Sie hat erst drei Tunes, wenige Combinations und einige Freestyles veröffentlicht. Doch wer sie kennt, hält sie jetzt schon für die Lauryn Hill der Karibik. Ob sinnlich, ernsthaft oder humorvoll – ihre laszive, verführerisch sämige Stimme, ihre lässigen Melodien, ihr nonchalanter Vortrag sorgen selbst bei kleinem Katalog für großes Staunen. Sie kehrt ihr Inneres nach außen, macht Privates politisch und ermutigt Schwestern wie Brüder, an sich zu glauben und ihr Ding durchzuziehen. Fragen Sie nach bei ihrem größten Förderer, dem Frauenversteher Protoje.
Text: Ellen Köhlings & Pete Lilly /// Fotos: Nickii Kane / Make-Up: @tiffanylamour / Kleid und Schmuck: @etalstore

Sie ist kaum zu sehen im dichten Gedränge des Control Towers. Der Dub Club platzt aus allen Nähten. Hausherr Gabre Selassie feiert Geburtstag. Chronixx sollte Ehrengast sein. Seine Absage hat sich noch nicht herumgesprochen. Die Erwartungen sind hoch. Artists stehen sich auf den Füßen, warten auf ihre Gelegenheit. Dutzende Phones sind auf sie gerichtet. Lila Iké nutzt einen Moment der Verwirrung und schnappt sich das Mic, setzt an: ”My baby tell me that he‘s leaving today, say him cyaan take the stress…” Der Bass des ”Promised Land”-Riddims beginnt zu pumpen. Sie fleht ihren Verflossenen an. Theatralisch wirft sie ihre Arme in die Luft, erobert sich Raum im Künstlergewusel, geht in die Knie, wiegt ihren Körper zum besungenen Herzschmerz.
”ICH BRAUCHE MIR VON KEINEM PRODUZENTEN SAGEN ZU LASSEN, WIE KURZ ODER ENG MEIN ROCK SEIN SOLL.”
”Brap Brap Brap!” Die Leute feiern die Sängerin mit den kecken Sommersprossen. Sie johlen, poltern, stampfen. Als die zierliche Frau in kessem Ringeltopp mit rosa Nickelbrille unter Angela Davis-Afro von ”Second Chance” in einen Freestyle zu Ehren des Gastgebers übergeht, dringt sie kaum noch durch. Gabres Sirene heult unentwegt. Dann wird sie wieder ernst, mit Vehemenz, springt auf der Stelle, fällt in die Hocke, krümmt sich, bäumt sich auf, schreit sich die Seele aus dem Leib. Ihr spontanes Klagelied über Aussichtslosigkeit, Elend und Verzweiflung junger Menschen beschließt sie in Sound System-Manier mit einer Pointe: Wer sich kein College leisten kann, den schickt sie in die Dub School oder eben in den Dub Club. Ehe sie inmitten gestandener Männer auch Raum für andere Frauen einfordert und Aza Lineage ans Mic bittet. Doch die hat dann genauso wenig eine Chance, sich gegen Lutan Fyah, Chezidek, Mikey General, Mark Wonder und Micah Shemaiah durchzusetzen wie später Koffee.
Dabei zeigen Lilas eindringliche wie nonchalante Art, ihr beschwingter wie lässiger Flow und vor allem die Reaktionen darauf, dass auch in dieser Szene ein Gleichgewicht der Geschlechter überfällig ist. Keinem ihrer männlichen Kollegen gelingt es in jener Novembernacht, die Anwesenden in einen ähnlichen Begeisterungstaumel zu versetzen wie Lila Iké. Und es gibt etliche andere junge Frauen, die andere Perspektiven einnehmen, die andere Stimmen hörbar machen, die andere Melodien finden, die ready sind, die Dinge auf den Kopf zu stellen. Die ähnlich wie Lila neue Frauenbilder in die Musik einführen, die nicht von Männern entworfen sind. Lila ist selbstbewusst und selbstbestimmt. Ihr Verständnis von Sexyness ist ein Gegenentwurf zur vulgären Körperlichkeit der Dancehall. Lila kann sein, was sie will: Tomboy in HipHop-Gear mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze, harmloses Schulmädchen mit Uniform und Zöpfen, tüchtige Geschäftsfrau mit Blazer und Perlenkette, feine Dame in wallendem Abendkleid und High Heels – immer spielerisch, je nach Vibe und gerne gebrochen durch freien Bauchnabel, übertrieben große Brille, glatt gekämmtem Haar…
In jüngster Zeit tauchen immer mehr Frauen in der Musik auf. Frauen, die nicht nur umsetzen, was sich ein Produzent ausgedacht hat. Starke Persönlichkeiten mit eigener Künstleridentität, eigenem Stil und überzeugenden Texten.
