Text & Fotos: Ellen Köhlings /// Videos: Joachim Petter
Auch wenn sich manch eine:r über das diesjährige Motto gewundert haben mag, war das Rototom Sunsplash 2026 definitiv der Ort, wo man vom 17. bis 22. August gewesen sein sollte. Wer es aus welchen Gründen auch immer nicht geschafft hat, sollte sich schon mal den August 2027 vormerken.
Warum ist das Rototom ”The Place To Be”? Das hat vielerlei Gründe, die auch 2026 bestätigt wurden. Gerne teile ich meinen wichtigsten Grund. Ich weiß nicht wie oft ich stehen geblieben bin, innegehalten und mich umgeschaut habe, um wieder und wieder festzustellen, wie vielfältig die Menschen sind, wie besonders und unterschiedlich jede:r Einzelne ist und wie unbeschreiblich schön es ist, wenn diese vielen verschiedenen Menschen zusammenkommen und sich respektvoll begegnen – egal welcher Hautfarbe, Herkunft, Klasse, welchen Geschlechts oder Alters. Es sieht so bunt aus, wie auf dem Titelblatt der diesjährigen Rototom-Zeitung. Hier werden die Isms out of Earth gechased!






Auch wenn das Rototom immer wieder ganz besondere Konzerte bereithält, steht es für vieles mehr. Am Sole Beach, wo täglich Sounds auflegen, kann man z.B. Dance Classes besuchen. Die Panchama Area verfolgt einen mit seinen Angebot für das körperliche wie seelische Wohlbefinden einen ganzheitlichen Ansatz. Im Magicomundo-Bereich versammeln sich vor allem Familien. Ein Theaterstück vermittelt z.B. den Kleinen die jamaikanische Musikgeschichte auf witzige und verständliche Art. Der Teen Yard lädt zu Basketball, Skateboarding und Rappen ein. Und der Rototom Circus beschert viele magische Momente.
Für mich beginnt der erste Tag mit einer Doppelsession in der Reggae University, die ebenfalls Teil des umfassenden Rototom-Programms ist. Hier geht es darum, Artists von einer anderen Seite zu zeigen, sie greifbar zu machen, ihre Geschichten in einen Kontext zu stellen etc. Auf einen unterhaltsamen und redefreudigen Mr. Vegas folgt eine manchmal zögerliche, aber selbstbewusste und ebenfalls unterhaltsame Queen Omega. Beide wissen auch später bei ihren Live-Auftritten zu überzeugen: Vegas in der Dancehall, Omega auf der Sun Stage. Lucianos und Alpha Blondys Performances bilden am Eröffnungstag die Höhepunkte. Das gilt auch für King Earthquake in der Dub Academy.
Das Aufeinandertreffen von Luciano, der sich – by the way – selbst eingeladen hat ;-), und Alpha Blondy in der Reggae University ist ein besonderes Bonbon. Die beiden Artists geben sich sehr offen, spielen sich gegenseitig die Bälle zu, reichen sich die Hände, klopfen sich auf die Schulter, wirken vertraut, obwohl sie sich zum ersten Mal auf diesem Level begegnen. Sie teilen die Ansicht, dass ihre Musik auf göttliche Inspiration basiert. Alpha Blondy betont, dass jede:r eine göttliche Mission habe und sich diese gegenseitig ergänzten. Beide Künstler heben die verbindende Kraft von Reggae hervor.
Auch Bushman ist in der Reggae University bestens aufgelegt und braucht meist nur ein Stichwort, um aus dem Nähkästchen zu plaudern. Sichtlich erfreut, dankbar und oft auch ergriffen teilt er seine Geschichte mit einem aufmerksamen Publikum. Lebhaft erzählt er über seine Wurzeln in dem jamaikanischen Parish St. Thomas, wo er heute noch lebt. Er reflektiert über dessen rebellische und spirituelle Seite und wie er sich als Junge vom Land auf den Weg nach Kingston machte, um es im Musikgeschäft zu etwas zu bringen.
Das House Of Rastafari, das immer einen Besuch wert ist, hat die Session mit Norman Grant von den Twinkle Brothers mitbestritten. Das einleitende Nyahbinghi Drumming und Chanting ist bewegend. Doch leider ist Mr. Grant heute nicht in der Stimmung, sich so wirklich auf Rastafari-Themen einzulassen. Stattdessen beschwört er wieder und wieder in Zusammenhang mit Unabhängigkeit die Themen Promotion und Branding.
