BELOW THE BASSLINE: Lots of Love and I

Text: Chris­t­ian Bosoni



Die gefühlvolle Tiefe von ”Lots of Love and I”: Bob Andys kompromissloses Meisterwerk

Nur wenige Song­writer in der Geschichte der jamaikanis­chen Musik besaßen die poet­is­che Aus­druck­skraft von Kei­th ”Bob Andy” Ander­son. Nach­dem er bei Stu­dio One sein Handw­erk gel­ernt und einige weg­weisende Hym­nen geschaf­fen hat­te, war Bob Andy weit mehr als nur ein Reg­gae-Sänger: Er war ein Chro­nist der Seele, ein Philosoph mit einem außergewöhn­lichen Gespür für melodis­che Span­nungs­bö­gen und men­schliche Ver­let­zlichkeit.

Als die hochkarätige Pro­duk­tion von Sonia Pot­tinger, ”Lots of Love and I” Ende 1977 erschien, doku­men­tierte das Album einen Kün­stler auf dem Höhep­unkt sein­er kreativ­en Schaf­fen­skraft. Zwis­chen cineast­is­chem Soul, den feinen Nuan­cen von Lovers’ Rock und kom­pro­miss­losem, schw­ergewichti­gen Roots-Reg­gae ange­siedelt, ist die Plat­te ein Lehrstück in Sachen Rhyth­mus­gestal­tung und emo­tionaler Wahrhaftigkeit.

The Revolutionaries in der 33 Bond Street

Auf dem Cov­er wer­den die Musik­er einzeln aufge­führt, ohne dass sie unter einem gemein­samen Namen zusam­menge­fasst wer­den. Doch jed­er erfahrene Plat­ten­samm­ler wird beim Blick auf die Cred­its die Beset­zung sofort erken­nen: Hier ist das pulsierende Herz der Rev­o­lu­tion­ar­ies am Werk.

Zur sel­ben Zeit rev­o­lu­tion­ierten Sly Dun­bar und Rob­bie Shake­speare Reg­gae auf der anderen Seite der Stadt, bei Chan­nel One, mit ihrem kanti­gen, kämpferischen Rock­ers-Stil. Doch in den ehrwürdi­gen Räu­men von Duke Rei­ds Stu­dio in der 33 Bond Street, unter den wach­samen Ohren von Tonin­ge­nieur Errol Brown und Pro­duzent Bob Andy, offen­barten die Rev­o­lu­tion­ar­ies eine völ­lig andere Facette ihres Kön­nens.

  • Das Tiefton-Funda­ment und der Drum-Groove: Das dop­pelte Bass­fun­da­ment von Robert ”Rob­bie” Shake­speare und Bertram ”Ranchie” McLean, den bei­den tra­gen­den Säulen des Rhyth­mus­gewölbes der Rev­o­lu­tion­ar­ies, sitzt bomben­fest im Zusam­men­spiel mit dem präzisen Schlagzeugspiel von Noel ”Sly” Dun­bar.
  • Tas­ten und Sait­en: Die messer­schar­fen Rhyth­mus­gi­tar­ren von Rad­cliffe ”Dougie” Bryan greifen naht­los ineinan­der mit Ansel Collins am Piano, Earl ”Wire” Lin­do an der Orgel und Rob­bie Lyn am Clavinet.
  • Die königliche Bläsersek­tion: Die prä­gende Hornbe­set­zung der späten Siebziger, beste­hend aus Tom­my McCook (Tenor­sax­o­fon), Her­man Mar­quis (Alt­sax­o­fon), Bob­by Ellis (Trompete und Flügel­horn), David Mad­den (erste Trompete) und Vin Gor­don (Posaune).
  • Vokale Pracht: Unverzicht­bare Back­ing Vocals kom­men von nie­mand Gerin­gerem als Mar­cia Grif­fiths. Abgerun­det wird das Ganze durch eine char­mante Wid­mung, die direkt auf dem Cov­er verewigt wurde: ”Vie­len Dank an Mrs. Reid für das Mit­tagessen”.