Ja, darauf bin ich sehr stolz. Als ich nach Kingston kam und anfing ernsthaft Musik zu machen, hing ich fast nur mit Typen ab, die es genauso wie ich schaffen wollten. Und auch die neueren Reggae-Acts, auf die ich nach und nach stieß, waren erst mal nur Männer. Protoje, Chronixx, Kabaka Pyramid, Jesse Royal, Dre Island… Bis ich die Musik von Jah9 entdeckte und dachte, das ist es, was wir brauchen, das ist der Vibe, die Energie, die wir als Frauen in die Musik zurückbringen müssen. Jah9 war für mich ein wichtiger Antrieb. Erst danach lernte ich Sevana kennen, die wie ein Engel singt. Dann tauchte Koffee wie aus dem Nichts mit Lyrics ohne Ende auf. Naomi Cowan, Aza Lineage… Es gibt so viele von uns und der Welt scheint diese Balance gut zu tun. Ich brauche jetzt nicht mehr wie in der High School als einzige die Fahne für Frauen hochzuhalten, um zu zeigen, dass wir es drauf haben. Klar, es hat immer vereinzelt Frauen wie Queen Ifrica und Marcia Griffiths gegeben, zu denen wir aufschauen konnten. Aber Frauen haben nie den gleichen Support bekommen wie Männer. Ihnen werden auch nicht die gleichen Inhalte zugestanden. Wäre ich ein Mann, könnte ich einen Gun-Tune droppen und boom boom boom fallen Schüsse in der Dancehall und alle drehen durch. Bei einer Frau hieße es, was weiß die schon über Badness. Deswegen ist es so wichtig, dass Jah9 tiefer geht und neue Inhalte wie richtiges Atmen, gesunde Ernährung usw. in die Musik einführt. Jedes Mädchen schaut zu internationalen Stars wie Whitney Houston und Celine Dion auf und träumt davon, so zu singen wie sie. Dem setzt Jah9 ein neues Frauenbild entgegen. Sie repräsentiert eine feminine Seite, ohne an Militanz einzubüßen. Das finde ich inspirierend. Ich will Musik so machen, wie ich es für richtig halte. Ich brauche mir von keinem Produzenten sagen zu lassen, wie kurz oder eng mein Rock sein soll. Protoje ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Er ermutigt Frauen, sich selbst treu zu bleiben, sich nichts aufschwatzen oder ausreden zu lassen, militant zu sein. Die Dinge verändern sich also. Es ist heute wesentlich leichter für Frauen zu tun, was sie tun müssen.
”PROTOJE SPIELT GENERELL EINE WICHTIGE ROLLE IN MEINEM LEBEN. ER IST EINFACH EIN WUNDERBARER MENSCH.”
Stichwort Protoje: Du gehörst zu seinem Camp, bist bei In.Digg.Nation unter Vertrag. Wie hast du ihn kennengelernt?