In den letzten Jahren musste man sich oft entscheiden, ob man sich einen Act auf der Lion Stage oder auf der Hauptbühne aka Sun Stage anschaut. 2026 wird dies erstmals entzerrt. Einerseits ist es begrüßenswert, dass man keinen Auftritt mehr zu verpassen braucht. Andererseits muss man längere Wartezeiten bis zum nächsten Konzert in Kauf nehmen, wenn man sich mal für einen Act weniger begeistert.
Die Entscheidung, das Bühnenprogramm zu entzerren und so weniger Acts zu buchen, dürfte der allgemeinen Lage von Festivals geschuldet sein. Viele Open Airs mussten dieses Jahr steigende Kosten und Einbußen bei den Besucherzahlen hinnehmen. Laut des Rototom-Teams wurden in den sechs Tagen an die 169.000 Besucher:innen gezählt – in den Jahren zuvor waren es auf sechs Tage herunter gerechnet knapp über 200.000.
2026 seien die meisten Besucher:innen neben Spanien aus Frankreich, Italien, Deutschland und dem UK gekommen. Aber selbst aus Kenia, Rwanda, Südkorea, Martinique, Trinidad & Tobago, Venezuela, Cambodia und Thailand hätten sich Menschen auf den Weg nach Benicassim gemacht. Auffällig immer wieder auch, wie viele Kinder und Ältere Teil des Rototom-Publikums sind. 2026 seien es 13.000 Kinder unter 13 und über 7.000 Menschen über 65 gewesen.
Am zweiten Tag ist es Biga*Ranx, der mit seinem Vapor Reggae, wie er es nennt, jede:n einzufangen scheint. Von seiner Mischung aus Reggae, Dub, HipHop, Electro und Lo-Fi-Ästhetik ist die Massive höchst angetan. Das gelingt nicht jedem Act. Zu Major Lazer strömen zwar mehr Menschen als an anderen Tagen. Doch das Durchdrehen, für das sie eigentlich bekannt sind, bleibt aus. Irgendwie springt der Funke nur sporadisch über. Vielleicht ist es der allergischen Reaktion geschuldet, die das neue Mitglied America Foster auf der Bühne erleidet. Dub Inc, so heißt es, haben am folgenden Tag als Headliner selbst die Skeptiker mitgerissen.
Shenseea, die am 20. August als Headliner die Bühne betritt, sieht wie immer umwerfend aus – diesmal in einem die Pobacken preisgebenden roten Outfit. Doch auch sie tut sich schwer, mit der Audience zu connecten. Ob es an ihr oder an der Massive liegt, darüber ist man sich vor Ort nicht einig. Ich hätte mir auf jeden Fall mehr Hits und weniger DJ-Einlagen gewünscht. In der gleichen Nacht beweist der einfach nicht älter werdende jamaikanische Selector Tony Matterhorn in der Dancehall einmal mehr, warum er es als einer von nur zwei Selectors auf den Titel der RIDDIM geschafft hat. Der energiegeladene Juggling-King versprüht gewohnt großmäulig viel Charme.
Die Liebhaber:innen sämtlicher Reggae-Spielarten von Roots, Modern Roots, Roots Ragga oder aktuellem Reggae kommen ebenfalls auf ihre Kosten. Sei es bei den Auftritten von Israel Vibrations & The Roots Radics – mit Flabba Holt am Bass sowie Dwight Pinkney und Steve Golding an den Gitarren – und den unverwüstlichen Twinkle Brothers, Bushman, Macka B und vor allem Protoje, der als Headliner gemeinsam mit seiner Band The Indiggnation – all dressed in black – erneut beweist, warum er überall auf der Welt gefragt ist. Das Rototom-Publikum dankt es ihm mit lautstarkem Zuspruch. Später in der Nacht landen wir noch mit King Digg bei King Addies aus Brooklyn, New York in der Dancehall – dem Sound, bei dem Matterhorn groß geworden ist.
Am letzten Tag schaffe ich es gerade noch, mir Green Tea Peng anzuschauen, der es mit ihrem politisch gefärbten, teils Spoken Word Lyrics und einem dubbig swingenden TripHop-Sound mit einem Hauch Düsterheit peu a peu gelingt, die Menschen zur Sun Stage zu locken. Dass Kybba als Headliner später die Bühne abreißt – geschenkt. Doch da schlafe ich bereits und träume vom nächsten Jahr.




