Hier wird die geballte kinetis­che Energie der Rev­o­lu­tion­ar­ies in Wärme, Soul und ele­gante Zurück­hal­tung gelenkt.

Seite A: Zwischen Soul und Herzschmerz

Das Album begin­nt mit seinem beein­druck­enden Titel­track ”Lots of Love & I”. Der Song set­zt spär­lich und reduziert ein, getra­gen von einem min­i­mal­is­tis­chen, Funk-ange­haucht­en Soul-Groove, der in den Stro­phen Raum zum Atmen lässt, bevor er sich im Refrain voll ent­fal­tet. Genau dort set­zt Mar­cia Grif­fiths ein: Ihre Stimme taucht den Raum in Licht, während der Rhyth­mus seine ganze Reg­gae-Kraft ent­fal­tet.

Von da an wech­selt die Stim­mung mit vol­len­de­ter Leichtigkeit. ”Feel The Feel­ing” set­zt auf puren, unbeschw­erten Lover’s Rock, bevor ”You Lied” kopfüber in scho­nungslose Ver­let­zlichkeit ein­taucht. In dieser herzzer­reißen­den Bal­lade zeich­net Andy das Bild von Betrug und emo­tionaler Erschöp­fung. Die Band hält sich zurück und lässt fein­füh­lige, kla­gende Akko­rd­struk­turen jede Nuance seines Schmerzes wider­spiegeln. Bei ”Trou­bled Woman” kehrt Mar­cia zurück und legt einen samtwe­ichen har­monis­chen Klangtep­pich unter den Gesang, bevor die erste Seite mit dem unaufhalt­samen Vor­wärts­drang von ”My Time (I Deserve)” endet.

Langjährige Ken­ner wer­den den Song sofort wieder­erken­nen: Andy hat­te ”My Time” bere­its für sein weg­weisendes Stu­dio-One-Album ”Song­book” von 1970 beziehungsweise 1972 aufgenom­men. Während die ursprüngliche Auf­nahme aus der Brent­ford Road noch den rauen, unbeschw­erten Swing des frühen Rock­steady und Reg­gae in sich trug, for­men die Rev­o­lu­tion­ar­ies den Song hier zu einem tri­umphalen, kraft­strotzen­den Roots-State­ment um. Eine majestätis­che Bläser­lin­ie und ein unaufhalt­samer Vor­wärts­drang heben ihn auf ein neues Niveau.


Seite B: Schwergewichtiger conscious Reggae und die Psyche des Ghettos

Mit dem Umdrehen der Plat­te schal­tet der Roots-Motor einen Gang höher. Am deut­lich­sten zeigt sich diese klan­gliche Wand­lung bei ”Unchain Me”, das ursprünglich unter dem Titel ”Unchained” auf der­sel­ben ”Song­book”-LP erschienen war. Während die Stu­dio-One-Auf­nahme intim und melodisch daherkam, ist die Ver­sion von 1977 aus dem Trea­sure-Isle-Stu­dio ein regel­recht­es Kraft­paket: Sly Dun­bar reit­et vom ersten Takt an die messer­scharfe Kante des Snare-Rimshot, während eine unterirdisch rol­lende Basslin­ie den gesamten Mix ver­schlingt und sich wie geschmolzenes Blei um ihn legt.

Dann fol­gt ”Step­ping Free”, ein Lehrstück in Sachen Groove-Dynamik. Sly set­zt seinen charak­ter­is­tis­chen One-Drop ein und hält am Anfang der Stro­phe für den Bruchteil ein­er Sekunde inne. Diese atem­ber­aubende Mikropause lässt den Rhyth­mus förm­lich abheben. Darunter formt eine min­i­mal­is­tis­che Basslin­ie, die aus bewusst geset­zten Leer­stellen entste­ht, einen Klan­graum, in dem jed­er Ton nach­hallt. Dazu kommt ein unvergesslich­es Bläser­mo­tiv, das ein­drucksvoll vor Augen führt, was es wirk­lich bedeutet, sich frei zu machen.

Nach der Dance­hall-Energie von ”Mash It Up” dringt die Plat­te in ihr dunkel­stes und psy­chol­o­gisch tief­gründig­stes Ter­rain vor: ”Ghet­to Stays In The Mind”.