Protoje spielt generell eine wichtige Rolle in meinem Leben. Ich kann mit ihm jederzeit über alles sprechen, auch wenn es nichts mit Musik zu tun hat. Er ist einfach ein wunderbarer Mensch. Unsere erste Begegnung hat meine Freundin Jamila eingefädelt, die heute Protojes rechte Hand ist. Wir gingen zusammen zur Schule, wo sie mir schon ständig mit dieser neuen Revival-Welle und vor allem mit Protoje in den Ohren lag. Ich tat das erst ab, dachte, Jamila habe sich verknallt. Damals hörte ich fast ausschließlich Old School-Zeug – Burning Spear, Garnett Silk – und wollte von dem neuen Kram zunächst nichts wissen. Erst als ich nach Kingston zog und an der Uni neue Leute kennenlernte, die genauso besessen vom Revival waren, hörte ich mir Protojes Sachen an. Wow, diese Lyrics! Sein Songwriting hat mich umgehauen. Jetzt wollte ich wissen, was es mit diesem Revival auf sich hat. Das war etwas anderes als der gängige One Drop mit gerade mal acht Zeilen in einem Song, die ständig wiederholt werden. Ich fühlte mich herausgefordert, härter an meinen Skills zu arbeiten, meine Emotionen noch pointierter zu beschreiben. Ich rief Jamila an, um ihr zu sagen, dass sie Recht hat und ich Protoje unbedingt kennenlernen muss. Die Gelegenheit dazu bekam ich beim Album-Launch von ”Ancient Future”. Protoje hielt eine kleine Rede, erklärte seine Musik, sprach über die benutzten Samples und ihre Rolle in der Musikgeschichte. Ich war erst mal nur überwältigt davon, wie klar, wie organisiert er schien, wie ernst er seine Arbeit nahm. Irgendwann, als alle rumstanden und sich unterhielten, klingelte mein Handy, der Klingelton war eine Aufnahme von mir. Jemand sprach mich darauf an, jedenfalls bekam Protoje mit, dass ich Musik mache. Jamila, die inzwischen für ihn arbeitete, stellte uns vor: Das ist Lila, von der ich dir schon erzählt habe. Er kontaktierte mich später über Twitter, um sich zu verabreden. Ich hatte erst mal abgewartet, ich vertraue lieber darauf, dass sich Dinge von selbst ergeben. Unser erstes Treffen war dann direkt sehr produktiv, dabei entstand gleich das Grundgerüst für meine erste Single ”Biggest Fan”.
”ES IST EIN ERHEBENDES GEFÜHL, WENN MEINE MUSIK IHRE AUFGABE ERFÜLLT UND ANDERE MENSCHEN BEWEGT.”
Der Song handelt von deiner Mutter, die anfangs ein Problem damit hatte, dass du Künstlerin wirst.
Dabei ist sie selbst ein großer Musikfan, wie eigentlich meine ganze Familie. Bei uns lief immer Musik. Es ging überhaupt sehr lebhaft zu. Auch Mode spielte eine wichtige Rolle, alle liebten es, sich gut anzuziehen. Ich wuchs in Christiana in Manchester auf, wo z.B. das Black Kat Sound System herkommt. Meine Mutter und meine Tante gingen oft zu deren Sessions, während meine Schwester und ich zuhause am offenen Fenster saßen und das Treiben von Weitem aufsaugten. Ich liebte diesen Sound System-Vibe, wie sie mit Roots anfingen und sich dann allmählich steigerten. Ich war fasziniert, wie die Leute auf die Musik reagierten und ihrer Begeisterung mit zusammengeschlagenen Topfdeckeln Luft machten, als hätten sie keine Kontrolle über sich. Und das nur wegen eines einzelnen Songs, der genau ausdrückt, was sie fühlen. Mein Stiefvater, der eine Zeitlang bei uns lebte, war selbst DJ und legte sonntags in der Bar meiner Mutter auf. Er wusste von meiner Begeisterung und gab mir manchmal das Mic. Sound Systems verkörpern mehr als alles andere Kultur und Vibe der Jamaikaner. Dort passiert es. Ein anderer wichtiger Einfluss war Garnett Silk. Meine Mutter war ein großer Fan, sie spielte dauernd seine Platten und hatte ein Poster von ihm an der Wand. Sie erzählte mir seine Geschichte, dass er ganz in der Nähe von uns gelebt hatte und wie er gestorben war. Allein weil er aus unserer Gegend kam, spürte ich eine enge Verbundenheit. Ich konnte zwar nie viel mit Kirche anfangen, aber wenn Garnett in seinen Texten über Religion sprach, dann konnte ich das fühlen. Seine Worte klangen viel echter als die Predigten unseres Pastors. Er sang so leidenschaftlich und schien dabei so aufrichtig, dass ich wissen wollte, was es mit Rastafari auf sich hat. Ich spürte damals den Drang, seine Arbeit fortzusetzen und anderen das gleiche Gefühl zu vermitteln.
