REGGAE JAM 2026: Vibes, Bonbons, ein Sound-Utopia und ein veritabler Shitstorm

Text: Ellen Köh­lings /// Fotos: Stephan Haas


Ich habe aufge­hört zu zählen, wie oft das Reg­gae Jam im RIDDIM Leser­poll die erste Stelle beset­zt hat. Etliche Male. Die Beliebtheit des Fes­ti­vals wird von vie­len zuerst mit einem ganz beson­deren Vibe begrün­det, mit einem Zusam­men­tr­e­f­fen ein­er Com­mu­ni­ty, die nicht nur die gle­iche Musik hört, son­dern auch gle­iche Werte teilt und sich dadurch ver­bun­den fühlt.

Reg­gae Jam, das ist auch Bernd ”Sher­iff” Lage­mann. Der Kopf des Fes­ti­vals. Der hat mit viel Liebe und Lei­den­schaft aus einem kleinen Event etwas Großes geschaf­fen. Das drückt sich nicht immer zwin­gend in Zahlen aus. Doch in diesem Jahr haben etliche mehr ihren Weg nach Bersen­brück gefun­den als zulet­zt.

Ach ja, die beschauliche Samt­ge­meinde an der Hase. Viele ihrer Bewohner:innen mis­chen sich unters Reg­gae-Volk und gehen auf im Vibe. Men­schen aller Couleur kom­men beim RJ zusam­men – viele mit afrikanis­chem Back­ground. Ihre Stände säu­men teils den Weg vom Hei­dekrug, unser­er Unterkun­ft, zum Fes­ti­val­gelände. Ent­lang der Hase.

Diese Aspek­te – Vibes, Sher­iff, Bersen­brück – über­wiegen beim Reg­gae Jam. Aber auch das Line­up bietet natür­lich immer viele beson­dere Bon­bons. In diesem Jahr tri­um­phiert vor allem Singy Singy aka Tar­rus Riley mit dem Über­sax­o­fon­is­ten Dean Fras­er und der Blak Soil Band. Und direkt davor: Alborosie mit seinem Shen­gen Clan. Bei­de Acts stellen noch ein­mal die Bedeu­tung der Play­ers of Instru­ments her­aus. Vorher lässt King Kong die 80s Dance­hall-Ära aufleben. Das sind meine Fre­itag-High­lights.

Tar­rus Riley live @ Reg­gae Jam (Video: Joachim Pet­ter)

Alborosie live @ Reg­gae Jam (Video: Joachim Pet­ter)

Am Sam­stag ist es vor allem die expres­sive Italee, die durch ihre Präsenz lock­er die ganz großen Büh­nen ein­nehmen kann. Die jamaikanis­che Boy­group T.O.K. wieder gemein­sam auf ein­er Bühne zu sehen, ist Mem­o­ry Lane pur. Damit lan­det Sher­iff einen Coup, auf den viele im Vor­feld hinge­fiebert haben. Per­sön­lich gefreut habe ich mich auf den Pro­duc­er und ewigen Man­ag­er von T.O.K., Richard ”Shams” Browne, Part des berühmten Browne-Clans. Durch seinen Schwa­ger, unseren King­ston­er Taxi Dri­ver Pablo (R.I.P.), waren wir ein­mal durch Zufall an dessen Esstisch zum Din­ner gelandet.

Italee live @ Reg­gae Jam (Video: Joachim Pet­ter)

T.O.K. live @ Reg­gae Jam (Video: Joachim Pet­ter)

Am Son­ntag groove ich mich bei leisem Regen zu den laut­en und beein­druck­enden Play­ers of Instru­ments von Dubarise ein, sauge den Roots Reg­gae von den Mys­tic Reveal­ers auf und feiere vor allem den von der umtriebi­gen Samo­ra organ­isierten Female Show­case mit Ammoye, Yeza und Zoe Mazah. Der Dom­i­nanz von Queen Omega kann sich später nie­mand entziehen. Bei Frauen an den Decks ist noch Luft nach oben.

Kon­shens live @ Reg­gae Jam 2026 (Video: Joachim Pet­ter)

Queen Omega live @ Reg­gae Jam 2026 (Video: Joachim Pet­ter)

Gehört habe ich wesentlich mehr Acts, aber eher von weit­em und nur mit einem Ohr, warten an der RIDDIM Cor­ner doch andere Auf­gaben auf mich: erk­lären, warum es die Print­aus­gabe nicht mehr gibt, den Leuten riddim.world vorstellen und zwis­chen­durch Meet & Greets mit Artists aus dem Line­up organ­isieren und abhal­ten. Auch am Stand herrscht ein spür­bar nicer Vibe.

