nt und ver­lässlich der Mas­sive ein. Ein Pro auf seinem Ter­rain ist auch der ewige King of the Dance­hall Bee­nie Man – egal wem der Titel seit­dem son­st zugewiesen wurde. Beson­ders in Sachen Per­for­mance stellt er so manchen Artist noch immer einen lock­er in den Schat­ten. Von seinem Hit-Kat­a­log ganz zu schweigen.

Ganz beson­ders an diesem Abend ist der Auftritt von Dr. Ali­men­ta­do im Dub For­est, der vor allem in den 1970er Jahren Kult­sta­tus genoss. Ich erlebe den Ital Sur­geon genan­nten Sänger/Deejay/Toaster zum ersten Mal live. Er wird von seinem Nef­fen im Roll­stuhl ans DJ-Pult gefahren. Ein Noten­stän­der mit Textblät­tern wird neben ihm aufge­baut. Ich bin unsich­er, was mich erwartet. Doch es dauert nicht lange, dann richtet die Musik Dr. Ali­men­ta­do lit­er­al­ly auf. Er ste­ht mit ele­gan­tem Geh­stock an den Decks, seine Stimme so mächtig wie eh und je. Er unter­bricht seine Songs immer wieder mit auf­bauen­den Mes­sages voller Dankbarkeit. Die zeigt sich auch, als er seine Fam­i­lie nach vorne bit­tet und jedem einzel­nen seinen Dank ausspricht. Sicher­lich eines der High­lights auf dem Reg­gae Geel.

Am Sam­stag schaf­fen wir es pünk­tlich zu dem britis­chen Reg­gae-Sänger, Song­writer und Pro­duzen­ten Joe Yorke aufs Gelände, der uns schon beim let­ztjähri­gen Roto­tom mit seinem Falsett-Gesang verza­ubert hat. Das gelingt ihm auch in Geel. Das Pro­gramm ist an diesem Tag beson­ders abwech­slungsre­ich mit Roots Reg­gae von den Twin­kle Broth­ers, Dance­hall und Afrobeats von Patorank­ing, Reg­gae & Lover’s von Christo­pher Mar­tin sowie Dance­hall von Ding Dong. Let­zter­er zögert seinen Auftritt so lange hin­aus, bis uns die nächtliche Kälte zurück ins Hotel treibt. Trotz warmer Tem­per­a­turen tagsüber kann es hier nachts schon mal recht kühl wer­den, wenn man nicht richtig aus­gerüstet ist.

Vorher sind es im Dub For­est zwei Leg­en­den aus Eng­land – der DJ, Pro­duzent und Grün­der von Solar­dub Records David Judah aus Lon­don und King Earth­quake aus Birm­ing­ham –, die mit ihren Sets spir­ituelle Energie auf einem high­er Lev­el ver­bre­it­en.

Die wirkt nach auf dem Rück­weg bei Voll­mond vor­bei an üppi­gen Mais­feldern. Ein idyl­lis­ches Bild nach einem feinen Fes­ti­val.


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