Aber welches Problem hatte deine Mutter dann damit, dass du Musik machst?
Sie wollte einfach nur das Beste für mich. Meine Mutter war die meiste Zeit alleinerziehend, musste vier von uns großziehen, dafür sorgen, dass wir gesund sind, etwas Anständiges zu essen und eine gute Ausbildung bekommen. Es ging ihr einfach darum, uns alles Nötige mit auf den Weg zu geben. Sie wusste, dass ich gerne singe und war bei meinen ersten Schulauftritten immer an meiner Seite. Aber wie sollte ich ihr beibringen, dass ich mit Musik mein Leben bestreiten will? Darüber sprach ich auch bei meinem ersten Treffen mit Protoje. Sein Kommentar: Der einzige Weg, etwas zu tun, ist, es zu tun. Er spielte einen Riddim, zu dem ich über das freestylte, worüber wir gerade gesprochen hatten – sechs Minuten lang. Das war ”Biggest Fan”. Gott sei Dank hatte Protoje das aufgenommen, denn ich hatte nichts aufgeschrieben, der Text floss einfach so aus mir heraus. Als wir uns die Aufnahme anhörten, meinte er: ”Das wird deine erste Single, Jamaika braucht ein Talent wie dich.” Mir gefiel der Gedanke, dass ”Biggest Fan” der erste Song sein würde, den meine Mutter von mir zu hören bekommt. Aber ich zögerte es ewig hinaus, ihr den Song vorzuspielen, sie sollte ihn zufällig im Radio hören. Als das geschah, war ich gerade mit Protoje für eine Tour in England. Sie rief mich heulend an: ”Jesus Christus, bist du das? Darin geht es ja um mich!” Genauso hatte ich mir das vorgestellt. Sie war sehr gerührt, aber auch beruhigt, denn sie hatte Protoje kennen gelernt und wusste, dass ich mein Leben im Griff habe. Einige Leute haben mir später erzählt, dass ”Biggest Fan” sie darin bestärkt habe, gegen den Willen ihrer Eltern ihr Ding durchzuziehen. Es ist ein erhebendes Gefühl, wenn meine Musik ihre Aufgabe erfüllt und andere bewegt.

Du hast vorhin angedeutet, dass du schon in der Schule gedeejayt hast. Solche Geschichten hört man sonst eher von Männern, wenn sie über ihre Anfänge sprechen.
Ich war das einzige Mädchen weit und breit, das in den Schulpausen an Deejay-Battles teilgenommen hat. Aber ich galt eh als Klassenclown. Ich liebe es, wenn Menschen um mich herum gut drauf sind, wenn sie lachen und Spaß haben. Und ich hatte ja diesen Sound System-Background. Während die anderen meistens bekannte Hits nachsangen, imitierte ich zwischen meinen eigenen Lyrics die Sound System-MCs und streute kleine Stand-Up-Comedy-Einlagen ein. Der Klassenraum war mein Übungsfeld, dort lernte ich, meine Schüchternheit zu überwinden. Ich galt als Vibes-Master, die Schüler aus den anderen Klassen kamen immer gerne bei uns vorbei, weil sie wussten, Lila sorgt für Unterhaltung. Musik war mir damals jedenfalls schon so wichtig, dass ich sogar den Graduation-Song meines Jahrgangs schrieb. Normalerweise wird dafür irgendwas Pathetisches von Brian McKnight oder R Kelly gewählt. Darauf hatte ich keinen Bock, also schrieb ich was eigenes. Allerdings hätte ich nie gedacht, dass ich damit irgendwen begeistern könnte. Aber es endete damit, dass bei der Abschlussfeier tatsächlich alle meinen Song sangen.
”WENN DIE VIBES STIMMEN, DANN FLIESSEN DIE SONGS WIE VON SELBST AUS MIR HERAUS – MÜHELOS.”
Du scheinst Musik also schon früh ernst genommen zu haben. Hat es vielleicht mit Schwellenangst zu tun, dass man bis heute so wenig Frauen in jamaikanischen Studios sieht? Ob als Künstlerin, Musikerin oder Produzentin.