Getra­gen von ein­er düsteren Basslin­ie in Moll, der Rob­bie Shake­speare eine mon­u­men­taler Wucht ver­lei­ht, lädt der Track dem Hör­er die harten Real­itäten des Lebens in der Innen­stadt und dessen psy­chis­che Belas­tun­gen unmit­tel­bar auf die Schul­tern. Bil­lige Eskapis­mus-Ange­bote sucht man hier verge­blich. Der Groove ist med­i­ta­tiv, schw­er und unauswe­ich­lich.

Den Abschluss bildet ”Rev­e­la­tion”, der prophetis­che Höhep­unkt der LP. Getra­gen von ein­er weit­eren erd­bebe­nar­ti­gen Bassline und fes­tlich auf­steigen­den Bläsern, führt der Song die Plat­te zurück ans Licht und besiegelt den Sta­tus des Albums als zeit­los­es Meis­ter­w­erk.

Wer bei ”Lots of Love and I” unter die Bassline hört, ent­deckt weit mehr als eine Samm­lung her­vor­ra­gend kom­poniert­er Songs. Wir erleben das viel­seit­ige Genie der Rev­o­lu­tion­ar­ies, die Bob Andys frühere Meis­ter­w­erke neu inter­pretieren und dabei beweisen, dass Rob­bie, Ranchie, Sly und Errol Brown in der 33 Bond Street ver­standen, worauf es bei großar­tigem Reg­gae ankommt: Die Pausen zwis­chen den Noten tra­gen ebenso­viel Soul in sich wie die Noten selb­st.

Unverzichtbare Fundstücke

  • Bob Andy – Song­book (1972, Stu­dio One): Die ursprüngliche, rohe Keimzelle von ”My Time” und ”Unchained”.
  • Bob Andy – Lots of Love & I (1977): Der gefüh­lvolle Titel­track mit Mar­cia Grif­fiths.
  • Bob Andy – Step­ping Free (1977): Sly Dun­bars Meis­terk­lasse in Sachen Mikropausen.
  • Bob Andy – Ghet­to Stays In The Mind (1977): Rob­bie Shake­spear­es düsteres, schw­ergewichtiges Bass­fun­da­ment in Moll.
  • Bob Andy – Rev­e­la­tion (1977): Der prophetis­che Schlusspunkt.

BELOW THE BASSLINE: Die Architek­ten der Foun­da­tion

Wenn wir einen Reg­gae-Klas­sik­er hören, denken wir meist zuerst an die Stimme. Wir erin­nern uns an die war­men Vocals, an bedeu­tungsvolle Lyrics und an die Ausstrahlung der Sän­gerin­nen und Sänger. Doch jed­er Reg­gae-Lieb­haber weiß: Die Stimme ist nur die Spitze des Eis­bergs. Darunter liegt der Rid­dim – jen­er magis­che Ort, an dem sich der hyp­no­tis­che Puls des Bass­es, das Chop­pen der Gitarre, der markante Rimshot des Schlagzeugs und der warme Skank der Key­boards zu etwas Größerem verbinden.
Hin­ter diesen zeit­losen Grooves ste­hen außergewöhn­liche Musik­erin­nen und Musik­er, deren Namen auf den Orig­i­nal-Plat­ten­cov­ern oft kaum Erwäh­nung fan­den. Zu häu­fig standen sie im Schat­ten von Vokalgrup­pen, Stars und Pro­duzen­ten – obwohl sie es waren, die das Fun­da­ment geschaf­fen haben.
Diese Kolumne wid­met sich genau diesen unbe­sun­genen Helden. Sie ist eine musikalis­che Spuren­suche in den Tiefen­schicht­en des Reg­gae. Gemein­sam reisen wir zurück in leg­endäre Auf­nahme-Ses­sions und his­torische Epochen, um her­auszufind­en, wer tat­säch­lich auf den Songs gespielt hat, die wir bis heute lieben.
Also: Sound auf­drehen. We’re div­ing below the bassline.

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