Der herrscht beson­ders auch im Roots Camp, das mit­tler­weile nicht mehr nur vom Roots Plague Soundsys­tem aus Mün­ster organ­isiert wird, son­dern von fünf weit­eren Sounds aus der Region: Kun­ter­bunt, Rise Up Hi-Fi, Zion Gar­den, Sim­ple Skank, Teu­topi­an plus cir­ca 150 Vol­un­teers. Gemein­sam kreieren sie aus natür­lichen Mate­ri­alien ein magis­ches Refugium, ein Sound-Utopia. Zu Gast hier Black Omo­lo und again Dubarise. Neben rein veg­anem Food und dem leg­endären Schoko-Chai gibt es ein buntes Work­shop-Pro­gramm und ein Miniatur Sound Sys­tem, an dem sich die Kids, also die nach­fol­gende Gen­er­a­tion, schon mal aus­pro­bieren darf.

Trib­ute to Fan­tan Mojah @ Reg­gae Jam (Video: Amelie Haas)

Vibes at the Roots Camp @ Reg­gae Jam (Video: Stephan Haas)

Während auf dem Fes­ti­val alles eit­el Son­nen­schein zu sein scheint, tobt im Netz längst ein Shit­storm. Denn am Don­ner­stagabend sorgt die Eröff­nungspar­ty in der Dance­hall für einen gewalti­gen Auf­schrei vor allem in der Black Com­mu­ni­ty.

Als Back­drop hin­ter den Selec­tors eine vier Meter hohe Instal­la­tion ein­er gesicht­slosen Schwarzen Tänz­erin aus Papp­maschee im Kopf­s­tand, mit einem volu­minösen Bat­ty in knappem Jeans-Short. Mit den spin­deldür­ren, zu kurz ger­ate­nen Beinen wirkt sie eher wie ein Brathäh­nchen. An den Beinen zwei Strip­pen, mit denen man die Poback­en bewe­gen kann. Vor der Bühne ein Schild mit der Auf­schrift ”Women At Twerk”, was dem Ganzen den Anstrich eines lusti­gen Dance­hall-Spaßes geben soll.

Doch die Dance­hall-Deko geht in einem Ins­ta-Video viral, in dem zwei weiße Selec­tors für ein pre­dom­i­nant­ly weißes Pub­likum aus­gerech­net Kon­shens’ und Char­ly Blacks ”Gyal Time Again” mit der Zeile ”Mi fuck yuh inna dance­hall, fuck yuh inna reg­gae” spie­len. In ras­an­tem Tem­po melden sich weltweit beson­ders Frauen zu Wort. Ihnen stößt die sex­u­al­isierte und auf Stereo­type aus der Kolo­nialzeit reduzierte Darstel­lung ein­er Schwarzen Tänz­erin von und für vornehm­lich weiße Män­ner auf. Das inzwis­chen gelöschte Video wird bis zum näch­sten Mor­gen etliche Male kom­men­tiert. Das Fes­ti­val reagiert mit einem Entschuldigungsstate­ment und lässt die frag­würdi­ge Büh­nen­deko­ra­tion abbauen.

Am näch­sten Mor­gen schlägt RID­DIM-Mitar­bei­t­erin Naomie Marie-Rose vor, unser Spe­cial zum The­ma Ras­sis­mus auf riddim.world zu veröf­fentlichen, das 2020 im Zuge der Black Lives Mat­ter-Bewe­gung in der RID­DIM-Print­aus­gabe erschienen war. Da wir die aktuelle Debat­te nicht den Kom­men­tarspal­ten in den so genan­nten Sozialen Medi­en über­lassen wollen, stellen wir drei Artikel online, die das Span­nungsver­hält­nis zwis­chen weißen Hörer:innen und Schwarz­er Musik beleucht­en. Ras­sis­mus hat viele Gesichter, denen wir nur durch offene Kom­mu­nika­tion begeg­nen kön­nen.

  • Reggae und Rassismus: Loving The Alien

  • Aber das war doch nicht böse gemeint! – Kulturelle Aneignung und Rassismus in Europas Dancehall-Szene

  • REGGAE JAM 2026: Vibes, Bonbons, ein Sound-Utopia und ein veritabler Shitstorm

Dem Anfangs beschwore­nen Vibe auf dem Fes­ti­val tut die Diskus­sion keinen Abbruch. Immer­hin wurde eine Auseinan­der­set­zung in Gang geset­zt, die hof­fentlich weit­erge­führt wird. Die Nach­frage nach Tick­ets fürs näch­ste Jahr ist jeden­falls groß wie eh und je. Und wer weiß, was die Debat­te noch alles in Gang set­zt – vielle­icht generell mehr und gerne auch viele Black Ladys an den Decks.


Eindrücke von unserem Fotografen Stephan Haas:


RIDDIM Newslettah

Be the first to know when new things are hap­pen­ing on riddim.world!

Choose your lan­guage:

We don’t send spam, find out more in our Pri­va­cy State­ment.

Schreibe einen Kommentar