Möglich. In vielen Studios herrscht eine merkwürdige Atmosphäre. Wenn du als Frau zum ersten Mal einen Produzenten triffst, ist immer klar, wer hier der Boss ist und wo der Hase langläuft. Egal wie kurz jemand erst dabei ist, er lässt sich von dir nichts sagen. Als Frau erwartet man von dir, dass du singst, was man dir vorsetzt. Ich habe das Gott sei Dank bisher noch nicht erlebt. Wenn ich irgendwo hinkomme, lasse ich jeden spüren, dass ich nicht zum Spaß hier bin, sondern genau weiß, was ich will. Bei ”Second Chance” habe ich mich allerdings ein bisschen verarscht gefühlt. Durch einen alten Schulfreund hatte ich einen Produzenten kennengelernt, der mich in sein Studio einlud und mir den ”Promised Land”-Riddim vorsetzte. Das war eigentlich nur als Vorsingen gedacht, doch ich stieg direkt ein und hörte erst wieder auf, als der Song fertig war.
”ICH FÜHLE MICH JEDES MAL GEEHRT, WENN MICH JEMAND ZUM REGGAE REVIVAL ZÄHLT. ABER ICH WÜRDE MICH NIE SELBST IN DIESE, NOCH IN IRGENDEINE ANDERE SCHUBLADE STECKEN.”
Aber die Lyrics waren schon geschrieben, oder?
Freestyle! Ich hatte nichts aufgeschrieben. So funktioniert der kreative Prozess bei mir: Einzig und allein über Vibes. Wenn die stimmen, dann fließen die Songs wie von selbst aus mir heraus – mühelos. Leider konnte ich den ersten Freestyle von ”Second Chance” nicht verwenden, weil der Produzent den Song selbst herausbringen wollte, ohne mich daran zu beteiligen. Protoje musste ihn lange überreden, damit wir ihn noch mal einspielen konnten.
Das erste Mal sind wir auf deinen Namen gestoßen, als Blvk H3ro 2016 ihn in einem Interview erwähnte. Er hatte es damals rigoros abgelehnt, zum Reggae Revival gezählt zu werden. Du hast den Begriff wie auch die Artists, die damit zusammengefasst werden, nun schon mehrmals positiv erwähnt…
Ich fühle mich jedes Mal geehrt, wenn mich jemand dazu zählt, einfach weil die Artists so unglaublich gut sind. Aber ich würde mich nie selbst in diese, noch in irgendeine andere Schublade stecken. Meine Energie spricht für sich selbst. Blvk H3ro und Grey Show, mit denen ich viel abhing, als ich gerade nach Kingston gekommen war, wollten von Anfang an ihre eigene Bewegung aufbauen. Und ihr Zugang zu Reggae ist ein anderer als bei Protoje oder Chronixx. Ich bin sehr stolz auf sie, denn wir haben zusammen in einer kleinen Studentenbude etwas angefangen, und jetzt beginnt die Welt Notiz davon zu nehmen.
Was steht jetzt bei dir an? Album, EP, mehr Singles…?
Ich habe viele unfertige Songs in der Schublade. Aber ich bin noch nicht bereit für ein großes Projekt, denn ich habe sehr hohe Ansprüche an ein Album, da muss ein Song den anderen übertreffen. So wie bei meiner Lieblingsplatte Peter Toshs ”Legalize It”, wo alles mit allem verknüpft ist und ineinanderfließt. Und dann gibt es auch Phasen, in denen ich gar nichts kreieren will. Mal sprudele ich über vor Ideen, und dann brauche ich wieder Abstand von der Musik. Das ist wie in einer Beziehung: Es gibt Tage, da kannst du von dem anderen nicht genug bekommen, und an anderen willst du einfach nur alleine sein. Musik hat auch viel mit Geduld zu tun. Und man muss bereit sein, Opfer zu bringen. Früher habe ich Musik zum Spaß gemacht. Heute macht es mir zwar immer noch Spaß, aber das ist nicht mehr der Antrieb. Heute geht es mir darum, bei anderen etwas zu bewirken. Ich will Menschen dazu inspirieren, sich selbst zu lieben, an sich zu glauben und sich keine Grenzen zu stecken. Wenn ich eines Tages tot unter der Erde liege, will ich, dass man über mich redet wie über Bob Marley oder Garnett Silk.


